Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 29 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINÜEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSüEMElNDE ZU LEIPZKi 16. Juli 1937 Fühlen nur die belebende Kraft verleihen, die im „Heiligen" ihre Wurzel hat, im Glauben an die göttliche Macht, die im jüdischen Schicksal waltet; ohne die eine jüdische Zukunft nicht zum Segen gestaltet werden kann; die mit Leidenszeiten jüdische Erkenntnis neu beleben will, die eine tatenlose Resignation über jüdisches I «»iHoncc/th;»!"«! Z" U'..iC.t2«üwk,.ll vi'iiliug. Im Riugcn um jüdischen Uemein«chaft«wil!?ri kommt 11^- bi «tischen eine wichtige Aufgabe zu. Unzweifelhaft für den Alltag die lebendige Sprache. Aber für ein echt jüdisches Zukunftsstreben auch die „heilige" Sprache. Davon gingen die Männer aus, che nach dem Sturze des Jahres 70 die jüdische Zukunft zu sichern berufen waren: sie begnügten sich nicht damit, den Willen de« Volkes zu starken, als Volk weiterzuleben. Die Judenheil wäre längst zerrieben unter den Mahlsteinen der Jahrhunderte, wenn nicht der Glaube an das „Schicksal" in ihr seine unverwüstliche Kraft Jüdische Zeitschau Jüdischer Weltlasttag am 29. August. Der polnische Rabbinerverband hat vor einigen Wochen grundsätzlich beschlossen, im Hinblick auf die andauernden I eiden in Osteuropa einen jüdischen Weltfasttag zu proklamieren. Im Einvernehmen mit den Rabbinerverbänden aller Länder ist der Weltfasttag für den 29. August festgesetzt worden. Ein Aufruf der „Staatszionistischen Organisation". Die „St iatszionistische Organisation" veröffentlicht einen vom „Brith-Haschomrim", der „Jüdisch-nationalen Jugend .Herzlia'" und der „Schriftleitung ,Das jüdische Volk'" mitunterzeichneten Aufruf, der u. a. folgendes besagt: Wir Juden kennen die Auslegung des Palästinamandats zur Genüge durch alle Epochen des Jüdischen Nationalheims. Können und wollen wir das länger hinnehmen, daß wir wieder jeden Status anerkennen, wie er heute in Jerusalem und London vorbereitet wird? Wir Staatszio niste n sind keine Revolutionäre. Wir haben auf unsere Fahne nicht die Revolution geschrieben, sondern die Freiheit und Ehre des jüdischen Volkes. Vielleicht wirken wir als Revolutionäre, aber das ist nicht unsere Sache. Wir sind in der Not der Zeit politische Menschen geworden, die den Mut, die Kraft und den Willen haben, das Schicksal ihres Volkes in die Hand zu nehmen. Wir geben keine zionistischen Positionen preis! Das Bewußtsein unseres Zeitalters ist in uns so stark, daß wir darin eine Generation von Menschen formen müssen, die wieder Juden — des Volkes und der Religion — mit Leib und Seele sind. Das Zeitalter des Sichgehen-lassens ist endgültig vorbei. Das Zeitalter, in welchem Juden sagten, sie seien nur der Religion nach Juden, hat aufgehört. Macht unsere Organisationen zu einer starken Waffe. Sie werden eure Forderungen bewußt und zielsicher ver treten. Verhelft uns zum Sieg, und ihr werdet frei! Wir werden siegen, *cii dei Gedanke an einen judenstaat und an die J üdische Legion ein heroischer ist! Wir S t a a t s z i o n i s t e n wollen das jüdische Volk! Die Meinungen und Anschauungen der vergangenen Epoche sind überholt. Wir haben uns zu neuen Lebensauffassungen durchgerungen, in der Erkenntnis, daß die alten falsch waren. Wir sind Nationalisten, weil unsere Liebe zu unserem Volk so groß ist, daß sie keine Grenzen kennt. Wir sind auch deswegen fanatische Judenstaatler, weil es die einzige Möglichkeit ist, unsere jüdischen Menschen zu einer glücklichen Zukunft zu bringen. Wir brauchen dich, wir brauchen euch alle, weil ihr die kleinste Einheit im Jüdischen Volk seid, die geistigen Erzieher eurer Kinder, unserer jüdischen Men sclien. Wir brauchen eure Kinder, damit sie nicht wieder in die Fehler ihrer Väter verfallen. Jüdische Mutter, wir brauchen dich, du hast es in deiner Hand, deine Kinder im jüdischen Geist und im Zionismus als dem Staatsgedanken des gesamten Volkes Israel zu erziehen. Du bist der Faktor in unserem Volke, der diese jungen Menschen zu bewußten stolzen Juden machen kann. Wir vertrauen auf dich und auf die Aufgaben, die wir dir gestellt haben. Du hast die Pflicht zu dieser Erziehung, damit diese Kinder in einem glücklichen jüdischen Staat und Volk zur vollen Größe und Freiheit emporsteigen können. Wir kämpfen für Judenstaat und jüdische Freiheit! Mit der fanatischen Hingabe an unser menschliches Wollen werden wir gegen alle Widerstände für den ungeteilten Judenstaat zu beiden Seiten des Jordan kämpfen. Juden in Deutschland, kämpft mit uns für die jüdische Freiheit, für den Judenstaat zu beiden Seiten des Jordan, für die jüdische Legion, für die jüdische Lehre. Für Einigung des gesetzestreuen Judentums. In dem jüdischen Organ „Die Laubhütte" wird in einem Aufsatz die Einigung des gesetzestreuen Judentums, das in die verschiedensten Lager, insbesondere in Agudas Jisroel und Misrachi zerspalten ist, als ein Gebot der Stunde gefordert. Es wird festgestellt, daß die Massen des gesetzestreuen Judentums sich angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen zu einer Einheit zusammenschließen müßten, zumal sowohl die Aguda als auch der Misrachi schon mit den ihnen entgegengesetzten Gruppen Pakte und Abmachungen getroffen haben. Die Agudas Jisroel habe in den letzten Jahren gerade in Erez Israel die Erfahrung gemacht, daß eine stärkere Verbindung und Zusamhätte bewähren können. Dieser Glaube wurzelte in der „heiligen" Sprache. Sie soll auch das heutige jüdische Geschlecht wieder zur jüdischen Einheit leiten. Wir erleben ja heute eine Belebung dc- Hebräischen und daraus eine Stärkung des Gemeinschaftswillens Sie darf «fvr nfrW bc: lz:\. .... iii^üvlit-n Umgang gesprochenen, im Schrifttum gelesenen Hebräisch stehenbleiben; -ic rr.ufl ....vi. üii „heilige" Sprache pflegen; das ist die Seele des jüdischen Daseins, die den (ilauben an die Ewigkeit jüdischen Lebens erst wahrhaft begründet. Dieser Glaube muß ja gerade eben wieder eine starke Belastungsprobe bestehen: die auf die Entwicklung Palästinas als jüdische Heimstätte gesetzten Erwartungen würden nach den Vorschlagen der englischen Kommission in uiierträglhcher Weise herabgemindert werden. Mit ganzem Einsatz muß dem entgegengearbeitet werden; mit Hoffnung auf Erfolg nur dann, wenn hinter den Bemühungen der Glaube an ein ewiges jüdisches Leben steht. menarbeit mit den übrigen jüdischen Gruppen eine unbedingte Notwendigkeit ist. Die Politik des sog. „Separatismus" sei allein anf das Religiöse beschränkt geblieben. Man dürfe fest davon überzeugt sein, daß eine einheitliche Front des gesetzestreuen Judentums sowohl nach innen als nach außen dem jüdischen Volke in seiner Qesamtheit nur zum Segen gereichen und fruchtbarer wirken könnte als wir es im Augenblick übersehen können. Zum Schluß wird darauf hingewiesen, daß auf der bevorstehenden Dritten Knes sio Qedaulo und auf der Weltkonferenz des Misrachi entsprechende Beratungen abgehalten werden könnten. Der Peel-Bericht und die Zionisten in Deutschland. