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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen · 1934-04-27 · 4 (27.4.1934) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
Volume
6 (1934)
Issue
4 (27.4.1934)
Date
1934-04-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Gemeindeblatt Bremen Nummer 4 liehe Substanz des Judentums, habe, so müssen wir die eigentümliche Entdeckung machen, dall auch Hirsch, dieser entschiedenste Vorkämpfer des rabbinischen Judentums und ' "grimme Feind der Neologie, kein höheres Ideal kennt als das allgemeine im Leben der Menschen sich verwirklichende Ethos. So soll der Benjamin in den Neunzehn Briefen, der, ein Kind der neuen Zeit, zum echten Jisroel-Menschen heranreifen soll, - erkennen, wie gerade durch das jüdische Uesetz nicht nur ein vollgültiges Menschentum erzeugt wird, sondern auch ein solches, das dem modernen Allerweltsideal überlegen ist. ' Es ist also auch hier dasselbe Ziel wie bei den Reformern. Das Religiöse fällt mit dem Ethischen zusammen, wenn auch die Erreichung dieses' Endziels nur auf dem Wege über das jüdische Oesetz und Leben zu erlangen ist. Und auch bezüglich seiner Stellung zur Emanzipation bleibt Hirsch in nichts theoretisch hinter dem radikalsten Liberalismus zurück, denn bei aller unbedingten Gesetzestreue geht Hirsch in seiner ganzen Arbeit für die deutschen Juden darauf aus. den Tatsachen der Emanzipation Rechnung zu tragen. Er glaubt den.Anbruch der neuen Zeit begrüßen zu dürfen, sieht er doch in ihr eine Morgenröte wiedererwachenden Menschentums. Wenn Hirsch aber "der Meinung war, daß mit der Emanzipation sich nur das äußere Schicksal der Juden ändern würde, so befand er sich in einem großen Irrtum. Durch die Einbeziehung der Juden in die allgemeine Gesellschaft mußten sich die innerjüdischen Bindungen lockern. Das Jüdische konnte nicht mehr den ganzen Lebensbezirk ausfüllen, es mußte auf einen kleinen Interessenkreis sich beschränken. ' Wie ganz anders und viel verwurzelter im Judentum steht dem Verfasser der jüdische Gelehrte Luzzatto da, der nichts weniger als orthodox ist, der sich aber gegen jeden Versuch wendet, die überkommene jüdische Lebensanschauung zu erweichen, und weit davon entfernt ist, von einem stetigen Fortschritt des Menschengeschlechts zu schwärmen. Wie gegenwartsnahe mutet es uns an, wenn er in einem Briefe schreibt: „Der Mensch wird nicht besser, er vervollkommnet nicht sich, sondern nur sein technisches Werkzeug und seine materiellen Einrichtungen. Er verfeinert bloß seinen Geist als Instrument des Denkens, nicht aber veredelt er sein Herz, die Kraft seiner Gefühle." Wenn Luzzatto für alle jüdische Erziehung das Hebräische als Vermittlungssprache verlangt, wenn er alle rationalistische Aufklärung ablehnt und das Mittelalter als eine edle Geschichtsperiode preist, wo man keine Reihen-, haftigkeit kannte, wo nicht dem Nutzen geopfert und die Emanzipation nicht zum Gott erhoben wurde, so ergibt sich daraus, wie er Uberall die Eigenständigkeit des. jüdischen Geistes zu retten suchte. Das Grundprinzip, von dem der Verfasser ausgeht, ist der Anspruch der Totalität, den das Judentum erhebt, und von diesem Gesichtspunkt aus beurteilt er alle die Männer, dte im Zeitalter der Emanzipation sich um die Judenheit und jüdische Religion bemüht haben, ob sie nun als Wissenschaftler. Philosophen oder schließlich als Politiker hervorgetreten sind. Die ganze Reihe markanter Persönlichkeiten aus dieser Zeit zieht an uns vorüber, und eine jede wird auf Herz und Nieren geprüft, worin die besondere Note bestand, die sie zu dem behandelten Problem beigetragen haben. Tief eindringende Kenntnis auf jüdischem Gebiete iwd psychologische Vertiefung in die einzelnen Persönlichkeiten, verbunden