Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 2 (14.1.1938)
- Date
- 1938-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 14. Januar 1938 / Nr. 2 naturgegebene Weiterführung des Pcntatcuchs und vermittelt dem „Lernenden" den Geisteszug der Mischnahlehrer, die das große Gebiet der mündlichen Überlieferungen hier zusammengetragen haben, um so das Gesetzeswerk des jüdischen Volkes zu schaffen, das über den Talmud zum Schulchan Aruch führte. Das Pflichtenleben und die Sittenlehre des Judentums erfahren erst im Mischnahunterricht die quellenmäßige Belegung und Vertiefung, auch der hohe Wert der Darstellungsart bringt dem Schüler eine ungeahnte Welt jüdischer Geisteskultur nahe, heute noch lebendig wie ehedem. Professor Dr R i c h a rd - Leipzig führte aus seiner Lehrerfahrung richtunggebende Beispiele für lebensvolle Gestaltung des biologischen Unterrichts vor, in dem den Schülern nicht nur ein naturkundliches Wissen nach dem gegenwärtigen Forschungsstand, sondern in erster Linie eine klare, beobachtende Erkenntnis von dem vielförmigen Leben der Umwelt vermittelt werden soll, aus denen dann die Seele und Gemüt entspringende Liebe zu Tier und Pflanze als Bereicherung des menschlichen Lebens selbst folgen. Buch und Bild und, von ihnen niemals erreicht, die Wirklichkeit müssen dem Schüler geboten werden, seine eigene Arbeit am Mikroskop, am Aquarium und Terrarium, an selbstgefertigten Modellen, wie sie der Redner vorzeigen konnte, bildet das praktische Lehrziel des Unterrichts. Auch die kleine Schule kann hier vieles leisten und Versäumtes nachholen und so dem jüdischen Kind einen reichen Schatz von Lebensfreude für immer mitgeben. Dieses Unterrichtsziel steht im Einklang mit dem hohen Verpflichtungsinhalt des jüdischen Gesetzes, das dem jüdischen Menschen Liebe und Sorge um Tier und Pflanze als Weiterführung sittlicher Waltung auf Erden zuweist. Studienassessor Dr. J oe I - Leipzig gab ein fachlich durchdachtes Bild von der Durchnahme erdkundlicher Stoffe im allgemeinen und des Landes Palästina im besonderen. Überall können Vergleiche und Hinweise von dem dem Schüler näherliegenden Erdgebiet auf Palästina gegeben werden, um sich dann bei Behandlung der Mittelmeerländer und Vorderasiens zur strengeren Zusammenfassung auf Palästina zu verdichten. Auch der geopolitische Grundzug der heutigen Erdkunde kann für Palästina im Geschichtsunterricht oder f:':r sich fruchtbar gemacht werden. Das Land um den Jordan, gleichsam „eine Oase mit ihrer Doppelküste des Mittelmeers und der arabischen Wüste,') rückt damit aus dem gewohnten Bild in die Sphäre gegründeten Wissens um seine Bodenform, Bodenart, sein Klima, die Vegetation, Wirtschaftsform und das Volkstum. Zwei innerlich zusammengehörige Tagungsinhalte: Unterricht im Deutschen und in der Geschichte (Direktor Dr. Elias- Frankfurt a. M. und Studienrätin H e r r m a n n - Leipzig) rollten eine große Zahl von Fragen auf, die den jüdischen Lehrer aller Fachgebiete angehen. Es ist innerhalb eines Berichts unmöglich, die Vielzahl der Gegenstände zu berühren, die sich hier dem verantwortungsbewußten jüdischen Jugendbildner darbieten. Aber es war mehr als ein Hauch dieser lösbaren Unlerriehtsproblematik zu spüren, als die Redner den Wert des Unterrichts im Deutschen in allen seinen Formen und Stufen darstellten, beginnend mit dem freien Erlebnisstoff des ersten Jahrgangs bis zur Durchnahme literarischer Stücke, die wiederum zu einer schöpferischen Analyse allgemein menschlicher, und jüdischer Themen führt. Reizvoll war ein Querschnitt durch vier dramatische Meisterwerke deutscher