Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 3 (18.3.1936)
- Date
- 1936-03-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Qemeindeblatt Bremen Nummer. J Das Leben der Großmutter war ausgefüllt mit häuslicher, Arbeit und der Aufzucht der Kinderschar. Die Tochter hat den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit außerhalb des Hauses verlest. Ich weiß nfcht, ob es noch ein Land gibt, in. dem der Anteil der Frau am Erwerbsleben so groß ist als in Erez Israel. Es gibt über die Berufsarbeit der Frau hier keine amtliche Statistik wie in europäischen Ländern. -Aber man sieht täglich, wie die Frauen, auch die verheirateten und die Mütter, an allen Arten der beruflichen Beschäftigung In Stadt und Land beteiligt sind, an schweren körperlichen Arbelten in der Landwirtscbaftund beim Bau, an Fabrikarbeit, in kaufmännischen StellungenTmd im Gasthausgewerbe, im Beamtentum und in den freien geistigen Berufen. Die einzigen Zahlen, deren ich habhaft werden konnte, beziehen sich auf den Anteil der Frauenarbeit in der Industrie; von der industriellen Gesaintarbeiterschaft machen die Frauen im Land 27% aus; hier in Tel Aviv ist fast die Hälfte aller industriellen Arbeitsplätze, nämlich 47%, durch Frauen besetzt. In der Textilindustrie steigt dieser Anteil der Frauen auf rund 77%, uväcr Bekleidungsindustrie beträgt er 64%, in der Lebensmittelindustrie 41%, in der chemischen Industrie 31%, in Druckereigewerbc und Kartonnagenfabriken 29%, in dw Lederindustrie 16%. Die Industrie stellt ja nur einen begrenzten Sektor der Arbeitsgelegenheiten dar. Vielleicht gibtjfs noch auf anderen Gebieten statistische Aufstellungen, die ich nicht kenne, aber in' Punkte der Frauenarbeit tftlgt der Schein nicht, die täglichen Begebnisse und Erlebnisse bestätigen die Tatsache der ausgebreiteten Berufsarbeit der Frau in Erez Israel. In den Kolonien, in den Kwuzoth ist die tätige Mitarbeit der Frau eine Selbstverständlichkeit und eine Notwendigkeit. Unter den erwerbstätigen Frauen sind viele Mütter; zur Bestreitung des täglichen Lebens reicht der Verdienst des Mannes oft genug nicht aus; denn es ist kein Schlaraffenland, in dem wir leben. Aber es gibt unter diesen berufstätigen Müttern eine nicht kleine Anzahl solcher Frauen, die ökonomisch nicht auf Verdienst angewiesen sind, die aber eine ihnen gewohnte, vielleicht aucbjiehgewordene Beschäftigung nicht Zugunsten der Arbeit in Haus und Familie aufgeben wollen; das iaUt sich nur erklären aus dem Geist des Jischuv heraus, aus dem starken Drang zur Arbeit, der alle beherrscht. In diesen Familien gewinnt die Existenz einer Großmutter, wie wir sie vor uns sehen, eine wichtige ökonomische Funktion; sie verwaltet das Hauswesen und vertritt bei den Enkeln die Mutter während deren Arbeit außer Hause. Neben manchen anderen Gründen spielt sicher bei den zahlreichen „Anforderungen" von Eltern diese Verhältnisse eine große Rolle. In anderen Fällen werden Kindergärten und Tagesheime in Anspruch genommen. Frauenarbeit außerhalb des Hauses verträgt sich nicht mit den Aufguben der Mutter; die ermüdete, ruhebedürftige Mutter ist wahrlich eine schlechte Gesellschafterin für aas Kind, das allerlei zu erzählen und noch mehr zu wünschen hat, eine schlechte Erzieherin für das Kind, das mctsterhaft versteht, die Müdigkeit und Reizbarkeit der Mutter zu seinen Gunsten auszunützen. So spielt sich fast täglich ein Stellungskrieg zwischen Mutter und Tochter ab, in dem das Kind Sieger bleibt, weil sein Instinkt ihm ein sicherer Führer ist, die Mutter aber unterliegt, weil ihre Position gefährdet ist durch ihre Ungeduld und Nachgiebigkeit, durch die epidemische Angst der palästinensischen Mutter, daß das Kind nicht genügend ist. Der Vater ist der lachende Dritte,' dem Kind ein anspruchsfreier, heiterer Spielgefährte. Ich weiß nicht, ob die Katschläge, die ich der Mutter erteile, nützen werden und die Beruhigung, die sie von mir empfängt, anhalten wird: aber ich vertraue auf die Erfahrung, die Ich hier gewonnen habe, daß die „dritte Generation" schließlich doch allen .erzieherischen ^Unzulänglichkeiten und Ungeschick- , Henkelten, zum Trotz unter dem Druck der geistigen Atmosphäre, unter dem Zwang des Lebens zu einetjesten Haltung gegenüber Pflicht und Arbeit, gegenüber Land und Volk gelangen wird. Ein anderes Gesicht erhält das Problem der Frauenarbeit und der Kindererziehung, wenn