Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei/ OEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 1. Januar 1937 •<il" befehdet; zu Unrecht: denn — das hat auch Abraham aesinger, der tiefgründige und verdienstreiche Achad-Haam-For- A'her dargetan — Acliad Haams Bindungen an die religiösen Gehalte des Judentums blieben immer stark, wenn auch nicht eben die der einpeschworenen Orthodoxie ry „.,». — i, - t: ■ ., .tr-t, - /f»»,t, ,,\ it •. I Llt«..io^tlV ^.IWII^IIV. Itv y V> 111 iy ULI L .— 1 WI! I OOÜ* eine neue „Belebung der Herzen" erzeugen und Lrez. Jisrael solie ihr als „Zufluchtsstätte des Geistes" Heimstätte werden. Nicht auf die Größe der palästinensischen Siedlung, sondern auf ihr geistiges Gesicht komme es an. Es ist verständlich, daß mit solchen Forderungen Achad Haam in einen scharfen üegensatz zum politischen Zionismus geriet. Dali Achad Haam bei all seiner Geistigkeit alles andere als ein weltfremder Stubengelehrter oder Büchcrmcnsch am grünen Tisch war, beweist die Tatsache, daß er seine Laufbahn als Schriftsteller nahm von Aufsätzen „Nicht dies ist der Weg!", in denen er scharf und sachlich mit den seinerzeitigen Kolonisationsmethodrn abrechnete und daß seine wiederholten umfangreichen Reiseberichte ernste detaillierte volkswirtschaftliche Kritiken waren. Dali er hier gelegentlich vielleicht mit seinen günstigen Auffassungen in Widerspruch geriet — etwa da, als er eine Ansiedlimg von 100000 jüdischen Bauern forderte, während er sonst einen jüdischen Bauernstand als utopisch bezeichnete — ist mit Recht uotierl wurden. Es fehlt hier leider der Raum, um nur einen annähernden Begriff des Geistesbaus Achad Haams zu entwerfen, darzustellen, wie er fürs jüdische Kulturleben einen in Palästina konzentrierten Wettbewerb mit anderen Völkern forderte und sich damit Segen Assimilation so gut wie gegen Abkapselung oder Dubnows Autononiieideen wandte, wie er gegen die gestaltlose Vorstellung einer jüdi seilen Mission sturmlief. obschofl seine freilich konkreteren Vorstellungen vom jüdischen Geist verwandte Züge aufwiesen, wie er jüdischem l eiden Sinn gab und darlegte, wodurch die Juden in ihm auszuharren vermochten. Angedeutet werden kann nur, daß er zu einer belebenden Kraft auch jüdischer Wissenschaft wurde (obgleich er seinen Spott über die blutleer gewordene „Wissenschaft des Judentums" ausschüttete) und wie er zu einem der hervorragendsten Führer der hebräischen Kultur- und Sprachbewegung wurde. Als Schriftsteller hat er eine Schönheit und Prägnanz des Stils erreicht — vor der sich auch Männer, die ihn wie Klatzkin sonst scharf bekämpften, neidlos neigten , als Zeitschriftenherausgeber hat er die junge Sprachbcw cgung praktisch gefördert Der von ihm gegründete zionistische Orden der „Bnei Mosche" beendete 189/ sein Wirken nnii man hätte meinen können, daß diese Niederlage im!!ü Jahr des ersten Zionisten-Kongresses eine endgültige des Kultur- Zionismus sei. Da ihm aber ein notwendiger und lebenswichtiger Kern innewohnte, da sich Achad Haam auch nicht resigniert zurückzog, brachten er und seine Ideen eine fruchtbare Unruhe dem Zionismus und zwangen ihn zu steter Auseinandersetzung mit den geistigen Überlieferungen des Judentums. Das (iesicht des Zionismus hätte ohne Achad Haam wahrscheinlich heute noch das vorwiegend ■» - --.--TTT.. ,. ■ mm v. ip-arg^aregss 1 i"i *? Vi.■— * — ' — — — •- V? K*? V_» * * r » ^.r — * ä ' 1 . " « Der Haushalt Her Reiclisvertretung für 1037. Die Presseabteilung der Reiclisvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Präsidialausschuß und Rat der Reichsvertretung haben am 7. und 8. Dezember den Etat der Reiclisvertretung für 1937 verabschiedet. Der Ltat sieht (iesaintausgaben im Betrage von rund 4,35 Millionen vor. Er betrifft überwiegend die Arbeitsgebiete, die die Reiclisvertretung seit 1933 ununterbrochen zentral betreut. So sind m dem Ltat vorgesehen m runden Zahlen 1,4 Millionen Mark für Wanderung (Palästina- und sonstige Wanderung), RM. SöOOOO.— für Berufsausbildung und Berufsiuiisehichtuiiß, RM. 200001).— für Kredithilfe, RM. 500000.— für Wohlfahrtszwecke, RM. 5(>5000. — für Schulwesen. in zunehmendem Maße richtet sich die Fürsorge der Reiclisvertretung auch auf das kulturelle Leben. Für kulturelle Zwecke — mit Ausnahme des Schulwesens - sind im nächstjährigen Etat eingesetzt im ganzen etwa RM. 230000. . Darunter befindet sich zum ersten Male eine besondere Etatposition für die Kulturbünde und zwar in Höhe von RM. 75000.