Der jüdische Handwerker
- Journal
- Der jüdische Handwerker
- Volume
- 27 (1935)
- Issue
- 3 (3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nur bei dem Handwerker untergebracht werden, der den Meistertitel bzw. die Ausbildungsberechtigung besitzt. Die Zahl der Ausbildungsberechtigten ist jedoch im Verhältnis zur Gesamtheit der selbständigen jüdischen Handwerker nicht sehr groß. Viele von ihnen haben bereits in den letzten beiden Jahren jüdische Lehrlinge eingestellt. Näch dem Gesetz ist die Einstellung von Lehrlingen zahlenmäßig nach oben begrenzt. Erst im nächsten und übernächsten Jahre werden diese Lehrstellen durch den Abgang der seitherigen Lehrlinge wieder frei. So ergibt sich auf der einen Seite eine ständige Verknappung der Lehrstellen durch den Mangel an ausbildungsberechtigten Handwerkern, auf der anderen Seite eine starke Vermehrung der Anwärter durch die strukturelle Umschichtung in der Berufswahl der Jugend. Für den jüdischen Handwerkerstand entsteht daraus eine dop- (»elte Frage, die unter allen Umständen zu Ösen ist: Es muß möglich sein, daß jeder jüdische Meister jüdische Lehrlinge einstellt. Wir müssen mit aller Offenheit sagen, daß in Städten, in denen Ortsgruppen unseres Verbandes bestehen, diese Ortsgruppen in Verbindung mit anderen Organisationen und den zuständigen Körperschaften mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln sich dafür einsetzen müssen, daß die jüdischen Meister bis zur zulässigen Höchstgrenze Lehrlinge einstellen. Die organisierten jüdischen Handwerker sind sich ihrer Verpflichtung bewußt. Nicht umsonst hat der Verband dafür eine langjährige, aber segensreiche Erziehungsarbeit geleistet. Sie haben zum erheblichen Teil bereits in den letzten beiden Jahren unserem Aufruf entsprochen, und wir ermahnen jene, die dem noch nicht Folge geleistet haben, eindringlichst, sich ihrer Pflicht bewußt zu sein, selbst unter Uebernahme materiellerOpfer und Lasten, sich der jüdischen Jugend; die für unsere Ziele und Bestrebungen nie aufgeschlossener war als heute, anzunehmen. ( Auf diejenigen, die draußen stehen oder vom Zentralverband faktisch nicht erfaßt werden können, kommt es jetzt aber in erster Linie an. Wenn wir uns so für die Zuführung der Jugend zum Handwerk einsetzen, dann sind wir uns aller Folgen bewußt. Es steht fest, daß die berufliche Gliederung des deutschen Judentums, abgesehen von der Begrenzung unseres wirtschaftlichen Betätigungsgebietes, noch eine starke Auffüllung mit handwerklich Tätigen verträgt, bis wir den Prozentsatz erreicht haben, der der Gliederung der gesamtdeutschen Wirtschaft entspricht. Wir müssen jedoch darauf achten, daß nur derjenige einer handwerklichen Lehre zugefühpt wird, der sich auch wirklich dazu eignet. Die Zeiten sind vorbei, wo ohne Rücksicht auf Begabung und innere Einstellung zum Handwerk, wo unter Hintansetzung des Willens zur Einordnung unterschiedlos jeder sich dem Handwerk widmen konnte. Unseren jüdischen Meistern steht eine Fülle erstklassigen Materials zur Verfügung, das es ihnen ermöglicht, auszuwählen und nur den aufzunehmen, der ihnen wertvoll und geeignet erscheint. Persönliche Verhältnisse sollten, wo der Meister nicht allein in seinem Interesse,—sondern vor allen Dingen hier wirklich im Interesse unserer Gesamtheit und sogar ihrer Zukunft handelt, zurücktreten. 2 "Was soll aber mit der großen Zahl jener j ungeh ■ Menschen geschehen, für die sich keine Handwerkslehre findet? Die Frage der Ausbildungswerkstätten ist immer noch nicht geklärt. Es ist klar, daß auch innerhalb des Handwerks eine gleichmäßige Verteilung auf die verschiedensten Berufe erfolgen muß, wenn wir in Zukunft gefährliche Spannungen innerhalb der jüdischen Wirtschafts- und Berufsstruktur vermeiden wollen. Aus demselben Grunde würde es ebenso falsch sein, wenn die gesamte Jugend im Handwerk untergebracht werden würde. Dem Mangel an handwerklichen Lehrstellen steh't über eine leichtere Unterbringungsmöglichkeit in der k~a ufmännischenLehre gegenüber. Damit wird -in der, Praxis die Haltung unserer lugend bestätigt. Im Gesamtinteresse Hegt sicherlich eine stärkere Einschränkung der jüdischen Betätigung im Einzelhandel. Eine völlige Abkehr vom Einzelhandel bedeutet aber die Aufabe eines wesentlichen Teils des uns zugestanenen Lebensraums und damit die eigene Aushöhlung einer unserer wichtigsten Existenzgrundlagen. Das mangelnde Interesse für die einzelhändlerische Betätigung kommt allerdings dem Nachwuchs zugute, der sich trotz allem dem Einzelhandel zuwendet. Die jüdische Gesamtheit darf es aber nicht zulassen, daß hier ähnliche Fehler gemacht werdeli können, wie in der Vergangenheit bei den geistigen bzw. handwerklichen Berufen. Sie hat es vielmehr in der Hand, eine gleichmäßige Verteilung auf Handwerk und Handel planmäßig und systematisch herbeizuführen. Und wir hoffen, daß es dem Handwerker - Ausschuß bei der Reichsvertretung gelingt, in diesem Sinne einen fruclrtbringenden Einfluß auf die Gestaltung der Berufswahl auszuüben. ' Die Jugend braucht immer Führung und Leitung, wenn sie als Gruppe ihre Ideale vorwärtszubringen bestrebt ist. Sie braucht sie besonders dann," wenn sie sich gegenüber dem Elternhause selbständiger fühlt. Hier ist der Ansatzpunkt für eine wirklich erfolgreiche Arbeit aller Jugendorganisationen, denen die Männer aus Handwerk und gewerblichem Mittelstand in allen Städten des Reiches gern hilfreich zur Seite stehen. Wir dürfen uns nicht mutlos in unser Schicksal fügen. Immer lebten die Juden für ihre Kindej. Die seelische und soziale Besserstellung, die sie selbst nicht mehr erreichen konnten, wollten sie immer in. ihrer Jugend erfüllt sehen. Und dieses Streben ist heute mehr als je notwendig und es ist zum Glück auch mehr als je vbrhanden. Wir erleben in unseren Kindern unsere Zukunft. Das bedeutet, daß wir selbst alles tun müssen, um ihnen die Voraussetzungen zu schaffen für den Kampf um ihre Existenz, ihnen die Möglichkeiten zu geben, ihre wirtschaftliche Sicherheit im einzelnen sowohl wie in der Gesamtheit selbst begründen zu können, sei es, daß sie Sinn und Erfüllung ihres Daseins in Deutschland, in Palästina, sei es sonstwo in der Welt erleben wollen. Alles, was wir ihnen geben können, ist die Erfuhrung und die Erkenntn i s unseres Lebens, ist in erster Linie aber die' höchste fachliche Ausbildung, die es ihnen erlaubt, überall in der Welt ihren Mann zu stehen. Geben wir dieser unserer Jugend die Möglichkeit der Lehre. Helfen wir dieser unserer Jugend durch Schaffung von Lehrstellen. Denn diese Jugend ist unsere Zukunft und damit unser Schicksal. s