mit großem allgemeinem theologischen und philosophischen Wissen und sicherer Urteilskraft zeichnen diese Schrift aus. Und wenn wir uns nach ihrem praktischen Ergebnis fragen, so kann sie natürlich kein Allheilmittel uns geben. Unser Schicksal ist es, daß wir immer unterwegs sind, daß immer neue Probleme an uns herantreten, daß wir niemals fertig sind. Doch eines dürfte wiihl als Ergebnis dieser Schrift sfehiierausstellen. daßwir mehr als bisher bei allen das Judentum betreffenden Fragen seinen Totalitätsanspruch in den Vordergrund stellen müssen. Ich stehe nicht an. dieses Buch von Wiener als wegweisend für die Zukunft zu betrachten. Rabbiner Dr. Caro-Köln. Jede» Mitglied unserer Gemeinde muß in die jüdische Sterbekasse „Die Hilfe" eintreten. Der finanziell Schwächere, damit bei Eintritt von Steibefallen wenigstens die Kotten hierfür gedeckt sind, der finanziell Stärkere, weil er damit zugleich indirekt dem Wohlfahrtswerk der Chewra hilft Auskunlt erteilen: Ferdinand Meyer & Co., Bremen. Bremen, 20. Marz 1934. no Kranken AVohltätigkeits-Verein. Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst Qedanken zu S. Müllers Buch Die Juden unserer Zeit und in unserer Umgebung bilden in bezug auf die religiöse Haltung eine sehr ungleichartig geschichtete Menschengruppe. Ein erheblicher Teil ist durch die Schule der modernen Wissenschaft hindurchgegangen, geistig durchaus von der ratio her geformt und hat damit alle Beziehungen zu einer konfessionell gebundenen Religiosität verloren. Die Gültigkeit der grundlegenden Glaubenssätze wird nicht anerkannt und damit auch das gesamte Gefüge des Gesetzes als nicht verbindlich abgelehnt. Wenn in diesen Tagen die Meinung Ausdruck fand, es werde das gewaltige Erlebnis der Schicksalswende eine „Teschuba", eine Umkehr zur Frömmigkeit der Väter herbeiführen., .so war das mehr ein Wtmschtraum^derm Wirklichkeitserkenntnis; bisher wenigstens ist eine derartig tiefgehende Wandlung nicht feststellbar. Ueberzeugungen im Geistigen lassen sich, sofern sie in ernstem Bemühen gewonnen wurden, nicht leichthin wegtilgen, auch nicht durch starke seelischo Erschütterungen; das haben die Ereignisse unsrer Tage evident erwiesen. Und so wird ein Versuch zum Aufruf für neues religiöses Leben nach dieser Seite hin kaum Gehör finden. Es gibt eine weitere Schicht Menschen, in der die religiöse Ueberliefcrung lebendig geblieben Ist trotz aller Versuchungen, die der Geist der Zeit an sie herangetragen hat, mag immer auch die Fülle dessen, worin Religiosität Ausdruck sucht, im einzelnen ungleich sein. Zwischen einem jüdischen Hause, in dem der gestrenge Schulchan aruch Richtschnur des Lebens ist und dem Heim, darin religiöses Brauchtum ausgewählt wird, ist eine weite Spanne; und dennoch verspürt der dort Weilende unmittelbar und eindrucksvoll in beiden jene anheimelnde Atmosphäre, die vor 150 Jahren noch in klassischer Wohltempcriertheit in allen jüdischen Häusern beheimatet war und deren Zauber ein Heinrich Heine meint, wenn er im „Rabbi von Bacherach" sinniert: „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll i«t der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton. womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend, und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen." Ist auch der Anruf ui diese Schicht hinein nicht vonnoten. so ifoclt oft die Belehrung. Fortgesetzt gleichförmige Uebung läßt häufig den religiösen Brauch zu einem öden Mechanismus werden, aus dem kein Sinngehalt hervorleuchtet, und der deshalb wertlos ist, es sei denn, daß man der Uebung schlechthin eine in ihr beschlossene Bedeutung zumesse. Zwar ist es ein Eigenes um die Aufspürung des Sinngehaltes. Es gibt

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