Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 46 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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11. Jahrgang - Nr. 46 <1 re Auflage 3700 Stack 15. November 1035 DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT OER GEMEINDEVERWALTUNG n ium mir turelm i.52 mit off. r 2a »I Weg nach innen. Von Dr. Ludwig Marx, Karlsruhe. Wir alle wissen, wie es heute in der Seele des jüdischen Menschen aussieht. Wir alle tragen die gleiche Not unseres gemeinsamen Erlebens, und jeder einzelne trägt noch sein eigenes persönliches Schicksal. Und uns alle bewegt heute die eine große Frage: Wie können wir einander helfen? Die Realität der äußeren Verhältnisse wird lange theoretische Erörterungen verbieten. Es geht heute nicht mehr um Bewahrung des Erworbenen, Vergangenen, sondern um Bewährung im Lebendigen, Gegenwärtigen. Dazu werden wir alle Möglichkeiten, alle Quellen erschließen müssen, die produktive seelische Kräfte zu spenden imstande sind. Wir «erden mehr denn je den Weg nach innen gehen, Arbeit im Innern leisten müssen. Freilich, diese innere Arbeit verlangt Sammlung und — Zeit. Und hier sei gleich eine Bitte an die Gemeinden und Organisationen ausgesprochen: Nehmt nicht alle Abende eurer Gemeindemitglieder in Anspruch! Laßt ihnen auch noch Zeit zu eigener Arbeit, Konzentration und — Ruhe! Es war im letzten Winter in den Städten doch vielfach so, daß eine Veranstaltung die andre drängte, alles in der besten Absicht, dem jüdischen Publikum über die Schwere der Zeit hinwegzuhelfen. \ber die Gefahr einer Übersättigung lag nahe. Wir wollen nicht wieder in den gleichen Fehler verfallen. Ein weises Maßhalten wird auch hier für das notwendige Gleichgewicht zwischen außen und innen sorgen müssen. Und noch eines: Es ist eine freundliche Sitte, großer Menschen zu bestimmten Zeiten des Jahres zu gedenken. Geburts- und Todestage sind der Öffentlichkeit willkommene Daten, einer menschlichen Pietäts pflicht zu genügen. Aber unser Verhältnis zu den Großen des Geistes hängt erfreulicherweise nicht von solchen äußeren Zufälligkeiten ab: Dichter, Denker, Künstler wirken auf uns, wandeln uns zu allen Zeiten,!u allen Stunden, in denen wir aufgeschlossen sind, ihren Segen zu smpfangen, — in der Einsamkeit zu empfangen. Gemeinsames Erleben in Hunderten und Tausenden mag uns begeistern, berauschen: Aber nur was der einsamen Kontemplation standhält, was in der Stille fortwirkt und uns Geist und Seele bereichert, ist uns Besitz und Gewinn. Vir mögen noch so viel von Maimonides und Bialik hören: Erst wenn *ir diesen Geistern in der Stille unserer Stube begegnet sind, wenn wir;n sozusagen einmal Auge in Auge gesehen, dann wird das tote Werk lebendige Kraft, und jeder Tag kann Geburtstag, Schöpfungstag sein. . . Die äußeren Umwandlungen, die sich durch die neuen Gesetze in fei Haushaltungen vollziehen werden, werden nicht ohne Einfluß bleiben M das, was man früher „Geselligkeit" nannte. Einsichtige Hausfrauen fbtn hier schon in den letzten Jahren eine Reform eintreten lassen. Nun *ird unter dein Zwang der Verhältnisse eine Entwicklung eintreten, die ön selbst den Weg nach innen vorbereitet: Es wird sich in Zukunft gar 'cht mehr um „Geselligkeit" handeln, um materielle „Genüsse", sondern fch hier um seelische Nothilfe. Und wenn hier das Gewicht vom PMerielletl auf das Geistige übergeht, so wäre damit ein Gewinn ZU ver- «chnen, der nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Wir kommen Kitt mehr zu „einem Löffel Suppe" zusammen, sondern etwa zu — ge- Gemeindeabend. Zur Eröffnung des Jüdischen Lehrhauses Leipzig findet am Sonntag, den 17, Nov. 1935, nachm. 5 Uhr pünktl., in der Gemeindesynagoge, Oottschedstraße, eine Feier statt. Programm: 1. Franz Liszt, Hymnus für die Orgel. Vorgetragen v. Herrn Alfred Simon, Leipzig, Friedrich-Karl-Straße 22. 2. Eröffnungsworte (Herr Landgerichtsdirektor i.R. Martin Alterthum, Leipzig, Kantstraße43). 3. Herr Rabbiner Dr. Heinrich Lemle, Frankfurt a. M., Miquelstraße 3: „Die seelische Situation in der Zeit der jüdischen Umkehr*'. 4. Johannes Brahms,.Orgelvorspiel op. 122 Nr. 11, Vorgetragen von Herrn Alfred Simon. Sämtliche Gemeindemitglieder werden hierdurch zum Besuch der Feier eingeladen. Leipzig, den 12. November 1935. Der Vorstand der israelit. Religionsgemeinde zu Leipzig meinsamer Lektüre der Psalmen. Und wir entdecken im kleinsten Kreise, daß diese Psalmen eine Sprache sprechen, so als ob heute einer unserer größten, lebenden Dichter von unseren Nöten zu uns spräche. Denn diese Psalmen sind nichts linderes als Hilferufe eines geängstigten Herzens oder dankerfüllte Lobpreisungen der Gottheit, deren Macht erhaben ist über Menschenwerk. Und weil vor Tausenden von Jahren ein Mensch diese Nöte seines Herzens in einer unvergänglichen Sprache mit der ganzen Glut einer; göttlichen Dichterseele niedergeschrieben hat, werden diese Verse in ähnlicher Lage in einem verwandten Herzen wiederklingen. Denn was sind echte Gedichte? Erstarrtes Herzblut, das erst unter dem Feuer einer aufnehmenden Seele wieder zum Sprühen und Glühen kommt .. . Und was unsere Propheten uns Heutigen zu sagen haben, braucht hier nur angedeutet zu werden. Auch sie werden zu uns sprechen von Mensch zu Mensch und von Seele zu Seele, und das „Tröstet, tröstet mein Volk" *ird von jedem einzelnen in seiner grandiosen Aktualität und helfenden Menschlichkeit empfunden werden. Wir haben in den Sukkos-Tagen das Buch ,,Koheleth" gelesen. Wer wie der „l'rediger" das Nichtige alles Menschlichen erkennt und doch an das Göttliche glaubt, der gibt uns wahrhaft einen Maßstab für Zeitliches und Ewiges. Welche Fülle, welch ein Reichtum in unserem jüdischen Schrifttum, wie viele Quellen, wenn wir nur zu schöpfen verstehen! Alle Kräfte müssen aufgerufen, alle Begabungen genutzt werden. Die Musik (wird uns eine edle Begleiterin auf unserem Wege sein. Sie «••sXächste Pfuiulsaiiimluiis: am 24. November jbe» I ■