Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 29 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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13. Jahrgang - Nr. 29 /? £ Auflage 3200 Stack /• r 16. Juli 1937 isu^^iäfGi;:s^iia v^rr DER ISRAELITISCH EN I E I D7 I f! AMTLICHES NACHRICHTENBLATT "llEilGIONSGEMEIMJliilLJLt-4- Y L \ Ü DER GEMEINDEVERWALTTNG DER GTffE! NDEVERWALTON G Ruöuiner Gustav Cohn; Heilige Sprache und Schicksalsglaube Zum 9. Au. Wenn die Menschen in Lebensvorgängen die Maclit des Schicksals erkennen und anerkennen, dann wohl überwiegend bei widrigen Erlebnissen. Enttäuschungen, die langgehegte Hoffnungen zerstörten, Mißlingen von Plänen, auf deren Durchführung vermeintlich alle Sorgfalt verwandt war, unerwarteter Einbruch in bestehende Glücksumstände, das alles löst Gedanken an eine höhere Gewalt aus, an der alle menschlichen Berechnungen zerschellen. Hingegen bei der Verwirklichung von Wünschen, der Krönung von Mühen, dem Oedeiherl in Lebensverhältnissen steht dem Menschen meist sein'- eigene Leistung vor Augen, ist er geneigt, das Verdienst am glücklichen Ausgang sich selbst zuzuschreiben. Das jüdische Lebenssystem zielt darauf hin, im einen wie im andern die Einwirkung des Schicksals, der höheren Fugung in den Gesichtskreis zu lenken; das allzu starke Betonen eigenen Könnens ZU dämpfen ii eine gewisse demutvolle Bescheidenheit; das durch Unangenehme Erfahrungen gefährdete Gleichgewicht im Bück auf die im Mensche.! ruhenden Kräfte zu sichern. Das ist der tiefe Sirn unserer geschichtlichen Gedenkfeiern, wie er sich seit vielen Jahrhunderten, im besonderen auch am neunten Aw, mitteilen möchte. Eine Fülle nationaler Schläge werden durch die Erinnerungen dieses Tages wieder lebendig. Ihren Ausgang sieht der Jude in dem Zusammenbruch des 9. Aw des Jahres 70, als der Römer Jerusalem in Trümmer legte. Was alles dem jüdischen Volke in den Zeiten des Gallith widerfuhr, als Folge dieser schwerste;-, aller Niederlagen erachtet, die unaussprechlichen Leiden, die Juduiheit seither (raten, werden geradezu als „jüdisches Schick- Raf" angesprochen: der neunte Aw wird nicht nur als symbolhaft für ein solches, sondern als Quelle dafür angesehen. Die überlieferte Form, in der der Tsg begangen wird, will aber eine andere Richtung der Gedanken herbeiführen. Als Jirmejahu auf den Trümmern der heiligen Stadl seine Trauer in den „Klageliedern" /um Himmel rief, da waren sie auf den Ton der Selbstanklage abstimmt. Das jüdische Volk durfte den zerschmetternden Schlag keineswegs allein und ausschließlich dem „Schicksal" zuschreiben; es hatte die Mahnungen und Warnungen der Männer unbeachtet gelassen, die ihn den Weg zur Abwendung der drohenden Gefahr gewiesen hatten. Und die gleiche Stimmung sollte immer auf dem neunten Aw lagern. So haben die begnadeten Dichter, die in den Kinoth für Tisch'a b'aw Einzelabschnitte aus der jüdischen Leidensgeschichte zu Klagegesängen formten, stets ihre Trauer in die Mahnung zu ernster Prüfung austönen lasten: die traurigen Geschehnisse sollen aus der Vergessenheit immer wieder in die Gegenwart 'Vogen werden, um die Aussöhnung mit dem „Schicksal" durch eine Abkehr von irriger Auffassung des jüdischen Lebensweges, eine su tc Stärkung des Willens zur Verw irklichung wahren Judentums zu vollziehen. Darum auch stand im Vordergrunde der Leier des neunten Aw nicht das nationale Leid, sondern der Verlust des „heiligen" Landes. Anstoß zur Trauerfeier ist der Brand des Tempels. Auch schon vor dem Jahre 70 gab es Juden