Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 1 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 7. Januar 1938 / Nr. 1 Sorge für die Ki-nder in unserer Gemeinde, zu deren Wohl allein fast 25o/o der durch das Wohlfahrtsamt verwalteten Mitte! ausgegeben werden. Erholungsaufenthalte, Milchkolonien und nachgehende fürsorgerische Betreuung sind es, die das Wohlfahrtsamt in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Kindergarten und dein Jüdischen Kinderheim und im engen Kontakt mit der Jüdischen Schule einrichtet und durchführt, um wenigstens schlimmste Nöte der heranwachsenden Generation zu lindem. Daß daneben das Problem der Betreuung der Alten, deren Kinder zwar ausgewandert, aber nicht in der Lage sind, die Eltern zu unterstützen oder zu sich zu berufen, von Tag zu Tag brennender wird, wurde bereits im vorigen Jahr erwähnt. Ein ganz besonders schwieriges Problem erwartet aber die Wohlfahrtsarbeit im kommenden Jahr, wenn nämlich nach Aufhebung der M i e t z i 11 s s t e u e r die Wo h n u 11 g s m i e t e n, die durch den Erlaß dieser Steuer niedrig gehalten werden konnten, sieh in voller Hohe auch gegenüber den hilfsbedürftigen Menschen unserer Gemeinde auswirken. Daß mit dieser Aufzählung nur Stichproben der Arbeit des Wohlfahrtsamtes gegeben sind, bedarf wohl Keiner weiteren Erwähnung. Die harte Einschränkung der Palästina Wanderung, die der Peel-Bericht bei aller Anerkennung und Hochschätzung der jüdischen Leistung in Erez Israel zur schlimmen Folge gehabt hat, wirkt sich auch bis in unsere (iemeinde hinein aus. Das Sozialamt hatte im vergangene:: Jahr nur bl Menschen zu betreuen, die zur Aliiah kamen, während lJ7 mit Hilfe des Sozialamtes in außerpalästinensische, vor allem nach überseeischen Ländern auswanderten. Wenn man bedenkt, daß die I ahrtkosten für alle diese Menschen zwischen Sozialamt und Palästiiiaamt bzw. Ililfsverein der Juden in Deutschland geteilt und daß die sonstigen Ausvvanderungskosten zum größten Teil aus (iemeiiulemitteln bestritten werden müssen, so zeigt sich, welche große Leistung au Mühe und Geld das Sozialamt erbringen muß, um diese Aufgabe zu bewältigen. Daneben steht aber noch der große Komplex der Ausbildungsieh r g ä n g e für E e i u m e c h a 11 i k e r, Sch 1 o s s e r, Tischler und Gärtner und die in diesem Jahre ins Leben gerufene Haus ha Itungsschule, deren Ausgestaltung, Betreuung und Finanzierung gleichfalls Aufgabe des Sozialamtes ist und die insgesamt 50 jungen Leuten unserer (iemeinde die fachliche und jüdische Vorbildung geben, die sie befähigen soll, außerhalb Deutsehlands in ungewohnter Umgebung und im neuen Lande Euß zu fassen, eine Existenz zu gründen und der jüdischen Gemeinschaft nicht verlorenzugehen. Daß sich Sozialamt und Wohlfahrtsamt auch der verant- 1 wortungsschweren und oft eine schlimme Nervenprobe darstellenden Beratung und Unterstützung solcher Menschen unterziehen, die in der heutigen Zeit schwer um ihre Existenz zu ringen haben, ist wohl so bekannt, daß es nicht ausführlich geschildert ZU werden braucht. Es mag genügen, daß außer den vom Wohlfahrtsamt betreuten Menschen im vergangenen Jahre allein rund 7(M) vom Sozialamt beraten und gefördert wurden. Der Überblick über Bildungsarbeit und soziale Arbeit in unserer (iemeinde zeigt, daß immer wieder als vordringliche Aufgabe die Arbeit an der Jugend und für die Jugend als der Zukunft "er jüdischen Gemeinschaft aufgefaßt wird. Die Gemeinde ist sich 'darüber klar, daß bei größeren Mitteln noch viel mehr für die Jugend