Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 20 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968814-5990759--6375-4882503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 14. Mai 1937 sprechen, ihnen die Tora zu geben, kam wieder Leben in sie, und zwar ein anderes, neues Leben. Die alte Seele war ihnen entflogen, aber eine andere, neue senkte sieh in sie. (iott hatte sie ihnen mit dem Odem des biblischen ripietoc Hr»«»h2UCl:t. i^i «aa uas t'salmwort meint wenn e<- TVt> Gott^slelire vn v: :'"-"^-,^^e* oi». occtc wieticr (Psaim iy, ö, bamidb. rabba 11). Auch Jirmijahu läßt Gott sagen: ,Meine Lehre habe ich in ihr Inneres gelegt, und auf ihr Her/ werde ich sie schreiben' (Jer. 31, 33). Jehuda Halevi spricht in seinem Kusarl davon, daß üott schon in die Seele Adams die Anlage für die Liupfangsnahme der Tor» eingepflanzt und mittels einer mystischen Traduktion auf Israel bei der Offenbarung übertragen habe. Die Tora, als der Kernpunkt der Bibel, muß bei dieser von uns unternommenen Betrachtungsweise gewissermaßen als die Seele in der Seele bezeichnet werden. Her Snhar geht liceh wcitci zurück aut einen letzten Wesenskern in der Tora selbst und spricht von den ,Sodot ha Tora', den Geheimnissen und Mysterien der Tora als von der Seele der Tora. Aber in der ganzen Bibel atmet ja die Tora und mit ihr deren tiefer, unerschöpflicher Urgrund, das Mysterium der Tora, so daß die ganze Bibel, Wurzel, Stamm und Krone der Tora, als die Seele angesehen werden kann, die im Volkskörper des Judentums atmet." Diese Zeilen lesen wir in einem weniger an Umfang als an Inhalt und Gedanken reichen Büchlein (Die jüdische Volksseele, Berlin **1937, Berthold Levy Verlag), in dem der durch seine früheren wertvollen Schriften bekannte Trierer Oberrabbincr Dr. Adolf Altmann die Offenbarung als das Erlebnis des judischen Volkes kennzeichnet: sie hat seine Seele geformt; und dieser Feststellung wid- »uet er Betrachtungen, au denen man nicht vorübergehen soll. Sie münden in die Anregung, eine jüdische Bibelgesellschaft zu schaffen, deren Aufgabe es sein würde, in Jerusalem eine über das ganze Judentum sich erstreckende jüdische Organisationszentrale für die jüdische Bibel erstehen zu lassen, mit der Parole: „Dem Volke seine Seele, dem Juden seine Bibel!" Sie solle alle „Juden in der Welt mit guten, sorgfältig revidierten, textlieh einwandfreien Bibelexemplarcn in gefälligem Gewände für ganz billiges Geld, wenn nicht gar völlig kostenlos" versorgen, in Ausgaben des überlieferten Textes oder Übertragungen. Als Letztes soll ein Kommentar erstrebt werden, „mit fortlaufenden präzisen und prägnanten Hinweisen auf die mündliche Überlieferung, wie sie jeweils aus dem Schrifttext abgeleitet wird".___ Dr. Lutz Weltmann Arthur Schnitzler zum 75. Geburtstage. Am Ib. Mai wäre Arthur Schnitzler 75 Jahre alt geworden, ein Meister des europäischen Impressionismus, einer seiner i iauptvertreter in der Literatur jener künstlerischen Richtung, von der heute nur noch ein Überlebender, der aber überlebensgroß, im Norden zeugt: Knut Hamsun. Schntizler ist Dokument eines Assimilationsprozesses, von dem selbst ein so völkisch eingestellter Literarhistoriker wie Nadter sagt: „Zwischen jüdischem und Wiener Wesen ist bei Schnitzler schwer abzurechnen, weil er beides so vollkommen ist." Vergangen wie diese Assimilationsepoche und die impressionistische Kunst ist das alte Österreich, dessen Darsteller Arthur