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland führt gegenwärtig in allen Großstädten des Reiches eine Versammlungskampagne durch, in der zum Bericht der Kgl. Kommission Stellung genommen wird Den Auftakt machte die Berliner Zionistische Vereinigung mit zwei Massenkundgebungen, an denen je 700 bis 800 Menschen teilnahmen , vielen Hunderten war es unmöglich, Einlaß zu finden. Unter dem Vorsitz von R.-A. Benno Cohn und Dr. Franz Meyer sprachen Boris Eisenstadt, Dr. Georg Josephthal, Dr. Alfred Rabau, Dr. David Schloßberg, Dr. Michael Traub und Dr. Joseph Weiß. Alle Redner brachten zum Ausdruck, daß mit der Veröffentlichung des so lange erwarteten Dokumentes eine Epoche in der Geschichte des Zionismus beginne, in der die Zionistische Organisation die denkbar höchste Verantwortung für das Schicksal des Volkes zu tragen habe. Das jüdische Volk müsse wissen, daß der XX. Zionistenkongreß in Zürich über Annahme oder Ablehnung des Vorschlages zu entscheiden haben wird. Alle Äußerungen einer Stimmung, die auf dem Zionistenkongreß nicht zu verbindlichem AusdiucK sich verdichten kann, werden deshalb unerheblich. Es handelt sich jetzt nicht um Proteste, sondern um die Vorbereitung einer verantwortlichen Entscheidung Die zionistische Bewegung in Deutschland erfüllt es mit Genugtuung, daß nach zwanzig Jahren unablässiger Auseinandersetzungen England sich bereit erklärt, bei der Gründung eines Judenstaate;- behilflich zu sein. Was in dieser Bereitwilligkeit an moralischer Stärke für das ganze jüdische Volk liegt, darf der Zionismus gewil' anerkennen und betonen. Trotzdem könne, so führten die Redner aus, die zionistische Bewegung in Deutschland nicht zustimme;;. Entgegen einer gerade auch in bisher nicht zionistischen Kreisen verbreiteten Tendenz, nach der der Plan angenommen werden sollte, da er doch den ersehnten Preis eines 40jährigen Kampfes bringe, müsse die verantwortliche Führung der Zionisten klarstellen, dali sie den Vorschlag der Kommission nicht als Erreichung des Zieles empfinden kann. Kein Volk dürfe um einer vorübergehenden Frleichterung willen seine ganze Zukunft auiW acht lassen. Eine Frei gabe der bisherigen Rechtsgrundlage de; Palästinaaufbaues könne zu unübersehbaren Schädigungen führen. Ein Judenstaat, der das indische Jerusalem nicht enthält, trage seinen Namen zu Unrecht. Ein Judenstaat, der durch den geringen Umfang seines Gebietes unfähig wird, der brennenden Not der Gola wirksam zu begegnen, müss« dem Zionismus eine Grenze setzen, hinter der er nicht mehr ah nationale Erneuerungsbewegung des Volkes wirksam sein kann. Unvorstellbar sei ein Verzicht auf Degahia und die anderen neuen Siedlungspunkte, die jenseits des Jordan unter Opfern und Qefahren begründet wurden. Die Grenzziehung in der Küstenebene erweck« schwerste Bedenken über die Verteidigungsmöglichkeiten des geplanten jüdischen Staates. Die Judenheit in Deutschland, so betonten die Redner, müsse begreifen, daß die Zionistische Organisation die Lebensinteressen des Volkes außer acht lassen würde, wenn si< diesen Teilungsplan nicht mit aller Kritik betrachten und behtnd würde. Im Namen und als Treuhänder des jüdischen Volkes anerkenne der Zionismus bereitwillig das Große, das in dem englischen Flau gewiß enthalten ist; ebenso entschieden bekämpfe er aber einen Konkreten Plan, durch dessen Verwirklichung gerade jenes Große verkümmern müßte, weil es keinen. Raum zur Entfaltung hatte. 4 Die Zuhörermassen ließen durch stürmischen Beifall erkennen, daß sie die verantwortungsbewußte Haltung der Redner als begründet empfanden. Die Versammlungskampagne wird noch in dies« Woche in einer Reihe von großen Städten fortgesetzt. (JFA.)