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Der jüdische Handwerker · 1935-03-01 · 3 (3.1935) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
3 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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. üer $ i n n unserer Arbeit: Erkennen, daß es sich bei dieser wirtschaftlichen Neuformung nicht um ein Herabsteigen in . gesellschaftliche Tiefschiebt handelt, sondern daß wir Juden in unserer Seele uns bewußt werden, daß wir zurückkehren zu einer. urjüdischen Formung des Lebens, die in den besten Zeiten unserer Geschichte dem Judentum Sinn und Richtung gegeben hat. Darum sage ich: Haben wir unsere Daseinsgrundlagen erkannt, dan\i gibt es nur ein bedingungslose- Unterwerfen unter das Gebot der Zeit, dann wollen und dürfen wir uns nicht vom Schicksal treiben lassen, sondern müssen mit heiligem Eifer und innerer Unrutrf unser wirtschaftliches Dasein auf einem festen* und sicheren Fundament aufbauen. Wenn die eYste Emanzipation in falsch verstandenem Sinne als Aufgehen und nicht als Angleichung an .die Umwelt aufgefaßt wurde, so mußte das zu Spannungen führen, und wenn in jüdischen Häusern ungezählte Tränen geweint, Hoffnungen und Sehnsüchte zu Grabe getragen wurden, dann ist es zu allen Zeiten so gewesen, daß aus tiefen seelischen Erschütterungen heraus der Geist eines neuen Lebenswillens geboren wurde. Und wfenn der jüdische Handwerkerstand als Zukunftssymbol des neuen Lebenswillens in diese Zeit hineinragt, so war unsere These, dfe wir seit 40 Jahren vertreten, richtig. Wir haben gewählt, und das deutsche Judentum hat diese Wahl zu segnen. In unserer Idee wird ein neues Judentum geboren, und wir werden es nicht zugeben, daß diese Idee wieder verfälscht wird. Das sage ich nicht aus irgendeiner Ueberheblichkeit, sondern weil nur dieser Weg in die Zukunft unserer Gemeinschaft weist. Ist diese Erkenntnis aber erst jüdisches Gedankengut geworden, wird der Standpunkt, auf dem w i r stehen, als allgemein gültig anerkannt, dann dürfen wir uns nicht in die Richtung von Versuchen drängen lassen, die zu Mißerfolgen führen und nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichten können. Ein Berufsaufbau, der das Gesicht der jüdischen Gesamtheit neu formen soll, verträgt keinen Dilettantismus, sondern Entscheidungen und Entschlüsse müssen in ernster Beratung von den zuständigen zentralen Stellen gemeinsam mit den dazu bestimmten Fachberatern gefaßt werden. ' Die Reichsvertretung der deutschen Juden als Spitzenorganisation des gesamten deutschen Judentums hat sich der Wichtigkeit und Vordringlichkeit dieser Aufgabe nicht entzogen und durch die Einsetzung eines Handwerker-Ausschusses innerhalb der Reichsvertretung anerkannt, daß nur durch eine zielbewußte, -planmäßig und sinnvoll durchgeführte Arbeit das Idealbild des jüdischen Handwerkerstandes geschaffen werden kann. Es ist uns inneres Bedürfnis, dem Präsidium der Reichsvertretung für das Verständnis, das sie unseren wirtschaftlichen Sorgen entgegenbrachte, für die Bereitwilligkeit, mit der sie unsere angebotene Mitarbeit entgegennahm, recht herzlich zu danken. —Wir werden daran gehen müssen, beruflich gegliedert, auch den letzten jüdischen Menschen in unserem Vaterland zu erfassen und nach Möglichkeit einzuordnen; das fordert die Zeit, das fordert die Zukunftssicherung unserer Gemeinschaft. Der Ruf „Handwerk tut not" darf nicht um jeden Preis verwirklicht und zum Schlagwort werden; das sagen wir nicht nur den Aelteren und den Jüngeren, sondern auch unseren Berufskollegen. . Unseren Berufskollegen wirdteine hohe Aufgabe gestellt, deren Wert und Verantwortung sie sich in vollem Umfange bewußt sein müssen. Die Erfüllung wird nicht immer leicht sein, denn was nutzt der beste Wille, was. nutzt die menschliche Kraft, wenn sie im harten Erwerbskampf zu erlahmen drohen? Individuelle und kulturelle Bedürfnisse müssen zurücktreten, wenn die Sorge um das tägliche Brot in das Haus zieht. Und darin liegt eine doppelte Gefahr, weil der Segen der Arbeit nicht nur im materiellen Gewinn, sondern damit zugleich auch in der seelischen und moralischen Aufrichtung liegt. Darum werben wir um Vertrauen. Den Aelteren und Jüngeren aber sage ich, der brennende Wunsch zu helfen und einzuordnen findet dort eine Grenze, wo die Aufnahmefähigkeit ausgenutzt ist, dann aber auch, wo die Vorbedingungen zur Erlernung eines Handwerks nicht gegeben sind. Die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze ist gering, die Zahl der jüdischen Lehrlingsanwärter relativ groß. Der neue Berufstyp erfordert daher eine scharfe