Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 48 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 29. November der alleinstehend kämpfende Titane ist, verklärt sich tragisch seine Niederlage. Der Jude ist der mit Gott ewig verbundene Mensch, und ileshalb nennt er sein Best eben-können Segen und sein Versagen Schuld. „Nur euch habe ich erwählt von allen Geschlechter;; der Erde, darum suche ich heim an euch all •■ur'1 Schuld." (Arnos ) 2.) Durch den Abfall Abfall ist immer Abfall von (iott verlieren wir in der Diaspora Menschen unserer Gemeinschaft. Das d.hf durch nichts verhüllt werden. Wohl aber hat im ribbilüschen Judentum die Vorsorgende Frage, ob ein Land oder eine Stadt jüdischer Existenz Lebensmöglichkeit biete, ihren festen Platz gehabt. Wo darf ein Jude als Jude nicht wohnen? Hier sei nur die Forderung, die die für den Gottesdienst vorgeschriebene Anzahl von Glaubensgenossen betrifft, genannt, um ZU /eigen, daß diese Frage nicht materialistisch-ökonomisch und nicht individualistisch gemeint ist. Auch das moderne Judentum mufi sich mit der bisher gar nicht beachteten Frage nach der Grenze der jüdischen Diasporafähigkeif beschäftigen. „An jedem Orte, au dem ich meinen Nanvn anrufen lasse, will ich zu dir kommen und dich segnen" (Exod. 20, 24). Das ist eine religiöse Einsicht, die jeder Jude besitzt, aber sie verlangt nach der soziologischen Ergänzung, welcher geschichtliche Raum für jüdische Diaspora Heimstätte sein kann und welcher nicht. W enn die Gnade Gottes Frieden gewährt, ist jahrhundertelang die Wanderschaft nur eine weihevolle Erinnerung aus der Zeit der Väter. Oft aber gehören der Glaube und der Wanderstab zusammen. Dann kommt die Stunde, in der der Gott des zweiten Gebotet uns gegenübertritt und fordert, keine (iötter zu haben neben ihm. Dann heißt es die schönen Bilder der liebgewordenen Berge und Täler, die vertrauten Klänge der seit Jahrhunderten gesprochenen Sprache und Lieder aus dem Herzen schneiden und Heimat aufgeben. Jeder Raum wird sichtbar durch seine Grenze. Wird der Raum der jüdischen I )iaspora deutlich gemacht, so sehen wir auch, wie JÜ O u d isch e uden Chanukka-Aktion. Die Pfundsanimlung des letzten Sonntags hat uns wieder gezeigt, daß der größte Teil unserer Gemeindemitglieder Verständnis für die Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft hat um! in seiner Opferfreudigkeit nicht nachläßt. Leidet können wir nur sagen, der größte Teil. Es gibt immer noch Leute, die das eigene ich vor das W ohl der Gemeinschaft stellen. Wir wollen uns heute mit diesen nicht beschäftigen; wenn es aber notwendig ist, werden wir uns nicht scheuen, dies zur gegebenen Zeit in geeigneter Form zu tun. Diejenigen, die uns unterstutzen, haben ein Recht ztt fragen: Was tut die Jüdische Winterhilfe? Was leistet sie? Wir glauben sagen zu können, daß trotz der späten Stunde, in der wir erst ins Leben gerufen wurden, wir heute so weit sind, da Ii, wenn uns unsere Gönner nicht im Stich lassen, wir die dringendste Nothilfe für den Wittter leisten können: Hunger und Kälte von den von uns Betreuten fernzuhalten. Wenn uns unsere Gönner nicht im Stielt lassen! Wer sind unsere Gönner? Alle diejenigen, die im Rahmen des Möglichen uns mit ihren Beiträgen unterstützen, aber vor allem nicht zu vergessen, unsere Helfer und von diesen besonders der Kreis der ständigen Mitarbeiter, die nicht nur taglich, sondern, wenn es notwendig ist, auch bis in die späte Nacht für uns tätig sind, diejenigen, die mit der Leitung immer wieder neue Mittel ersinnen, tun unseren Notleidenden zit helfen, nicht nur zu geben ohne Sinn, sondern die Möglichkeiten der rentabelsten und wirkungsvollsten Hilfe zu erdenken. Das nahende C h a 11 u k k a h - F e s t hat uns nun vor die Frage festellt: Können wir dieses Fest vorübergehen lassen, ohne dali die üdisehe Winterhilfe versucht, Lichterglanz und Freude in die Kammern unserer Annen zu bringen? Gewiß, Hunger und Kälte Werden wohl notdürftig gebannt werden; aber haben wir nicht die ungeheure Anzahl Bedürftiger, die seit Jahren aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden sind, die sich seit Jahren nichts anschaffen konnten, und die auch einmal ein neues Paar Schuhe, einen neuen Anzug oiler neue Wäsche gebrauchen könnten? Da heißt es nun wieder Mittel schaffen und diese richtig einteilen und gerecht verteilen. Unser Ruf zur Arbeitsleistung fand sofort Widerhall. Liebevolle Mensehen haben sich zur Verfügung gestellt. Nun aber die Mittel. Wir wissen, unsere Gönner geben viel, teilweise sehr viel; ja, auch wir hatten uns von vornherein vorgenommen, viel zu geben von unserer Arbeitskraft. Fs wird von uns ein Mehr verlangt, wir wollen es geben, und wir werden es geben. Und so geht an Sie, unsere Gönner, die Bitte, geben Sie auch! Geben Sie zu unserer Chanukkah-Aktion! Denken Sie daran: Chanukkah kommt. Im Lichterglanz, der Menorah wird es Ihnen noch möglich sein, Ihren weit er reicht und wo er sein Ende hat. Für die jüdische Diasporal ist die geistige Grundlage des Abendlandes die Voraussetzung ihrerl Existenz. Wir sind hier in ähnlicher Situation wie das Christentuni Seit der von Palästina dein Westen sich zuwendende Mission«» •■;u.