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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-12-04 · 49 (4.12.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
49 (4.12.1936)
Date
1936-12-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 G EM EIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 4. Dezember 1936 Theorie höher als die in seiner elf bändigen Geschichte der Juden gegebene Ausführung, weil in ihr das Nationale oder, wie Graetz selber es meist bezeichnet, das Soziale und Politische nicht mehr mit der gleichen Deutlichkeit als wesenhatt erkennbar ist und auch das Religiöse mehr auf die Reform abgestellt erscheint, als dies der urojiiüngiiiii duigesieuien i neorte entsprach. Ca.;.: xilZ; auf: „(iottcserkeillltms Ulld soziale Glückseligkeit, Religionswahrheit und Staatsinteresse bilden... die beiden Kaktoren des Judentums, die sich in inniger Durchdringung durchströmen sollen. Das Dogmatische und Soziale, oder, was dasselbe ist, das Religiöse und Politische, bilden die beiden Achsen, um welche das judenUimliche Leben seine Rotation macht." Die Analyse der Geschichte, die Graetz vornimmt, labt ihn als Ergebnis feststellen: während anfänglich (in der Zeit nach der Eroberung des Landes) im Vordergrunde der Geschichte der politischsoziale Faktor stehe, komme mit dem Leviten-Propheten Samuel die religiöse Seite schon zur Geltung, wenn auch noch immer die politische Seite die ganze Breite der Geschichte einnehme. Durch die Teilung des Reiches hebt sich das religiöse Moment und erhält sein Gepräge durch das Prophetentum. Seit dem babylonischen Exil steht das Religiöse im Vordergrunde, zunächst als das schöpferische, später — im Taltnudisuiiib — als das erhaltende Prinzip des Judentums. An die Stelle des Politische!! tritt als verbindendes Clement die starke Betonung des Rcligiös-So/ialeu. Es soll in unserem Zusammenhange nicht auf die äußerst interessante Darstellung der Auffassung von der Zeit der Zerstreuung, in der das Religiöse seine halachische und aggadische und später eine theologisch-philosophische Ausprägung erfährt, eingegangen werden Getragen wird die ganze Skiz/e von dem Gedanken, daß die gesamte jüdische Geschichte die Gemeinschaft über das Individuum stelle und daß alles Religiöse von da aus seinen Charakter erhalte. Als eine gewisse Frgän/ung dieses Geschichtsbildes kann ein anderer (Querschnitt angesehen werden, der gerade eben von einem der namhaftesten Historiker unserer Tage vorgenommen ist und der das jüdische Geschehen, insbesondere seit der Zerstreuung, von dem Begriffe G a 1 u t aus beleuchten soll (Bücherei des Schockcnverlags 61, Jizchak Fritz Baer, G a 1 u t. Berlin 1Q3Ö). Diese Darstellung hat es sieh zur Aufgabe gemacht, in großem Umriß die Geschichte der üalutideen seit den Zeiten der hellenistischen Diaspora bis an die Schwelle der Neuzeit darzustellen. Das bedeutet schließlich wiederum einen überblick über die hauptsächlichsten Teile der jüdischen Geschichte. Ein solcher läßt ein gewisses Schwanken erkennen, zwischen einer stärkeren Betonung des Vertrauens auf die künftige Erlösung aus der Galut durch * den Messias, und Bemühungen, die Befreiung aus der Galut und die Rückkehr nach dem palästinensischen Heimatboden aus eigener Kraft herbeizuführen. Immer weist die jüdische Geschichte das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit der in alle Teile der Welt zerstreuten jfldlr—-"— \ JUUlJAAfv bi1fp jl« » hy%* britöt mmt not JUPIKHE WINTERHILFE sehen Sprengsei auf, nie verläßt sie alle die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung; die wechselnden Schicksale, die verschiedenartigen Formen der Verfolgungen, der Unterdrückung, der Knechtung verstärken selche Gedanken oder lassen sie in pen Hintergrund treten, rufen mutige* Mhrtyrcrtun; öde-j IruunJK Resignation iicivui. Der neueren Zeit blieb es vorbehalten, den Glauhpn i\\ entnntinnaüciomt. nachdem das Vertrauen auf die nationale Zukunft und die volks-? tümliehen Kräfte der Religion gescheitert war. Baer