Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Handwerker · 1935-02-01 · 2 (2.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
27 (1935)
Issue
2 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492337-5771056-5771165--068-4883079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

GEMEINSCHAFTSGEIST FRITZ DRESEL Gemeinsinn ist eine ethische Forderung, die jede Gemeinschaft an jedes ihrer Mitglieder zu stellen berechtigt ist . Es hängt von der ethischen Einstellung des Einzelnen ab, inwieweit er dieser Forderung zu folgen gewillt ist. Für die Gemeinschaft sorgen hat seine Grenzen an der Pflicht und an dem Recht der Existenzerhaltung der Familie und des eigenen Wirtschaftsbetriebes. Was die Jüdische Gemeinschaft vom Einzelnen fordert, ist nicht mehr und nicht weniger als tragbar und gerecht. Es ist abei1 nicht der Sinn einer ethischen Forderung, wenn eine Huiyllung, die aus Gemeinsinn zu erfolgen scheint, an die Gewährung besonderer Vorteile geknüpft sein soll; denn dann ist es keine ethische Handlung gewesen. So aber ist es, wenn Juden ira Verkehr zwischen Ver- küufer und Kunde Forderungen stellen, die sie nur deshalb stellen, weil der Partner Jude ist. Zwei Fälle sind hier zu unterscheiden. Das Zusammenkommen zweier jüdischer Partner auf wirtschaftlichem Gebiet ist Zufall, oder aber der eine will bewußt.aus jüdischem Gemeinsinn einem anderen Juden helfen. - Im ersten Falle kann das zufällige Zusammentreffen dazu führen, dafi der jüdische Käufer vom jüdischen Verkäufer* mehr verlangt, nur weil er auch Jude ist; dann hat das nicht nur nichts mit Gemeinsinn zu tun, sondern es ist Eigennutz,- der sich hinter der Maske des Gemeinsinns verbirgt, der vom anderen gefordert wird. Der zweite Fäll ist dann gegeben, wenn ein Jude nur deshulb beim Juden kaufen will, um einem wirtschaftlich bedrängten Schicksalsgenossen helfen zu wollen. Daß das heute mehr denn je vorkommt, ist verständlich, aber beinahe unverständlich ist es, wenn in diesem Falle, trotz der ethischen Beweggründe unerhische Begleiterscheinungen auftreten. Wenn einer helfen will, so ist das in jedem Falle lobenswert,' auch dann, wenn diese Hilfe an kein materielles Opfer geknüpft ist. Aber sich diese Hilfe obendrein noch bezahlen zu lassen, das ist doch wohl nicht der Sinn des Helfenwollens. So ist es aber, wenn ein Jude vom jüdischen Verkäufer verlangt, dafi er ihn ganz besonders bevorzugt, als Lohn dafür, dafi er als Käufer aus jüdischem Gemeinsinn heraus zum Juden geht. Wird diese Forderung in offener oder versteckter Form gestellt, so war das Helfenwollen Unwahrheit, dann war das Motiv nur ein billiger Vorwand, um Vorteile zu erlangen. Gegen das Streben, Vorteile im Geschäftsverkehr zu erlangen, ist nicht nur nichts einzuwenden, es ist sogar die Voraussetzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Dasselbe trifft bei deryBedarfsdeckuHg für den" Eigenverbrauch und für den Haushalt zu. Unvorteilhaft einkaufen ist entweder lässig ode/ unjflug. Beides hat aber nichts mit Ethos oder mit Cenienrsinn zu tun und berührt keine Frage, die uns Juden untereinander angeht, Nur dort, wo im Wirtschaftsleben unterjuden Mifiverständnisse oder Mifihelligkeiten aus dem JfijWsein heraus auftreten können, haben wir es mit einer die jüdische Gemeinschaft sehr wohl angehenden Sache zu tun. Sprechen wir vorerst von den Mißverständnissen, die die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen jüdischen Käufern und Kunden beeinträchtigen. Es ist doch wohl undenkbar, dal) ein Jude nur deshalb die Leistung eines Arztes skeptisch bevorurteilt, nur weil der betreffende Arzt Jude ist. Dasselbe trifft auf die jüdischen Juristen und auf alle jene Berufe zu, von denen wir alle aus der Erfahrung wissen, wie sehr sich Juden in jenen Berufen bewährt haben. Ganz anders liegen die Vorstellungen von der Leistung unserer Glaubensgenossen, wo es sich um Berufe handelt, in denen die jüdische Leistung nicht so unbedingt anerkannt worden ist, wie gerade bei Aerzten und Juristen, wie bei der Konfektion, dem Bankgewerbe, dem Textil- und dem Rauchwart'nhandel und hunderten anderen Berufen mehr. Wer hat denn früher Uberhaupt daran gedacht, dafi es unter uns Töpfer, Glaser, Monteure, Klempner,' Steinsetzer. Schleifer, Polsterer, Masseure, Hutmacher, Gärtner, Dachdecker, Buchbinder usw. gab, deren Leistung innerhalb ihrer Berufsgruppe als u nb edingt vollwertig eraditet wurde, die Meister ihres Faches waren: Meister in der doppelten Bedeutung des Wortes. Ja, wenn einmal wirklich ein Jude von solch einem tüchtigen Handwerksmeister vernahm, so staunte er Uber das Phänomen, das gar keins war. Ausnahme war es nur in dem Sinne, daB die - jüdische Allgemeinheit' die tüchtige jüdische Handwerksleistuiig als Ausnahme ansah. Infolge der völlig unzureichenden Kenntnis der wirklichen Leistung blieben Beziehungen ungcknUpft, die bei besserem Wissen