Anslese. Das sagen wir unserer Jugend mit vollem Ernst, um sie vor Illusionen zu bewahren. Die Grundlage der Gütererzeugung bleibt im Handwerk neben geistiger Regsamkeit die kundige geschulte menschliche Hand. Davon hat es seinen Namen, darauf beruhen seine Geschichte und seine Bedeutung. Das Berufsethos, das der neue Staat aufrichtet und das auch das unsere ist, ist aufgebaut auf dem Leistungsprinzip und hat besonders im Handwerk in einem ganz außerordentlichen Maße einen tiefgehenden Umwandlungsprozefi vollzogen, der gekennzeichnet ist durch die persönliche Verantwortung. Das Prinzip der Verantwortlichkeit und der persönlichen Leistung, die Anerkennung' des Persönlichkeit s w e r t e s werden die neue staatliche Wirtschaftsführung beherrschen. Damit wird von vornherein eine scharfe Auslese unter den in Scharen dem Handwerk zuströmenden Jugendlichen getroffen werden müssen. Denn auf ein entscheidendes Merkmal wird das Handwerk niemals verzichten können. Es ist das Ueberwiegen der menschlichen über die mechanische Arbeitsleistung und die allseitige Beherrschung des Arbeitsgebietes. Nur allein der Mensch, seine inneren Werte und seine Arbeit, und zwar die in Kenntnissen und Erfahrungen, nicht die im Kapital aufgespeicherte Arbeit — bestimmen den Inhalt und den Wert des Handwerks. Darum muß der Aufbau einer neuen Berufsgliederung außerordentlich pfleglich behandelt und dem unsystematischen fluchtartigen Eindringen in das Handwerk, dessen Zahlenumfang nicht durch uns bestimmt, sondern gesetzlich geregelt wird, Einhalt geboten werden. Warum sage ich das alles? Berufsumschichtung ist zum Schlagwort geworden.. Was sich durch vernunftgemäße Erwägungen, durch jahrzehntelange Warnungen nicht herbeiführen ließ, ist — wie alle großen Ereignisse — über Nacht von der Notwendigkeit des Lebens erzwungen worden. So falsch es wäre, wenn man von dem einen Extrem in das andere verfiele, so muß im Menschen der. Beruf nicht nur ein notwendiges Uebel, nicht allein ein Mittel der Existenzgestaltung sein, sondern jeder Einzelne muß auch eine innere Beziehung zum Beruf besitzen. Was uns im Handwerk fehlte, ist das, was man Berufstradition nennt. Das ist nicht ausschließlich unsere Schuld. Sie ist aber nicht-vorhanden, und wir besaßen bisher in weitem Umfange nur eine Tradition in kaufmännischen und geistigen Berufen. Heute nun steht ein großer Teil unserer Jugend vor der Notwendigkeit, mit dieser Berufstradition seiner Väter und Großväter zu brechen und an frühere Generationen anzuknüpfen. . . Wir bewundern diese Jugend, wir bewundern ihre Entschlossenheit, mit der sie sich von den im Elternhause eingesogenen Vorurteilen freimacht, wir bewundern den Heroismus, mit dem sie mit der beruflichen Vergangenheit bricht, und wir bewundern zuletzt ihren Idealismus und ihre Bereitwilligkeit zur handwerklichen -Tätigkeit. Gemeinsam mit dieser handwerklichen Jugend das neue Berufsethos zu schaffen, das ist die große Aufgabe, vor die wir Aelteren gestellt sind. Trotz der rauhen Wirklichkeit der handwerklichen Tagesarbeit, die neben ihrem Großen und Schönen auch Härten und Schwierigkeiten bringt, wird und muß es uns gelingen, unserer Jugend ein neues seelisches Heimischwerden im Handwerk zu vermitteln. Und wenn die schwere Zeit dieses Umbruchs bewirkte, daß unsere Jugend aus der heißen Atmosphäre geistiger Ueberzüchtung herauskäme und in die Bann natürlicher, aufrechter jüdischer Menschen gelangen könnte, so wären auch die Schmerzen dieser Zeit nicht vergeblich gewesen. Gemeinsam mit dieser Jugend werden wir versuchen, in unserem Vaterlande wieder Wurzel zu fassen. Das neue Berufsethos zu schaffen, gilt aber nicht nur für jene, die in ihrer, deutschen Heimat Sinn und Erfüllung ihres Daseins erleben wollen, sondern erst recht für jene, die in fremden Ländern ihr Glück erhoffen, vor allem aber für diejenigen, die ihre ganze Kraft dem Aufbau des heiligen Landes widmen wollen. Der besondere Typ des Handwerkers, den wir schaffen wollen, ist nicht der Jenseitsmensch mit gebeugtem Rücken, der in die weite Ferne schaut oder in der harten Materie versinkt, sondern der stolze und aufrechte Jude, der handwerkliche und geistige Arbeit zu einer Synthese harmonisch gestaltet. , Der Sturm, der heute Uber das deutsche Judentum dahinbraust, hat uns in eine neue Gedanken- und Erlebniswelt hineingestellt. Durch Beispiel und Tat wollen wir zeigen, daß unser Wirken und Streben in unserer jüdischen Tradition und Geschichte Wurzel und Begründung findet. Das ist der letzte und tiefste Sinn unserer Arbeit.

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