Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 36 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHES GLM EIN DEBLATT LEIPZIG 3. September 1937/Nr. 36 Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland sendet allen ihren Gemeinden, allen, die in ihnen leben, den Alten und Jungen, den Männern und Frauen, am Beginne des neuen Jahres herzl. Wünsche. Wir sind in eine Zeit hineingestellt, die voll ist von geschichtlicher Bedeutung und Kraft. Von uns ist gefordert (und alles kommt hierauf an), daß wir diese Bedeutung begreifen, daß wir diese Kraft in uns aufnehmen. Es ist in unserem jüdischen Leben eine Notwendigkeit, daß wir den großen Zug, die weite Linie erlangen. Kleinheit und Kleinlichkeit wäre unsere eicrpntli>hf> r.ofiV.- ju Höhe unserer Sdbstgwrthcit, mu V*w.Hieran Aufstieg zii ua§euui Eigenen und besonderen geht d«r Weg zu unsere: Zukuufi Tüi jeuen von uns hat sich die Welt gedehnt, Nähe ist zur Ferne geworden. Zur Entfernung, zur Entfremdung würde sie nur dort, wo Juden ihr Judentum einbüßten, wo sie sich selber und damit einander verlören. Wenn jeder um seine Seele weiß, dann werden sie alle um einander wissen, sie alle zusammenstehen und zusammenhalten. Wenn wir unser Judentum besitzen, dann ist alles Scheidende, auch das des Raumes, überwunden; das Ganze umfängt alles Einzelne. Wir leben in eilenden und sich wandelnden Tagen, wie ein Abschnitt der Geschichte ist jedes einzelne Jahr. Was kommen mag, das steht in des Ewigen Hand. Aber wie wir sein sollen in allem, was werden wird, darin liegt unsere Aufgabe. Von uns wird das Unsere erwartet. Geschehnis und Mensch begegnen einander, damit das Gebot Gottes zur Wirklichkeit werde. Unser Wunsch für alle, für die Gesamtheit und jeden in ihr ist darum ausgesprochen in dem Psalmwort, das Jahr um Jahr den Juden zu seinem Neujahrsfest hinführen will: „Hoffe zu Hein Ewigen. Sei stark, und fest sei dein Herz, und hoffe zu dem Ewigen!" Geschehen dieses Jahres teilgehabt, dann bringt der Rückblick, wenn er well nunmehr auf den Rahmen unserer Gemeinde beschränkt, zunächst nur die Feststellung, daß wir hier uns als im vollen Maße eingeschaltet empfunden haben in das große Geschehen, das mit dein jüdischen Volk in der Welt und mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sich vollzog. An allem haben wir Anteil genommen, alle Aufgaben, die sich stellten, waren Aufgaben auch für uns. Alles Schwere haben wir mitgetragen; Festigung und Hilfe, wo und wie immer sie sich zeigten, haben wir als auch uns sich mitteilend vnspürt, ja auch wirklich teil daran gehabt. Um nur ein Beispiel zu nennen: bei den großen Projekten für die Umsiedlung von Juden aus Deutschland nach anderen Ländern sollen auch Glieder unserer Gemeinde berücksichtigt werden. Daß nicht alle Wünsche sich erfüllen, liegt in der Natur der Sache, und noch viele Arbeit liegt vor uns. Es ist klar, daß der engste Kreis, in dem man lebt, auch ihm eigene Erlebnisse im Laufe eines Jahres hat, Erlebnisse, die andere Kreise weniger berühren, andere Gruppen weniger in ihren Bannkreis ziehen. Es hat an solchen Geschehnissen in unserer Gemeinde nicht gefehlt. Gleich der Anfang des Jahres brachte uns die erschütternde Kunde vom Tode des Gemeinderabbiners Dr. Ephraim Carlebach s. A., eine Kunde, die in beispielloser Weise die ganze Gemeinde gepackt und ergriffen hat, zugleich in eigenartiger Weise die Verbundenheit unserer Gemeinde mit Erez Israel unterstreichend. In Gedenkfeiern, die der Bedeutung des Falles würdig waren, gaben Schule und Gemeinde ihrer großen Trauer Ausdruck, um noch einmal die Persönlichkeit und das Werk des Verstorbenen lebendig werden zu lassen.