gewiß oft geknüpft worden wären. Daß erst in den allerletzten Jahren das Wissen um unser eigenes Können größer geworden ist, verdanken wir zumeist nicht uns selbst, sondern vorwiegend den Verhältnissen, die es uns zur Selbsterhaltungspflicht machten, uns etwas mehr GESCHÄFTSVERKEHR um uns selbst zu kümmern. Die Einsicht, daß wir einfach selbst erliegen müssen, wenn wir uns nicht alle umeinander kümmern, kam ganz schlagartig und zeigte uns für den Moment die Möglichkeit, wie wir uns selbst innerhalb unserer' Gemeinschaft wirtschaftlich helfen konnten. Jedoch die Einsicht wur nicht immer von'Dauer. Altgewohnte Vorurteile sind nicht von heute utlf morgen zu beseitigen. Um Vorurteile für immer in Urteile zu verwandeln, bedarf es nie erlahmender Aufklärungsarbeit, um die sich jn unsere beiden Verbünde mit allen-Kräften bemühen. Wenn nun Vorurteil mit ehrlichem Streben, helfen zu wollen, zusammenkommt, So ist es ganz ausgeschlossen, daß eine wirtschaftliche Beziehung . geknüpft wird, die nicht unter dem Vorurteil zu leiden hat. Gewiß wird sich jeder, der vom Glaubensgenossen aus ethischen Motiven einen Auftrag erhält, sehr darum kümmern müssen, daß das V o rurteil verschwendet. Ist es aber eingefressen, wie es doch leider manchmal der Fall ist, so nützt alles Können und Wollen wenig. Es kommt nicht darauf an, daß irgendwer einmal irgendeinen Auftrag bekommt, sondern, daß unsere Arbeit als völlig gleichwertig erkannt wird, und daß das nicht als etwas Außergewöhnliches gilt. Diesem schönen Ziel stehen leider auch sehr verständliche Hindernisse im Wege. Es ist nun einmal so', daß nicht alle in jedem Beruf Höchstleistungen vollbringen können, und daß es Unter vielen auch solche gibt, deren Leistung zu wünschen übrig läßt. Ja, es gibt sogar gewisse Berufe, bei denen man. nicht ohne weiteres zugeben kann, daß sich Juden besonders für sie eignen. . Das Problem, Vorurteile in Urteile zu verwandeln, ist lösbar, und der Erfolg hängt ausschließlich von der Dauer und Intensität der Aufklärung durch Wort und Schrift, vor allem aber durch die praktischen Beweise ab. . . Das zweite viel schwierigere Problem ist die leider nicht seltene eigenartige Einstellung eines Teiles unserer Glaubensgenossen zueinander, die nichts mit Wissen oder Urteilen zu tun hat, und dereji -Ursprung sich aus einem spezifisch jüdischen Innenleben herleitet. Es ist die anfangs angedeutete Mehrforderun g , die Juden an Juden im Wirtschaftsleben stellen. Für die meisten von uns war Judesein früher nichts anderes als ein ausschließlich religiöses Problem. Als solches hat es unsere Einstellung zum jüdischen Wirtschaftspartner kaum berührt. Eines aber hat es immer gegeben, das immer wache Bewußtsein, der jüdischen Schicksalsgemeinschaft anzugehören. In gleichem Maße, wie dieses Bewußtseir stärker und betonter geworden ist, knüpfte sich hieran einmal die höhere Bereitschaft, den Schicksalsgenossen zu helfen, dann aber auch die Erwartung, daß die Anderen einem als Jude ebenfalls helfen sollten. Auf das Wirtschaftsleben übertragen mußte sich diese instinktive Einstellung mit Naturnotwendigkeit irgendwie wirtschaftlich uuswirken. Wenn ein Käufer in Beziehung zum Verkäufer tritt, sei es als Konsument oder Käufer beim Einzelhandel oder Handwerk, als Geschäftsmann beim Grossisten oder Fabrikanten, sortst es wirtschaftlich gesehen völlig belanglos, ob einer oder beide Juden sind; wirtschaftliche Beziehungen haben wirtschaftlichen Grundsätzen, Gebräuchen und Formen, zu folgen. Wo sie es nicht tun, da müssen Folgen auftreten, die schaden. Wirtschaftsethik ist eine Forderung, die nicht außerwirtschaftlich ist. Bringt man jedoch in. die Beziehung zwischen wirtschaftlichen Partnern bewußt oder unbewußt falsche Voraussetzungen, und seien es auch psychologisch und ethisch durchaus verständliche, -o muß die. reine Wirtschaftsbeziehung gestört werden. - * Wie ist es aber, wenn judische Käufer oder Besteller dem Juden gegenüber Hemmungen abstreifen, die sie sonst uberall haben, und vom jüdischen Partner mehr verlangen als sonst. Wie ist es, wenn der judische Verkäufer vom judischen Käufer von vornherein annimmt, er habe vielleicht dann und wann einmal mit'einem ähnlichen Kunden schlechte Erfahrungen gemacht? Dann ist der Jude nur zu leicht geneigt, alle seine GlaubensbrUder in einem Lichte zu" sehen, in dem er selbst nicht gern gesehen werden will. Dann vergißt er, daß es überall auf der Welt angenehme und unangenehme Kunden, angenehme und unangenehme Lieferanten gibt, und daß eine Verallgemeinerung auch ihn selbst nicht ausnehmen dürfte. Uebernll gibt es Menschen", denen niemals etwas gut genug ist, die innner zu kritteln haben, überall gibt es Menschen, die Leistungen objektiv .anerkennen und angenehm im Umgang sind. Wenn wir uns einmal Uber das Verhalten 3 H^BHnK^i^HH^i^^^^^H^L^^^^^lH

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.