Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 48 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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11. Jahrgang - Nr. 48 * Auflage 3700 Stück 29. November 1935 _5 ü Ii DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG D. I». Raum und Grenze der Diaspora. Von Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum, Frankfurt a.O. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und des Verlegers können wir unseren Lesern einen Abschnitt aus dem soeben im Philo-Verlage Berlin erschienenen, äußerst beachtenswerten Werke: ,,Rabbiner l)r: Ignaz Maybaum, Parteibefreites Judentum. Lehrende Führung und priesterliche (iemeinschaft", das einen Einblick in die Grundrichtung des Werkes gewährt, bringen. Hinter allen jüdischen Bestrebungen, von welcher Seite aus man sie auch betrachten möge, muß als Höchstes und Letztes ein Judentum stehen, das „parteibefreit" ist. Wo „jüdische Gemeinschaft durch ideenmäßige Einheit hervorgerufen wird, entsteht jüdische Partei, nicht jüdische Gemeinschaft". Die ülaubensgehalte des Judentums kommen in ihr nicht zur Geltung. Das Judentum jedoch darf nur in der Erfüllung heider Komponenten gesehen werden: „Verkündigung und Weg... wo nur die Verkündigung berücksichtigt wird, entsteht die jüdische Sekte; wo nur der Weg berücksichtigt wird, bildet sich die jüdische Partei." Diese Erkenntnisse werden in dem tiefdurchdachten, eindringenden und eindringlichen Buche um verschiedene einzelne jüdische Begriffe herum geklärt. Unser Gemeindeblatt wird an anderer Stelle das Werk nochmals würdigen. Die Schriftleitung. Das Judentum ist diasporafähig. Jeder echte Glaube ist es. Diese Fähigkeit, ohne den Besitz der natürlichen Geschlossenheit wirkliche (iemeinschaft sein zu können, ist der Prüfstein, an dem sich die Art der (iemeinschaft erweist. Durch das Diasporaschicksal ist dem Judentum ein Stück Natur genommen; die Diaspora zwingt dc::i Juden ein geistiges Schicksal auf. Sie verlangt, daß jeder das Judentum, in das er hineingeboren wird, noch einmal aus sich herlaus gebäre. Weil in ihr nichts selbstverständlich ist, kann sie naiven IGlauben nicht schaffen. Hier heißt es immer: denke und prüfe. Die ■Umwelt hilft nicht nach, im Gegenteil, sie irritiert durch ihr Anders« sein. So aktualisiert die Diaspora die iüee ties allgemeinen Priestertiuns: „Ihr sollte mir sein ein Reich von Priestern" (Exod. 1(), ()). Dieses Qebot betrifft die soziologische Seite des Glaubens. Kenn« 'liehen des Glaubens ist, daß er (iemeinschaft schafft und somit die Vereinzelung aufhebt, die das Schicksal des Glaubenslosen ist. Die Diasporagemeinschaft ist gewaltloser Zusammenschluß. Die Gewalt des Lebens in ihren verschiedenen Formen drängt eher von der Glaubensgemeinschaft fort. Wo trotzdem solche Gemeinschaft in der Diaspora vorhanden ist, wird sie nicht durch die Kraft des Lebens, des Milieus, des Alltags, sondern gerade durch den gegen diese Kraft sich auflehnenden Glauben bewirkt. Priestertum ist I reindlingschaft der natürlichen Ordnung gegenüber und Menschentum, in dem das Selbstbewußtsein durch das Qlaubensbewußtsein geschaffen wird. Dil Diasporaschicksal des Juden macht den Glauben zur Grundlage -einer Existenz. Zu dem Jüdisch-Sein durch Geburt, durch Gliedschaft in einer Gemeinschaft, die Volksgemeinschaft ist, fügt das Diasporaschicksal das Jitdischbleiben allein durch den Glauben, durch Gliedschaft in einer Gemeinschaft, die, eine Volksgemeinschaft, nur als Glaubensgemeinschaft gewahrt werden kann. Das Wachstumsgesetz, der Diaspora ist nicht das der in der Natur sich findenden Gemeinschaften. In der Natur heißt wachsen: mehr werden. Im Geist heifit wachsen: tiefer werden. Der soziologische Raum der jüdischen Erwählung ist das Exil. Exil ist nicht der geographische Begriff, den die Bezeichnung „chuz laarez" (außerhalb Palästinas) meint. Exil bedeutet Existenz ohne Machtbasis. In diesem Sinne ist das Judentum des heutigen Palästina in derselben Situation wie wir. Das Exil ist unser Schicksal. In der Diaspora hat es sich immer um den „Rest" gehandelt, der in dieser ständigen Prüfung, die die Diasporasituation bedeutet, gesiegt hat. Diese Situation muß mit Verlusten rechnen, aber sie schafft ein Ausleseprinzip, das dem jüdischen Menschen auf seiner Weltwanderung mitgegeben ist. Das Judentum baut sich immer von einer Minorität her auf. „Die jüdische Geschichte ist, aller weltlichen Geschichte zum Trotz, Geschichte dieses Rests, von dem immer das Wort des Propheten gilt, daß er bleiben wird... Das Judentum und sonst nichts auf der Welt erhält sich durch Subtraktion, durch Verengung, durch Bildung immer neuer Reste." (Franz Rosenzweig: „Stern der Erlösung", i. Teil, S. 186.) Der „Rest" kann nicht politisch organisiert werden. Rest zu sein, betrifft die Gnadentatsachc der Erwählung. Eine politische Organisation von Erwählten gibt es für uns Juden nicht, obwohl der calvinistischcn Welt Versuche nach solcher Richtung am Herzen liegen. Der Rest kann deshalb im Judentum nicht politisch organisiert werden, weil er das ist, was jede politische Organisation überdauern soll. Die politische Organisation ist der Zusammenschluß machtloser Ein/einer zur Machtbildung. Unser Schicksal, zu dem wir erwählt sind, heißt: in der Well ohne Machtbasis existieren. Damit ist die Diasporasituation in ihrem Kern getroffen: ein Mensch ganz allein mit seinem Gott. Ist das möglich? Ist solche Existenz auszuhalten? Wir sagen, ja. Seit zweieinhalbtausend Jahren. Die Geschichte des Judentums seit 586 ist die Geschichte seiner Diaspora. Die Geschichte der Diaspora ist iminei nur die Geschichte eines Teiles. Die Geschichte der verlorenen zehn Stämme kann nicht geschrieben werden. Unter den Gründen des Verlustes, den das Judentum fortwährend an die Umwelt erleidet, sind solche, die auf eine Schuld hinweisen. Aber es sind auch andere, bei denen von einer Schuld nicht mehr die Rede sein könnte, weil die Prüfung die menschlich mögliche Kraft übersteigt. Den Begriff der schuldlosen Schuld, nämlich der tragischen Rechtfertigung, kennt das Judentum trotzdem nicht. Wir können von den verlorenen zehn Stämmen, wenn wir die Schuldfrage nicht berühren wollen, nur schweigen. Die wehmütige Sage höchstens rührt dann an dieses Judenschicksal. Aber eine Rehabilitierung im Tragischen ist uns nicht gestattet. Das einzige Wort, das wir haben, wenn der Jude der Diasporasituation erliegt, heißt Schuld: „wegen unserer Sünden". Wo der Mensch en )6l Nächste EintopfSammlung Sonntag, den 8. Dezember 1935