Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-02-19 · 8 (19.2.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
8 (19.2.1937)
Date
1937-02-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4876568-5968814-5990745--6275-4882415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 19. Februar 193tB_ Gemeindebeitrag. Durch Steuerbescheid haben wir Ende 1936 von denjenigen Gemeindemitgliedern, die zur Gemeindeanlage 193] nicht zu veranlagen waren, als Mindestbeitrag t,\ den fh»m?iHfJe!asten Km. a.— gefordert; von denjenigen Gemeindemitgliedern, die mehr leisten können, wird erwartet, daß sie ihren Verhältnissen! entsprechend mehr bezahlen. Die Gemeindemitglieder, die mit dem Beitrag noch im Rückstand sind, werden gebeten denselben unverzüglich zu entrichten. Von jedem Juden wird verlangt, daß er seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft durch die Tat bekundet. Wer de L geringfügigen Betrag von 3.— RM. nicht bezahlen kaiin, soii wenigstens durch einen kleineren Beitrag seine Verpflich tungen gegen die Gemeinde anerkennen. Von der Zahlung dieses Gemeindebeitrages ist nach dem Gemeindestatut die Ausübung des Wahlrechtes der] jenigen Gemeindemitglieder abhängig, die für 1936 keine Gemeindesteuern zahlen. Einzahlungen sind entweder an die Gemeindekasse von 9.30 bis 13 Uhr oder auf Postscheckkonto Leipzig 50533 zu leisten. Leipzig, den 15. Februar 1937. Niehl allein, daß ausgelassene Jugend ihren nichtswürdigen Spott -an diesem Tag über ehrwürdigste Häupter trieb, nicht genug, daß homiletische Perlen in den erwähnten „Purim-Droschoth" parodiert wurden, nein, mau ging sogar so weit — klare Geset/esvorschrift mißachtend Männer Frauenkleider und Mädchen MSrinergewandttiig anlegen /u lassen: das ging zu weit und das mußte gemißbilligt werden. Mußte es wirklich gemißbilligt werden? Nein, J ss eile s, der nicht mir die Autorität unserer l)e/isoren gewesen ist, sondern anscheinend auch ein feiner Psychologe, hat den besonderen Charakter dieses Festes anerkannt und ausdrücklich sich für Maskerade und 'Mummenschanz au diesem e i n e n Tag d-.'s jüdischen Jahres entschieden. Die unschuldige Freude am Purim fand noch ihre besondere Legitimation dadurch, daß die studierende Jugend, die Bachurim auch der höchsten Semester für '21 Stunden alle Gesetztheit und allen Lerneifer an den Nagel hängten und in närrischer Umhüllung, Spottliedlein im Chore sangen und ihre Mitwelt durch allerhand Schabernack erheiternd und ärgernd, ihren Weg durch die Gassen der Judenstadt nahmen. Besonders bei <k-r Judenhctt des mittelalterlichen Italiens, wo die üoitesgelehrsamkeit ohnehin besonders stark hinter Lebenslust und Luxus zurückgetreten war, hat man im Ersinnen besonders raffinierter Purimscherze eine besondere Fertigkeit entwickelt: Kleie oder S.nid in den Kuchen zu backen und sich dann am Mißvergnügen des enttäuschten Essers zu laben, galt als besonders verbreitet und wenig originell. Während die Jugend einander mit Nüssen Schlachten lieferte, zogen die Erwachsenen hoch zu Roß, Tannenreisig in den Händen und unter den Klängen von Trompeten und Posaunen durch ihre Ghehi. Verkleidungen und Maskentreiben scheinen zunächst bei den Juden des Südens im 14. und 15. Jahrhundert aufgekommen ZU sein und man geht wohl nicht! i ■ ] m.. # . \ iJiT UfriSt" rtii«iri"? geben laßt, aber [eiön nidm geben will, der bat ein mi&glinfttges Haue auf das Seinige. Wer gerne teimt gibt und au® gern andere geben Hebt, der in ein frommer. j«« Dein Geben fei