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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-11-15 · 46 (15.11.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
46 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 15. November 1935 wird uns wahrhaft beruhigen, „wenn uns des Lebens wilder Kreis umstrickt''. Aber auch alle andern literarischen und künstlerischen Neigungen müssen im kleinsten Kreis jetzt erst recht gepflegt und gefördert werden. Eine „Vorlesung" in dem alten würdigen Sinne des Wortes vor wenigen gleichgestimmten Zuhörern ist oft von stärkerer Wirkung als ein großaufgezogener Vortragsabend. Jeder von uns hat eine freundliche Eincc:ti~!:ci'.. De; ^i..^ '..al ticikkhi wissensciiai liici. gearoeitet und sone Verottentlichungen sind in Zeitschriften zerstreut, die uns heute nicht mehr zugänglich sind. Seine Arbeiten, von ihm selbst gelesen, werden einen dankbaren Zuhörerkreis finden Ein anderer hat literarische Interessen. Vielleicht hat er seine Erlebnisse in Prosa oder Versen festgehalten. Auch wenn sie keinen Anspruch auf objektive Geltung machen, so interessieren sie doch als Berichte, Bekenntnisse, Tagebücher einer Seele, Zeichen eines idealen Strebens, das überall zu fördern ist. Es geht hier nicht mehr um ästhetische Dinge: All unsere Beschäftigung in den kärglichen Stunden unserer Besinnung wächst aus der Sphäre des Literarischen m die Sphäre des Verpflichteten. — Es gibt Gemetndemitglieder, die ausgezeichnete Lichtbilder besitzen, die sie vielleicht selbst von einer Reise aufgenommen haben, oder, was ebenso schön ist, Stereoskop-Bilder. Wieviel Freude können sie ihren Freunden bereiten, wenn sie von diesen Reisen erzählen und sie mit ihren eige. nen Bildcin illustrieren! — Ein Theaterbesuch wird uns in Zukunft wohl nur noch im Rahmen der Kulturbund-Veranstaltungen möglich sein. Ein bescheidener Ersatz kann uns das (frühei vielfach geübte) Lesen mit verteilten Rollen sein. Wir werden dabei alles Schulmeisterliche vermeiden und in zurückhaltender Ehrfurcht vor dem Kunstwerk das reine Dichterwort wirken lassen. Dazu werden uns alle Kulturkreise zur Vertilgung stehen, zu denen wir durch Sprache oder Bildung Zugang haben. Das Leben verlohnt nur um des Idealen willen. Mag dieses Ideale „Natur" heißen oder „Geist" oder — Gott: Nehmt dem Menschen eines dieser Ideale, und er wird verkümmern. Wir existieren in der W*1!* des Realen, wir leben in der Welt des Idealen. Dies zu betonen, ist gerade in unseren Ts<?»r> hfx-.nnriprc wichtig, WO sc scheint, ab ob c; r.Ui noch auf die „nackte Existenz" ankomme. Es brechen heute mit den Existenzen auch Weltanschauungen zusammen und mancher Zweifel drohi in Verzweiflung überzugehen. Aber wem in Zeiten der Not seine innere Welt rasch zusammenbricht, der prüfe sich doch einmal ernsthaft, ob dieser Zusammenbruch nur ein Zeichen für die Stärke des äußeren Druckes ist oder nicht auch ein Beweis für die Schwäche seiner Weltanschauung. Die Echtheit einer großen Wahrheit, die Kraft einer „tragenden" Idee muß sich gerade in Notzeiten erweisen. Der religiöse Mensch weiß intuitiv um diese Dinge: ihm ist Gott im Leid am nächsten. Retten wir uns aus den Trümmern des Tages diese Welt des Idealen: Sie ist der heilige Bezirk, in dem unsere Seele ungestört ihren Gottesdienst halten darf. Sie ist die erhaltende Kraft: Hätten unsere Vorfahren auf ihren Wanderungen nicht das „Buch", die Bibel, die Welt des Geistes und des Gemütes mit sich getragen das Judentum hätte die Zeiten nicht überdauert