Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 42 (16.10.1936)
- Date
- 1936-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968812-5985768--6110-4882268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16. Oktober 1936 GEMEINDEBLA1 1 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 r 3. i riiiCl g'/liCSUICMbl Anläßlich des Ablebens unseres früheren Gemeinderabbiners, des Herrn Dr. iphraim Carlebadi , findet am Sonntag, 18. Oktober, in der Ez-Chaim- Synagogc, Otto-Schill-Straße, um 5,30 Uhr nachmittags, ein Trauergotiesdicnst statt. Hierzu werden unsere Gemeindemitglieder eingeladen. Leipzig, den 14. Okiober i93ö. Der Vorstand der israelitisdien ftellglonsgemeinde zu Leipzig ll Ii diese, trotz der von ihr betonten Gegensätzlichkeit in manchen Anschauungen, rühmend hervorhob. In der Tat: der Schulleiter Dr. Ephraim Carlebach war ein Mann, der oft den Streit der Meinungen hervorrief, und das hatte er gewiß mit allen großen Persönlichkeiten gemein. Worin aber lag die geheime Kraft, die über allen Meinungsstreit hinaus den Schulleiter, die Lehrerschaft, die Schüler und die Schulgemeinde zu einheitlicher Zielarbeit immer und immer wieder zusammenschweißte? Diese geheime Kraft war die elementare Schulleidenschaft, die Ephraim Carlebach erfüllte, und die in ihrer vollblütigen Wirkung jeden, der mit ihm zusammenarbeitete, mitriß. Diese Leidenschaft für das jüdische Schtltwerk ist ei:: Erbteil der Rabbinerfamilie Carlebach überhaupt. Keiner der vielen aus dieser Familie hervorgegangenen Rabbiner hat sich mit der Erfüllung von Kultus- und Seelsorgeamt begnügt: alle haben sich rühmlich und erfolgreich der Lehr- und Erziehertätigkeit gewidmet, zu der ihnen der ehrwürdige Vater Neigung und Begabung vererbt hatte. Dr. Ephraim Cailebach aber — er hat es selbst oft geäußert - fühlte sicli in erst e r Linie als J u g c n d e r z i e h e r, als S C h 111maaa bcrufcn und crai au zweiter Stelle als Seelsorger und l-*i'r-i Ii i» it Nicht aus Gewinnsucht oder Eigenbrötelei wurde er zum Schulgrflnder, sondern aus innerem Trieb. Und die Kriterien der Echtheit dieses Triebes zeigten sich in erstaunlicher Fülle: er opferte dem wirtschaftlich zweifelhaften Unternehmen das eigene Vermögen, nicht nur zur Gründung, sondern auch zu dem hochidealen Zweck, der jüdischen Schuljugend ein würdiges, geräumiges und schönes Schulheim zu bieten. Er gab seinem Werk Zeil, Kraft und Gesundheit bis zur äußersten Grenze des Möglichen. Er übernahm neben den Pflichten des Leiters, die ihm in unserer spröden Gemeinde wahrhaftig nicht leicht gemacht wurden, stets einen erheblichen Teil des Unterrichts und ergoß in ihn eine verschwenderische Tülle von Liebe und Religiosität über unsere Schuljugend. Er entwickelte sich in den schwerer und schwerer werdenden Jahrzehnten z\\ einem unermüdlichen Kämpfer ersten Ranges gegenüber den Bergen von Schwierigkeiten, die sein Schulwerk bedrohten und wußte in diesem Kampfe — für den Kenner der Verhältnisse oft unglaublich — zu siegen. Er meisterte mit einem untrüglichen Gefühl für das Richtige die Fährnisse, die das ZuwiitiniMiJirh^Wfts |» einem konfessionell gemischten Lehrerkollegium in sich barg und erkämpfte seiner Schule nacheinander Ansehen, Auer k e n n U n g und Berechtigung. Die Epluaini-Carlebach-Schulc war ursprünglich Realschule. Da sie sich selbst erhalten mußte, war sie stets zur Erhebung eines hohen Schulgeldes gezwungen. Die holge dieser Tatsache, daß nänilich die Schule nur für einen beschränkten Kreis der Schuljugend zugänglich war, hat ihren Gründer immer bedrückt. Er hat die Augliederung einer Volksschule schon zu einer Zeit angestrebt, als äußere Umstände noch nicht hierzu zwangen. Die wachsende und gedeihende jüdische Volksschule war dem so früh Verewigten in seinen, ach, so wenig frohen letzten Lebensjahren ein echtes inneres Glück. Das Lehrerkollegium der Leipziger