geleistet werden könnte. Im Kähmen des Möglichen wird aber alles getan, was in den Kräften der Gemeinde und ihrer Mitarbeiter steht, wenn man bedenkt, daß außer Bildungs- und Sozialarbeit auch das Felix-Gold mann -Heim als Jugendheim für sämtliche Jugendbünde von der Gemeinde erhalten wird. Eine wichtige Ergänzung der sozialen Arbeit bildet das Werk der Jüdischen Winterhilfe, das in diesem Winter 1700 Menschen betreut und fast den gleichen Betrag wie d» r Haushalt des Wohlfahrtsamtes als zusätzliche Zuwendungen den Be reuten zuführt. Eine tief bedauerliche Tatsache ist aber am dem Gebiete der sozialen Aufgabe unserer (iemeinde in diesem Jahre festzustellen und das ist das merkliche Nachlassen der Spenden- und Oebef reudigkeit unserer Gemeindemitglieder. Sowohl die für die Sozialarbeit lebenswichtige Aktion für Hilfe und Aufbau als auch die Spenden für die jüdische Winter hilf.' sind in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahre merklich zurückgegan/cn, und es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß das soziale Werk der (iemeinde auch nur in der Form, in der es"jetzt besteht und die hier kurz skizziert ist, nicht fortgeführt werden kann, venn die private Opferwilligkeit jedes einzelnen Geincindemitgi edes nicht aufs äußerste angespannt wird. Es ist der Gerne.'ide einfach unmöglich, aus Mitteln der schon sehr Schwei lastenden Ucmeiudesleuer den Betrag für die sozialen Aufgaben zur Verfügung .11 stellen, der nötig wäre, um ein weiteres Absinken der freiwillige.\ Spenden auszugleichen. Daß neben den in den letzten Jahren durch die Zeitverhältnisse zum vollkommenen Neuaufbau und Ausbau getriebenen Aufgabengebieten des Bildungswerkes und des sozialen Werkes auch die althergebrachten Auf tt a ben der G e m e i n d e, die im engsten Sinne den Namen „Religionsgemeinde" rechtfertigen, in althergebrachter Weise fortgeführt werden, ist eine Selbstverständlichkeit. Es kann mit Befriedigung festgestellt werden, daß auch auf dem religiösen Gebiet die (iemeinde Leipzig ihrem Charakter als einer E i n h e i tsge in e i n d e Ehre macht, einer Einheitsgemeinde, die bei aller Einheitlichkeit jüdischen Schicksals und jüdischer Aufgaben die Verschiedenartigkeil der Auffassungen vom Judentum respektiert. Das Jahr 1937 war ein schweres Jahr für die jüdische (iemeinde in Leipzig und ihre Verwaltung. Die Verwaltung der Gemeinde hat sich der Aufgabe unterzogen, unter Einsparung von Arbeitsplätzen und unter Streichung von 15 "0 des Vorjahresaufwandes ihre Arbeit in gleicher und vielleicht auch noch in erschwerter Weise zu leisten. Wenn mau bedenkt, daß noch vor 10 Jahren ein I inanzbedarf von rund 800000 RM. durch eine Gemeindesteuer von 11 O/o der Einkommensteuer gedeckt wurde und daß wir heute froh sind, daß ein I iuanzbedarf von UM. 380000 bei einem Steuersatz von 'i3,/3ü/o befriedigt wird, so zeigt sich schlaglichtartig die ganze Schwere der Lage der Gemeinde und die Schwierigkeit, die immer größer werdenden selbstverständlichen Pflichten der Gemeinde zu erfüllen. Die Gemeinde will und wird auch in Zukunft ihre Pflicht gegenüber den Juden, die ihr angehören, erfüllen, soweit es nur irgend in ihrer Macht und in den Kräften der Menschen steht, die ihr dienen. Die Gemeinde muß aber auch ihrerseits von allen ihren Mitgliedern die gleiche Pflichterfüllung, die gleiche Opferwilligkeit und das gleiche Verantwortungsbewußtsein fordern. Nur wenn sich jeder dessen bewußt ist, daß die Gemeinde eine wahre Gemeinschaft ist, der sich zu entziehen jüdischer