schließt seine Betrachtung mit dem Gedanken: „Die Galut ist zu ihrem Ausgangspunkt zurückgekehrt, sie ist und bleibt, was sie immer war: politische Knechtschaft, die restlos aufgehoben werden muß." Auch diesem Werke gegenüber müssen wir uns in unserem Zusammenhange Zurückhaltung auferlegen und uns darauf beschränken, es aufs angelegentlichste jedem zu empfehlen, dem daran gelegen ist, ein Verständnis für die jüdische Geschichte zu gewinnen. Die wenigen Sätze, in denen der Grundgehalt der beiden Bücher herauszuschälen versucht wurde, zeigen die interessante Parallele zwischen Heinrich Graetz und Baer. Mit dem bedeutsamen Unterschiede jedoch, daß Baer mit vollem Bewußtsein und ausgesprochener Absicht das Religionsgeschichtliche nur eben streift, wo es sich aus dem Zusammenhange nicht ausscheiden läßt, während Graeiz diese innige Verbindung zwischen nationaler und religiöser Geschichte als untrennbar behandelt. Vielleicht hätte Baer seine Untersuchung nicht erst mit dem hellenistischen Zeitalter beginnen sollen: das Galutproblem taucht ja schon um Jahrhunderte früher auf und hat seine Wurzel gar in den Ankündigungen der Propheten. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis für das. was der Begriff Galut besagen will; was an Ideen Juden während ihrer Geschichte über die Galut geäußert haben, ist von da aus beeinflußt, ja bestimmt. Jeschaja und Jirmeja und alle die anderen Künder sind nicht vergessen gewesen, als die Juden nach der Zerstörung des ersten Tempels ihr Land verlassen und in Babylonien, in Ägypten und anderen Ländern neue Wohnsitze aufschlagen mußten. Was sie bei ihrer Wanderung in die Fremde bewegte, war nicht allein das Bewußtsein der Trennung von der Heimat, die Behinderung, jüdischen Dienst Gottes in der jahrhundertelang geübten und entwickelten Form zu erfüllen; war auch die Überzeugung davon, daß, wenn die Schuld gewichen, wenn die Strafe abgehnßt sei, die verheißene Erlösung des von Gott ei wählten Volkes und seine Heimkehr eintreten werden. Und als dann die Wiederaufrichtung des jüdischen Gemeinwesens unter Josua und Scrubabel erfolgte, zeigte sich, daß die Rückkehrer nicht mehr das gleiche jüdische Volk waren, das einst das Heimatland verlassen hatte. Die Galut hatte eine innere Wandlung vollzogen: die Gelöstheit von der alten Heimat, die Unmöglichkeit des Tempeldienstes, die unmittelbare Beeindruckung durch fremdes Glaubensgut haben die religiöse Haltung Hör Juden nie inK illrt rr< iJnii so möchten wir üu VJUI *r> r . i \ . Ok.IIV.lll.ll gewisse Neigung hervorgerufen, Fremdartiges, nicht nur als vereinbar mit jüdischen Ideen, sondern geradezu als eine Bereicherung Man übersah die /.eratörerid«: W irkung, übers an die üeiahr, •.......... dem Fremden das Eigene vergessen werden könne. Die Jahre, seitdem Judäa unter der mazedonischen Herrschaft stand, haben diese Erscheinung hervortreten lassen. Die Griechlinge haben gewiß anfangs im Sinne eines schöneren, größeren Judentums zu handeln gemeint, sich aber dann so mit dem Griechentum verbunden, daß das Jüdische ihrem Wesen fremd wurde. Wenn Matathias, der Priester, das Schwert ergriff, so nur, weil die zersetzende Wirkung dieser Galuterseheinuug überwunden werden mußte. Wir sehen in den Makkabüerkämpfen eine starke Reaktion gegen eine Wirkung der Galut: das Volk der Juden lebte auf heimatlichem Boden, aber nicht geringe Teile hatten sich schon so weit von jüdischem Wesen entfernt, daß das Eigene des jüdischen Volkes ernsthaft bedroht war. Der Kampf, für den die Mäkkabäer das Schwert führten, hatte seinen tieferen Sinn allein in der Wiederaufrichtung reiner jüdischer Religiosität. Chauukkah mit seiner Erinnerung an die Makkaba erkämpfe steht uns heute darum näher als im letzten' Jahrhundert, weil unsere heutige Situation eine religiöse Erneuerung uns wieder als notwendig erweist. Das Gemeinschaftsbewußtsein ist' stärker geworden, die soziale Leistung unserer I age, wie sie in der Organisation liei

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