-ii«-l i tun •< „Jerusalem", wurden Europa und die Christenheit Wechselbegriffe. Im Judentum ist die Offenbarung. Int Christentum verbreitet sich die Offenbarung über die Welt. Deshalb ist das ChristentiiHir verbunden wovon das Judentum geschieden bleibt mit dg) Macht. Auch das Christentum darf gewiß direkt genau so wenig "1?0> das Judentum nach der Macht greifen. Aber das Christentum b'"»' auftragt die Macht. So ruft der Papst nach dem Kaiser und u Reformator nach dem Landesfürsten. Es ist ungerecht und kurz sichtig, von cant „Christentum und Kattun" zu sprechen. Die Macht hat in der christlichen Welt einen Auftrag. Weil sie einen Auftrag hat und nicht sich selbst genügt, ist das Radikal-Bose, das Böse, das sie von der Wurzel her ist, in ihr bezwungen. Das Reich der Deutschen, die gloire der Franzosen, die Mission der Engländer, das saeerdotium der Italiener sind Zeichen, dali Europa nicht von „Natur"-Völkern gebildet wird. Uber das Erdreich Europas ist die Bibel gesät worden. Das Reich Gottes, die Gloria, die Mission, das Priesterturn sind Glaubensgedankeii. dir durch die Bibel in die abendländische Politik gebracht wurden. Diese' ist dadurch nicht nur Schwertführung, sondern Schwert - D i e n s t. Solange das Abendland diese seine christliche Grundlage besitzt, ist in ihm auch für die Existenz einer jüdischen Diaspora Möglichkeil vorhanden. Hier liegt unser Zusammenhang mit dem Gang der Welt geschiente, deren Führung heute dem abendländischen Geist über antwortet ist, so daß unsere Hoffnung für uns notwendig aus parti kularer Lage in die Weite der Menschheit hinausfuhrt. I \ w i nte r o hltun H ilfe eilig Angehörigen Freude zu spenden. Lassen Sie die Armen an der Freude teilnehmen! Geben Sie ihnen nur einen Teil ab, der das Chanukkah-Fest bei Ihnen nicht beeinträchtigt, von uns gesammelt aber die Möglichkeit schafft, den von uns Betreuten eine würdige Feier zu veranstalten und zu helfen. Bitte beachten Sie unsere heutige Anzeige. Wer schnell gib', gibt doppelt, denn es erleichtert uns unsere Arbeit. 15 Jahre Keren Hajessod. 1920, drei Jahre nachdem mit der Batfour-Deklaration dem jüdischen Volk der Start zu einem neuen großen Anfang des W erks l - geben war, ist der Keren Hajessoil als der Grundfonds des gesamten Palästinaaufbaus gegründet und in ihm der Baumeister gesell. fen worden. An den Anfang seiner Tätigkeit ist die Bestimmung gesetzt worden, die Juden in aller Welt mit dem großen Werk jüdischer Selbstbefreiung und Erneuerung engstens zu verbinden und durch ihre freiwillige Selbstbesteuerung die Mittel aufzubringen, welche die gewaltige Aufgabe der Eroberung und Besiedlung ein s Landes im Wege friedlicher Kolonisation erfordert. Mehr als fünf Millionen Pfund sind durch den Keren Hajessod in den 15 Jahren seines Bestehens in Palästina angelegt worden. Mit ihnen hat er Entscheidendes geleistet. Etwa ein Drittel der Gesamtsumme sind der landwirtschaftlichen Siedlung zugute gekommen; etwa ein Fünftel aller Einnahmen sind dem Erziehungswesen zugeflossen. Mit ebenso großen Summen hat sich der Keren Hajed au öffentlichen Arbeiten beteiligt und hat schließlich die Entstehung lebenswichtiger industrieller Werke und Anstalten der Privatwirtschaft überhaupt erst ermöglicht. Mit dem Jahre P)J5 hat eine neue Aera in der Kolonisationstätigkeit der Jewish Agcnev und des Keren Hajessod begonnen. I iü alter Wunsch ist Wirklichkeit geworden, eine Forderung immer wiederholt ging zum erstenmal in Erfüllung: die Heranziehung großer Kapitalien durch die erste äußere Anleihe, die eine der größten englischen Banken dem Keren Hajessod ZU Bedingungen gewahrt hat. wie sie mitunter Regierungen großer Staaten vergeblich zu erreichen bemüht waren. Mit den EP SOG"000. , die die I loydJ Bank zunächst dem Keren Hajessod zur Verfügung zu stellen sich bereit fand, hat die nichtjüdische Welt ihr Vertrauen in den Zukunftswillen und die Aufbaufähigkeit des jüdischen Volkes in einem Ausmaß bekundet, das wesentlichen Teilen unseres Volkes selb*' nur Ansporn und Beispiel sein könnte. — Aus Anlaß des 15 jährigen Bestehens des Keren Hajessod fand in Berlin eine große Jubiläumskundgebung statt, zu der das Council der Jewish Agency in Deutschland, das Präsidium des Keren Ha-