Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 20 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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14. Mai 1937 0EME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Statt KarUn! Qohliserstr. 4 ROSL DYMKTVT JOSKF ROSEXUARTKX Verlobte Mai 1QT7 I Leipzig w't-uinerstr.y I Danksagung Für die herzliche Anteilnahme anläßlich des Ablebens unserer geliebten Mutter Frau Seima Birkenruth geb. weiiburg danke ich bestens auch int Namen aller Angehörigen. Leipzig, Haifa, Tel Aviv, Fulda Dr. Gustav Birkenruth stärkste Band. Weh dem, der ewig sucht, wohl dem, der fand." Und auf den erstaunten Einwand: „Ein solcher Spruch aus Casanovas Mund?" erhält der FragCi* die Antwort: „Bewahren sie ihn sorglich im üemüte. Noch keinem gab ich höhre Weisheit kund." Dieser Casanova ist ein Sucher, der andere glücklich macht, dessen Geliebte „plaudernd, lächelnd, lachend, wie schwesterlich verein*" sind - und selbst am Ende leer ausgeht. Es ist wohl kein Zufall, daß die CaSunovagestalt außer Schnitzler noch andere Juden augezogen hat — Hofmannsthal, Stefan Zweig, Ernst Lissauer, Raoul Auernlieimer —, wenn sie auch nur bei Schnitzler zum Symbol des jüdischen Suchens von Ideal zu Ideal wird, zum Wanderer, den unerfüllte Sehnsucht forttreibt und in dessen Schicksal sich die Gebrechlichkeit der Welt kundtut: „Und könnten Männer je so Brüder sein, wie alle Frauen Schwestern, fürwahr, das Lehen wür' ein leichter Ding." Um nicht für die relativistischen Weisheiten verantwortlich gemacht zu werden, die seine Menschen innerhalb der dramatischen Situationen aussprechen müssen, hat er eine Sammluug „Buch der Sprüche und Bedenken" und als Gegenstück dazu die Broschüre „Der Geist im Wort und der Geist in der Tat" zusammengestellt, die unentbehrlich sind, wollen wir das dichterische Gesamtwerk Schnitzlcrs für die jüdische Weit retten. In unverbindlicher I orm lernen wir hier den Denker Schnitzler kennen, den wir wohl einen jüdischen Denker nennen dürfen — und der Denker ist uns ein verbindlicher Wegweiser durch sein dichterisches Lebenswerk. Wenn er darin auf die Judenfrage zu sprechen kommt, so geschieht das in der für Schnitzler typischen weise nicht wegen der jUdeinrage, sondern im Zusammenhang allgemeiner soziologischer oder politischer Betrachtungen. Doch wenn er sich über lageswirren und Zeitläufte seiner Gegenwart ausläßt, so ist es geistiger Niederschlag jener Religiosität, die den tieferen Sinn des Bösen in der Welt als eines göttlichen Werkzeugs begriffen hatte. Ja. einmal stellt er ein Diagramm über die Berufsveranlagungen des Menschen auf, in dem der Politiker und der Staatsmann, der Diktator und der Feldherr, der Pfaffe und der Priester, der Literat und der Dichter Typen und Gegentypen sind. Daß Schnitzler das I ieschehen der Welt metaphysisch betrachtet, lehrt diese kleine Arbeit: diese menschlichen Anlagen bilden sich für ihn in einem Krattesystem zwischen Gott und Teufel . . . darum die Vielfalt der Zwischenformen. Am Typus des Literaten übt Schnitzler die schärfste Kritik. Es sind die eigenen Gefahren eines Dichters, der sich der göttlichen Einsichten gewiß ist. Der Typus des „Literaten" kommt in seinem Werke immer wieder, nicht nur der Literat aus Beruf, sondern als menschlicher Typus. Schnitzler weiß um die