Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 36 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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3. September 1037 / Nr. 36 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG Seite 5 Rabbiner Gustav Cohn: Der Leipziger jüdische Friedhof im Johannis!»! Ein Stuiik jüdischer Geschichte. Mit dem ältesten Leipziger jüdischen Friedhof im Johannistal ist das Denkmal eines bedeutsamen Stückes jüdischen Lebens in unserer Stadt geschwunden. Nur gerade ein halbes Jahrhundert lang, 1814—1864, nahm er die Verstorbenen auf; die Zahl der auf ihm Bestatteten ist nicht groß (etwa J40); unter ihnen sind kaum Persönlichkeiten, deren Namen weitreichende Berühmtheit erlangt haben. Und dennoch muß der Geschichte dieses Friedhofs Beachtung geschenkt werden, wegen der Zeit, in der seine Tore offenstanden, um die Toten aufzunehmen, die Zeit des langsamen Werdens und des Aufbaus unserer Gemeinde. Und wegen mannigfacher Eigenart, die dieser Friedhof zeigt. Das gilt schon für die Geschichte seiner Entstehung. Wo immer an einem Orte ein jüdischer Friedhof angelegt wurde, war es eine Gemeinde, die damit an eine ihrer wichtigsten Aufgaben ging; dieser Begräbnisplatz verdankte seine Einrichtung der Initiative von Juden, die nur vorübergehend in Leipzig weilten. Seit dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts hatten Juden keinen dauernden Wohnsitz in der Stadt; nur sehr wenige Familien erhielten seit der Mitte des 18. Jahrh. das Recht zur Seßhaftniachung in Leipzig. Während der Messen, die allerdings jeweils mehrere Wochen hindurch abgehalten wurden, kamen aber Juden in ansehnlicher Zahl hierher. Die ungewöhnlichen Anstrengungen, die mit den zu solchen Besuchen erforderlichen Reisen verknüpft waren, oft wochenlange Fahrten in unbequemen Wagen, hatten zur Folge, daß fast regelmäßig Sterbefälle unter den Messegästen vorkamen. Mangels eines jüdischen Friedhofs mußten dann in umständlicher, auch sehr kostspieliger Weise die Leichen zur Bestattung nach anderen Orten überführt werden, meist nach Dessau, selten in die weiter entlegenen Wohnorte der Verstorbenen. Schon 1798 wurde von den hier lebenden Juden eine Eingabe wegen Überlassung eines Platzes vor der Stadt zur Anlage eines Friedhofes an den Rat gerichtet; sie blieb ohne Erfolg, weil sie damals von den Messegästen noch nicht hinreichend unterstützt wurde. Erst ein fünfzehn Jahre später erneuter Schritt führte zu dem gewünschten Erfolge, und am 28. November 1814 fand die erste Beisetzung — es war ein 11 Monate alter Knabe Alexander Mendel — auf dem Friedhof statt. 'Die treibenden Kräfte bei der Errichtung des Friedhofes waren Juden aus Brody; jene damals blühende Gemeinde war zu den Messen regelmäßig durch eine stattliche Gruppe hochangesehener Kaufleute vertreten. Sie zeichnen auch als Kontrahenten, mit denen die Leipziger Stadibehörden den Vertrag über den Friedhofsplatz abschlössen. Als Wortführer bei den vorbereitenden Verhandlungen nennt die alte gleichzeitige Aufzeichnung R. Seew Wolf Heilpern aus Brody und k. Abraham Goitstein aus Lissa. Sie rühmt ihnen den großen Erfolg nach, daß ihren Bemühungen der glückliche Ausgang zu Hanken war, und hebt besonders hervor, daß es ihnen auch gelang,;u erwirken, daß die Bestattungen, in Übereinstimmung mit dem überlieferten Brauch, möglichst am gleichen Tage, an dem der Tod eingetreten war, erfolgen konnten. Die Verwaltung des Friedhofs wurde einer Chewra kadischa übertragen, als deren Gabaim (Vorsteher), außer den beiden genannten Männern, R. Herz. Löebe! Glo- ^au, genannt Herz Levi aus Leipzig, und R. Abraham Jüdel aus Warschau