Bctfpicl! Opfere der JÜDISCHEN WINTERHILFE Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. fehl mit der Annahme, daß hier der berühmte „römische Karneval' Vorbild gewesen ist. Älter jedoch soll der Brauch des Thcaterspielens am Purim seilt] Im altjQdischeti Schrifttum finden sich nicht einmal Ausätze eines Dramas und Israei Abrahams, dessen großartigem Werk „Jewish Lift in the Middle Ages" wir in deutscher Sprache nichts an die Seitij zu stellen vermögen, hat wohl recht, wenn er seine Betrachtung über] Purim- und ähnliche Spiele mit der Feststellung schließt: „Was aucli| immer die Sendung Jsraels sein mag, die Schaffung dramatische Meisterwerke hat augenscheinlich daran keinen Anteil." Aber, s darf man tragen, kam es dem Publikum auf diesen literarischen! Maßstab an? Nein, man hat sich bei jenen Aufführungen all diel Jahrhunderte hindurch anscheinend glänzend amüsiert; in Frankfurt] so berichtet uns Rektor Schudt, des Frankfurter Ghetto-Zeitgenossen und getreuer Chronist — hatten die Darbietungen großen! Zulauf, zwei Soldaten mußten zur Aufrechtcrhaltung der Ordnungl vor die Türe des Theaters gestellt werden und als der Zuzug seihetI eis christlichen Kreisen immer mehr zunahm, mußten sich die Vor-| steher der Judenschaft, „Baumeister" genannt, schließlich zum Veihnf T!..-n+»rc A*t4vf»!t!t!»ÄMi In Apr T~* ■vsr fiae Fftcrn J"i F.-;t. , Ov\ uc& ttcsicrs szxi5cniiCucn. <•< u< i m wn Mas i utviu - , mit solchen Spielen gerade damals, bei Beginn des 18. Jahrhunderts,! auf einem Höhepunkt angelangt. Schon in der Zeit der Oaonen,l also im 9. und 10. Jahrhundert, sollen die allerersten bescheidenenI Aufführungen stattgefunden haben, aber um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts, als die Juden im deutschen Ghetto sich relativ der größten inneren und äußeren Sicherheit erfreuen konnten, waren! umfangreiche Dramen, die auch eine besondere bühnenmäßige Gestaltung forderten, an der Tagesordnung. Freilich bei der Entwicklung durch die Jahrhunderte hat sich das Purimspiel nur in die| Breite entwickelt, die Art der Handlung und Gestaltung der Cht H ■ iiherrieferten Drsmi ••" smuetsi ''" ichuCIi ____ Ais Vorwurt der Purimspiele werden uns „Mechiras (Verkaut) Josef", „David und Goliath", das Leben Moses und vor allem die Esther-Geschichte selbst aus dem Mittelalter überliefert; auch ei« damals noch in Fiuukfurt bekanntes „Ahasverus-Spiel" sei erwähnt Nicht minder gern und ausgiebig brachte man an Purim der holden Frau Musica ihre Tribute. Der Verfasser des kleinen Büchel der Frommen, das in schwerster Notzeit entstanden ist, erlaubt gelegentliches Musizieren mit dem ausdrücklichen Hinweis, daß £J gelte, bei frohen Anlässen an Purim, bei Hochzeiten und zu Chantlkkah, wohlgerüstet zu sein. Wie stand es mit dem „Spiel" im übrigen an Purim? Von arglosen Kinder- und Gesellschaftsspielen abgesehen, waren Olücks- und Wettspiele nie gern gesehen und nichtsdestoweniger oft unglaublich verbreitet. Das Kartenspiel war unter den deutschen Juden i": I I. Jahrhundert, nach den furchtbaren Jahren des Schwarzen Tods " verbleitet, daß mancher Rabbiner dagegen die Strafe des Banns absprechen mußte und im lebenslustigen Italien gab man sich Würfel- und anderen Hasardspielen nicht selten ausgiebig hin. Aber ncrnd» von Purim hören w ir. daß an diesem Tag (ilucksspiclc nicht N trieben wurden, weil dieser Jom-Tow ohnehin schon so viel eigen« Formen der freudigen Feier gefunden hatte. f 5 i Ii' ll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.