—. Die Reiclisvertretung hat auch schon bisher wiederholt den Bestand einzelner Kulturbünde sichergestellt, indem sie in dringenden Fällen finanziell einsprang.!sie wird nunmehr auch auf diesem (iehirte heginnen können, eine systematische finanzielle Arbeit einzuleiten. Vermehrt wird die Reichsvertretung in Zukunft auch für Jugend und Sport eintreten können. Die Mittel dafür sind mehr als verpolitische Gesicht des Herzlschcr. Zionismus und er wäre nicht zu jener Kulturbcwegung, die er heute doch ist, geworden, wenn nicht „Am Scheideweg" die zürnertd-mahnende Stimme Achad Haatna eiklungen wäre. Achad Haam war der Typ des geistigen Aristo- Urali'i und Heshalli nirht 7lim Führer He« Volke« berufen: ce \ynr ■fn iri>t-1— .1.11!..1, .._ ("!'" I f-ll 1 f * I* T- "...i £io>.iii<.iiti».ii<-i vjiu<.R3itfii. Ii«» /.uin gcisiigcn i_iueueiei uei geniale politische Kopf getreten war und daß heute ein lebensfähiges Werk als Synthese des Erbes von Herzl und Achad Haam auf uns gekommen und uns zur Verwirklichung aufgegeben ist. In unserer Zeit haben die politischen Probleme ihr überwiegendes Gewicht gewonnen. Niemand kann die Bedeutung dieser materiellen Lebensfragen verringern wollen. Aber gerade in solchen Stunden, da politische Aufgaben und Sorgen des täglichen Lebens die Menschen in Beschlag nehmen, muß an die Dinge unseres geistigen Fortbestandes und unserer kulturellen Herkunft, für die Achad Haam lieh aufopferte, erinnert werden. Auch Juden müssen zuweilen — vui allein in Stunden drückendster äußerer Not daran gemahnt werden, daß der Mensch und vor allem der jüdische Mensch! — nicht vom Brot allein lebt und nich nur körperlich verhungern kann. Diese Mahnung hat selten ein Mann unserer Taue so überzeugend und eindringlich dargetan wie Achad Haam. Wir Juden sollten uns hüten, mit dem Wort „Prophet" verschwenderisch umi'ugeher!. Aber es gibt Menschen, bei deren Erinnerung sich dieses Bild aufdrängt und in der Berliner Gedächtnisfeier für Achad Haam vor zehn Jahren hat auch Dubnow diesen Vergleich für zulässig gehalten. In der Tat: vor uns steht Achad Haam, der die bittren Wahrheiten aussprechen mußte, obwohl sie ihm und der Umwelt Schmerzen bereiten mußten, auch er konnte sieh — wie es von Jeremias heißt — der Stimme der Wahrheit nicht entziehen, auch wenn er hätte schweigen wollen. Prophetisch die Gestalt dieses Kämpfers und Lehrers — als der er von Buber gefeiert wurde — der auch als der „gute Europäer" im Sinne Burckhardts und Nietzsches im Gewand des ostjüdischen Vorkämpfers des Hebräischen, wie man ihn nannte, prophetisches Pathos bewahrte, prophetisch aber auch das Werk, das uns heute noch Aufruf und Aufgabe ist, das heute — da der praktische und politische Aufbau weiter fortgeschritten ist als zu Achad Haams Lebzeiten — noch mehr auf den Nägeln brennen muß als damals. Die Gefahr, daß das jüdische Volk zu einem nur politischen „Volk gleich allen anderen Völkern" werde, :st seit den lagen der Prophetie iatent. ören wir die Warnung Achad Haams und besinnen wir uns — auch in dieser Stunde der Not, die äußerste politische Fähigkeiten verlangt — des Rufs „Nicht dies ist der Weg!" und wandeln wir in seinem Weg im Suchen nach einer geistigen Wiedergeburt unseres Volkes aus den Quellen der Vorzeit und der Kraft unserer Gegenwart. Achad Haams Stimme lebt und wird lebendig bleiben, so lauge sich Menschen nicht mir die Judenhefr, sondern auch ums Judentum sorgen und mühen. doppeli Reichs; j uge n i iGüüuvJ*. und Sport <.ui V liiä, Etal der Neben diesen Sachgebieten, für deren jedes einzelne erhebliche Beträge bereitgestellt sind, treten eine ganze Reihe von Aufgaben, die jeweils nur verhältnismäßig geringe Betrüge erfordern. l-'i'ir fli»» K t*t!>»•! »i i v»1 M »v 'Ine l\A!l*-«l *■!»., »»<•* W « HJn"..ti ir . ... v..^ .luiuriuguug *j^. nniiicij -j.^ ,.ul ocnuiiwuiijj programmes. dessen Ausdruck der neue Etat ist, benötigt werden, wird auch für das nächste Jahr mit einer erheblichen finanziellen Beteiligung der ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen gerechnet. In Deutschland selbst werden die Landesverband« eine Umlage von 10/o des Reichseinkommensteuersolls ihrer Mitglieder für 1935 zuzüglich 30 Pfennig für jedes Gemeindemitglied an die Reiclisvertretung abführen. Diejenigen Landesverbände, die die Umlage von ihren Gemeinden in der Weise erheben, daß sie einen Prozentsatz der um 10 p o verminderten Reichseinkommensteuer von den Gemeinden einfordern, werden entsprechend statt lo'„. 1,10/o erheben. Darüber hinaus wird auch im nächsten Jahre an die Einzelnen herangetreten werden, um durch Sammlungen unmittelbar zum Werke von Hilfe und Aufbau beizutragen. Die Versorgung mit Koscherf'.eisch. Tagung der Reichsten trale für Schiichtangelcgenheiten. Die Reicnszentrale für S ch ä c h t a n g e 1 e g enn e i t en erörterte auf einer Informationstagimg die Probleme der rituellen Fleischversorgung der jüdischen Ki'völkerung und insbesondere der jüdisdicu Anstalten in Deutschland. Es waren zahlreiche Vertreter der der Reichszentrale angeschlossenen Organisationen sowie gemeindvkonservative und orthodoxe Abgesandte der giößeren Geineinden im Reich erschienen. Da-