Schnitzlcr in seiner Dramatik und feiner Epik ist, die zusammen eine Sitten- und Kulturgeschichte der Habsburger Monarchie vor dem Weltkrieg und eine comedie humaine ergeben, die an das zyklische Werk eines Balzac gemahnt; überhaupt ist das Französische ein Zu«, der hei Betrachtung von Schnitzten Werk leicht übersehen wird, obgleich er seine besonders hohe Schätzung in Frankreich erklärt: so hat seine Art zu arbeiten etwas von der Zucht Flauberts, wie seine „Therese" etwas von „Madame Bovary" abbekommen hat. Schnitzlers Dramen lockern Ibsens Technik musikalisch auf und erschließen sich zum Teil nicht mehr der Bühne, sind aber wie die seines Meisters als Dichtungen lesbar geblieben. Wenn aber das Leben eines Dichtwerks von der Gestaltung der Wirklichkeit abhinge, wären auch seine beideii jüdischen Werke „Der Weg ins Freie" und „Professor Bernhardi" langst verschollen, auch für uns Juden verschollen. Es ist eine historische Zeit, die der Weg ins Freie darstellt: es sind kluge Gespräche über die Judenfrage, feine Charakteristiken jüdischer Typen, dichterisch objektivierte Verteilungen von Licht und Schatten, von Skepsis und Ironie — aber in einem Zeitalter, das vergangen ist, aber in einer Weltanschauung, deren FJauer um ist; ein neues Geschlecht, das aus unserem Umbruch hervorgegangen ist, wird es freilich als zeitgeschichtliches Quellwerk sehr hoch schätzen können, höher vielleicht als wir, die wir die Menschen des Buches besser kennen, die künstlerischen Reize besser nachzuschmecken vermögen als, möglicherweise, eine kommende Jugend Aber ein Zeiterleben, wie es nicht jeder Generation zuteil geworden ist, trennt uns von des Dichters Lösung: „Ich glaube überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen." Von solchem Individualismus trennt das neue Getneinschaftscrlcbnis eine Welt. Wenn Schnitzler freilich fortfährt: „... denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande draußen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen innerer. Weg zu finden", sc ist diese relative Schwäche in der F.ehar.dlung der judcnfn»ge zugleich die Stärke eines verinnerlichten Die jüdische Volksseele soll — darum dreht sieh die ganze Betrachtung des geistvollen, anregenden Verfassers — wieder aus der Bibel ihre Säfte ziehen. Mit dieser FnrHenmnr cnri..i.» *u.....rr zzz, was, zum I eil noch nicht völlig zum Durchbruch gelangt, nach x'""""r!:!;~!v.::*.^ r;:;£t. D^., *,tu!<iUi ms uuüu«guuM üei ueüraiscnen Bibel in die geläufige Sprache der Juden ist Zeugnis dafür. Freudig begrüßen wir deshalb, daß die sogenannte „Berliner" Bibel, ubci deren drei erste Teile wir ja nach ihrem Erscheinen in unseren Blättern berichtet haben, nunmehr abgeschlossen vorliegt. (Die Heilige Schrift, neu ins Deutsche übertragen, 4. Band Ketubim Schrifttum, Frankfurt a. M. 1937, J. Kauffmann Verlag.) Die unter Mitarbeit eines Kreises vorzüglicher Schriftforscher von Harry Torczyner herausgegebene Übertragung hatte sich die Aufgabe gestellt, unter sorgfältigster Berücksichtigung aller sprachwissenschaftlichen Forschungsergebnisse eine „Deutsche Bibel" zu schaffen, die versucht, alle Schönheiten des hebräischen Textes in einer flüssigen Ausdrucksform all denen nahezubringen, die solche nicht aus dem Urtext zu schöpfen vermögen. Der gleiche Versuch ist ja im letzten Jahrhundert mehrfach unternommen worden: Zunz, Philippson, Herxheimer, Auerbach, Bernfeld u. a. haben die Bibel ins Deutsche