Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 1 (1.1.1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Jahrgang - Nr. 1 {r f( Auflage 3400 Stack 1. Januar 193' ~:7ZAfr~7±r~\ \m?timm DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES N ACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Einer Anregung des <*emeindevorstandes nnd der Leitung der Jüdischen Winterhilfe infolge werden sich bei der am 10. Januar 1937 statt linden den Sammlung neben den bislang tätigen Helfern auch imdiemeindelebeu stehende führende Persönlichkeiten beteiligen. Die Sammlung wird als Eintopf- und zugleich als Haussammlung als einmalige Ablösung von Ntrattensammlungen durchgeführt. Wir erwarten von dieser Sammlung einen besonders guten Erfolg. Leipzig, den 24. Dezember 1936. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Jüdische Winterhilfe. Achad Haarn heute. Worte des Hinweises zu seinem 10. Todestag am 2. Januar. Von Hans Lamm, München. r Je größer der Abstand vom Tod eines Mannes wird, je ferner also die Tag'." rücken, da er durch Wort und Tat seine Zeitgenossen immer neu aufrufen konnte, desto größer wird die Gefahr, dal) seine Gestalt in nebelhafte Ferne entschwindet, sein Werk der Versessenheit anheimfällt. Diesem Schicksal entgeht fast kein Sterblicher; aber dieses tragische menschliche Schicksal kann zwei, wesenliaft giutidverschiedenc Ausdrucksformen annehmen: einmal kann wirklich der Mann und sein Lebenswerk überlebt und als nur historisch zu registrieren «ein.-rum anrtwn I.....i seiue menschliche Gestalt zwat an Unmittelbarkeit abnehmen, sein Werk nicht mehr die Frische tK8rtzen, die das eines l ebenden auszeichnet, aber Persönlichkeit und Id e. gehen ein in die Vorstellungs- und Begriffswelt der Nachwelt, sie formen nicht allein die Geschichte, sondern auch die Zukunft nach ihrem ToU: sie erweisen ihre überzeitliche Größe durch ihre lebendige Geschichte bildende Oeniatität. So ist es Achad Haam ergangen. Ls wäre kein legitimer Gradmesser seiner Bedeutung in Unserer Zeit, Wenn mau feststehen wollte, wie stark etwa sein wesentlichstes Werk, die mehrbändige Aufsatzsanunluug „Am Scheideweg" gelesen wird. Wir hoffen /war, daß sie viel benutzt und immer aufs neue herangezogen wird und wir wünschen .ms Grün- Öjen, die im folgenden noch deutlicher ZU erkennen sein werden —, daß die Acbad-Haam-Lektüre immer weitere Kreise ziehe, in immer tiefere Schichten vordringe: aber dennoch, selbst wenn Achad Haam gar nicht mehr gelesen weiden wurde und sein Name der heutigen GenerMiOU kein Begriff mein wäre, wäre er nicht tot, sein Leben nicht umsonst gelebt, sein Kampf nicht vergebens gestritten worden. Die Tatsache, daß die einzelnen dieser Debatten für uns Heutige zuweilen nur mehr historisches Interesse haben, beweist nichts gegen ihre Vordringlichkeil zu ihrer Zeit. Im Gegenteil: nur dadurch, daß der heutige Zionismus als Synthese der Gedanken Herzls einerseits und der seines geistigen Widerparts Achad Haam andererseits zu verstehen ist, hat es sich erwiesen, daß wir es bei beiden mit kongenialen Antipoden zu tun haben und daß beide notwendig und unersetzlich in ihrer Art gewesen sind. Die grundlegenden Wesensnun Anschauungsunterschiede zwischen Herzl und Achad Haam sind aus ihrer vcrsehicdcnarbg^cn^JJerkunft erklärbar' Herzl, der Sproß eines .;i;.-.-<--------SSSSSisH -• t- - -^ ■ 1__r der ohne echte Bindung zu jüdischen Traditionen aufwutiitsHWld auch zeitlebens - diese Feststellung stellt wohl keine UngetechtfäjkeH, sondern nur •!:. Registrierung cii» •> Mmeujjbaren i utbcslauücs dar — Keine umfassende Beziehung zum jüdischen Geistesieben gewann, iiat die Judenfrage nur als politische zu erkennen und aufzugreifen vermocht. Ls heißt wahrlich nicht die geniale Größe seiner Konzeption zu leugnen, wenn man bekennt, daß damit das Problem nur \on einer — gewiß ungemein wichtigen — Seite in Angriff genommen war. Achad Haam dagegen, der als Sproß eines tiefreligiösen und gelehrten Hauses „auf den Kniecn der Thorah" und im Oeist des Chassidituius erzogen worden war, hat begreiflicherweise in sich die Berufung gehabt, das Primat des Geistig-Kulturellen vor dem Politischen zu postulieren, für Achad Haam sollte der Zionismus nicht oder nur in zweiter Linie eine national-politische Wiedergeburt bringen: vordringlich war für ihn die geistige Renaissance. Er hielt ihn für unfähig und für nicht berufen, die materielle Not der Judenheit zu lindern, sondern wollte durch Errichtung eines kulturellen Zentrums im Land der Väter die Krise des Judentums bannen. Bei <ier Entwicklung dicsei Ideen und seiner Definition des Volksbegriffs benutzte Achad Haam meisterhaft Methoden und Ergebnisse westlicher Wissenschaft, die er sich in Jahren hingebenden Studiums erworben hatte. Zu Unrecht wurde er darum von den streng Gesetzesgläubigen des Ostens zeitlebens als aufklärerischer Nächste Ehiiopf- und tiaussamtniung: Sonntag, 10. Januar 1937