LntstehltngsbedingUngeri des Literaten im Habsburgerreich mit den günstigen Begegnungen vieler Kulturen, in dem die Juden auch als Volk wie die Tschechen, Italiener, Ungarn und Kroaten ins < iemeinsame eingingen. Eignung für und Gefährdung durch das Literatentuni sind beim Juden — nicht nur des Habsburgerreichs — gleich stark. Mit zwei anderen jüdischen Schriftstellern des Donauraums hat sich Schnitzler mit dieser Frage zutiefst beschäftigt, mit Wassermann, der den Essay „Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit" Und mit Werfel, der das Schauspiel „Der Spiegelmcusch" schrieb. Schnitzlcrs Seelenkunde nahm dichterisch Erkenntnisse des östcrreienischen Juden Sigmund Freud vorweg. Ziehen wir die geistesgesrhichtliche Linie der Generationen Freund Schnitzler Wassermann Wcrfei, so kristallisiert sich das Bleibende an der Erscheinung Schnitzlers heraus: als Jude im donau-europäischen Kulturpreis der Jahrhundertwende. Jüdische Zeitschau Weltzentrum für jüdische Musik in Erez Israel. (Anschrift: Dr. Salli Levi, Jerusalem, House Halbreich, King Georg Ave.) Das Initiativ-Koinitee teilt mit: Joachim Stutschewskv, Darius Milhaud, Eruest Bloch, Kurt Weill, Karol Rathaus, Jakob Weinberg, Ernst loch. Heinrich Schallt, Max Lttiuger, Hugo Adler, Paul Dessau und IHerbert Fromm haben sich als Mitarbeiter zur Verfügung gestellt. Die Gründung vo;i „Länderkoniitees zur Pflege und Förderung der jüdischen .Musik" ist in folgeud«« Landen in die Wege geleitet. 1 Vereinigte Staaten, England, Frankreich, Deutschland, Österreich, l'olen, Tschechoslowakei, Litauen, Jugoslawien. Dänemark, Schweiz, Italien. Ägypten, Syrien, Indien, Niederl.-Indien, Südafrikn. Für A~ il. »«twümed pioizucn una unerwartet nach zwei | m täaiaem KfanlfW»|t|<IC!' ~ Herr Alfred Rosenfelder i im 59. Lebensjahr. Leipzig, Auenstr. 16 In tiefster Trauer Marie Rosenfelder geb. Herzberg im Namen aller Hinterbliebenen Die Beerdigung hat bereits stattgefunden. I 1 Deutschland hat Dr. Oscar Guttmaun (Anschrift: Charlottenburg, Grohnaunstr. 42 43) die Organisation übernommen. Alle in Deutschland lebenden jüdischen Musiker und Musikschriftsteller werden gebeten, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. „Die Hilfe" berichtet: Der jüdische Vcrsicherungsverein a. G. „Die Hilfe" erstattet seinen fünften Geschäftsbericht für das Kalenderjalii 193b. Auch in diesem Bericht kommt die Wandlung des jüdischen Lebens wesentlich /um Ausdruck. Bei ihrer Gründung war es die Absicht der „Hilfe", den jüdischen Gemeinden das Risiko für die Zahlung der Beerdigungsgebühren abzunehmen. Damit hatte sich der Verein eine sehr bedeutungsvolle Aufgabe gestellt. Die Etats besonders der kleinen jüdischen Gemeinden waren vielfach auf den Eingang der Beerdigungsgebühren abgestellt, die Verluste, die sich aus der Nichtzahlung dieser Gebühren ergeben konnten, waren geeignet, die finanzielle Gebarung der Gemeinden stark zu beeinflussen. Hier wollte „Die Hilfe" eingreifen, indem sie auf dem Wege über die Gemeinden deren Mitglieder dazu bringen wollte, durch eine Sterbcgeldversicherung die Möglichkeit zu schaffen, neben den ersten notwendigen Ausgaben besonders die Fricdhofsgebühren in vollem Umfange zu decken. Die Umschichtung des jüdischen Lebens hat die Erreichung dieses Zweckes unmöglich gemacht, das Eingehen einzelner kleinerer