jüdischen Schulen trauert aufrichtig einem echten, begeisterten Lehrerherzen, einem gütigen, verständnisvollen Führer nach. Die jüdische Lehrerschaft überhaupt bewahrt dankbar das ehrenvolle Andenken an einen Mann, der die vornehmste Aufgabe, die ihr seit je gestellt war, ein Leben lang mit leidenschaftlicher Liebe betreut hat: D i e j ü d i s c h e S c h u 1 e. J. Der gesetzestreue Rabbiner. Ephraim Carlcbach, der in der ramilientradition, für ihn gleichbedeutend mit jüdischer Tradition, so tief Verwurzelte, ist, wie es von unseren Ahnen heißt, zu seinen Vätern versammelt. Es war ihm nicht vergönnt, in Ere? Jisrael. dem Lande der Vater, ::::f d<.....<- heiligtefrUvAicu heiig«1 Wirken zu entfalten/ da» ihm vorsc';Wcble; aber es ist ihm wenigstens das heiße Sehnen des gläubigen Juden erfüllt gewesen, das heilige Land zum Wohnsitz zu haben, in ihm sein Heim, seine Heimat zu finden, und die Gewißheit, daß sein Körper in heiliger Erde ruhen wird. Als Ephraim Carlebach vor etwa einem halben Jahre von seiner Gemeinde ging, glich den Gedanken an die Lücke, die er zurückließ, die Hoffnung aus, daß er nach den schweren Schicksalsschlägen der letzten Jahre unter neuen, befriedigenden Eindrücken ein neues, seiner geschwächten Gesundheit angepaßtes Arbeitsfeld und dann einen friedvollen Lebensabend finden werde. Wußte man ihn auch in der Ferne, so war es doch die Heimat, nicht die Fremde, in die er gezogen war; es führen doch so viel Oedankenbrücken hin- und herüber; er gehörte noch seiner Gemeinde. Erst jetzt, da er in dem Lande weilt, von dem keine Kunde mehr zu den Lebenden dringt, ist er wahrhaft aus dem Kreise der ihm Verbundenen geschieden. Nur in tiefster Bewegung kann sich diese seine Gemeinde in die Gewißheit finden, daß der verehrte Rabbiner nicht mehr unter den Lebenden weilt. In soldier Erschütterung wird den Menschen der. der ihnen genommen wurde, so recht erst zum wahren Erlebnis. Sie sehen seine Persönlichkeit, sein Wesen, sein Wollen, seinen Weg in all dem, wodurch er mit ihnen verbunden war; sie stehen vor seinem Schaffen, seiner erwählten Aufgabe und der Leistung, die er an ihr vollbracht hat. Aber — und das ist das Beruhigende, das die Vorsehung in die menschliche Seele gegeben hat — sie erkennen es mit anderem Verstehen, al« es dem Lebenden gelten konnte: denn esiii ein KW du GearWowcnh^it sfewordw? s« Kläiheil fcucutet es, nachdem die Schleier menschlichen Lebens sich gelöst haben. So läßt auch der Moment der Trauer die Gestalt Ephraim Carlebachs vor das geistige Gesicht unserer Gemeinde treten und das Werk, in dessen Dienst er sich gestellt hat, sich abheilen von all dem Kleinen und Einzelnen, mit dem menschliches Wirken sich vollzieht. Denn nicht die unermeßliche Fülle von Tun, das sich in fflnfunddreißig Jahren abrollt, so bedeutsam und segeustiftend es ist, gibt dem monumentalen Aufbau eines Lebens sein Gepräge; niu 15 auch Stein an Stein gefügt werden, —■ erst die Einheit des Gesamtbildes verleiht ihm Größe. Wird Ephraims Carlebachs Wirken innerhalb unserer Gemeinde unter solchem Aspekt betrachtet, so ist als Untergrund eines sichtbar: der Kehilla-Qedanke. Er gab allem die Richtung, wofür der Verewigte sich eingesetzt hat, immer mit der ganzen Stärke seiner Überzeu gung, oftmals mit aller beharrlichen Festigkeit, die ein als notwendig erkanntes Ziel nicht unerreicht lassen kann. In ganz jugendlichen Jahren begann Ephraim Carlebach in Leipzig zu lehren, in einem ganz engen Kreise überlieferungstreucr Juden. Man muß sich die Situation jener Zeit vergegenwärtigen. Als die Leipziger Gemeinde sich aufbaute, als sie 1847 ihre gesetzliche Form erhielt, herrschte die religiös nach neuer Gestaltung suchende Richtung vor und beherrschte bis in die neue Zeit hinein die Gemeindekörperschaft und die gemeindlichen Einrichtungen. Seit Mitte der 70er Jshre führte das ständige Wachsen der Stadt und der Gei