Solidarität und einfachstem Ehrgefühl widerspricht, kann das schwierige Werk fortgeführt werden, von dessen Bestand die Existenz von Tausend e 11 von J u d e 11 in dieser Stadt unmittelbar abhängt. Und nur wenn dieses Gemeinschaftsgefühl immer weiter wie bisher und in verstärktem Masse in die Tat umgesetzt wird, reihen wir uns würdig in die endlose Kette jüdischen Schicksals und jüdischer Geschichte ein, die durch die beiden Beschlüsse der Achtung vor der Vergangenheit und des Opfers für die Zukunft symbolisiert ist. Fünf Jahre „Hil Mit Ablauf des Jahres 1937 ging das fünfte Kalenderjahr der von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland durch den Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau geleisteten Arbeit zu Ende. Aus diesem Anlaß gibt die Reichsvertretung in einer Broschüre „5 Jahre Hilfe und Aufbau" der jüdischen Öffentlichkeit in bewußt knapper Form eine Übersicht über das in diesen Jahren Geleistete. In filmartig zusammengestellten Bildern zeigt sie Ausschnitte aus ihrer Gesanitplanung und Durchführung konstruktiver und produktiver Hilfe für die Juden in Deutschland auf den von ihr in Angriff genommenen Arbeitsgebieten: Wanderung. Berufsumschichtung, Schul- und Erziehungswesen. Wirtschaftshilfe, Wohlfahrtspflege. RM. 4 500000. sind in dieser Zeit insgesamt für Wanderung aufgewendet worden. Etwa 70000 Menschen konnte dadurch zur Niederlassung im Ausland (Palästina, Übersee, Europa) verholten werden. Mit einem Aufwand von RM. 3000000, wurden bisher 15000 Menschen handarbeiteuden Berufen zugeführt. Es bestehen zurzeit 05 Arbeits- und Ausbildungsstätten mit insgesamt 2100 Plätzen. Zur Förderung und Erhaltung von 170 jüdischen Schulen mit etwa 1300 jüdischen Lehrkräften und über 23000 jüdischen Schülern wurden durch „Hilfe und Aufbau1' RM. 2750000,— aufgewendet und damit dem Nachwuchs eine mit jüdischer Oberlieferung und jüdischer (legenwart verbundene, auf die besonderen Erfordernisse des späteren Lebens zugeschnittene Bildung vermittelt. * und Aufbau". Auf dem Gebiet der Wirtschaftshilfe wurden Kredite für den jüdischen Mittelstand, Studien- und Erzichungstransfer, allgemeine Wirtschaftshilfe durch Beratung, Hilfsmaßnahmen für besondere Berufsgruppen (Künstler, Akademiker) vermittelt und dafür fast RM. 1000000, verausgabt. Weitere RM. 1 (50000, fanden Verwendung für allgemeine Unterstützung von Wohlfahrtsempfängern, sowie Subventionierung der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungeii (Altersheime, Kraukenhäuse.-, Blinden- und Taubstummenanstalten usw.), Gesundheitsfürsorge, Jugendfürsorge, Unterbringung von jüdischen Kindern im Ausland. Zahlreiche Wohlfahrteeinrichtungen konnten erhalten, neue errichtet werden. So sind beispielsweise ZU 2000 Plätzen in jüdischen Altersheimen im Jahre 1933 bis heute 1100 neue Plätze hinzugekommen. Diese außerordentlichen Leistungen hätte „Hilfe und Aufbau" ohne die weitgehende Unterstützung der großen jüdischen Hill- Organisationen des Auslandes nicht durchführen können. Dem Opf< mut unserer jüdischen Brüder im Auslände entsprach auch eine gleiche Opferbereitschaft der Juden im Inlande, die durch regelmäßige Beitragsleistungen der jüdischen Gemeinden und Landesverbände an die Reichsvertretung, durch Beteiligung breitester Kreise an der .,Blauen Karte", sowie vor allem durch Zeichnung angemessener, freiwilliger Jahresspcuden gelegentlich großer öffentlicher Sanunhuigsaktioncn die zusätzlich erforderlichen Mittel aufbrachten. Voranzeige: Sonntag, 16. Januar 1938. Pfundsammlung!