Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 3 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1 Seite 2 überaus wichtige Einrichtung die Finanzen der Oemeinde sehr stark in Anspruch genommen werden, liegt auf der Hand, wenn män bedenk!, daii ein s e ii r g r o 15 e r 1 e i 1 der Eltern der Schulkinder wirtschaftlieh schlechterdings außerstande ist, ein Schul-;;!! entrichten umi vi.iii.uic suiuuscnen Volksschulen überhaupt Kein Schulgeld erheben. Diese beiden gegenüber der früheren Zeit völlig neuen Aufgabengebiete der Oemeinde mögen genügen, um den tiefen Wandel im Aufbau der Oemeindearbeit zu charakterisieren. Dr.ü durch die Neueinrichtung der jüdischen Winterhilfe eine ungeahnte Am. dchauag der Wohlfahrtspflege der Oemeinde entstanden ist, ist wühl allgemein bekannt. Die schwierige Neu arbeit unseres Wohlfahrtsamtes, die durch die Betreuung der für Leipzig stark ins Gewicht fallenden, wirtschaftlich besonders notleidenden kleinen Händler und Wandergewerbetreibenden sich hei ausgebildet hat, der Neuaufbau unseres Lehr haus es und vieles andere mehr sei hier nur kurz erwähnt. Dabei muh sich unser Wohlfahrtsamt nur mit der allernotdürftigsten Hilfeleistung begnügen; denn eine auch nur einigermaßen großzügige Wohlfahrtspflege würde die Oemeinde zu einem sehr energischen Anziehen der Steuerschraube zwingen, und dies soll ja mit Rücksicht aut die steuerzahlenden üemeindemftglieder unterbleiben. All. dies genügt, um den Oemeindemitgliedern vor Augen zu führen, dal! in steter schwieriger und verantwortungsvollster Arbeit die Zeitverhältnisse in den letzten Jahren aus dem „Gemeindeamt der israelitischen Religioii^crneinde" eine Art „Jüdisches Rathaus" gemacht haben. Iis bedarf wohl keiner besonderen Ausführung, daB auch künftighin wahrscheinlich in noch verstärkte m M a ß diese Planung des jüdischen Lebens und diese Hilfe und dieser Aufbau neuer seelischer, geistiger und materieller Existenzmüglichkeiten der Zweck jüdischer Gemeindearbeit sein und werden müssen. Während also die Anforderungen an die jüdische Gemeinde in geistiger und materieller Hinsicht von Tag zu Tag gewissermaßen zwangsläufig steigen, ist die Oemeinde in der schwierigen Lage, daß Zahl und Leistungsfähigkeit ihrer Mitglieder von Jahr zu Jahr, ja man kann fast sagen, von Monat zu Monat, sinken. Die A u s w a n d e t U g gerade von Steuer kräftigen Oemeindemitgliedern ist überaus stark spürbar, während andererseits die A u s w a n d e i u n g der z u - s c h u ß b e d ii r f t i g e n Qemeindemitglfeder /war ebenfalls fortschreitet, aber durch die zum großen Teil von der Gemeinde zu tragenden hohen Ausbildungs- und Auswanderungskosten und zum Teil durch die Zurück lassung älterer, bisher von den Auswandernden unterhaltener Familienmitglieder Sozial- und Wohlfahrtsamt der Gemeinde steigend belasten. Wenn man bedenkt, daß ra c h r als die Hälfte der Gemeindemitglieder noch ii i e h i einmal ein steuerpflichtiges E in K 0 m - m e n haben und daß weit ü her 50 n o des St e n e r U ( k m - in e u s nur von einer ganz kleinen Anzahl von Steuerzahlern aufrrcjh_rnrht werden, so-zeigt eich die überaus gxsfü c Schwierigkeit i u r d i e L i n a n z v e r w a 11 u n g unserer Oemeinde. Die für Leipzig charakteristischen kleinen wirtschaftlichen Existenten sind in erschreckendem Malle zum Zusammenbruch verurteilt. Die Liste der Winterhilfsbetreuten weist Familien auf, die noch vor kurzer Zeit zu der Bevölkerungsschicht gehörten, die man den gewerblichen Mittelstand nannte. Daß auch die jüdische Angestelltenschaft auf einem wirtschaftlieh schwierigen Posten steht, ist bekannt. Man muß dabei aber noch berücksichtigen, daß mit jedem Verlust der Arbeitsstelle auch verhältnismäßig jugendlicher Angestellter regelmäßig deren Eltern, Geschwister oder sonstige nahestehend- Menschen ihren Ernährer einbüßen. Die gewiß begrüßenswerte Abwanderung der Jugend bringt das gleiche Problem nahe. Und es ist gewiß eine in allernächster Zeit der Lösung harrende brennende Trage, wie verarmte und aus allen möglichen Gründen u i c h t m ehr erwerbsfähige Elte r n, dercu Kinder ausgewandert sind, aber die Eltern vom Ausland her nicht oder nicht ausreichend unterstützen können, vor dem rein körperlichen Untergang b e wahrt werden können. Dali auch diese Frage sich zu einer schwierigen und großen Aufgabe der jüdischen Gemeinde auswachsen wird, lieg! auf der Hand. Die jüdische Oemeinde befindet sich somit in einer unge- 15. Januar 1937 heuer* schwierigen Finanzlage. Die für ihre Arbeit unmittelbar verantwortlichen Menschen müssen die unlösbar scheinende Aufgabe so gut es gehl lösen, wachsende Gemeindcanfg a b e ii und wachsende finanziell*» UnfnrHf rnjjjfn «!'