Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-03-05 · 10 (5.3.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
10 (5.3.1937)
Date
1937-03-05
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968814-5990747--6293-4882431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 O EM EIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL1QIONSOEMEINDE ZU LE1PZ1Q 5. Marz 1037 Diese alle jüdischen Strömungen einigende Neutralität entsprach und entspricht de» Tendenzen des Hilfsvereins. An seiner Spitze und in seinen Reihen arbeiten seit jeher jüdische Menschen aller Richtungen und Schichtungen. Die Erhaltung und Förderung derartiger in dtart* Sinnt ECU iraier institutinnen, rjfe au! einem Gebiete, liici dem der Wohltätigkeit, das a 1.1 e n Juden Gemeinschaftliche und nicht das Trennende offenbaren und pflegen, liegt im Interesse der gesamten jüdischen Gemeinde. Hilfe aus jüdischem Herzen. Zum Jubelfeste unseres Hilfsvereins. Von Rabbiner Gustav Cohn. Das seltene Jubelfest, das der Hilfsverein israelitischer Gewerbetreibender in diesen Tagen feiert, gibt willkommenen Anlaß zu einer Würdigung der echt jüdischen Formen, in denen durch ihn Hilfe geleistet wird. Altes biblisches Gebot fordert, den in Bedrängnis Geratenden aufzurichten, ihm die Not der Seele zu erleichtern, ihm beizustehen, bevor seine Kraft lahm geworden ist: ein großer Gedanke, zu dessen Verwirklichung gewiß der Einzelne immer wieder sich aufgerufen fühlen soll, der aber wahrhaft erfüllt werden kann nur, wenn viele sich zusammenschließen, um im gemeinsamen Wirken die Grundlage für ein ins Weite erfolgreiches Helfen zu schaffen. Im „Verein" miteinander, wenn die schwachen Kräfte aller eine große Kraft schaffen, steht im Augenblick die Hüte bereit, die plötzlich sich als notwendig erweist. Doch nicht so sehr in diesem Zusammengehen liegt das, was den Hilfsverein auszeichnet, als vielmehr in der Beachtung jenes schönen jüdischen Grundsatzes, Rücksicht auf die Gefühle dessen zu betätigen, der andere anzurufen gezwungen ist. Nichts kommt einen Menschen, der sich durch eigenen Fleiß, eigenes Können und eigenes Streben seinen Lebensraum gesichert hatte, schwerer an als bitten zu müssen, wenn Mißgeschick über ihn gekommen ist. Tausendc haben einen schweren Kampf zu bestehen, ehe sie den drückenden Gang zu den Menschen antreten. Die Hilfe, die Juden ihren Brüdern gewähren, soll nicht demütigen, sondern aufrichten, nicht das Blut ins Gesicht treiben, sondern das zagende Herz wieder beruhigen. Und das war und ist H:»s Besondere in der Arbeit des Hilfsvereins, daß er in allem, worin er seine Aufgaben erfüllte, diese zarte Einfühlung bewies. Zunächst in der Tatsache der Gegenseitigkeit: wer in seinen guten Tagen dem Verein Mittel beisteuerte, um anderen zu helfen, erwirbt einen Anspruch für Tage, in denen er selber empfangen muß. Diesem Grundsatz ist es zuzuschreiben, daß es dem Hilfsverein im Laufe der Jahre gelungen ist, eine so stattliche Mitgliederzahl zu gewinnen. So konnte die jederzeit rührige Leitung des Hilfsvereins in den Genuß der Wohltaten auch Gemeindemitglieder setzen, die sich nicht durch eine dem Ver- Schulentlassen — was nun? Von Margarete Friediand. rr.- :~.t~« »idinrhr:: };:;;j^Y mm' jeuw-' luutwhc M;«i«"i^euief> bis Vüi .««.iiigcu janren das „los von der Schule und hinein in den Beruf" zwar auch einen lebenswichtigen Schritt, doch war es nicht wie iieiitC, vvü Kieieii^citig liiii ucr DcruiSWüiii aücii üic Lntscneidung darüber getroffen werden muß, wo der gewählte Beruf ausgeübt werden so!!. Eine solche Entscheidung wird je nach der weltanschaulichen Einstellung der Eltern und des Kindes getroffen werden müssen und gibt häufig Veranlassung, die jüdischen Stellen um Rat zu fragen. Auch von den jüdischen Jugerulbünden muß hier verantwortliche Vorarbeit geleistet werden. Da nach der neuen gesetzlichen Regelung allen jüdischen Stellen und Organisationen sowohl die Berufsberatung wie die Stellenvermittlung untersagt ist, wird in diesem Jahre die berufliche Entscheidung für alle Teile besonders schwierig werden In der Großgememde Leipzig werden zu Ostern 1937 wieder ca. 150 jüdische Kinder die Schule verlassen. Den maßgebenden jüdischen Stellen unserer Gemeinde gibt dieser Umstand Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß selbstverständlich nach wie vor, soweit Stellen vorhanden und vom Arbeitsamt vermittelt werden, die Möglichkeit einer regulären handwerklichen Lehre mit abschließender Gei,Jlenprüfung besteht. Für den größeren Teil unserer schulentlassenen jüdischen lugend wird jedoch die Ausbildung in Lehrwerkstätten, Kursen und Schulen in Frage kommen. Die dort erhaltene Ausbildung wird nur /ur Ausübung des Berufes im Ausland dienen können, da nur die reguläre Lehre mit Gesellenprüfung zur Ausübung des Berufes in Deutschland berechtigt. — Es war insbesondere Sache der Oroßgemeir.den, in Ermangelung regulärer Lehrein gegenüber erfüllte Leistung einen Anspruch erworben hatten, sondern allein durch die Forderung unserer Thora Stütze und Siehe rung durch ihre Brüder erwarten durften. Was in aiiem Wirken des Hilfsvereins uneingeschränkte An erkcUBUOg vcidieiu. ist. aan »Up« «'« ihm aurgir.g,;c! tui Mitglieder oder für Außenstehende, für Gesunde oder Kranke, für Alte oder für Kinder, niemals engherzig und kleinlich, niemals in beschämender Weise geschah, sondern, stets mit offenem Blick für das Notwendige, Seelengröße entfaltete. Ob man einem Kranken, der nicht für seine Familie erwerben konnte, die Sorge für die Seinen abnahm, ob man Eltern, die ihren Kindern nicht die notwendige Kleidung gewähren konnten, beistand, ob man einem, der vorübergehend in Verlegenheit war, mit einem gemilus chesed aushalf: immer wurde nicht nur die selbstverständliche Verschwiegenheit gewahrt, sondern jedem Betreuten ein Gefühl gegeben, als ob eine ganz besondere Wärme und Sorgfalt gerade ihm zugewendet würde. Und bestärkt wurde dieses wohltuende Empfinden durch die Tatsache, daß die Hilfe niemals auf ein Mindestmaß beschränkt blieb, sondern eher ein Zuviel als ein Zuwenig gewährte. Daß dies durchgeführt werden konnte, war in der Wahl der Persönlichkeiten bedingt, die den Hilfsveiein geleitet haben und die in seinen Ausschüssen wirkten. Es wird noch Gelegenheit sein, im Zusammenhange mit der Jubelfeier der Männer zu gedenken, deren Namen die Ehrentafeln des Hilfsvereins zieren und jederzeit ein liebendes Gedenken in den Herzen aller besitzen, die dem Verein nahestehen. Es soll aber doch auch an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht sein, daß es ihnen zu danken ist, wenn der Hilfsverein innerhalb der Gemeinde so ungeteiltes Ansehen genießt. Man muß Einblick genommen haben in die opferfreudige Mitarbeit dieser Männer, die zuzeiten ein Höchstmaß an Leistungswillen und -kraft aufweist, um so recht zu würdigen, was hier im Rahmen der Wohlfahrtsarbeit der Gemeinde vollbracht worden ist und vollbracht wird. Und wird dann seine Bewunderung nicht versagen für das Feingefühl, mit dem in aller Einzeihilfe vorgegangen wird. Solches geschah und geschieht in allen diesen Jahren mit einer stillen Selbstverständlichkeit, ohne Anspruch auf Lob und Ehrung, lediglich in Erfüllung unseres Thoragebotes der Nächstenliebe, in echtem jüdischen Verpflichtungsgefühl wurzelnd. Reine Befriedigung bereitet allen den Männern und Frauen, die sich im Dienste des Hilfsvereins bewährt haben, das Bewußtsein, ihr jüdisches Herz frei walten zu lassen. Ihre Arbeit fand die Herzen so, wie sie von Herzen kam. 50 Jahre hat der Hilfsverein die von ihm begründete Tradition bewahrt. Ihm sei an dieser Stelle Dank ausgesprochen für das, was er damit an Segen gestiftet hat und daran der Wunsch geknüpft, daß es ihm vergönnt sei, auf lange Zeit in gleicher, edler, jüdischer Weise die sclbstgewählten Aufgaben zu erfüllen. stellen sogenannte Lehrwerkstätten und Vorlehrekurse einzurichten. — In Leipzig wird für handwerklich besonders besrahte und durch dir. Rwufiberstuti? [.'•••:^-r Arheitw.intes begutachtet« tutu/en Ausbildung i eiumechanikerhandwerk durchgeführt. * Diese dauert drei Jahre, schließt mit einer Prüfung (nicht Oesellennrflfltng) und berechtigt /nr Ausübung des Berntes im Ausland. Vorzeitig ist es gelungen, zwei Teilnehmern dieses Kurses schon vor Abschluß des zweiten Lehrjahres Plätze im Haifaer Technikum zur Weiterbildung zu verschaffen. Es ist anzunehmen, daß es auch noch anderen Teilnehmern nach Abschluß der Ausbildung gelingen wird, eine Weiterbildung in ihrem Handwerk zu höheren technischen Be- Am Sonntag, den 14. Marz 1937. findet um 10,30 Uhr vormittags in unserer Gemeindesynagoge, Gottschedstr. 3, ein Gefallenen-Gedenkgottesdienst statt. Hierzu werden alle Gemeindemitglieder, insbesondere die Angehörigen der Gefallenen eingeladen. 4 Leipzig, den 2. März. 1937 Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.