Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 32 (6.8.1937)
- Date
- 1937-08-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 j ÜD1SCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 6. August 1937/Nr. 32 Denn Verständigung ist überall dort und nur dort möglich wo die Seichen Inhalte des Gesprochenen durch gleiche Zechen ausguckt und auch aufgefaßt werden. Deshalb gehört es der Sprache, da» in ihr darüber hinaus eine hülle \on Inhalten Kst gehalten .st. Hl ueuen ane ErMuuuy« ««^S^ben^ S BS^Tti Hwä^ KI &jAjgtasgaftpjsS ^XftÄ-^i- 's? «wM^ävä -« TÄÄ* «"KTSW-lf ä ArtAli« WC IU I^mlen ^"^"gUS SÄ.* d« tonung de, ^CÄ^^* « formen übernommen und im Bcw ußtsein des Einzelmenschen aufgebaut werden. So verarbeiten alle Angehörigen einer Sprachgemein* schaft ihre Erlebnisse gemäß der Weltauffassung ihrer Muttersprache und denken und handeln entsprechend. Jeder neu in die Sprachgemeinschaft Eintretende baut auf einem Erbe auf, das seine Gemeinschaft ihm übermittelt und ihn weltenweit hinausträgt über das, was BT, auf sich allein gestellt, im Laufe seines Lebens erarbeiten könnte. So gewiß die Sprache eine Schöpfung von Menschen ist, so gewiß ist sie aber auch schon mit dem Augenblick ihrer Entstehung eine Kraft, die selbst wieder auf diese Menschen zurückwirkt. Denn der Mensch, der in eine Sprache hineinwächst, steht für die Dauer seines I ebena unter dem Banne dieser Sprache. Das Vorhandensein eines geistig geformten Weltbildes in der Sprache einer Gemeinschaft bleibt nur für den verwunderlich und unbegreiflich, der in der Sprache eine bloße Anhäufung zusammenhangloser, einzelner Wörter sieht. Man muß zugeben, daß dieser Anschauung Vorschub geleistet wird durch die üblichen Formen, in denen eine Sprache in Wörterbuch und Grammatik dargestellt wird. Sähe die Wirklichkeit der Sprache so aus wie ein Wörterbuch, in dein in einer ganz äußerlich bestimmten Art, nämlich alphabetisch, die Wörter aufeinanderfolgen, dann könnte man hinter diesen zusammenhanglosen Brocken kein Weltbild finden. In Wirklichkeit gehören aber diejenigen einzelnen Teile des Wortschatzes zusammen, die an der gedanklichen Bewältigung der einzelnen Lebensgebiete zusammenwirken. So gehört z. B. in der deutsehen Sprache „dick'' nicht zu „Dickens", wie dies im Duden steht, sondern zu dünn; ..bald" nicht zu „Baldachin", sondern zu den übrigen Zeitbestimmungen. Der auf diese Weise aufgebaute Wortschatz schließt aber tatsächlich ein ganzes Weltbild in sich, denn die Wörter, die sich da zusammengefunden haben, umfassen alle die Möglichkeiten der Auffassung, die in einer bestimmten Sprache für die Erscheinungen eines bestimmten Lebensgebietes herausgearbeitet worden sind. Die Leistung der Sprache für eine Gemeinschaft ist also, daß sich für die Angehörigen der Sprachgemeinschaft eine weitreichende Gleichartigkeit der Denkgrundlagen und der Äußerungsformen ergibt, die dann auch die Verständigung zwischen verschiedenen Menschen ermöglicht Sucht man ein Merkmal, um die Zusammengehörigkeit von Menschen festzustellen, so wählt man die Sprache. Die Sprachgemeinschaft ist die Voraussetzung für alle andere Gemeinschaft, nicht nur, weil sie erst die Verst.indi<rung ermöglicht, sondern vor allem, weil sie die Grundlage der Verständigung, die gemeinsame Weltauffassung vermittelt. Wenn also irgendwo, so sind in der