Jude sein heißt: um das Ewige wissen. Jude sein heißt: die Fackel, die sich an der Ewigkeit hinter uns entzündet hat, weitertragen in die Ewigkeit vor uns. Die Sage spricht vom ewigen Juden: Wir wissen um den ewigen Juden . . . Die Winterhilfe benötigt Deinen Beitrag. Säume nicht länger! Religiöse Erziehung Im Jüdischen l.ehrhaus Berlin behandelten Rabb. Dr. Alexander Alt mann, Dr. Paul Eppstein und Rabb. Dr. Swarsensky in einem Dreigespräch das Thema: Religiöse Erziehung, ohne pädagogische Absicht auf gemeinsamer Grundlage. Rabb. Dr. Alt mann, als Vertreter der orthodoxen Richtung, sprach von einer religiösen Totalität, die den gesamten Bereich menschlichen J)aseins umfassen muß. Der höchste Wertträger im menschlichen Leben ist nicht der Begriff Mensch oder Volk, sondern der Gttesknecht im Zeichen des Gehorsams. Der religiös-liberale Rabb. Dr. Swarsensky stimmte mit diesei Anschauung nur im Grundsätzlichen überein. Der areligiöse Mensch bindet sich an materielle oder biologische Weite und ist egozentrisch eingestellt. Die religiöse Erziehung will den Menschen theo/entrisch bestimmen und ihm eine feste seelische Haltung geben. Religion heißt Bindung. Trotzdem muß es ganz zwangsläufig m Anbetracht äußerer Verhältnisse z. B. geb'lligt werden, daß die juristischen und eherechtüchen Gesetze des Schulchan Aruch außer Geltung kommen. Für den Menschen von heute ist auch ein mechanischer Gehorsam nicht zu erwecken, in ihnen muß eine innere Einstellung zur Religion erzeugt werden. Auf die Frage von Dr. Eppstein, ob eine religiöse Erziehung nicht auch vom geschichts- und kutturbeWUßten Gesichtspunkte, vom Religiösen getragen, denkbar ist, erwidert Dr. A/tmann, daß die entheiligte Lebensform die Antwort auf die letzte Sinngebung des Lebens versagt. Es besteht die Gefahr, daß die Menschen sich mit einem Ausweg begnügen Der Ausweg ist keine Lösung. Die Frage geht nach der seelischen Erlösung. Die Halacha ist zeitlos und gibt auf alle Fragen der Welt eine Antwort. Die überzeitliche Offenbarung der Thora vermag durch eine subjektive Offenbarung der heutigen Menschen nicht ersetzt zu werden. — Dr. Swarsensky ist ebenfalls nicht für eine Orientierung am „Sein", sondern am „Soll". Die Menschen suchen heute nach neuen Bindungen. Die Frage ist, ob die neuen Bindungen, die Bindungen des alten Gesetzes bleiben weiden. Das Gesetz spielt eine Rolle im Judentum. Das steht außer jedem Zweifel. Die Bindungen liegen auf anderem Gebiet; sie sind jüdisch-kultureller, sozialer und -sozialpolitischer Art . Es sind Bindungen außerhalb der Religion. — Dr. Eppstein wirft die Frage auf, wie es mit dem Typus des Juden von heute steht, der sich organisiert, ohne sich an religiöse Formen zu binden und der lernt, um vom Erlebnis her in das jüdische Leben einzudringen, ohne den Weg über die Synagoge zu suchen. Dr. Swarsensky macht darauf aufmerksam, daß heute über Religion mehr gesprochen als gelebt wird. Ist die Zeit draußen indifferent, wirkt sie sieh ähnlich auf das Judentum aus. Die Religion hängt von geschichtlichen Strömungen ab. Die Gegenwart ist eine religiöse Zeit. Es liegen in ihr große religiöse Keime verborgen. Der Typ, der allein durch Organisation Anschluß an das Judentum sucht, ist kein Idealtyp. Die größte Schwierigkeit liegt bei der hündischen Jugend, die keinen Zugang zur Religion findet. Die Elitegruppe, die Werklcutc in Palästina, propagieren religiöse Abstinenz und halten sich von spezifisch-jüdischen Dingen fern; aber auch „am Heiligtume haben einst