•' Oemeinde i n Einklang zu bringe;; mit tau» i»a»a<.» i«. ischreitenden Schrumpf u n g des durch Vermögen oder durch Arbeitskraft produktiven und deshalb auch materiell leistungsfähigen Teiles der (i e m e i n d e m i t g 1 i c d e r. Dieses Problem ist in Leipzig, das einen e r SC h r e c k e n d ho h e n Anteil von FT* i » ö r g e e m p t a n g e r n und von Menschen hat, die ohne FüiSorgeempfänger zu sein, in kaum erträglichen wirtschaftlichen Verhältnissen leben, brennende! als in irgendeiner anderen Groß gemeinde Deutschlands. Ls muß rund heraus gesagt werden, daß die schon von jeher wirtschaltheli ungünstige Struktur der jüdischen Bevölkerung Leipzigs den Grund dazu gelegt hat, daß unsere Gemeinde vermögensmäßig arm ist. Die Gemeinde hat nicht, wie es andere Gemeinden haben, irgendwelche ins Gewicht fallende Reserven, von denen sie in dieser schwierigen Zeit zehren kann. Die Gemein d e kann überhaupt n u r weiter leben, wenn ihr F i n a n z b e d a r f laufend von ihren Oemeindemitgliedern aufgebracht wird. Es ist selbstvcrsliinllich, daß die Gemeinde, soweit es die immer wachsenden Aufgaben erlauben, mit größter Sparsamkeit ihre Verwaltung führt. Die Lage der Gemeinde würde sich noch weiter verschlimmern, wenn etwa das Sozialamt, wie bereits oben ausgeführt, seine Ausgaben nicht mehr zum großen Teil aus den freiwilligen Spenden für Hilfe und Aufbau decken könnte. Die Gemeinde ist also auf diese Spenden für den Fortbestand ihrer Soziaiamtsarbeit unbedingt angewiesen. Diese freiwilligen Spenden sind notwendig außer und neben der Zahlung der Gemeindesteuern. Die Gemeinde muß jedem einzelnen Qemeindeangehörigen nahelegen, daß er selbst f ü r seine Person verantwortlich ist und einstehen muß, nicht nur für die jüdische Sache im allgemeinen, sondern für den Fortbestand der jüdischen Arbeit in Leipzig und das heißt für die wirtschaftliche Möglichkeit der Fortführung der jüdischen Gemeiudearbeit. Diese mehr als schwierigen Verhältnisse werden noch weiter verdüstert dadurch, daß nach den bisher bekannten Besteuerungsgrundlagen der Betrag der von den Leipziger Juden gezahlten Einkommensteuer — der die Grundlage der Gemeindesteuer bildet — gegenüber dem Vorjahr erschreckend zurückg e h t. Die Gemeindevertretung hat nach langen und schweren Beratungen sich nunmehr entschließen müssen, den Steuersatz für die Gemeindeanlagc 1936 auf J31 ,»o der Einkommen- bzw. Mafistabsteuer festzusetzen. Daß es den für die Gemeindearbeit Verantwortlichen überaus schwer gefallen ist, einen solchen Be Schluß zu fassen, läßt sich denken. Aber gerade das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für die allernächste Zukunft und das Bewußtsein der ungeheuren zu leistenden Arbeit für die Leipzig«! Juden hat die Genieindevertreter in ihrer überwiegenden Mehrheit rhmi bewogen, diese Steuer augzusehreibeu. Di». Gemeiudemitgiieder, deien G e m e i n d e s t e u e r m o r a 1 in den letzten Jahren in sehr ci treulicher Weise gestiegen ist, müssen sieh dessen bewußt sein, daß jede Mark, die sie an Steuern zahlen, einein anderen Leipziger Juden bitter n o t w e n d i g ist zur Hilfe beim Aufbau oder der Erhaltung seiner Existenz, zur Ermöglichung des Schulbesuchs seines Kindes, zur Herbeiführung seiner Auswanderung, zur Abwendung bitterster Not. Die G e m e i n d e s t e U e r n sind n [cht eine I ei BUing an eine anonyme Organisation, sondern sind Zahlung in die gemeinsame Kasse des „Versicherung* verein* auf Gegenseitigkeit", der Jüdische Oemeinde heißt. Die Frage: „W i e steht die Ci e m e i n d e?" ist also kurz damit zu beantworten: Di< jüdische Oemeinde Leipzig ist arm. Die jüd i s C h e 0 e in e i n d e Leipzig hat u u e r h ö r t e Auf g a b C n in sozialer, in geistiger und in seelischer Hinsieht zu leisten. Die j ü d i s c h e Oemeinde. Leipzig st e h t u n d fällt müdem Verantwortungsgefühl ihrer Mitglieder, und mit der jüdischen G e m t iii d e Leipzig s l e ii Und fallt die Existenz von viel e n lause u d e n V o n Juden, die in dieser Stadt wohnen und deren Gegenwart und Zukunft ohne eiie Hilfe der Gemeinde Not und Verzweiflung sein würden! GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG