Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 3 (18.3.1936)
- Date
- 1936-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Uemeindeblatt Bremen Nummer 3 rigorosen Eiawanderungsbeschr&nkuiigen auf der anderen. -Fast alle südamerikanischen Länder sind zur Zeit vom Tiefpunkt der Krise schon weit entfernt, von Brasilien — dem aus natürlichen-Gründen weitaus zukunftsreichsten Lande des südamerikanischen Kontinents — wird man ohne Ueberfreibtmg sagen k/jnnen. daß die Krise vollkommen Iberwunden Ist. Leider ist aber eine Ausnutzung der durch den Wirtschaffuafschwung dieser Linder gegebenen Arbeltsmögllchkeiten für deutsche Juden 3ur Zeit nur in sehr beschränktem Umfange möglich, weil die strengen Einwanderung&vorschriften nur einet kleinen Zahl von jüdischen Einwanderern d.e Landung gestatten — praktisch gesprochen fast nur denen, die entweder drüben nahe Verwandte oder erhebliche Geldmittel" besitzen. Es steht aber zu hoffen, dali die fortschreitende Expansion der Wirtschaft zu einer Locke- TUng der Einwanderungsbestimmungen föhren wird; ist doch insbesondere in Brasilien bereits ein ausgesprochener Arbeitermangel in manchen Zweigen fühlbar. Im ganzen wirkt sich in den südamerikanischen Ländern letzt die Tatsache aus, daB diese früher fast ausschließlich Agrarpaodukte exportierenden und Industriewaren einführenden Länder gerade durch die Wirtschaftskrise zur schnelleren Industrialisierung gezwungen wurden; denn bei dem niedrigen Preisstand solcher Standardprodukte, wie Kaffee, Weizen, Wolle usw. reichten d.e Erlöse nicht zur Bestreitung der üblichen Industrie-Einfuhrmengen aus. Durch diese Entwicklung, die durch die Zollpolitik der meisten Regierungen zielbewußt gefördert wird, werden zweifellos die wirtschaftlichen Aussichten für eine so überwiegend städtische Einwanderung wie die der deutschen Juden außerordentlich vergrößert. Im einzelnen scheint es, als ob zu den bisher schon in größerem Maße von der jüdischen Einwanderung berührten südamerikanischen Ländern Argentinien, Brasilien und Chile neuerdings auch einige wenige fortgeschrittene, aber ebenfalls aussichtsreiche Staaten, wie vor allem Columbien und Peru treten würden; sind doch in Columbien die Einwanderungsbedingungen für die in Deutschland geborenen Juden verhältnismäßig leicht zu erfüllen (es wird nur ein Vorzeigegeld von 100 col. Dollar verlangt), und die bisher vorliegenden Berichte sind aus beiden Ländern überwiegend günstig. Was die Vereinigten Staaten betrifft, so ist in letzter Zeit die schon vorher nicht leichte Einwanderung eher noch mehr erschwert worden; jedenfalls zeigen sich die amerikanischen Konsulate bei der Erteilung der Visen zur Zeit außerordentlich zurückhaltend. So aussichtsreiche und dünn bevölkerte Länder, wie Kanada, Australien und Neuseeland bleiben nach wie vor Jüdischen Emigranten aus Deutschland fast ausnahmslos verschlossen. Sind also im Augenblick die Einwanderungsmöglichkeiten noch sehr beschränkt, so darf man, insbesondere im Hinblick auf die rasche Erholung der großen südamerikanischen Länder, eine Besserung der Lage für eine nahe Zukunft erhoffen. Unverändert bleiben freilich die aus der Berufsgliederung der deutschen Juden erwachsenden auswanderungspolitischen Schwierigkeiten; denn während für*Handwerker, qualifizierte Arbeiter und Landwirte, und vielfach auch für weibliches Personal in Südafrika wie in den meisten südamerikanischen Ländern sehr befriedigende Aussichten vorhanden sind, ist die Unterbringung von Kaufleuten, selbst wenn sie ausreichende Sprächkenntnisse haben, schwierig, und die von Akademikern (mit Ausnahme der Ingenieure und Chemiker) ein noch viel heikleres, ja oft unlösbares Problem. Die sich hieraus ergebenden Forderungen für die Berufsausbildung der jüdischen Jugend liegen auf der Hand. jfcnnn ifaftillcr, ^Bremen 'tFssi'i Dam*n*Wi*h*, tin facht bit t'rganttiU Aufführung, — fflr ttsrkt Dmmmt Extnwtit* Witdn pjkA N»ß — Hrrmr*'WH*/""J"« «wA 4M» Planati. Hmm»- mnd Küdtin Wdathg, Matt- und