eingesetzt wurden. (Herz Levi war ein Sohn des Loche! Levi, dem schon 1769 die Niederlassung in Leipzig gestattet worden war: ihm selber war 17Q3 das Recht zur Niederlassung zuerkannt und das Amt eines Judenfreimachers übertragen worden.) Als Vertrauensmänner Her Chewra weiden ein R. Samson ans IHpzig (gest. 1823) und ein R. Jekel Risberg aus Brody, als Bestatter ein R.Abraham Jossei Brieg aus Lissa, ein R. Jossei (Gehilfe des R. Samson) und ein R. Meir David, und für weibliche Leichen eine Frau Rosa aus Coethen bezeichnet. So zeigt auch diese Chewra ihr eigenes Gepräge, so unterschiedlich von den in anderen Gemeinden wirkenden heiligen Bruderschaften: seine Vorsteher gehören nicht der gleichen Gemeinde an, werden vielmehr als Vertreter der aus verschiedenen Städten kommenden Gruppen berufen; als der eine,, Kleiderstelle in Not! Für die bevorstehenden Feiertage benötigen wir für unsere bedürftigen Glaubensgenossen dringend eine Anzahl von Damen-, Herren- und Kindergarderobe. Wir richten an alle üemeindemitglieder die dringende Bitte, ihre Bestände durchzusehen und alles irgendwie Entbehrliche für die Kleiderstelle zur Verfügung zu stellen. Es ist selbstverständlich, daß nur Sachen in gebrauchs fähigem und sauberem Zustand ausgegeben werden können. Wir bitten deshalb, nur solche Bekleidungsstücke zu spenden. Ebenso ist unseren bedürftigen Glaubensgenossen nicht mit Abendkleidern und Fracks gedient. Anruf wegen Abholung der Kleidungsstücke erbittet das Wohlfahrtsamt unter 21382. Wohlfahrtsamt der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. R. Jüdel aus Warschau, wenige Jahre später starb, trat an seine Stelle R. Baer Goldschmidt aus Berlin. Fs \nrV* ungcim»;« »Up»! äiesvij Pci se-iinciikeiten nachzuspüren, wiv überhaupt die Aufzeichnungen auszuschöpfen, die das von der Chewra angelegte Verzeichnis der Verstorbenen bewahrt hat. Die eingehende Untersuchung muß einer anderen Stelle vorbehalten bleiben. Wir nässen uns darauf beschränken, hier nur einige der bemerkenswertesten Feststellungen wiederzugeben, die aus dc-n Quellen für die Zeit des alten Friedhofes getroffen werden können. Die Besonderheit des Friedhofs der Messestadt gibt sich darin kund, daß die weitaus überwiegende Zahl der etwa 340 Bestatteten in anderen Städten und Ländern gelebt hatten. Nur insgesamt 77 Sterbefälle betrafen Leipziger Familien; dabei ist es keineswegs nebensächlich, daß in dieser Zahl nicht weniger als 27 Kinder enthalten sind, die im Alter von weniger als sechs fahren verstarben. Es ist nicht ohne Interesse, feststellen zu müssen, daß, außer vier Kindern, die aus nächster Nachbarschaft (Delitzsch, Weißenfels) hier zur Bestattung kamen, auch 16 Kinder aus ferneren Orten bestattet wurden: Offenbar mußten nicht selten Frauen, die zur Messe reisten, ihre ganz kleinen Kinder mit sich führen; mehrfach kamen wohl solche Frauen auch hier nieder (vielleicht vorzeitig?!; denn auch einige Kinder werden verzeichnet, die ein Alter von nur wenigen Tagen erreichten. Jedenfalls zeigt die Zahl der Leipziger Juden, die im Johannistal bestattet wurden, mit etwa 50 Erwachsenen, im Vergleich zu den etwa 250 Erwachsenen anderer Städte, das Einzigartige dieses Friedhofs. 