wir unsere Aufmerksamkeit von der Stadt auf das Land richten. In diesen Tagen feierte die Kolonie D a g a n i a das Fest ihres 25jährigen Bestehens. Dagania IM»*» erste jüdische Siedlung in Erez Israel, die im Geiste der Gemeinsamkeit auf deirTtJrundsatz der Genossenschaftsarbeit und des Genossenschaftslebens aufgebaut wurde. Wer heute diese Kwuzah besucht, am Ufer des jofdaTK^itdTlch 'vom Qenezaret-See gelegen, und die herrliche Anlage der Kolonie, ihre schönen Häuser und die üppige Vegetation um sie herum bewundert, sieht nichts mehr von den gerade unvor-1 stellbar schweren Anfängen der Niederlassung. Dort erwächst jetzt die dritte Generation, eine blühende Kinderschur belebt den Urt. Es ist äußerst spannend, über die Geschichte der Ko-. lonie in dem kleinen Büchlein von Josef Baraz zu lesen; man erfährt durch diese Lektüre Interessantes Ober die Entwicklung, die das Problem, der Frauenarbeit und der Klndererzlehung in der Kwuzah genommen hat. Allen Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz verrichteten die ersten Pioniere In Freude und Hoffnung ihre Arbeit; wenn sie aber dann vom Felde helmkehrten, fanden sie ihre Genossin in tiefer Niedergeschlagenheit; der Raum mit dem alten arabischen Ofen war mit Rauch erfüllt, nach dem auch das ganze, schlecht gekochte Essen schmeckte; die Genossin war ermüdet und verdrossen ob des täglichen Mißgeschickes in der Küche. Es waren damals zwölf Männer und zwei Frauen, und den Männern stiegen allmählich Bedenken auf, ob nicht auch den Genossinnen, die gleich ihnen selbst die dumpfe Luftschicht des Ghettos verlassen hatten, um ein neues Leben In der Hingabe an den eigenen, geweihten Boden in Erez Israel zu beginnen, das Recht zukäme, aus der Küche heraus in die Arbeltsgemeinschaft der Männer einzutreten. In langen Diskussionen wurde1 das Problem der Lösung zugeführt, und so wurde Dagania vorbildlich für die Gleichberechtigung der Frau in Arbeit und Leben der Gemeinschaftssiedlungen. Aber eine viel schwerere Frage erstand, als das erste Kind ankam. Was wird geschehen? Wird die Mutter ihre Arbeit verlassen, um sich ganz der Pflege des Kindes zu widmen? Die junge Mutter löste selbst* diese Frage, indem sie bald zur Arbeit zurückkehrte und das Kind zur jeweiligen Arbeitsstelle, in den Gemüsegarten, zum Stall usw: mitnahm. Wenn aber das Kind schrie, liefen alle Chawerim hinzu und tadelten die Mutter ob ihrer Grausamkeit; die Mutter beruhigte die Genossen, das Kind wuchs auf und gedieh. Aber das Problem komplizierte sich, als ein zweites und ein drittes Kind ankam, und da warf ein Chawcrden Gedanken in die Diskussion, daß die Kinder gemeinschaftlich aufgezogen und erzogen werden müssen. Das. war der Anfang der Kinderhäuser in den Kwuzoth. Das Killderhaus ist in jeder Kwuzah das erste feste Gebäude, das erstellt wird; mit Stolz zeigen die Bewohner dem Fremden die schöne, gesunde Einrichtung des Hauses-und — die schönen, gesunden Kinder, die es beherbergt. Die Konflikte, die wir in der Stadt entstellen sahen aus der Erschwerung, die der berufstätigen Mutter für die Kindererziehung erwächst, fallen weg. Man wird, aus anderen Anschauungen und Gewohnheiten kommend, nicht so glatt fertig mit der Einschätzung dieser Gemeinschaftserziehung außerhalb des Elternhauses; heute, wo ich die mannigfachen Mängel in dem erzieherischen Talent der palästinensischen Eltern gründlich kennen gelernt habe, wo ich auch mit Kindern aus Kwuzoth, für die mein Rat eingeholt wurde, mich beschäftigen konnte, Aussprache mit Erzieherinnen und Müttern aus diesen Siedlungen gepflegt habe, neige ich eher zu einer Bejahung dieser Einrichtung. Die ganze Erziehung ist uuf Grundlagen gestellt, die nicht nur für die körperliche Entwicklung und das geistige Wachstum die besten sind, sondern auch die Erziehung zu dem Leben und In das Leben hinein, das,unser Land erfordert, tragen: Schon an der besonderen Art Verbundenheit der Kinder untereinander erkennt man. wie die Kameradschaft, das Eintreten eines für den anderen, Lebensformen, die uns hier bitter not tun und» fundamental sind für das Gedeihen des Jischuw, sich ungezwungen entfalten. Die Entfremdung von den Eltern geht nicht weiter, als es wirklich für die Entwicklung des Kindes gut ist. So sieht man In den Klnderhäuserrh wie der Vater, eine Arbeitspause benutzend, stolz den Erstgeborenen auf dem Arm trägt; aus der Unter-