Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen
- Volume
- 6 (1934)
- Issue
- 4 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Augenblick dient, sorgt sie für die Zukunft, vor allem der Jugend, deren Erziehung ihr besonders am Herzen liegt und für die sie mit dem Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände eng zusammenarbeitet. Die Auswanderung betrachtet sie als einen in gewissem Umfang notwendigen und wichtigen Ausweg, aber nicht als den Weg. Ihr Ziel ist kräftiges und würdiges jüdisches Leben auf deutschem Boden innerhalb des deutschen Staates. Sie will — und sie kann nur — Qesamt Vertretung der deutschen Juden sein. Ideologische Auseinandersetzungen sind nicht ihre Sache. Nicht die Unterschiede innerhalb der deutschen Judenheit gilt es für sie zu betonen, sondern ihre Einheit. Die verdienstvollen jüdischen Organisationen mit Ihren Verschiedenheiten nach Qesinnung und Zweckbestimmung sollen bestehen bleiben, aber sie sollen sich einordnen in die Reichsvertretung zur gemeinschaftlichen Arbeit, in der jede ihren Platz findet Die Führung hat die Reichsvertretung. Sie fordert Vertrauen, sie verlangt Solidarität. Dr. Otto Hirsch. Ch. N. Bialik Aber den Bibelunterricht Referat nach einem Vortrag, gehalten In einer Lehrtrversammlong In Tel-Avlv. Aua der Zeitschrift .Hed hachlnach'. Verdeuticht: Asalay Die Bibel Ist meines Erachtens ein Buch, das zu allen Zeiten und für jeden Menschen Oeltung hat, jeder Vergleich mit anderen literarischen Werken versagt. Ihre Erzählungen sind Israels Lebensbuch. Sie ist daher der Mittelpunkt des Lehrprogramms in den Schulen und wird das Fundament einer jeden jüdischen Erziehung für alle Zeiten sein. Es gibt keinen Abschluß ihres Studiums, keine endgültige Erledigung ihrer Lektüre, man greift vielmehr zu ihr immer wieder während seines ganzen Lebens. Häufig sind Absolventen mittlerer Schulen anzutreffen, die in der Bibel kaum Bescheid wissen, weil sie sie während der Schulzeit mit der Ausrede mieden, mit anderem Lehrstoff zu sehr überlastet zu sein. Verzweifeln könnte man, wenn man sieht, wie wenig selbst Lehrer es begreifen, dafly wenn ein Jude auch noch iö ' viel Sprachen beherrscht und noch so viel Gelehrsamkeit besitzt, die Thora aber nicht kennt, er doch ein Am-haarez, ein Ungebildeter bleibt. Ohne Thora fehlt ihm der Qrund, auf dem die jüdische Bildung ruht und von dem der jüdische Qeist lebt. Es Ist eine Eigentümlichkeit der Bibel, daß sie erst jeweils durch den Menschen und In ihm Bedeutung erwirbt. Studium und Kenntnis der Bibel ist der geistige Maßstab des Juden. Ihre Beherrschung vertieft und bereichert seine Bildung. Daher muß die Bibel das Maß der geistigen Entwicklung des Juden werden. Ihre Gedankenwelt Ist nicht örtlich begrenzt. Sie, die Geschlechter aufgenommen hat, stellt eine Sammlung aller, geistigen Potenzen dar, ihr Inhalt umspannt das geistige Vermögen aller Geschlechter. Nicht ein Buch schlechthin ist die Bibel, keine Literatur, sondern Wirklichkeit neben Wirklichkeit. Nehmen wir.als Beispiel Psalm 19: „Der Himmel verkündet die Ehre Gottes . . .",. hier gehen Natur und Thora nebeneinander her, neben der einen Wirklichkeit, der Natur, die zweite, höhere Wirklichkeit: Die Thora. Doch eine noch höhere Wirklichkeit soll In die Seele des Kindes verpflanzt werden: Der Ewigkeitsbegriff, für den wir keinen anderen Namen haben als: Gott. Dieses Gefühl muß schon von klein auf im Herzen des Kindes wachsen. Möge man die Bibel so oder anders auslegen, möge man sie kritisch oder naiv lesen, fühlt man, daß dieses Buch den Lebensinhalt des Judentums darstellt, das Wesen Israels in sich faßt, den Stolz des Volkes bedeutet, dann gebe man dies an das Kind wieder, dann teile man es ihm mit, dann