Sprache, der die verschiedenartige Darstellung des jüdischen Menschen zeigt und jedesmal eine charakteristische Note trägt. Die Durchdringung des deutschen Unterrichts mit jüdischen Elementen ist eine Angelegenheit, die mit literarischem Geschmack und psychologischem Gefühl gefaßt werden muß, um die Verbindung von 'Äußerlichkeiten freizuhalten und sie zu einer Vertiefung des deutschen Sprachgutes innerhalb des jüdischen Wesens unserer jungen Menschen werden zu lassen. Gebührende Anerkennung fanden hierbei die Bestrebungen der Reichsvertretung zur Förderung des deutschen Unterrichts an jüdischen Schulen, die Veröffentlichungen des Verlags Schocken und anderer jüdischen Verlage in Deutschland. Der Stellung des Iwrith im Betrieb der jüdischen Schulen dienten zwei Arbeitsgemeinschaften (J a ko bs o h n - Berlin), in denen unter ausschließlicher Verwendung des Iwrith Stoffe aus dem The- Rechtsanwalt Dr. Conrad Goldschmidt 50 Jahre. Zu einer herzlichen Vertrauenskundgebung gestaltete sich die Feier des 50. Geburtstages, den Rechtsanwalt Dr. Conrad Goldschmidt am 10, Januar beging. Vorstand und Verordnete der Gemeinde, wie Vertreter verschiedenster üemeindeeinrichtungen und ein großer Kreis persönlicher Freunde nahmen gerne diesen Tag zum Anlaß, um Zeugnis für die Schätzung abzulegen, deren sich Dr. Goldschmidt durch seine im Dienste der Gemeinde geleistete mannigfaltige Arbeit erfreut. Dem Beispiele seines um das Wohlfahrtswesen wie um die gottesdienstlichen Angelegenheiten der Gemeinde hochverdienten und unvergessenen Vaters Louis Kallmann Goldschmidt folgend, hat der Sohn frühzeitig Kraft und Zeit den gemeinnützigen Aufgaben der Juden Leipzigs zugewandt, obwohl eine ausgedehnte berufliche Tätigkeit ihn stark in Anspruch nehmen; mußte. Seit 1921 gehört er der Gemeindevertretung als Mitglied der liberalen Fraktion an, die ihn dann wegen seiner reichen Kenntnisse und seiner Umsicht an ihre Spitze berief. Seit 1934 gehört Dr. Con- Sich freuen and helfen! Die Überschrift sagt Ihnen, daß Sie sich einige vergnügte Stunden verschaffen und uns gleichzeitig unterstützen können. Unsere Helfer führen bei der Pfundsammlung am 16. Januar Bestellzettel für Karten bei sich, die zum Vorverkaufspreis abgegeben werden. Wir bitten Sie, recht ausgiebig davon Gebrauch zu machen. Jüdische Winterhilfe. nach schulgerecht dargeboten wurden. Voraussetzung ist, daß der Lehrer selbst über die nötige Sprachgewandtheit verfüg!, die Quellen unseres Schrifttums und die Erklärer kennt und im Vorunterricht die Schüler bereits so weit gebracht hat, daß sie die erklärenden .writhworte neben dem Text verstehen. Eine solche Thenachbchandlung ist ein Leistungsziel, dem die ihm gebührende Achtung und der Raum zu geben sind, um jüdischen Kulturboden in der Schule zu bereiten. Im Rahmen der Verhandlungen stand schließlich noch ein Vortrag über Berufsberatung und Berufsvorbereitung der schulentlassenen Jugend (Frau L ev y - Z o b e 1 - Berlin). Die in der sozialen Arbeit stehende Rednerin entwickelte die ürundzüge dieses Zweigs der umfassenden sozialen Tätigkeit, die heute die jüdischen Gemeinden leisten, und legte das Hauptgewicht darauf, den Lehrern und Angehörigen der sozialen Ämter praktische Hinweise zu geben, wie sie ihren Schulentlassenen beratend und helfend zur Seite stehen können, wenn sie sich zur Wahl des Berufs und zumeist auch eines neuen Berufsorts anschicken. Vorbildliche Einrichtungen (Beratungsstellen, Vorlehren, Bildungskurse) in den größeren Städten stehen bereits seit Jahren zur Verfügung, viel Mühe und Geld werden diesem Werk geopfert, um