Gemeinden haben „Die Hilfe" veranlaßt, ihren Wirkungsbereich vorwiegend auf die mittleren und größeren Gemeinden zu beschränken. Die Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres berechtigen ZU der Erwartung, daß es der Hilfe gelingen wird, ihre Aufgabe bis ZU einem gewissen Umfange zu lösen. Die Dringlichkeit einer ganzen Lösung ist freilich gegenwartig noch größer als vorher, wenn man berücksichtigt, daß die Altersschichtung zahlreicher in Deutschiand lebender Juden die finanzielle Vorsorge für den I odesfall in den Mittelpunkt steht. Daß die Einsicht von dieser Notwendigkeit bei den Juden Deutschlands vorhanden ist, zeigt die Tatsache, daß „Die Hilfe" im Jahre 1936 2496 Mitglieder mit einer Versicherungssumme von 1350000 Mark neu gewinnen konnte. Die Einnahmen aus Prämien K„i:,.t„.. ihvia -.,f on ni M*.rt, rv« Lrfettin. ■ lUltlltll Utllklkll lUi JUtllV » ..... Mii km* ......... » ' 1 .. iLafc-IOlUll gen an die versicherten Mitglieder im Kalenderjahr 1936 betrugen 43563 Mark. Die hier genannten Zahlen erweisen, wie bedeutsam die soziale Arbeil der „Hilfe" im abgelaufenen Jahre gewesen ist, sie eröffnen auch sehr optimistische Erwartungen für die Gestaltung der künftigen Tätigkeit. Freilich wird dieser Optimismus in vollem Ausmaß nur dann seine Berechtigung finden, wenn bei allen Juden in Deutschland die Einsicht lebendig wird, daß „Die Hilfe" em Verein auf Gegenseitigkeit ist, innerhalb dessen die finanziell leistungsfähigeren Schichten für die minderbemittelten Kreise einzutreten haben. Dabei setzt diese Einsatzbereitschaft keinerlei eigene Opfer voraus. In einer Zeit wirtschaftlichen Wandels, der die luden in Deutschland unterworfen sind, kann jeder in die Situation kommen, daß seine Reserven aufgebraucht werden, und daß gerade beim Eintritt eines Todesfalles die Mittel fehlen, um die notwendigsten Ausgaben zu leisten. Die Verschlechterung der finanziellen Lage zahlreicher jüdischer Gemeinden vermindert bei diesen die Bereitschaft, auf die Zahlung der Beerdigungsgebühren zu verzichten. Sowohl die Gemeinden wie ihre Mitglieder haben also ein dringendes; Interesse daran, daß eine Einrichtung aufrechterhalten wird, die bei geringsten monatlichen Zahlungen die Sicherheit für die Leistung der Beerdigungsgebühren ubernimmt Einzelne Erfahrungen in besonders gelagerten Fällen zeigen, wie bedeutungsvoll die Mitgliedschaft bei der „Hilfe" ist. Der Geschäftsbericht für das Jahr 1936 zeigt, daß die „Hilfe" ungeachtet der Schwierigkeiten, die unleugbar vorhanden sind, ihren Aktionsradius ausdehnt. Sie verfügt gegenwartig über mehr als 9100 Mitglieder. Das ist gewiß eine sehr erhebliche Zahl. Ihre Steigerung bis zur Erreichung der möglichen Höchstgrenze ist notwendig, aber auch möglich. Die Erreichung dieses Zieles hängt von der Einsicht der beteiligten jüdischen. Kreise ib. Bei dem lebiiaueu IntcrBBSC, welches die jüdischen Gemeindet] an der Erfüllung des Zweckes der „Hilfe" haben, sollten auch sie alles tun, um die Aufgaben des Vereins zu fördern. Es darf nicht übersahen werden, daß die vielfachen Möglichkeiten, die früher die jüdischen Wohlfahrtsämter gewähren konnten, eine sehr wesentliche Verkleinerung erfahren haben. So sehr die jüdische Gemeinschaft bemüht ist, alle ihre Glieder sozial zu stützen, der beste Weg der Sicherung isi doch die Selbsthilfe.