Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 8 (1936)
- Issue
- 2 (18.2.1936)
- Date
- 1936-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 üemeindeblatt Bremen Nummer 2 besten Elemente der deutschen Juden, die diese Berufe, die vielfach mit Landwirtschaft verbunden sind, ausüben. Dann wieder haben sich hier auch Elemente zusammengefunden, <1ie „der weite Spielraum reizt, tun die Stimmung des Verkaufers zu bearbeiten, die Phantasie des Käufers zu erregen; seine Passion zu überlisten und zu bemogeln, wird befriedigt; und in der Tat macht der Jude fast aus jedem Pferdegeschäft ein Kunststück" (vgl. Jähns Max, Roß und Reiter fn Leben und Sprache, Qiaube und Geschichte der Deutschen 1872; Bd. I, S. 127 ff.). Sehr interessant sind auch die Ausführungen des berühmtenalten Pferdejuden von Dessau, Abraham Mortgen, dessen Buch „vom enttäuschten Roßtäuscher" in Tennekkers Jahrbuch für Bfcjdeauclrt |QJ9^jiic1i den Pferdehändler Moses Aron aus Berlin eine beachtenswerte Portsetzung erhalten hat Obwohl die weitaus große Mehrzahl der jüdischen Vieh- und Pferdehändler eine große Kenntnis auf Ihrem Geschäftsgebiet hatte und sie mit Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit verband^ sich daher auch in West- und Süddeutschland stets eines besonderen Vertrauens bei der deutschen Bauernbevölkerung erfreute, wurden sie doch durch die künstlich gegen sie entfachte Judenfeindliche Hetze im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts größtenteils entwurzelt und vom Land in die Stadt und zu anderen Erwerbszweigen getrieben. Aber auch heute stellen sie noch einen höheren Anteilsatz an diesen Berufen. Ereilich verschwindet jetzt natürlich der wichtigste Teil des Pferdehandels mit der Zunahme mechanischer Beförderungsmittel. Ein Handwerk, das die Juden immer ausübten, weil es im Wirtschaftshaushalt unentbehrlich zu sein schien, und das auch 'mit dem Viehhandel zusammenhing. ,wvr das Schlachten von Vieh und das feilbieten von Fleisch. Da sie das von Nichtinden geschlachtete Fleisch nicht genießen konnten, außerdem genötigt waren, das rituell nicht zulässige Fleisch an diese zu verkaufen, so entwickelte sich bei ihnen die Fleischerei zu einem starken Gewerbe. In Frankfurt an der Oder, v«o ein schwunghafter Viehhandel getrieben wurde und deshalb ein großes Fleischereigewerbc heimisch war, hatten die Juden hervorragenden Anteil an ihm. Im Jahre 1*j8 wurde in Guben zwischen den Fleischhauern und den Juden eine Vereinbarung getroffen, die vier Juden ermächtigte, zu schlachten lind Fleisch in der Stadt zu handeln. Aus dem Vertrage geht hervor, eine wie starke Rolle die Juden in der Fieischhauerei zukam (vgl. Lehmann, Die Urkunden des Gubener Stadtarchivs in Niederlausitzer Mitteilungen, Bd. 27, 1927-28). Als im 17. und 18. Jahrhundert Juden nach Westfalen und Rheinland kamen — zuerst aus Jer Ukraine —, hatten sie bald teil an der Versorgung des Volkes mit Lebensmitteln. „In Schwalm -ind es Juden, die schlachten." In Mühlheim am Rhein sind sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts am Viehmarkt beteiligt In Ahrweiler und in Bonn haben sie den Fleischhandel in Händen. Im Jahre 1722 ist von sieben Judenfamilien Ja-Bochum die Rede, die „bekanntermaßen überall und mit allerhand Waren handeln und schlachten". Aus Kamen werden fünf Judenfamilien erwähnt, „die schlachten und Handel treiben", aus Kastrop eine Familie, die „mit Kurzwaren handelt und schlachtet", aus Lünen drei Familien, „welche nicht allein Schluchten, sondern mit allerhand Kaufmannschaften handeln und vor den Christenleuten die meiste, Nahrung treiben". Wir erfahren gelegentlich, daß Juden aus Hemsbach und Birkenau mit Fleisch'iQ Weinheim hausieren. Da Vorstellungen beim Magistrat nicht sofort die genügende Wirkung haben, erfolgt Selbsthilfe der Metzger durch Angriffe auf die Juden. Auch im Elsaß zeigen die Juden ihre Bedeutung im Fleischhandel. Der Händler Levy Reiß ersteigert die Fleischlieferungen an die alliierten Truppen für die Stadt Barr (im