Sprachgemeinschaft die Voraussetzungen für ein Zusammenleben und Zusammenwirken vieler Menschen gegeben, und so bildet der Geltungsbereich einer Sprache den naturgemäßen Raum für ein Volk. Gewiß wird man für lebendiges Volksein noch vieles andere verlangen, aber mit der Sprachgemeinschaft sind Bindungen geschaffen, denen sich niemand entziehen kann, so daß die Sprachgemeinschaft als die unentbehrliche Voraussetzung für die Volksgemeinschaft bezeichnet werden muß. Und andererseits ist die Sprache, wie sie n bfchteng und Schrifttum eines Volkes niedergelegt W, nicht nur de erößte allgemein zugängliche, sondern auch der leuch endste und :J"g p!„oc V/nlW.« rt«- „n^rcW^r^r .«* »U Ranwe-rke"und Bildei^nachwirkender als politische Macht, WirtschaftS; formen oder Keichtum, unu der siaauic.c Grenz«! und l.«..^...... ^"SeGemeinschaft hat den Ausdruck ihrer selbst in ^Sprache sprechender - im eigentlichsten Sinn des Wort« - & «Ue» riederoelefft ais die jüdische, als das Volk des Buches. Bei keinem Vo n £ elt unter den Kulturgütern das Schrifttum eine so uberragende S£ "u bei den Juden. Dieser Literatur entsprach bis in S vorletzten Epochen unserer Geschichte - tmanzipa ioii und fcÄcische Sprache" in der Diaspora nicht die gesprochene Sprach - aber die Sprache seines geistigen Lebeiis. je nun das Leben ilkes verknüpft wai ment stärk "und ihr Fortbestehen gesteh ÄrSReiißLWSo Sge nun^dasTVben unserer Sprache mit dem reSSösen Feben des Volkes verknüpft war, so lange war ihr Funda- "'^ ' Z Fnrthestehen gesichert. Die bekannten Aufir,,n.Mr<.r«rhoMHum.a.I.,lr.^l)«>5J^a,r;"« ^YbVselren1 von Palästina, wo das Hebräisch zu neuem Leben erstanden ist - unsere Sprache keine lebendige, keine Volkssprache mehr ist. Heute nehmen wir Anteil am geistigen Leben der Völker, unter denen wir wohnen und mit denen wir kulturell verbunden sind, kennen die deutsche, polnische oder französische Literatur und lesen die Werke deutscher, polnischer oder französischer Schriftsteller, aber wir besitzen keinen direkten Zugang zur hebräischen, zur jüdischen Kultur! Sowohl von unserer Urquelle, der Bibel, als auch der neuesten Literatur unserer Dichter und Schriftsteller haben wir eine völlig unzulängliche Kenntnis. Wir wissen zu wenig, welches große Gut niedergelegt ist im Talmud und Midrasch und kennen gewöhnlich Maimonides und Jehuda Halevi nur dem Namen nach. Die Erlernung des Hebräischen bedeutet deshalb für uns nicht die Einprägung neuer Vokabeln und grammatischer Regeln, sondern die Wiedergewinnung der Sprache unserer großen Vergangenheit und deren Literatur. Darüber hinaus ist die hebräische Sprache heute die einzige Kraft, die stark genug sein könnte, um über alle Gruppen, Partehaigen und Richtungen im Judentum hinweg gemeinschaftsbil deud zu wirken, die räumlich, sprachlich und in der Lebensweise getrennten Glieder der Judenheit zu vereinigen und am Leben des gesamten jüdischen Volkes Anteil nehmen zu lassen. Die Frage der Wiedergeburt der Sprache in der Diaspora ist eine Frage der Überzeugung und des Willens. Ein zwingendes materielles Interesse, das den einzelnen Juden zum Hebräisch führen müßte, gibt es nicht. Wir können uns daher nur an Menschen wenden, die Sinn für geistige Werte überhaupt haben. Nicht aus den Quellen eines äußeren Gesetzes soll das Hebräisch entspringen, sondern aus innerem Drang und