in stattlicher Anzahl außerhalb Erez Israel; und auch nach dem Jahre 70 lebten noch mehrere Jahrhunderte lang viele Juden in Palästina. Geändert war die Situation lach dem Jahre 70 durch die Tatsache, daß der Sammelpunkt, um *en sich alles jüdisch-seelische und -kulturelle Sein geordnet hatte, daß der Tempel in Trümmern lag. Jetzt erst begann ein Gallith: für diejenigen, die schon zuvor außer Landes lebten, und die, solange der Tempel stand, sich ihm verbunden gefühlt hatten; aber auch für die im Lande Verbliebenen: es war nicht mehr das „hei lige" Land. Unter dem frischen Eindruck dieser grundlegenden Wende haben die geistigen Führer der Juden, ihnen voran R. Jochanan b. Sakkai, die gebotene Neuorientierung organisiert: der „heilige" Boden jüdischen Lebens war durch die „heilige" Sprache gegeben. In seinem „Stern der Erlösung" weist Franz Rosenzweig mit Recht darauf hin, daß die hebräische Sprache damals schon längst aufgehört hatte, Alltagssprache des Volkes zu sein. Aber als „heilige" Sprache, als die Sprache der Bibel, der Gebete konnte sie die große Bestimmung erfüllen, das einigende Band zu bilden, das bis dahin durch den Tempel alle Juden in ihrer (iesamtheit umschlungen hatte. So wurde die Liturgie weiter und weiter ausgebaut, wurde der Bibellext gedeutet und erklärt, um den heiligen Büchern in der heiligen Sprache ihre Bedeutung für die Juden zu sichern. Haben auch die Juden nie autgehört, ihr Galuthschirksal zu beklagen, die Einheit der iic sie iji dem Studium des Gesetzes, des cn.n,i. T'ul" Entscheidungsschriften als ein unihnen das Bewußtsein der Gemein- Talmud, seiner Liklärungs- und veräußerliches Gut pflegten, ließ schaft. — Das neunzehnte Jahrhundert hat dein jüdischen Leben vielleicht keine größere Einbuße bereitet als die Beeinträchtigung der „heiligen" Sprache. Das Hebräische bleibt immer lebendig, ob es auch nicht als Muttersprache verwendet, nur gelesen, nur in den Stunden der Andacht gesprochen wird, bleibt immer das sichthare Wahrzeichen der Einheit jüdischen Seins. Tot ist es nur für diejenigen, die auch im Gotteshause sich fremd fühlen, weil sie nicht mehr mit den Brüdern gemeinsam in der „heiligen" Sprache beten .heilige" Sprache ist im Onlirth Symbol des Landes, zusammenschließt. Wohin Juden kamen und kommen, sprechen sie die Worte des „heiligen" Landes. Den jüdischen Bezirk ihres Daseins sicherte ihnen die Möglichkeit, überall die gleichen (iebete in den gleichen I nuten sprechen zu können; aus den uralten Psalmen in ihrer „heiligen" Sprache Trost und Zuversicht zu gewinnen. Das ist in großem Umfange im Kß. Jahrhundert zerstört worden. Juden trauern nicht mehr am neunten Aw in den Klageliedern Jirmejahus über den Sturz der heiligen Stadt, können nicht mehr in den Kinoth der frommen hebräischen Dichter weinen; dadurch ist ihnen das Bewußtsein der .heiligen" Verbundenheit mit ihren jüdischen Brüdern erstorben. Eine Verbundenheit, die auf das Kennkönnen. Die das die Juden sprachen und zeichen des Heiligen" verzichten zu stark werden, kann auch große Bedeutung für die Erfüllung wichtiger jüdischer Notwendigkeiten gewinnen. Dauer aber kann jüdischem Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogen-Karten findet bis zum 26. Juli 1937 in der Zeit von 930—1230 Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10, I, statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweitig vergeben. — Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, d. 12. Juli 1937. Der Vorstand der israelitischen Reügionsgemeinde zu Leipzig.