— Der Verlauf des Winters brachte uns zwei Jubiläumsfeiern, das 50jährige Bestehen des Hilfsvereins Israel. Gewerbetreibender e.V. und die 25-Jahrfeicr der jüdischen Schule. Es war gewissermaßen die Feier der zwei großen, uns obliegenden Aufgaben, die wir mit diesen zwei Jubiläen begehen konnten, der sozialen und der kuiturelten Arbeit. Wir haben diese Feste nicht gefeiert um ihrer selbst willen, sondern um durch sie neuen Antrieb zur Erfüllung der durch * die Jubilare gezeichneten Aufgabenkreise in uns zu wecken. — Das Ende des Jahres brachte der Gemeinde die große und schwere Pflicht der Auflösung des ersten Gemeindefriedhofes im Johannistal. Mit schwerem Herzen und banger Sorge haben wir die Verpflichtungen zu erfüllen getrachtet, die unser Gesetz in solchem Fall uns auferlegt, immer zweifelnd, ob wir auch alles getan, was wir tun sollten und konnten. Mit größter Sorgfalt und Pietät wurden die Arbeiten vorgenommen; besonders wurden in schlichter, aber den Teilnehmern als unvergeßlich sieh mitteilender Feierlichkeit die Gebeine des Rabbiners S. J. Friedmaun aus Sadacora unter großer Beteiligung exhumiert und sofort wieder auf dem neuen Friedhof beigesetzt. Eben in diesen Tagen gehen die Arbeiten auf dem aiten Friedhof zu Ende. Wollte man den Rückblick auf das Jahr vollständig gestalten, müßte man von unseren Synagogen reden, müßte die viele große und kleine Arbeit erwähnen, die in den Sitzungen der Gemeinde, in den Vereinen und Ämtern geleistet wurde, müßte von der unablässigen Tätigkeit unserer Schule sprechen, müßte des Lehrhauses, der Jüdischen Winterhilfe und unserer Jugendbünde usw. gedenken. — Wer für seinen engsten Familienkreis das Jahr überschaut, der wird die freudigen und traurigen Ereignisse au sich vorüberziehen lassen, die dieser Zeitraum gebracht hat: Abschied von lieben Angehörigen, die von uns gegangen sind, Gründung neuer Familien, Geburt von Kindern und ihr Heranwachsen. Es wird keiner sein, für den das Jahr gar nichts gebracht hätte. In der Betrachtung am Ende des Jahres wird durch den zeitlichen Abstand erst den einzelnen Geschehnissen die rechte Einschätzung und Würdigung werden. Schon beim Rückblick hat sich unwillkürlich das Auge in die Zukunft gelenkt, unser Denken hat von dem Vergangenen Lehre und Ausrichtung für das Zukünftige gewinnen wollen. Darum ist es verständlich, wenn hier am Schluß dieser Ausführungen auch einige Worte über Kommendes gesagt werden sollen. Auch für die Zukunft wissen wir uns eingeordnet in den dreifachen Kreis von Gemeinde, judenheit in Deutschland, jüdisches Volk in der Welt. Auch für die Zukunft wissen wir, daß innerhalb dieser drei Kreise die Entscheidungen auch für unser Einzelleben fallen. Aber es ist nicht Wissen im wesentlichen, was in uns für die Zeit vor uns lebt, sondern Hoffen. Hoffen auf glückliche Entwirrung der Schwierigkeiten und Biblischer Bericht über eine Rausch-Haschono-Feier. Nur einmal findet sich in der Bibel ein ausführlicher Bericht über eine Feier des Rosch haschanah-Festes. Er ist ungemein packend und läßt einen tiefen Blick in den starken Eindruck tun, der von einer solchen Feier ausgeht. Er schildert die Feier des Rosch haschanah kurz nach der Rückkehr der Juden aus Babylonien nach Jerusalem. (Nehemia 7,72 8,12) „Als der siebente Munal herankam, daß die Kinder Israel in ihren Städten waren, da versammelte sich alles Volk wie ein Mann auf dem freien Platz vor dem Wassertor, und sie sagten Esra, dem Schriftgelehrten, daß er das Buch der Weisung Mosches bringe, die der Ewige Jisrael geboten hatte. Da brachte Esra, der Priester, die Weisung vor die Volksschar, Mann und Weib und jeden, der zu hören verstand, am ersten Tag des siebenten Monats. Und er las daraus auf dem Platz vor dem Wassertor vom Tageslicht bis zum Mittag vor den Männern, Frauen und denen, die es verstehen konnten, und die Ohren des ganzen Volkes waren dem Buch der Weisung zugewandt. Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einer Erhöhung aus Holz, die man hierfür errichtet hatte.... Und Esra öffnete das Buch vor den Augen alles Volkes - denn er stand über allem Volk - und als er es öffnete, stand alles Volk auf. Dann pries Esra den Ewigen, den großen Gott, und alles Volk fiel ein: Amen! Amen!, mit Erheben ihrer Hände, neigten sich und warfen sich nieder vor dem Ewigen, mit dem Antlitz zur Erde. Und „die Lehrer11, und die Lewiten erläuterten dem Volk die Weisung, und das Volk blieb auf seinem Standort. So lasen sie aus dem Buch der Weisung Gottes vor mit Erläuterung und Darlegung des Sinnes, daß sie das Gelesene verständlich machten. Dann sprach Nehemia - das ist der Statthalter und Esra, der schriftgelehrie Priester, und dir Lewiten, die dem Volk erläuterten, zu allem Volk: ..Der Tag ist heilig dem Ewigen, euren Gott, trauert nickt und weint nicht!" Denn alles Volk weinte, als sie die Worte der Weisung hörten. Und er sprach zu ihnen: „Geht, eßt Ueppiges und trinkt Süßes und sendet Gaben dem, der nichts bereit hat, denn heilig ist der Tag unserm Herrn; und seid nicht betrübt, denn des Ewigen Wonne ist es, eurer Schutzburg." Und die Lewiten beruhigten alles Volk, indem sie sagten: „Seid still, denn der Tag ist heilig, und seid nicht betrübt!" Da ging alles Volk, zu essen und zu trinken, Gaben zu senden und ein großes Freudenfest zu veranstalten, denn sie verstanden die Worte, die man ihnen verkündet hatte." Nöte in Erez Israel, Hoffen auf Sicherung und Festigung der jüdischen Lebensbasis in den Ländern der Welt, Hoffen vor allem auch auf eine stärkere Wiedel erfaßtheit des jüdischen Volkes von seinen ewigen, von Gtt iresetzten Lebensbedingungen. Aus diese» Hoff nungen ergeben sich von selbst die Verpflichtungen, die in der Zukunft auf uns liegen, Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Gesetz, d. h. gegenüber Gtt, Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volk und dem jüdischen Land! Uns in unserem engeren Kreis wird das kommende Jahr Arbeit bringen auf all den Gebieten, auf denen wir bisher zu arbeiten hatten. Alles, was wichtig ist in unserem Lebenskreis, zu erhalten, die Stätten des Betens, des Lehrens und des Lernens, die Werke sozialer Fürsorge und brüderlicher Hilfe zu festigen und zu unterbauen, das werden unsere Obliegenheiten im Kommenden Jahre sein, soweit sie uns als Gemeinschaft angehen. Jeder einzelne weiß am ehesten, was darüber hinaus an persönlicher Leistung er von sich verlangen muß. — Besondere Sorgfalt wird wie immer unserer Jugerid zu gelten haben. Ihr die Möglichkeiten /u körperlicher und geistiger, beruflicher und allgemeiner Bildung zu geben, sie vor allem zu glaubensbewußten und tatbereiten jüdischen Menschen zumachen, soll uns wesentlicher Programmpunkt sein. Unsere Jugend selbst aber möge einsehen, daß sie die Möglichkeiten zu lernen und sich zu bilden, die ihr hier geboten werden können, weitmöglichst ausnutzen soll. Denn in welchem Beruf immer einer leben mag — und es werden ja meist nicht geistige Berufe sein, in denen unsere Jugend leben wird — immer wird Wissen eine glückliche Bereicherung des Daseins sein, in besonderem Umfang jüdisches Wissen im jüdischen Leben. ' In dem Sinn, daß uns von (itt die Kraft zur Erfüllung unserer Pflicht gegeben sein möge, wünschen wir uns alle, ein jeder jedem, ein glückliches, gesegnetes neues Jahr!