Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 4 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Ciemeindeblatt Bremen Seite 5 hier «In weites Gebiet, über das der Schleier des göttlichen Geheimnisses gebreitet Ist und auf dem sich gerade deshalb mit besondrem Eifer die Erklärer getummelt haben. Hier ist nicht der Ort, diese Versuche, den Qrund und den Zweck eines Brauches anzugeben, kritisch zu betrachten. Menschen, die ein Gefühl für Maß und Schlichtheit haben, werden Natürliches von Schwulstigem zu scheiden wissen. Sie werden dem führenden Freunde gern Gefolgschaft leisten, wenn er in einfacher Art auf die mögliche Bedeutung eines Gebets, einer Rite, einer Zeremonie hinweist und auf Wirkungen, die ihr Vollzug zeitigen kann. Wird in dieser Art der geprägten Form immer wieder frisches Leben eingehaucht, so ist das Bemühen um Förderung am rechten Platz. r^^lne dritte Gruppe endlich gibt es, eben in unsrer Zeit, innerhalb derer ein Abgedrängtes heraufbegehrt, ein durch Trägheit des Herzens und durch Abfall in die Niederungen des Dnseins vergessenes Gut von neuem vor die Seele hintritt und Einbeziehung in das Totale des Lebens fordert. Sie sind uns Im letzten Mahre oft begegnet, die Männer und Frauen, die plötzlich Heimweh empfanden nach einer Welt, darin die Eltern noch atmeten und vielleicht auch sie selber als Kinder noch wohlumhegt gewesen. Der Gang durch die entseelte Zivilisation hat sie innerlich ausgehöhlt, vom Geheimnis der Dinge losgelöst, vom „Heiligen" auf der Erde weggerissen. Nun stehen sie vor dem Nichts und halten Ausschau nach Gütern, die ihnen das Judesein sinnerfüllt machen könnten. Sie sind aus dem Zustand der Judentumsferne herausgetreten, ihr Wille zur Jüdischen Gemeinschaft ist stark erregt, das Maß an Aufgeschlossenheit erzeugt, das unerläßliche Vorbedingung zur Wiedergewinnung eines vollgültigen jüdischen Lebens ist. Allein es fehlt vielfach an bereitliegendem Eigenbesitz. Der Schatz jüdisch kultureller Substanz, der früher In immer hellem Glänze überliefert wurde, ist, verblaßt, auseinandergefallen: die kümmerlichen Ueberreste sind weithin an den Rand des Bewußtseins gerückt: es fehlt ihnen jede Kraft, den Tag aus der Ebene des Kreatürlichen herauszuheben. In solcher Situation erwacht ganz von selbst der Wunsch, religiöse Bräuche wieder zu üben. Tefilin, Machsor und — zuweilen noch — die Bibel werden hervorgesucht; die Zelcbeji wirken fremdartig und dennoch vertraut. Nichts ist übrig geblieben als eine vage Erinnerung, die nicht hinreicht, die Bücher zu gebrauchen. Man geht am Sabbat in die Synagoge, macht Kiddusch mit und Hubdalah; man erlebt einen Seder abend und empfindet, wie reich das Leben hätte sein können, wenn man nicht achtlos an all diesem religiösen Gut vorbeigegangen wäre- Da die Bereitschaft zur Wiederaufnahme da ist, gibt man sich — auch der Kinder wegen — gern und willig der Führung anhelm. Ist siegediegen, so kann unendlich viel Gutes geschaffen werden. Bemühungen um Erwachsene?'nd nicht selten vergeblich. Das Leben hat seine Form gefunden, es gleitet In der Bahn der Gewohnheit dahin, ohne sonderlich auf neue Reize zu reagieren. Das eigentliche Feld erzieherischer Beeinflussung bleiben die Kinder. Ihre Seele ist noch aufgeschlossen und allen Einwirkungen zugänglich, namentlich aber solchen, die von sinnfälligen Zeichen herrühren und das Nachdenken anregen. Wer Gelegenheit hatte, mit Kindern das Kidduschmachen In der Sukkah zu erleben, wer allsabbatllch zugegen ist, wenn die Kleinen Habdalalikerze und Bessamlmbüchse halten, der weiß, wie aufnahmebereit die Jungens und Mädchen sind, wenn religiöses Brauchtum an sie herantritt. — Viele Jahre hindurch stand die Schuljugend dem sogenannten Religionsunterricht gleichgültig, ja feindselig gegenüber. Die Gründe dieser Haltung sind zu bekannt, als daß es erforderlich wäre, sie hier noch einmal darzulegen. Heute hat sich die Situation grundlegend geändert. Wohl lehnt auch jetzt ein erheblicher Teil der Jugend es ab, m dkrWelt des Religiösen einzutreten. Ein Teil jedoch ist bereit, sich