80 verschiedene Orte außerhalb Leipzigs werden als Wohnorte der Bestatteten genannt. Alle Gegenden Deutschlands sind vertreten: Berlin, Hamburg, Königsberg i. Pr., Frankfurt a. M., Breslau, Fürth; aber auch kleinere und kleine Ortschaften: Ascherslebeu, Nordhausen, Rastenburg, Offenbach, Eschwege, Schmieheiin, Torgau IL a.; verhältnismäßig viele Orte der ehemaligen Provinz Posen: Stadt Posen, Lissa, Schwersenz, Lobsenz, Zirke, Filehne, Buk, Grätz, Kempen u. a. Sehr stattlich auch ist die Zahl der hier verstorbenen Meßfremden, die aus dem Auslande gekommen waren, darunter solche aus England (London, Birmingham), Holland (Amsterdam), Rumänien, Böhmen, Rußland, Osterreich, und hier an erster Stelle die aus Brody stammenden Bestatteten (61!). In der überwiegenden Mehrzahl waren die Fremden, die hier vom Tode überrascht wurden, wohl Männer, aber keineswegs ausschließlich : auch etwa 25 Frauen anderer Städte wurden hier zur letzten Ruhe gebettet. Es ist schwer möglich zu ergründen, ob sie lediglich zur Begleitung ihrer Gatten oder in eigener Berufsausübung zur Messe erschienen waren. Einige von ihnen, die ausdrücklich als Witwen bezeichnet sind, haben zweifellos die schwere Last der Reise unternommen, um selbständig geschäftlich tätig zu sein. Mehrere der hier verstorbenen Frauen hatten, ihren Wohnsitz in Dessau, Jeßnitz, also verhältnismäßig nahe. Es darf angenommen werden. Haß «ie Verrirhfnngen etwa ab Köchinnen in uaststätten oder in anderen häuslichen Diensten übernommen hatten. Auf den ersten Blick könnte es in Erstaunen setzen, daß unter den Verstorbenen verhältnismäßig viel Menschen im blühenden Alter standen. Das Verzeichnis hat im Anfange für etwa 70 Tote auch die Lebensdauer vermerkt. Wenn sich darunter 17 befinden, dienicht das fünfzigste, und unter ihnen 6, die nicht einmal das dreißigste Lebensjahr erreichten, so spricht auch das für die ungewöhnlichen Anstrengungen, die in jenen Jahrzehnten der Messebesuch bedingte: eine Tatsache, die zweifellos nicht immer beachtet wurde. In ihren Memoiren hat die Glückele von Hameln davon gesprochen, mit welchen Sorgen fast immer die Frauen ihre Gatten und Söhne zur Messe reisen ließen. Beredtes Zeugnis iegten darüber die In« scliiifien ab, die so manche Grabmäler jugendlicher Verstorbener tragen: etwa eines Josef Goidschmidt aus Wien (gest. 10. 5.1841), den „in der Ferne Söhne und Töchter beklagen, um den die Gattin in bitterer Trauer weint"; oder eines jugendlichen Handlungsgehilfen Seligmann Pappen heim aus Berlin (gest. 29. 12. 1S39), der „hierher gesandt wurde, erkrankte und verschied, dessen Tod seine Mutter und Geschwister aufs tiefste beklagen mußten". Die Messe zog nicht selten auch Persönlichkeiten an, die hier andere Ziele als reine Handelsgeschäfte zu erreichen hofften. So spricht ein Grabstein des hier „vom Tode ereilten" Dr. Mosche Bock (gest. 15.4. 1816), eines Lehrers und Schriftstellers aus Berlin, davon, daß er sich hier „auf einer Berufsreise" befand. Was den Rabbiner S. F. Fried mann (gest. 1852), ein Glied der berühmten Sadagoraer Rabbinerfamilie, nach Leipzig geführt hat, ist nicht bekannt, doch mögen ähnliche Absichten auch ihn geleitet haben. Manche der hier bestatteten Fremden hatten sich Verdienste um die Ausgestaltung der Gottesdienste während der Messen erworben. So ein Naftali Herz Schiff aus Altona (gest. 2. 10. 1826), der das Bethaus „Beth Jacob" begründete und ihm mehrere Jahre vorstand. Diese Gottesdienste haben durch die berühmten Prediger, die für sie gewonnen wurden, außerordentlichen Einfluß gewonnen; sie wurden auch von den hier lebenden Juden zur ständigen Einrichtung ausgestaltet. Für unsere Gemeinde selbst haben naturgemäß die Namen der Persönlichkeiten ein besonderes Interesse, die m den eisten Anfangen jüdischen Gcineindelebens und bei seinem Auf- und Ausbau tätig mitgewirkt haben. Manche von ihnen waren schon im 18. Jahrh. ansässig, wie die erwähnte Familie Levi, die aus Glogau stammte (das /weite Grab, das bereitet werden mußte, nahm die am 4. 1. 1815 verstorbene 87jährige Witwe des Loebel Levi geborene Kroto-