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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-10-23 · 43 (23.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
43 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIO 23. Oktober 1936 Die Frage nach den klimatischen Verhältnissen ist maßgebend für die Gestaltung des täglichen Lebens. Temperaturen, Feuchtigkeitsgehalt der Luft, Luftdruckverhaltnisse, Wechsel der lahreszeiten hpstirnmen Hie Vecretatinn ebenso wie die Art der zur Ernährung geeigneten Lebensmittel, ihre Haltbarkeit, die Art der Kiekrong, nie Bauart und blntlchtnng der Wohnung und die Hygiene ues täglichen Lebens. Hierbei sei gleich vorausgeschickt, daß Schwerkranke für Südamerika kein Einreisevisum erhalten und überhaupt besser von einer Auswanderung absehen. Herzkranke müssen auf die Übersiedlung in Gegenden mit hoher Durchschnittstemperatur und ebenso auf Gegenden mit großer Höhenlage verzichten. Frauenleiden pflegen sich in tropischem oder subtropischem Klima eher zu verschlechtern. Imniu wird man sich über das Klima des neuen Wohnortes im besonderen erkundigen müssen, denn nicht nur Riesenländer wie Brasilien, sondern auch schon Staaten wie Peru uder Ekuador sind meistens zu ausgedehnt, als daß von einem einheitlichen Klima gesprochen werden könnte. ... Jede Frau, die auswandert, sollte über gründliche Kenntnisse im Kochen verfügen. Eine Hausfrau muß unbedingt verstehen, schmackhafte und bekömmliche Kost für die Familie herzurichten, selbst wenn sie in der Lage zu sein glaubt, diese Arbeit im Ausland anderen überlassen zu können. Wer noch nicht kochen kann, sollte dies also vor der Auswanderung unter allen Unjständen erlernen. Es sind in manchen jüdischen Gemeinden Kurse eingerichtet worden, deren Besuch allen denen anzuraten ist, die über die Mittel oder über die Zeit nicht verfügen, um sich einer längeren oder teuereren Ausbildung zu unterziehen. Außerdem aber wird sich die Fi au über einige grundsätzliche Ernährungsfragen, die mit dem Klima und den Gewohnheiten He«?! Htnie* zusammenhängen, unterrichten missen. Vor allem muli sie sich darüber im klaren sein, daß es immer am billigsten und gesundheitlich in der Regel am zweckmäßigsten zu sein pflegt, wenn man die landesüblichen Speisen bevorzugt und insbesondere die Rohstoffe verwendet, die im Lande wachsen. Es gibt in Südamerika eine große Menge von Früchten und VegetabiBen, die uns unbekannt, aber sehr schmackhaft, billig und gesund sind. Wo die Bevölkerung Reis und Bohnen ißt, sollte man sich nicht auf Kartoffeln festlegen usw. Ferner ist darauf zu achten, daß insbesondere in heißeren Gegenden der Genuß von ungekochtem Wasser gefährlich ist. Kalter, dünner Tee mit etwas Zitrone und Zucker, auch der in Südamerika allgemein getrunkene Mate, stellt ein sehr angenehmes, den Durst löschendes Getränk dar. In vielen Orten muß auch das Wasser zum Waschen vor dem Gebrauch abgekocht werden. Kaffee kann dagegen in warmem Klima stärker und in größerer Menge genossen werden, als dies in dem hiesigen Klima zuträglich sein würde. Für die Zusammenstellung der Mahlzeiten vermeide mau starken Fleischgenuß. Als Grundregel gelte eine mäßige Lebensweise. Rechenschaftsbericht der Jüdischen Winterhilfe für das Jahr 1935-36. Die Zentralwohlfahrtsstelle bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland legt einen gedruckten Rechenschaftsbericht über die Arbeit der Jüdischen Winterhilfe im Jahre 1935/36 vor, für den Winter, der zum erstenmal eine Betreuung der jüdischen Hilfsbedürftigen durch Juden gebracht hat, während bis zum Frühjahr 1935 dali Winterhilfswerk des deutschen Volkes in gleicher Weise die deutsche und die jüdische Bevölkerung umfaßt hatte. Der Bericht der Zentralwohlfahrtsstelle stellt fest, da« diese neue Aufgabe, die den luden Deutschlands gestellt war, sie mit starker Gewalt ergriffen habe. „Der Grundgedanke der Winterhilfe, der Einsatz der Gesamtheit für jeden einzelnen Notleidenden, entfaltete in der nunmehr ganz auf sich selbst gestellten Judenheit Deutschlands höchste Bereitschaft. Hier war eine Gelegenheit, aus einer Not Neues zu gestalten, aus dem Auageschlossensein einen neuen Zusammenschluß zu bewirken." In kürzester Frist mußten die organisatorischen Formen für die Durchführung der Jüdischen Winterhilfe geschaffen werden. Träger der Jüdischen Winterhilfe wurde die bereits seit Jahrzehnten bestehende Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege mit der Zentralwohlfahrtsstelle an der Spitze und den von Gemeinden, freien Vereinen, Landes- und Provinzialverbänden für jüdische Wohlfahtspflege getragenen Wohlfahrtsstellen. Durch die bezirkliche Gliederung der Arbeit wurde sichergestellt, daß jede jüdische Gemeinde, jeder einzelne Jude, in das Werk der Jüdischen Winterhilfe eingegliedert worden |gt, Keine jüdische Gemeinde Deutschlands, sc sagt der Bericht, hat sich von dieser Arbeit ausgeschlossen. Die Hauptlast der Arbeit wurde von ehrenamtlichen Helfern getragen. ■SsSt T30GO Helfer, Ha von über hOfW 5« Rrrü;; *»»ren 3« rirr Sa......- iuny dVr'Jvtatsi »m} der Reimnjuj töll über;.iv;.^.t:-j.vX^.Asr.', Die Mittel—f;iKivri^--• MAjAtffotfc "Würden"entsprechend den vom Reichsbcauttragten für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes genehmigten Richtlinien nach den gleichen Grundsätzen, in dei gleiche:: Form und nach den Maßstäben des winterniltswerks des deutschen Volkes aufgebracht. Der stellerähnliche Abzug vom Arbeitslohn und die nach der Einkommensteuer bemessene Leistung der beruflich Selbständigen erbrachten 63,32 0 o des Gesamtauf kommens. Die einmaligen Spenden umfaßten 22,94 o/o, die Eintopfspende einschließlich der in Geld abgelösten Pfuiidsammlung 10,73 O/o, während die Veranstaltungen und sonstigen Eingänge 3,010/o d«r Gesamtmittel erbrachten. 83761 Hilfsbedürftige wurden betreut. Bei einer jüdischen Gesamtbevölkerung von etwa 4(K)00() Seelen waren damit 20,480/o der jüdischen Gesamtbevölkerung hilfsbedürftig. In der Grenzmark Rosen-Westpreußen war der Anteil der Hilfsbedürftigen an der jüdischen Bevölkerung der Provinz mit 33,860/o am höchsten von allen Bezirken des Reiches. Es folgt das Saarland mit 30,74 0/o. In Berlin betrug der Anteil 19,72o/0. Eine wesentlich überdurchschnittliche Anzahl von Hilfsbedürftigen wiesen eine Reihe von Ortschaften in Hessen auf. In den kleineren Gemeinden der Provinz Hessen- Nassau erreichte das Verhältnis der Hilfsbedürftigen zur jüdischen Gesamtbevölkerung eine Höhe voi. 26,59o/o, in den Kleingemeinden Ost- und Westpreußens 32,070/0. In der Rheinproviiu stand Hamborn mit 40,05 o'o an der Spitze. Die hauptsächlichsten Leistungen der