mit Ihr ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie wählt dabei den Weg des Quellenstudiums In der Orlginalsprache. und das bezeugt die gesunde Wendung, die sich hier vollzogen hat. Immerhin gehört nur ein Bruchteil der Jugendlichen In diesen Kreis; die Mehrzahl Ist. sofern sie überhaupt Belehrung sucht, auf Handreichungen angewiesen, die immer nur Notbehelf sein können, auch wenn es sich um wertvolle Arbelten handelt, — Das Buch von S. M ü 11 e r - Heidelberg „Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst" erschien in diesen Wochen in zweiter neubearbeiteter und vermehrter Auflage bei J. Kauffmann in- Frankfurt am Main.*) Der Verfasser hat sich angelegen sein lassen, seinem Werk - einen Charakter zu geben, wie er dem Zeitgeschehen angemessen ist. Es ist nicht der Sinn dieses Aufsatzes, den Inhält des Buches auf seine sachliche Richtigkeit hin zu prüfen; das mag demnächst von einem Fachmann getan werden. Hier sei nur der Gesamteindruck wiedergegeben, den die Lektüre des Müllerschen Buches hinterläßt, wenn sie aus der Gedankenrichtung heraus erfolgt, die eben entwickelt wurde. Müller ist bemüht, die Fülle jüdischer Bräuche und den Aufbau und Inhalt des Gottesdienstes Ubersichtlich darzustellen, so klar, daß auch der Unkundige in der Materie heimisch werden kann. Zu voller Wirkung allerdings werden die Belehrungen erst dann kommen, wenn hinreichend hebräische Kenntnisse vorhanden sind. Die Darlegungen sind durchweg gediegen und in sprachlich einwandfreie Form gekleidet. Der Autor hat sich von apologetischem Kitsch freizuhalten gewußt; vielleicht hätten sich hier und dort einige Wendungen vermeiden lassen, die der Strenge nicht gemäß sind, die dem jüdischen Religionsgesetz eignet. Im übrigen aber ist Müllers Buch ein ausgezeichnetes Hilfsmittel sowohl in der Hand des Lehrers als auch in der des Schülers; es wird aber auch unter den suchenden Erwachsenen viel Freunde finden, weil es sich fern hält von fruchtlosen Spekulationen und in einer mustergültigen Weise in die religiöse Praxis einführt. Siegfried Braun. Wesen und Bedeutung der Riten (Auf dem Buch .Von JfldUchen Brauchen und Jüdischem Oottesdlensf von S. MDller, Heidelberg). Die Lehre Moses, die ein Erbe der Gemeinschaft Israels ist, hat der Menschheit den reinen Monotheismus gegeben. Sie ist als erste mit der erhabenen religiösen Idee von dem e i n - zl gen, Ire II igen Gotte in die Weltgeschichte eingetreten und hat zuerst die Versittlichung des ganzen Lebens feierlich verkündet. Sie zeigt den Menschen als solchen im Ebenbild Gottes geschaffen- (1.-Mos. 1, 26.) In jedem Menschen harrt der göttliche Funke auf Erlösung. Die Lehre Moses soll — um dies mit einem modernen Ausdruck zu bezeichnen — der alles bewegende Motor des Lebens sein. Die Bibel („das Buch der Bücher"), in der sie niedergelegt ist. ist in Ihren Grundgedanken Gemeingut der Kulturwelt geworden. Die Moseslehre stellt an ihre Träger hohe sittlich-religiöse Anforderungen. Sie verlangt die Erfüllung .ihrer erhabenen Ideen. Wenn man aber den Ideen nachleben will, muß man sie Hennen. Und wenn man sie kennt, wie oft werden sie im Drange des Lebens gerade da außer acht gelassen, wo Ihre Betätigung Pflicht des Augenblickes wäre. Darum hat das Judentum in Riten und Liturgie sinnige Erinnerungszeichen geschaffen, die im Ringen nach den höchsten Zielen sittlicher Vollkommenheit uns mahnende Wegweiser und Mittler sein können. Diese herrlichen Ausstrahlungen jüdischer Religiosität und jüdischen Geistes machen die Idee sinnfällige^, lebendiger, persönlicher. Die Erkenntnis ihrer Bedeutung vergeistigt die Zeremonie, vertieft den Gottesgedanken und bewahrt vor Mechanisierung und Erstarrung. Die (n ihrer Bedeutung erkannte Zeremonie erfüllt die Form mit Inhalt, mit eigenem Erlebnisgehalt mit selbstgestaltendeffl Leben. Ste schafft das Bewußtsein fester Verbundenheit mit Gott und wird so zu jener religiösen. Grundgesinnung hinführen, aus der heraus die guten Werke fließen. Mancher jüdischer Brauch, wie die Bemühun- •) Broschiert 2,85 RM, gebunden 4 RM.