Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 32 (6.8.1937)
- Date
- 1937-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1/ It 1VA\__ >IOI< »IIIMGrurrminimrMiTr "' 'kiMiUMüMLEfill Hli MEWti» August 1937 / 29. Aw 5697 LEI PZIö SSI Hans Singer: Warum Hebräisch? Jeder Mensch lernt eine Sprache, verwendet sie täglich und stündlich, fast all sein Denken und Handeln ist vom Sprachgebrauch begleitet, aber den wenigsten wird die Sprache zum Anlaß desNach- -w.kens, geschweige denn zum Gegenstand ernsterer Beschäftigung. 13. Jahrgang/Nr. 32 George Goetz, Berlin: Frage aie vunSc. ___ Mehr als jede andere scheint uns die jüdische Ueschichte angetan, aus ihr seelischen und praktischen Gewinn für die Gegenwart und für die Zukunft zu ziehen. Vielleicht, weil sie uns und wir ihr am nächsten sind. Vielleicht und sicherlich aber noch aus einem anderen Grunde. Iis heißt so oft, die Weltgeschichte kenne keine Wiederholungen. Ist das aber richtig, und steht solcher Behauptung nicht eine allgemeine Grunderkenntnis entgegen: die Erkenntnis von der Konstanz der Mciischciigattung? Es ist das Wesen jeder Gattung, daß sie konstant ist, unveränderlich; das liegt im Begriff der Gattung selbst, und die Konstanz der Menschheit leugnen, heißt bestreiten, daß die Menschheit eine Gattung ist. So reagieren also die Menschen auf bestimmte Vorkommnisse immer gleich; soweit dennoch Abweichungen stattfinden, beruhen sie auf der unendlichen Vielschichtigkeit alles Geschehens, das eben in Wirklichkeit niemals völlig „Gleicncs" kennt, und ferner, was mit dem soeben Gesagten zusammenhängt, auf der Verschiedenheit der Verhältnisse und Bedingungen des Lebens. Aber die Menscheiigattung als solche ändert sich nicht, und darauf beruht es auch, daß wir — sehr ähnlich wie in der sogenannten unbelebten Natur — auch in der Geschichte der Völker das Walten von „Gesetzen" beobachten. Es hat etwas ungemein Tröstliches, zu wissen, daß die Menschheitsgeschichte kein blindes Walten des Zufalls und der Kräfte kennt, sondern daß auch in ihr uiidurchbrechbare Gesetze walten; wir dürfen getrost von „Naturgesetzen" der Weltgeschichte sprechen. Und nun meinen wir: in der Geschichte keines Volkes ist diese Gesetzmäßigkeit so deutlich sichtbar wie gerade in derjenigen der Juden. Die jüdische Geschichte ist geradezu ein Musterbeispiel für die e,wige Wiederkehr des Gleichen, sie ist eine viertausendjährige Kette immer sich gleichender Wiederholungen, so daß wir erkennen: ein undurchbrechbares Gesetz waltet über uns, dem wir zu dienen haben, wenn wir nicht scheitern wollen. Daher die immer wieder überwältigend erstaunliche „Zeitnähe" der Bibel, die in grauer Vorzeit zu unseren Ahnen Gesprochenes zu uns sagt — alle ihre Worte scheinen auf uns und unsere Verhältnisse zu passen. Daher auch unsere feste Zuversicht, unsere Sicherheit: was den Vätern verheißen ward und an ihnen in Erfüllung ging, das gilt auch für uns und geht in Erfüllung an uns und an unseren Kindern. Gerade dies aber macht es uns zur Pflicht, nicht nur selber die „frühere" Gcs<.Iiiciuc zu studieren, sondern zugleich auch dafür ZU sorgen, daß auch die, die nach uns kommen, die heutige Geschichte zu studieren vermögen. Noch ist die Zeit nicht da, eine große Geschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte jüdischen Geschehens vorzunehmen; die Ereignisse sind allzu nah, die Personen /u sehr einbezogen in alle Bewegung und die Periode als Ganzes noch nicht abgeschlossen. So kann der Geschichtsschreiber erst nach Ablauf weiterer Jahrzehnte, vielleicht erst nach Generationen komineu — kommen wird er. Wir brauchen ihm nicht vorzugreifen, wir könnten es auch gar nicht; aber wir sollten ihm — vorarbeiten Mit anderen Worten: wir sollten sammeln. Diese Anregung deckt sich mit unserem eigenen Wunsch, die Urgründe und damit die Gesetze unseres Seins kennenzulernen. Denn gleich vielen Völkern Mud auch wir Juden heute mehr denn je bewegt von den Fragen nach dem Woher und Wohin von Einzehnenscheii und Geschlechtern. Schon oft haben Notzeiten eine Hochblüte der Genealogie gebracht, und wir Juden dürfen von uns sagen, daß Zeiten stärkster materieller Gefährdung bei uns immer auch Zeiten intensivster geistiger Sammlung gewesen sind - das Wort „Sammlung" in seinen beiden Bedeutungen genommen: Selbstbesinnung und Zusammenstellung. So ist es in der Gefangenschaft Babylons zur Sammlung ^!