bemühe man sich nicht um rationalistische Deutungen! Nur keine Weisheiten suchen, Hebt dem Kinde die Thora In ihrer Einfachheit, so wie sie einst vom Sinai herab dem jüdischen Völke gegeben, wurde! ... Max Wieners: «Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation"*) Wenn irgendeiner, so macht Wiener uns klar, daß erst In der Epoche, ki der man uns die Gleichberechtigung gab, in der der demokratische Gedanke das Recht des einzelnen statuierte und auflösend auf alte Bindungen, ob sie nationaler, religiöser oder sonstiger Art waren, wirkte, das Problem jüdische Religion auftrat. Vordem kannte man es nicht. Vordem gab es mir die jüdische Einheitskultur, das jüdische Lebensgesetz, dem alles sich einfügte, dem keiner sich entzog, und mochte selbst ein Maimonides auf wissenschaftlichem Gebiete sich als Jude mit dem philosophischen Denken seiner Zeit auseinandersetzen und.Ihm Konzessionen machen, den Totalitätsanspruch des jüdischen Gesetzes auf alle Beziehungen des Lebens hat er auch nicht einen Augenblick in Frage zu stellen versucht. Das wurde aber mit einem Schlage anders, als gleichsam über Nacht die deutsche Judenheit aus dem Zustande mittelalterlicher Gebundenheit in eine bürgerliche und kulturelle Gemeinschaft mit dem deutschen Volke versetzt worden war, als ein vollständiger Wandel in ihrer sozialen Lage, in ihrer Stellung zur Umgebung eintrat Da erhob sich mit Notwendigkeit die Frage, ob man noch an der alten Einheit des Lebens festhalten oder aufeinen größeren oder geringeren Teil des im jüdischen Sein verankerten Lebensstiles verzichten wolle. Es ist kein Zweifel, daß die Emanzipation, so sehr sie auf der einen Seite zu begrüßen war, auf der anderen Seite eine Schwächung des Judentums herbeiführte. Aber für Wiener ist der Einfluß der Emanzipation auf die religiöse Haltung der Juden nur der Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Darlegungen. Von hier aus erhebt er sich zu der wichtigen Frage, ob die Versuche, die innerhalb dieser Zeit gemacht worden sind, um dem Judentum feinen neuen Ideen- und Lebensgehalt zu geben, als gelungen zu bezeichnen sind oder nicht. Damit erhält das Buch eine besonders aktuelle Bedeutung, denn heute, wo wir am Abschluß der Emanzipationsepoche stehen und überschauen, was sie uns gebracht hat rnehrep sich Immer m»hr iti» Stimmen, die ein« kritische-Stellung zu ihr einnehmen, well sie das Judentum aus seinem festen Untergrunde herausriß und immer mehr nach christlichem Vorbilde konfessionalisierte, während der einzelne Jude aus der Gleichberechtigung seinen Vorteil zog. Und wenn auch der Autor betont, daß dieses Buch bereits abgeschlossen war, als die neue nationalsozialistische Aera In Erscheinung trat, so verliert es dadurch nichts an Aktualität, sondern gewinnt nur an Innerer Objektivität, weil es nicht unter dem Einflüsse irgendwelcher äußerer Geschehnisse geschrieben Ist. Und welches Ist nun das Resultat zu dem Wiener gelangt? Das Ergebnis ist keineswegs ermutigend, denn das Entscheidende bei der Reform des Judentums war 'doch dieses, ein neues Verhältnis zu dem Religionsgesetz, eine neue Wertung für dieses zu finden. Das ist aber nicht gelungen. Wenn wir von einigen Ansätzen absehen, die wir in den Briefen des Jungen Gelger an seinen Freund Dernburg finden, so hat die Reform niemals klar Ihre Forderungen zu formulieren vermocht, es fehlte ihr an einem eindeutigen Prinzip, und darum erschienen auch die Einzelmaßnahmen, die getroffen wurden, so unsystematisch und unbegründet. Immer erhalten wir dasselbe unerfreuliche Bild, ob wir an die got- •) Phllo-Verlag, Berlin, 1933. Zeitsthriften Zeitungen T IfranftenftOMC äußerst günstig. ISiSf Ferdinand JITeyer 4 €©. »—■«na. SeinwdafT 9 ftMMttaMa TT 9 33