Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 3 (18.3.1936)
- Date
- 1936-03-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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An unpere Abonnenten! Hb 1. Hpril ds. Js. wird das Bremer Gemeindeblatt mit dem Gemeindeulatt für die JUd Gemeinden Preuflens vereinigt. Unsere Abonnenten erhalten das Gemeindeblatt in der neuen Gestalt wie bisher durch die Post zuge- * stellt. Um Einlösung der Poshjuittung für das II. Vierteljahr 1936 im Betrage von RNt. ^50, deren Vorlegung Mitte März durch den Briefträger erfolgt, wird gebeten. ' lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll der geltenden Bestimmungen ändert, und d, h. meistens verschärft. All dies muB, ebenso wie die Wandlungen der Wirtschaftsinge in sämtlichen überhaupt in Krage kommenden Einwanderungsländern — und die jüdische Auswanderung aus Deutschland hat sich bisher auf nicht weniger als 41 Länder verteilt! fortlaufend verfolgt und den ratsuchenden Auswanderungswilligen, sofort übermittelt werden, wenn nicht schwerster, oft unwiederbringlicher Schaden angerichtet werden soll. Wenn doch die zahllosen Autoren, die heute ohne Kennt- ' nis der harten auswanderungspolitischeu Wirklichkeit großartige Pläne zur Errettung der deutschen .luden durch Massenauswandetungen entweifen, einmal timblick nehmen kann» , ten in die tägl che Arbeit der Stelle, der die Le tung der ge~ samten jüdischen Auswanderung nach allen Ländern, außer Palästina, anvertraut ist. und die auch seit langem vom Reichsminisier des Innern als gemeinnützige Beratungsstelle für jüdische Auswanderer anerkannt Ist — es ist der llilfsvere n der Juden in Deutschland! Während sich im oberen Stockwerk von früh an die Zahl der Ratsuchenden so gewaltig staut, daü oft viele dutzeude Menschen gleichzeitig warten, fertigen zwei leitende Beamte des Hilfsvereins, von denen einer eine mehr als 3l>jährige unersetzbare Erfahrung besitzt, einen künftigen Auswanderer nach dem anderen ab. währenddessen wird in den benachbarten Büros und vor allem in dein unteren Stockwerk, wo der Leiter des Hilfsvereins, Dr. Wisch nitzeT, seines Amtes waltet, eine Fülle von Post, nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, und besonders von den 13 Auswandererberatungsstellen des Hilfsvereins im Reiche, sondern buchstäblich aus allen Ländern der Welt beantwortet — Briefe aus Charbin In der Mandschurei Briefe aus Samoa in der JSüdsee, Briefe aus Haiti und aus Ecuador, tmd immer wieder Stölle von Briefen aus Argentinien. Brasilien, den Vereinigten Staaten und Südafrika —.den zurzeit wohl, wichtigsten überseeischen Fmwnudcrungsländein. Zeitungen und Zellschriften in den verschiedensten Sprachen werden durchgesehen, exzerpiert, übersetzt; Ferngespräche aus der Provinz, aus dem Ausland werden gemeldet. Besucher aus Holland. Frankreich, England. Italien und Amerika empfungen, alles, ml! dem einen Ziel, «zu helfen, dal! möglichst viele deutsche .l\lei; im Ausland eine neue Existenz finden können. Und »eben die Arbelt der Berliner Zentrale, diefrühei mir in Hamburg rnid Bremen je eine Zweigstelle unterhielt. Ist seit einigen Wochen die Tätigkeit der II neu verpflichteten Aus^andererberater im Reiche, getreten; in den wichtigsten StUtcn werden diese'in engster Fühlung mit den dortigen jüdischen Gemeinden ihre Tätigkeit ausüben und die Berliner Zentrale von einem Teil der immer mehr anwachsen-' i den Arbeit entlasten. Eiif anderes Mittel, der jüdischen (Öffentlichkeit zu dienen und die künftigen Auswanderer möglichst gut auf-Ihr neues . Leben vorzubereiten, war die Errichtung von Sprachkursen. dt« Anfang dieses Jahres vorgenommen wurden und zu einem vollen Erfolge geführt