übersetzt; jeHe Hicser Übersetzungen hat ihre Freunde und Verehrer. Die Sprache der Bibel, vor mehr als zwei Jahrtausenden geformt, läßt wieder und wieder Fragen offen; unklare Stellen waren auf Deutung angewiesen; es gehört die liebevolle Vertiefung in die Bibel als Ganzes und die philologische Betrachtung einzelner Ausdrücke und Satzteile dazu, um die Fülle von Rätseln zu lösen. Harry Torczyner erweist sich in Gemeinschaft mit dem Stabe seiner Mitarbeiter als ein erfolgreicher Forscher des Sinnes dieser biblischen Sprache und verknüpft damit die Gabe, die Poesie der Bibel wie ihre Prosa in eine solche Form zu kleiden, daß die Absicht, eine leicht lesbare und verständliche Übertragung zu schaffen, als vorzüglich gelungen anerkannt werden muß. Die Torczyner-Bibel wird ihre Aufgabe, der „jüdischen Volksseele" den Weg zur Bibel zu bahnen, in hohem Maße fördern. Es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß neben der vorzüglich ausgestatteten Ausgabe Tn vier Teilen späterhin auch eine Volksausgabe zu mäßigem Preise ermöglicht wird, die diese Bibel weitesten Kreisen zugänglich machen kann. Dichters. Denn der Schauplatz seiner Dichtungen ist nicht Österreich, nicht das Judentum, es ist das „weite Land" der menschlichen Seele! Auch im Ärztekollegium de« „Professor Bernhardi" sind luden mit schonungsloser Offenheit gezeichnet wie im „Weg ins Freie". Dies Drama ist charakteristisch für Schnitzlers Künstlertum sowohl wie für seine Betrachtung jüdischer Dinge: Bernhardi weist einen katholischen Geistlichen ab, einer Kranken die Sterbesakramente zu reichen, damit sie glücklich, ohne um ihr nahes Ende zu wisse::, hin überschiummcie. Er handelt nach Schnitzlers Lebensmaxime: „Glücklich machen ist besser als schuldlos sein", die übrigens, genau besehen, eine liberale Spielart von ewigen Vorschriften der Lebensreligion des Judentums ist. Der Held macht keine große weltanschauliche Aii^eiegenheit daraus, aber wegen seiner Zugehörig!« it zum Judentum zieht die Affäre weitere Kreise und mündet in eine Fiage der Politik. Es ist ein Zeitstück: wie Hamsun jenseits des Politischen der letzte große Konservative ist, so Schnitzler in einem gleichen metapolitischen Sinne der letzte Liberale. Aber auch zugleich ein Kritiker der liberalen Weltanschauung: die Menschen, die ihr anhangen, sind geprellte arme Teufel wie im mittelalterlichen Puppenspiel — auch Schnitzlcrs Variationen des Todesproblems haben gleich tief zurückführende kulturelle Wurzeln — weil sie nur die Freiheit wovon begriffen haben, nicht die Freiheit wozu. Das sind die Schatten der Melancholien, die im Zwielicht einer untergehenden Welt über seine Gestalten fallen. Stark ist in Schnitzler der Wille zum Positiven. Seinem (;i- - nova legt er die Worte in den Mund: „Ein frühgeschlossenes ist das öffentliche Erinnerung zur Bezahlung der Gemeindeanlage 1936. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, die die seit Monaten fällige Gemeindeaniagc 1936 noch nicht beglichen haben, die rückständigen Steuern spätestens innerhalb einer Woche zu entrichten. Die Finanzlage der Gemeinde zwingt uns, nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist ohne weitere besondere Mahnung das Vollstreckung»- verfahren einzuleiten. " * ■ ■•ervon bleiben eiwaige bereits ausgesprochene Stundungs- oder Ratenzahlungsbewilligungen unberührt. Leipzig, den 11. Mai 1937 Der Verstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig«