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Der jüdische Handwerker · 1935-03-01 · 3 (3.1935) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
3 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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* ■ ■■ .. . ■ .----.....__ VOM SINN UNSERER ARBEIT LOUIS WOLFF Die nachstehenden Ausführungen stellen einen Auszug aus der eindrucksvollen Rede, die der Vorsitzende anläßlich des 40 jährigen Jubiläums des Berliner Vereins gehalten hat, dar. Wir geben sie aus Raumgründen zwar etwas verspätet in dieser Nummer wieder, sie sind jedoch von so grundsätzlicher Bedeutung für die Auffassung des jüdischen Handwerkerstandes, daß wir sie breiteren Kreisen nicht vorenthalten wollen. restlich, aber auch ebenso ernst gestimmt haben wir uns hier zusammengefunden, um gemeinsam einige Stunden des Tages zu gedenken, un dem vor nunmehr 40 Jahren jüdische Handwerker, ich möchte sagen, eine urganisierte Selbsthilfe ins Leben riefen. Der heutige Tag ist zwar für uns kein Tag der Ernte, aber wie der Bauer trotz Wetter und Hagelschlag dem Boden . die Früchte des Feldes abringt, so hoffen auch wir auf den Tag, an dem wir trotz Hemmungen und Widerständen den Ertrag unserer Arbeit wohlg'eborgen in die Scheuern bringen können. Was_ wir heute hier begehen, "ist deshalb ein Symbol unserer 'Arbeit — aber es ist ein tragisches Symbol. Ein tragisches Symbol für uns sowohlals Juden als auch als Handwerker. Die Tragik unserer Arbeit ist begründetin dem veränderten Lebensgefühl, das schicksalsgeschwängert unser deutsches Judentum in Fiebern schlägt und eine neue Zeit gebären läßt. Denn Unerhörtes und Unfaßbares ist geschehen. Die Umwertung aller Werte — die Entgötterung der Welt — das. Spiel, mit Menschenschicksalen und Generationsproblemen. Darum sind wir in ehrlichem Streben und erfüllt von der Verantwortung gegen uns und gegen unser Werk bemüht, den Rechten und Pflichten unserer Arbeit, unbeschadet unseres eigenen täglichen Werkes,- Anerkennung und gerechte Würdigung zu erzwingen. ' Das tun wir nicht um unserer selbsr willen, sondern weil der Lebensraum unserer Gemeinschaft sich in Gegenwart und Zukunft auf dem Fundament unserer Arbeit aufbauen wird. ' Das ist für uns nicht" erst die' Erkenntnis einer neueren Zeit, sondern die Grundlage unserer Arbeit vom ersten Tage des Beginnens gewesen. Sie war getragen von dem Gedanken, daß wir jüdischen Handwerker nicht als etwas Isoliertes, sondern im Zusammenhang mit .unserer geschichtlichen Entwicklung betrachtet werden wollten, die sich stolz und froh zu unserer jüdischen Gemeinschaft bekannten. Und wenn die Draußenstehenden, unsere christlichen Mitbürger, nicht ganz unberechtigt die Frage auf warfen: Gibt es denn überhaupt einen jüdischen Handwerkerstand, so war diese Frage deshalb berechtigt, weil das deutsche Judentum selbst keine Antwort darauf geben konnte. Und wenn wir jüdischen Handwerker unser Schicksal selbst in die Hand nahmen, so wurde unsere Bewegung, die unter tiefen Wehen geboren wurde, für uns wie Benjamin nicht nur ein Kind der Freude, sondern auch ein Kind der Sorge. Es ist notwendig, in die Vergangenheit zurückzugreifen, weil für uns Juden Vergangenheit Geschichte und im ewigen Kreislauf Geschichte . wiederum lebendige Gegenwart wird. Wir traten nicht vor die jüdische -Oeffentlichkeit, weil wir glaubten, im selbstbewußten Besitz des absolut Fertigen zu sein, sondern wir wurden geleitet von der inneren seelischen Haltung an unsere Gemeinschaft. Entscheidend für uns war niemals, in den engen Bezirken unserer Berufsarbeit stecken zu bleiben, sondern entscheidend für uns war und wird sein im Zusammenhang mit unserem Beruf das Hineinstreben in die zeitgebundene Arbeit innerhalb unserer Gemeinschaft. Das heißt nachdenken über die weltgeschichtlichen Zusammenhänge unseres jüdischen Seins, das nicht aufgebaut ist auf nur .wirtschaftlichen Interessen, sondern auf dem Ethos unserer relrgiösen Idee. Auf diesem Standpunkt standen wir, leider aber nicht das deutsche Judentum. Unsere hohen geistigen Werte, unsere unvergänglichen religiösen Wahrheiten, sie sind wohlgeborgen, weil sie uns zum unveräußerlichen Besitztum geworden sind. Unsere wirtschaftliche Kraft aber ist dem Wandel der Zeiten unterworfen, sie ist abhängig von allgemeinen wirtschaftlichen Strömungen, und sie ist zuletzt auch