hat; schon lernen Hunderte von künftigen Auswanderern in den Kursen des Hilfsvereins die Sprache der wichtigsten Einwanderungsländer, Englisch. Spanisch, Portugiesisch; und der Hilfsverein denkt daran, auch im Reiche, soweit nötig, derartige Kurse zu errichten oder anzuregen. So werden Pausende von deutschen Juden das furchtbar teure Lehrgeld sparen, das jeder Einwanderer zahlen muß, der der Landessprache unkundig, sich eine Existenz zu gründen versucht. Wieviele deutsche Juden mögen in den letzten drei Jalireg In überseeischen Ländern eingewandert und zu einer neuen Existenz gekommen sein? Wir kennen nicht die genaue Zahl, aber man wird auf etwa 30 bis 40 000 schätzen dürfen, und soviel wenigstens ist sicher, daü in Südafrika, Brasilien, Argentinien, Chile und nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten Tausende von deutschen Juden Fuß. gefaßt haben und vielfach schon ihre Verwandten nachkommen lassen, — und daß selbst in den Ländern, die bisher von der jüdischen Auswanderung (nicht nur aus Deutschland) wenig berührt warer. wie Peru. Ecuador, Columbien usw. immer häufiger Briefe eintreffen, die von der gelungenen Gründung neuer Existenzen, zuweilen auch schon von der Bildung der ersten Hilfskomitees in diesen Ländern zu berichten wissen. All dies bildet gewiß keinen Anlaß zur Selbstgefälligkeit für den Hilfsverein, wohl aber einen Ansporn weiterer eifriger Arbeit. Und die Schwierigkeiten wachsen immer neu. Die Verschärfung der deutschen Devisengesetze macht die Auswanderung selbst bemittelter Elemente zu einem überaus komplizierten Problem, so daß der Hilfsverein auch in solchen Fällen immer häufiger um sachkundigen Rat gebeten wird. Das Studium der verschiedensten Transferpröjekte, die Verhandlungen mit den Reichsbehörden, die ständige Fühlungnahme mit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, sowie mit den großen jüdischen Organisationen des In- und Auslandes, in erster Linie mit der ICA und der HICEM, und häufig auch die Verhandlungen mit fremden Regierungen, all das gehört zum täglichen Brot der Mitarbeiter des Hilfsvereins. Daneben muß der gefährlichen Irreführung der jüdischen (Öffentlichkeit durch wilde Projektemacher begegnet werden; eigene Pressepiiblikationeu des Hilfsvereins und die l"'iitsendung leitender Kräfte zu öffentlichen Vortragsabenden in den großen (iemeinden Deutschlands erfüllen diesen Zweck. So stellt der Hilfsverein der Juden in Deutschland heute vor einer Fülle neuer Aufgaben, die er auch weiterhin mit Bestimmtheit zu bewältigen hofft, wenn er nur die verständnisvolle Förderung und tätige Anteilnahme der jüdischen (Öffentlichkeit findet, auf tlie er sicher einen berechtigten Anspruch hat. Die Bremer Abteilung des Hilfsvereins der Juden in Deutschland e. V. konnte Ende 1935 auf eine 35jährige Wirksamkeit zurückblicken. Bereits in den 80er Jahren, zur Zeif der großen Russen- Auswanderung, war in Bremen ein Hilfskomitee errichtet worden. Dieses löste sich aber nach Beendigung der Massenauswanderung wieder auf. Als dann 1900 rumänische Juden den Wanderstab ergriffen, gab dies dem damaligen Rabbiner Dr. Leopold Rosenak s. A. Veranlassung, in Bremen ein „Komitee für Jiilfsbedürftige durchreisende Juden" zu errichten. Dieses Komitee wurde dann später die Bremer Abteilung des im Mai 1901 gegründeten und im Dezember 1904 zuni Zentralbüro für jüdische Auswanderungsangelegenheiten ausgebauten Hilfsvereins der deutschen Juden, welcher später vom Reichswanderungsamt für Deutschland als gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Aus- und Durchwanderer anerkannt worden ist. Ein wie hervorragend durchorganisierter Betrieb der Hilfsverein schon von langer Zeit her gewesen ist, zeigen die