TUd* - WAach*. _ Anftrt'gwg MKA mus JTWf imm Stoffm _ l*t jüdisch« Auswanderungspolitik heute Die Arbeit des Hilfivereiiu Der Atiswanderungsdrang, der die jüdische Uevolkeiimgdes' Reiches seit dem letzten Sommer und MMfcder« 4eit "Erlaß der Nürnberger Uesetze erfaßt hat, ist an Starke nur dem vergleichbar, der der Panik des Frühjahrs I9.U .entsprang. Während aber damals Furcht und Schrecken vor dem unge-» wissen Schicksal - das vorherrschende Auswandenmgssntrtlv war und tausende von Juden ohne geeignete berufliche oder fachliche Schulung, ohne Kenntnis der Verhältnisse Im Ein-v wanderungsland einfach auf gut QIDck hinauszogen, um zunächst In irgendeinem Nachbarland — wie Frankreich, Holiand oder der Tschechoslowakei — die nächste Zukunft abzuwarten, Ist heute die Lage ganz anders. Jeret muß and will der jüdische Auswanderer im allgemeinen die Heimat verlassen, nicht so sehr weil er Furcht hat, als weil er kerne Frwerbsmöglichkeiten mehr vor sich sieht., Er, geht nicht, mit dem Wunsch hinaus, irgendwo auf die Möglichkeit der Rückkehr zu warten, sondern mit dem festen Entschluß, womöglich eine neue Heimat zu finden. Deshalb will er sich auch vorher sorgfältig über die Aussichten in den Elnwanutrungsländern unterrichten und besitzt vielfach die Tatkraft, sich sprachlich und oft auch beruflich auf das neue Leben vorzubereiten. Aus der chaotischen, fluchtartigen „Einigration" von 1933, ist eine allmähliche in hohem Maß planmäßig gelenkte jüdische Auswanderung geworden. Freilich stößt das Bestreben, planmäßige jüdische Auswanderungspolitik in der Weise zu tre.ben, daß jeder Auswanderer dahin gebracht wird, wo er am ehesten Aussicht auf eine neue Existenz hat, auf ungeheure Schwierigkelten. Eine der größten liegt in der Berufsstruktur der deutschen Ju- 1 den. Mag auch die Umschichtungsbewegung — deren Leitung in den Händen der Reichsvertretung Hegt — einen großen Teil der jüngeren und gesunden Menschen zur Handarbeit um- . schulen, so bestellt doch die große Mehrheit derjenigen Auswanderungswilligen, die nicht nach Palästina gehen, aas Kaufleuten oder Intellektuellen. An diesen beiden Berufskategorien besteht aber fast nirgends wirklicher Bedarf; im Gegenteil, der Ueberfluß an Akademikern ist heute ein Weltproblem, das etwa in Frankreich ebenso akut Ist wie in den meisten südamerikanischen Ländern, und das die jüdische Einwanderung um so mehr erschwert, als der überall wachsende Nationalismus gerade die akademischen Berufe vor „Ueberfreindung" durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen Weiß. (Verhältnismäßig leicht sind unter d esen Umständen nur Chemiker und Ingenieure unterzubringen); die Auswanderung aller anderen Akademiker ist äußerst schwierig. Auch kaufmännische Angestellte und Kuufleute bilden allgemein eine schwere Aufgabe für die Auswanderungspolitiker, zumal wenn sie Uber kein Kapital verfügen, wie dies bei den deutschen Juden schon infolge der Devisengesetze fast die Regel ist. Verhältnismäßig leicht ist die Unterbringung aller Arten von Handwerkern, von Hauspersonal, Landarbeitern und Landwirten, die aber bei der Berufsstruktur der deutschen Juden allzu selten vertreten sind. Zu diesen großen aus der anormalen sozialen Schichtung unserer Menschen entspringenden Schwierigkeiten kommen nun aber vor allem die tausendfachen und im einzelnen noch täglich wechselnden Hemmungen, die sich aus der Einwanderungspolitik der überseeischen Länder ergeben. Die Tendenz zur Einwanderungsbeschränkung ist schon in der ganzen Nachkriegszeit in der gesamten überseeischen Welt spürbar gewesen, hat aber erst durch die Weltwirtschaftskrise ihre volle Stärke erlangt. Kein Außenstehender macht sich einen Begriff davon, welche unsäglichen Mühen unter diesen Umständen selbst eine bescheidene auswanderungspolitische Leistung erfordert Vergeht doch kaum eine Woche, ohne daß dieser oder jener überseeische Staat neue Einwanderungsbestimmungen erläßt, oder noch häufiger durch seine Konsulate die Handhabung