abhängig von der Stellungnahme weiter jüdischer Kreise gegenüber einer gesunden ökonomischen Entwicklung unserer Gemeinschaft. Will mau eine ehrliche jüdische Wirtschaftsgesinnung, dann muß die W e r t u n g s s k a I a der Berufe, aber uueh restlos, fallen und an ihre Stelle ein ehrliches, ein freies inneres Bekenntnis zur soziul-wirtschaftlichen Gleichheit treten. In dieser Formel drückt sich der gunze Kampf aus. den wir seit 40 Jahren geführt haben: nicht Konservierung des Gewesenen, sondern Ringen um neue Formen und neue Ideen der Lebensgestaltung. Keine Schicht der deutschen JiiMenheit hut in der Nachkriegszeit mehr gelitten als der Jlundwerker- und gewerbliche Mittelstand. Er trieb zwischen den Mühlsteinen der allgemeinen wirtschaftlichen und der besonderen judengcgnerischeii Entwicklung. Die Wirtschaftskrise der letzten- Jahre brachte ihn in immer tiefere Verarmung. Alle Mühen um die Existenzerhaltung wurden oftmals enttäuscht oder gewannen nur schrittweise an Boden. Viele verloren die Freude um eigenen Werk, die Arbeit wurde entwertet. ■ Das war nicht nur die Folge einer allgemeinen Wirtschaftskrise, sondern das traurige Ergebnis im Verhalten weiter Kreise des deutschen Judentums. Will man jüdisches Gut nicht versinken lassen, dann ■ muß der jüdische Handwerkerstand gestärkt werden, denn seine ärmsten Söhne» sind zugleich die treuesten unserer Gemeinschaft. Es hat Zeiten gegeben, in denen das Judentum, erfüllt von seiner religiösen Mission, ohne Erschütterung durch die Weltgeschichte gegangen ist, aber im Auf und Ab jüdischen Geschehens gibt es Zeiten, in denen die Religion zum Menschen in «wirklichkeitsnahe und lebensgestaltende Beziehung treten 'muß. Versagen wir jetzt, da wir nicht nur unser geistiges Gut, sondern auch unsere wirtschaftliche Existenz und damit unser nacktes Leben zu verteidigen haben, dann würde ein beschämendes Kapitel in dem Buche der jüdischen Geschichte gesehrieben werden, ein Kapitel, das nicht vom Zukunftglauben trotz alledem, sondern. vom Untergang aus Gleichgültigkeif und Mutlosigkeit berichten würde. Denn das ist die Schicksalsfrage des deutschen Judentums die nicht nur von außen abhängt, sondern auch von uns selbst beantwortet werden muß: Mitwirken an einer sozialen Gesundung unserer sozialkranken Gemeinschäft, das Sachen nach einem neuen Heimisch'werden im Handwerk. Diese schwere Aufgabe stellt uns vor eine innere Verantwortung, gibt uns aber zugleich einen starken seelischen Antrieb. Man hat uns jüdische Handwerker einmal von berufener Stelle die Frontsoldaten des Friedens genannt. Der jüdische Handwerkerstand ist sich aus dieser Verpflichtung seiner Aufgabe bewußt. Denn nicht nur der blutige Krieg erfordert Heldenmut und Heroismus, sondern auch auf dem Felde der Arbeit reift ein stilles Heldentum heran, das seine Opfer fordert. Darum lassen Sie mich in einem andächtigen Augenblick der treuen Kameraden, vor allem auch der Gründer unserer Organisation gedenken, die auf dem Schlachtfelde der friedlichen Arbeit aus unserer Mitte gerissen wurden. Ein Andenken heilig und lebendig halten, heißt aber fortpflanzen eine Idee, in der unsere Toten gelebt und gewirkt haben, und das war der Begriff von dem .Wert, von der Weihe, von der Würde und von dem Ethos der Arbeit, die über uns der werdenden Generation vermittelt werden soll. Das werden wir ihnen nicht vergessen und darum wird ihr Andenken gesegnet sein in unserer Mitte. Wille, Weg und Sinn unserer Arbeit! Der Wille unserer Arbeit wird bestimmt durch den selbstverständlichen und unverrückbaren Standpunkt, daß wir ein Heimatrecht auf diesen Boden haben, auf dem Generationen vor uns gelebt, um den sie gekämpft und gelitten haben und für den unzählige unserer Brüder gestorben sind. Durum lehnen wir es ab, Loyalitätserklärungen abzugeben. So war auch unsere Arbeit stets getragen von dem Geist der Verpflichtung und der Verantwortung gegenüber unserem Vaterlande. Der Weg unserer Arbeit aber war und ist schwer und steinig. Es galt, die Schäden einer falschen Assimilation zu beseitigen, das verzerrte Bild, das man vom jüdischen Handwerker zeichnete, zu korrigieren und damit — ohne Rücksicht auf die Gestaltung unseres politischen Schicksals — die Bahn für eine wirtschaftliche Neuformung innerhalb des deutschen Judentums freizumachen. 3

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