der jüdischen Jugend wenigstens von der Heimat aus, die sie verlassen, den Weg ins neue Leben zu ebnen. Die vielen Einzelheiten, die damit zusammenhängen, können hier nicht angeführt werden; aber es ist, wie Dir. Alterthum als Leiter des Sozialamts der israelitischen Gemeinde zu Leipzig sagte, von den Juden in Deutschland auch auf diesem Gebiet Großes und Geschichtliches geleistet worden. Unsere Jugend kann sich allen diesen Stellen anvertrauen. Steinhardt-Dresden behandelte die Stellung des Lehrers in der kleinen Gemeinde, zeigte die vielfältigen Aufgaben und Pflichten auf fast allen Gebieten des jüdischen Lebens, die ihm heute in einer früher nicht bestandenen Dringlichkeit obliegen. Erschwert wird ihm oft die Aufgabe durch die eigene Sorge, der zu steuern eine Ehrenpflicht der jüdischen Gemeinschaft ist. Nach den Vorträgen entwickelten sich Aussprachen, die noch wertvolle Erfahrungen und Gedanken brachten und das allseitige Ringen um den neuen Schulinhalt zeigten. Der Verein der israelitischen Lehrer Mitteldeutschlands verband mit der Tagung seinen eigenen Jahrestag. Der von der Gemeinde Leipzig und der Leipziger Schule gebotene Begrüßungsabend vereinigte die Teilnehmer zu einer angeregten Unterhaltung, wozu künstlerische Darbietungen aus dem Kreise der Lehrer und Schüler beitrugen. Als Vertreter der Gemeinde und des Schulvorstandes richtete Dr. Braude herzliche Worte der Begrüßung an die Tagung und betonte, daß ihn der aus dem Fortbildungsstreben der Lehrer erkennbare Eifer, der über die Not des Tages hinweggeht, besonders erfreue und vorbildlich für alle Kreise erscheine. Er wünschte der Versammlung einen ersprießlichen Verlauf. Der vom Vorsitzenden (Steinhardt-Dresden) und dem Kassierer (Heilbrunner-Arnstadt) gegebene Bericht zeigte, daß die engeren und weiteren Vereinigungen auch in den vergangenen Jahren ihre Aufgabe erfüllt haben, den Stand der Schule und ihrer Lehrer zu bewahren und Kulturarbeit innerhalb des Judentums in Deutschland zu leisten. Nach vollzogener Neuwahl (Schäler-Dresden Vorsitzender, Steinhardt Ehrenvorsitzender) wurde dem durch Zugang einer großen Zahl von Lehrern aus Leipzig verstärkten Verein die Richtung für das kommende Jahr gegeben, treu den Überlieferungen seit mehr als zwei Menschenaltern die Aufgaben der Gegenwart mit voller Hingabe anzugreifen. —hn. rad Goldschmidt dem Gemeindevorstand an und entfaltet auch in ihm eine bedeutungsvolle Tätigkeit. Unter den in enger Anlehnung an die Gemeinde unterhaltenen Einrichtungen gehört sein besonderes Interesse dem jüdischen Schulwesen; als Mitglied des Schulvereins- Vorstandes hat er den Aufbau unserer Schulen wesentlich gefördert und verfolgt deren Entwicklung mit seinem klugen Rate. Nicht minder verbunden ist Dr. Goldschmidt mit dem Israelitischen Krankenhaus (Eitingon-Stiftung) von dessen Entstehung an. Auch dieses, gerade in den letzten Jahren von allen Kreisen der Gemeinde rückhaltlos anerkannt, zählt ihn mit Stolz zu den Mitgliedern seines Vorstandes. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland hat ihm die Neuorganisation seiner Arbeit in Leipzig übertragen; erst seitdem Dr. Goldschmidt sich an die Spitze dieser Arbeit in Leipzig gestellt hat, war es möglich, die für Mitteldeutschland tätige Beratungsstelle des Hilfsvereins in Leipzig einzurichten und damit eine zuständige Stelle für die Beratung bei der Überseewanderung /u schaffen. Neben seiner Einsatzbereitschaft für diese und andere soziale Aufgaben widmete er sich auch den kulturellen Bestrebungen innerhalb unserer Gemeinde. Als den vom Herbst 1933 bis Anfang 1935 durch