einfache Arbeiter mit der Keiie gearbeitet, bevor die Leviten heilige Handlungen vornahmen". „Man muß vielen Juden erst Brot geben, damit sie Mauze machen können", sagte einmal Gronemann. Es besteht die Möglichkeit, daß die Menschen über die Gemeinschaft den Weg zu Ott finden. — Dr. A.tm a n n meint, daß es ein pädagogisches und kein dogmatisches Problem ist, lernende Menschen der Religion zuzuführen. Es ist schon wertvoll, daß der „Rückkehrer zum Judentum" lernen will. Im Talmud steht, es wäre Ott lieber gewesen, daß Israel daran zugrumieging, weil es i h n verlassen hat, als daß es seine Lehre verlassen hat Das Licht, das die Thora ausströmt, verbindet die Menschen mit dtt. So schöpfen die Menschen heute neue Kraft aus der Lehre und stellen sich mit dem Studium und Befragen in den Kreis der Grollen unseres Volkes. — Dr. Eppstein erkundigt sich weiter nach tlen pädagogischen Faktoren bzw. neuen Formen religiöser Praxis. Dr. Swarsensky erwidert darauf, daß es keinen direkten Weg zur religiösen Erziehung gibt. Es muß im Kind und im Erwachsenen unbemerkt eine religiöse Haltung geweckt werden. — Auf die Frage nach weiteren Erziehungsfaktoren außer der Schule nennt i)r. A 11 in a n n das naheliegendste Milieu, die Familie, trotzdem hier oft keine eindeutige Wirkung erzielt wird; oft ergibt sich das Gegenteil als Ergebnis eines seelischen Reifungsprozesses. Das jüdische Haus ist außerdem in tiefahr, die Chance der Beeinflussung durch den Fortzug der Kinder zu verlieren. Der Gttesdienst kann auch nicht direkt religiös erziehen, höchstens erbauen. Der Gttesdienst gibt dem nichts, der ihm nichts bringt; ihm kann die Musik die Melodie des Gebetes nicht künden und die Predigt bleibt ohne Wirkung. Der Typ des Führers und Erziehers ist nur der Leina, iitla im K Ua^iAH l...4.......... .1:.. UmcpIimi .....l.f ..... /n -*e», Un. .Iii MfXSWim iiiMviiiLiiii, uuiii Uli- .vlv.ioi.iii u g\-i.i, Lull lehren, und nicht aus der Distanz. Dr. Swarsensky macht auf die Unmöglichkeit des persönlichen Konnexes zwischen Rabbiner und Gemeinde in Berlin aufmerksam. Wenn die Mensches heute ins Gtteshaus strömen, nicht aus religiösen Gründen, sondern um mitten in ihrer Gemeinschaft zu sein und „Neues" aus der Predigt /ti hören, wirkt die Predigt erzieherisch. Denn nach jüdischen Sinne soll die Predigt zeitlich mit den großen ewigen Oedanken konfrontieren. Die große Frage, ob die bündische Jugend religiös erzogen werden soll, wird von der unmittelbaren LebensproblematiU verdeckt Auf die Frage von Dr. Eppstein nach den Versuchen, neue Formen zu schaffen, wenn die alten nicht mehr akzeptiert werden, weist Dr. Swarsensky auf die neu aufgenommenen Oneg-ochabbat-Feiern hin, auf die neue künstlerische Umrahmung der Freitagabende in Palästina durch Vorlesen von Psalmen und Bibelstellen, auf das weltliche Erntedankfest im Kinderdorf Ben Scheinen, usw. Da das Prinzip der Entwicklung im Judentum bejaht wird, ist gegen neue Formen auch nichts einzuwenden. Manchen neuen religiösen Formen fehlt das Schöpferische, fehlt ein wichtiges Moment: klal Hsroel. Dr. Altmann ist der Meinung, dal di' neuen Ver¬ Versuche mit dem Judentum nichts zu tun haben. Nur mit und durch das Gesetz kann der jüdische Mensch geformt werden und leben. Volljude ist der, der nach dem Gesetz lebt und dem es zum geistigen Eigentum geworden ist. ■ . Dr. Eppstein konnte zum Schluß in prägnanten Worten die Ergebnisse des Gesprächs zusammenfassen, das von einer selten m

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