Jüdischen Winterhilfe bestanden in der Versorgung der Hilfsbedürftigen mit Lebensmitteln, Kohle und Kleidung. Für die Versorgung der über 83000 Menschen ist ein Betrag von rund 3644000 RM. aufgewandt worden. Durch die. Zuteilung von Kühlengutscheinen erhielten 28020 Parteien (Familien und Einzelpersonen) 175346 Zentner Kohlen im Werte von 211042,47 RM. Erwähnt wird, daß der Bedarf an Kleidungsstücken sehr erheblich gewesen ist. Gerade ar. Männerkleidung war eine außerordentlich starke Nachfrage vorhanden. Neben Leibwäsche wurde Haus- und Bettwäsche stark verlangt. Zu Chanukka und am Ende der Winterhilfsaktion zu Pessach wurden Sonderbetreuungen vorgenommen. Künstlerische Darbietungen wurden für Spender und Hilfsbedürftige veranstaltet. Es ist daran gedacht, diese „seelische Winterhilfe" im zweiten Jahr der Jüdischen Winterhilfe für die Kletngemeinden zu verstärken. Entsprechend den Richtlinien mußten alle Träger der Jüdischen Winterhilfe einen bestimmten Teil ihrer Einnahmen an die Zeniiaiwchlfahrtsstcl'c abführen, die damit den Lastciutusgleidi, die Versorgung der Hilfsbedürftigen in den Gemeinden vornahm, die nicht aus eigener Kraft in der Lage waien, für ihre Hilfsbedürftigen die notwendige Unterstützung aufzubringen. So konnten die Hilfsbedürftigen in diesen Gemeinden ebenso gut betreut werden wie diejenigen in Gemeinden mit einem guten Speiidenaufkommen. Am Schluß des Rechenschaftsberichtes wird all denen Dank gesagt, die durch den Einsatz ihrer Person und durch den Einsatz ihrer wirtschaftlichen Mittel das Zustandekommen der Jüdischen Winterhilfe ermöglicht haben. Die Jüdische Winterhilfe habe den größten Personenkreis erfaßt und das höchste Spendenergebnis »,r7i>!tj da« bisher die jüdische Gemeinschaftsarbeit in Deutsch!.:::.! erreicht hat. Bei der iDurchführung der Jüdischen Winterhilfe sei man sich immer darüber klar gewesen, daß daneben die großen i-----.—i. i• . i. i rif ikCtArj ' f.- dem bevorstehenden Winter gebe es noch schwerere Aufgaben, weil die Not gestiegen ist und die Zahl der Menschen, die noch helfen können, immer kleiner wird. Um so größer sei die Verpflichtung aiier derer, denen die Möglichkeit des Helfens geblieben ist. Gedenkfeiern für Rabbiner Dr, Ephraim Carlebach. **st Am Donnerstag, den 15. Oktober, fanden sich Schüler, Lehrer, Elternschaft und ein Kreis geladener Gäste zu einer Gedenkfeier für Rabbiner Dr. Carlebach s. A. in der Aula unserer Schule zusammen. Es sollte eine Kundgebung sein mit dem Grundgedanken, den Heimgegangenen als Gründer, Lehrer und Leiter des Schulwerkes zu ehren. Die Stätte, an der er gewirkt, an der ei so viel der Mühe und der Sorge um sein Werk erlebt hatte, sollte Zeuge sein für all die Ehre und Verehrung, die ihm in letzter Stunde gezollt wurde. Den künstlerischen Rahmen für die Feier gaben die von religiöser Wehmut durchfluteten Gesänge und Chöre. In sinnvoller Weise brachte der vom Gesang- und Musiklehrer der Schule, Herrn Paul Niederland, mit straffer Disziplin geleitete Synagogen-Chor den Lewandowski'schen Hawen jakir Ii Ephraim ergreifend zum Vortrag, in seiner künstlerischen. Wirkung noch verstärkt durch das mit packender Stimmgewalt gelungene Solo des Herrn Oberkantor Wilkomirski. Dann betrat Direktor Dr. Weikersheimer das Podium, um

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