Jahre 1815). Und ebenso ließen sich die österreichischen Truppen, die noch 1816 in Barr in Einquartierung lagen, durch die Kaufleute Ratisbonne und Salomon Cerf verproviantieren. Die heutige Zeit bewirkt in allen Völkern und bei allen Ii■:- völkerungsschichten eine starke Umstellung^ In beruflicher Hinsicht. Das gilt ebenso von den hochkultivierten Nationen Westeuropas wie von den primitiven Stämmen Afrikas. Auch 9tfi<Wer Crf (t>einun0ötofl: 18. =Warj 1936 9Ubaffliw3fc»hifc ll.g»gtal936 lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll An die Judenheit in Deutschland Der XXV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wendet sich mit einem brüderlichen Appell an, die Judenheit in Deutschland. Das jüdische Schicksal in einer' Zeit historischer Wende und Wandlung der gesamten jüdischen Lebensgrundlage, in einer Zeit wo große Massen des jüdischen Volkes in Bewegung und Wanderschaft geraten sind und eine neue Form unserer Existenz aus eigener Kraft geschaffen werden muß, verlangt die Zusammenfassung aller jüdischen Energien für die Aufgabe der nationalen Erneuerung unseres Volkes, deren Krönung ein friedliches und kulturell schöpferisches jüdisches Nationalheim in Palästina sein soll. In der schweren Aufbauarbeit, deren Früchte allen Juden — und in der letzten Periode besonders auch den Juden Deutschlands — zugutekommen, bedarf der Zionismus, dessen schwere und verantwortungsvolle Aufgaben der Dclegiertentag sichtbar hervortreten ließ, der Mitarbeit aller Juden. Kein Jude darf heute abseits stehen, wenn es gilt, an der jüdischen Zukunft mitzuarbeiten. Gerade in einer Zeit, in der nach einer Periode erstaunlichen ununterbrochenen Aufstiegs das Aufbauwerk In Palästina vor gewissen Schwierigkeiten steht, die der Delegiertentag rückhaltlos dargelegt aber auch auf ihr wahres Maß zurückgeführt hat, bedarf es des Einsatzes aller Kräfte, um so mehr als die Stimme der Judenheit Deutschlands, die einen Ausweg für tausende ihrer Menschen und insbesondere für ihre Jugend sucht, gewiß nicht ungehört verhallen wird.. Nur eine starke und geschlossene Zionistische Organisation, deren Mitglieder von dem Bewußtsein persönlicher Verpflichtung und Verantwortung erfüllt sind, kann dieser geschichtlichen Aufgabe genügen. Durch den Anschluß an die Zionistisch» Organisat on wird jeder, der zu uns kommt, nicht nur seinen Anteil an der großen jüdischen Schöpfung unserer Zeit leisten, sondern auch das beglückende Bewußtsein empfangen, daß es Uber alle Not der Judenfrage hinweg einen Sinn und eine große Zukunftspersoektive im Leben des jüdischen Volkes gibt-Das Wohl des jüdischen Volkes in se'ner Oesamthei» ist unser höchstes Ziel. Darum rufen wir von diesem Delegiertentag alle Juden. In deren Herzen die Liebe zum Judentum nicht erloschen ist. zur gemeinsamen Arbeit, zur Einreihung in die von Theodor Herzl geschaffene Zionistische Organisation, die durch geeinte Kraft das jüdische Volk zu einem neuen Leben führt Benutzt das Ablösung Telegramm des JQd. Wohlfahrtsamts die Juden, und diese mehr als alle anderen Völker, sind genötigt, ihre Berufe gründlich umzustellen. Die künftige Wirtschaftsentwicklung der Juden wird deshalb einen ganz anderen Verlauf nehmen, als das bisher der Fall gewesen ist. Hieru bilden die Umwälzungen In den europäischen Wohnländern der Juden den negativen Anstoß, der Aufbau eines jüdischen Palästina die positive Grundlage. Dorthin bringen Juden aus den afrikanischen und asiatischen Ländern ihre handwerklichen Berufe, während sich die europäischen Juden zum großen Teile auf die Land- und Gartenwirtschaft umstellen. Aber das sollte hier nicht behandelt werden. Die hier gemachten Ausführungen wollen weder vollständig sein, noch die Gegenwart behandeln. Aber sie lassen einen Rückschluß auf frühere Berufe der Juden zu, und bieten so einen zwar kleinen, aber vielleicht doch beachtenswerten Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Juden. (Aut der Zeitschritt JDdlKhe wehllihrt»pflege und Schulpolitik* Hell 1/1935)