Pflichtgefühl. Denn die Rückkehr zum Hebräischen bedeutet nicht nur, mit der Absicht, sondern mit der Tat zum Judesein zurückzukehren. Die Menschen, die in der hebräischen Arbeit stehen, geraten häufig in die merkwürdige Situation, daß sie von der Sache, für die sie sich einsetzen, nicht sprechen können. Denn demjenigen, der sich noch nicht entschlossen hat, hebräisch zu lernen, kann man die Schönheit und den Reichtum der Sprache nicht schildern, weil er sie ja nicht versteht! Eine weitere Schwierigkeit bedeutet es, jungen Menschen die Wichtigkeit der Erlernung des Hebräischen klarzumachen, da diese kein geschichtliches Verantwortungsgefühl haben. Dennoch ergeht ein Appell an die Eltern und Führer unserer Juirend und an deren Kuiturwillcn, daß sich die jugend an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache beteilige. 'Es wird zwar schon mancherorts gelernt, aber allzu oft wird dieses Lernen noch als Zwang empfunden. Erzwungenes wird fast stets mit einem gewissen Unwillen getan. Aber nur diejenigen, die beseelt sind von einem Willen zur Kultur, werden so viel intensive Arbeit und Idealismus aufbringen, die zum Hebräisch-Lernen gehören. Nur ein tiefes Gefühl der Pflicht und der Liebe gegenüber unserer Sprache wird sie bei ihren Bemühungen fördern, mit welchen sie sich ein alt-neues geistiges Terrain erobern: die hebräische Kultur. Der XX. ZioniStenkOngreß (Eröffnungssitzung). Der XX.Zionistcnkongreß ist am Dienstag, den 3. August, im Züricher Stadttheater eröffnet worden. Das gewohnte eindrucksvolle Bild der Kongreßeröffnung war diesmal durch die besondere Note gekennzeichnet, die die Tagung angesichts der schicksalhaften Verantwortung trägt, die den Delegierten heute auferlegt ist. lieht schon die Tatsache, daß es sich um einen Jiibiläumskongreß nach Abschluß der ersten vierzigjährigen Periode des politischen Zionismus handelt, diesen Kongreß weit über die bisherigen Tagungen empor, so machen ihn die Erwartungen, die nicht nur die Judenheit sondern auch weite Kreise der nichtjüdischen Welt a.i ihn knüpfen' zu einem Ereignis von wahrhaft historischer Bedeutung. Alle Teilprobleme, die Sondervvüiische und Strebiingen der einzelnen Gruppen und Anschauungen, die der Rahmen der Organisation umschließt sind in den Hintergrund getreten. Was der Kongreß zu entscheiden hat, betrifft nicht mehr bloß die Interessen einer einzelnen Organisation, nicht die Gestaltung dieser oder jener Einzelheit in dem Aufbau Palästinas und in der Arbeit für die Erweckung des nationalen Bewußtseins und der kulturellen Kräfte eines Vortrupps der jüdischen Gesamtheit in der Diaspora, sondern in seinem unmittelbaren Ergebnis und in seinen weiteren Auswirkungen die jüdische Gesamtheit schlechthin. Mit Recht blicken die jüdischen Massen aller Länder, die ihre Delegierten zu dem Kongreß entsandt haben, aber auch alle diejenigen jüdischen Kreise, die, ohne der Kongreßdelegation angeschlossen zu sein, ihren Zusammenhang mit der kommenden Entwicklung empfinden, voller Spannung auf die Züricher Tagung. War der Beginn des Kongresses sonst iti der Regel von der Heiterkeit eines Wiedersehensfestes beherrscht, das Zionisten aus allen Landern, für die übrige Zeit der Jahre durch ungeheuere raumliche Entfernungen voneinander getrennte Arbeits- und Wegkameraden feierten, so ist diesmal die Stimmung durch den tiefen