$^^&{™^^^~ rangen verlorengehenritoniieiiy-ri.- «.SSi öh^Hi°35' bJ&LPllESJ&J** Wanderzeiten zur mn jeder sollte dem entgegenwirken. Es ist doch in 'der* I 'Üt"*fHf schämendes Bild, daß man oft genug sogar feingebildete Menschen trifft, die schrecklich belesen sind, aber von sich selbst, d. h. von ihrem Herkommen wissen sie gerade noch, wie ihre Großeltern hießen, nicht aber, wer die Väter ihrer Großväter, die Mütter ihrer Großmütter waren. Und doch ist jeder von uns, bin ich und bist du zusammengesetzt aus den vier Großeltern und acht Urgroßeltern. Jeder müßte es als Beschämung empfinden: deine Ahnen leben in dir, du aber weißt nichts von ihnen! Jedoch wer dies recht erwägt, der wird bei, der Beschämung, bei einem zu nichts verpflichtenden Gefühl nicht'stehenbleiben; er wird auch etwas tun wollen. Und dies ist es, was er tun sollte: aufschreiben! Aufschreiben, zunächst einmal, wer du selber bist, und wer deine Frau. Dann was du von Vater und Mutter weißt, was du über deine beiden Großväter und Großmütter erfahren hast, was du über deine Urgroßeltern erforschen kannst. Bemühe dich, dir Bilder von ihnen zu verschaffen und ihre Handschi ift in Briefen und auf Zetteln — deine eigene Handschrift wirst du in der ihren wiederfinden —, und zuletzt w irst du nicht nur deine Ahnen vor dir selber lebendig gemacht haben, sondern mit ihnen das ganze Bild ihrer Zeit. Aber nicht dies allein ist es, wovon hier gesprochen wird —: die Zeit unserer Großväter, unserer Väter und unsere eigene Zeit verschmelzen ja zu eine r Zeit, zu einer Epoche, die ans Ende gelangt ist und deren Bild ebenfalls festgehalten werden soll für künftige Zeiten. In einer früheren Nummer dieses Blattes war ein Aufruf veröffentlicht worden, den die verschiedenen jüdischen Zentralkörperschaften erlassen hatten, daß jedermann und auch jede Gemeinde, jeder, der im Besitz irgendwelcher zweckdienlichen Urkunden oder Listen aus der Vergangenheit ist, die Arbeit des „Gesamtarchivs der Juden in Deutschland" (Berlin N4, Oranienburger Straße 28) fördere. Aber darüber hinaus möchte man jedem einzelnen zurufen: „Schreibt Familienchroniken!" Es ist nicht nötig, über diese Anregung zu erschrecken, denn die solchem Schreck zugrundeliegende Befürchtung ist falsch: es ist nicht wahr, daß alle Familienchroniken künstlerisch wertlos, langweilig und philiströs sind. Man muß das „Material" nur als lebendige, menschliche Vergangenheit zu sehen wissen, dann wird diese Vergangenheit lebendig. So hat der bekannte jüdische Schriftsteller Heinrich Kurt zig mit zweien seiner Bücher („Kaufmann frank" und „Ostdeutsches Juden tum") den Beweis geliefert, daß er aus ihm übersandten Materialien kulturgeschichtlich ungemein instruktive, menschlich lebendige, mit einem Wort: literarisch wertvolle Familienchroniken zu schreiben versteht. Man kann also, wenn man selbst die Kunst solchen Schreibens nicht beherrscht, sogar dergleichen schreiben lassen. Wichtig genug ist es, daß von der nun zu Ende gehenden, besonders gehaltvollen Epoche jüdischer Geschichte alles gesammelt und -unseren Enkeln nach uns überliefert werde. Sie werden in andern Kontinenten leben, sie werden ihre Sorgen und Probleme haben, - doch wird es jüdisches Leben, werden es jüdische Sorgen und Probleme sein. Und so werden sie sich Hat und Aufschluß holen wollen — gleich uns: aus der jüdischen Vergangenheit. Ihre Vergangenheit, das ist unsere Gegenwart und die unserer Eltern und Großeltern. Noch einmal drum: Schafft jüdische Familienchroniken, sammelt die Erinnerungen an die Epoche, der wir angehören, deren kulturellen Reichtum wir empfinden und - bewahren wollen. Denkt, daß zu unseren Enkeln, ganz wie zu uns selbst gesagt ist: „Frage die vorigen Geschlechter und richte dich danach, was ihre Väter er forscht haben!" (Hiob 8, 8.) Auf die Frage, wozu die Sprache dem Menschen diene, wird man fast stets die Antwort erhalten, sie sei ein Mittel der Verständigung innerhalb der Sprachgemeinschaft. Wir habeii so häufig Gelegenheit, die Sprache in dieser Verwendung als Mittel zum Austausch der Gedanken zu sehen, daß daran kein Zweifel möglich ist. Trotzdem ist darin die Aufgabe der Sprache keineswegs erschöpft.