Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 37/38 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 11. September 1936 hört man vom Kantor (hier auf C transponiert): .0ttm iy <«■/- »V *>>^ ■V /• im Mittelpunkte des Wlnsafpehetes stellt otenu n«-i> ••<......• ff-Vor spiel der Orgel setzen Chor unisono und Qemeinde ein (auf A transponiert) : Von den anderen alten Tonarten muß besonders die phrygischc erwähnt werden. Nachstellend (1.) die Leiter mit der charakteristischen kleinen Sekunde, kleinen Ter/ (seit dein IS. Jahr!:, aus Modulationszwecken oft erhöht) und kleinen Septime, folgend (2.) Anfang des Mußafgebetes: »----<.-,*■ und bald darauf: Wieder etwas später das von Lewandowski innigst geschriebene (auf I transponiert): Aber auch die äolische Leitet ist wiederholt anzutreffen mit ihrer charakteristischen kleinen Ter/ und kleinen Septime (siehe folgend 1). Man denke an das Stück (2.) (auf F transponiert) aus „iiajjaum harass aulom": ■ oder an das Kautorsolo beim Ausheben der Thora: _ tZy*/" }» selbst die so sehr seltene lydische Tonleiter ist im Rausch- Haschonogottesdienst zu hören. Ihre Leiter (i.) zeigt die charakteristische übermäßige Quarte. In dem Satze „LI emuiioh" (2.) bei der Stelle ..baddin" tritt sie hervor: In der Reihe der alten Tonarten wenden wir uns nun der dorischen zu: Ihre beiden Charakteristika die kleinen Sekunden von 2 nach I und von 6 nach 7 — fallen ins Ohr. Stehen sie an den hohen Feierraffen nicht zu man möchte sagen — so exponierter Steile wt? das au den drei waiiiahrtsiesten der Fall ist, so sind sie bei mehreren Rezitationen der erhabenen Tage doch vorhanden. Daß die ionische Tonleiter, die sich mit unserer Durtonleiter deckt, häufig erklingt, ist klar. Ja, es dürfte sehr schwer zu entscheiden sein, ob das betreffende musikalische Stück alt ist (also in Ionisch stellt) oder ob es neueren Datums ist (also in Dur steht). Gewiß geben Melodie-, Phrasen- und laktbildung gute Hinweise; dennoch ist hier Vorsicht am Plat/e. Es ist klar, daß diese sogenannten allen Kirchentonarten nicht ausschließlich unseren Gottesdienst am Rausch-Haschonohfeste tragen. Die Herrschaft unseres heutigen Dur und Moll hatten auch in der Synagoge ihren Sieges/ug angetreten und Kompositionen gezeitigt, die dein Ernste der hohen Feiertage durchaus entsprechen. (Man denke beispielsweise an IJii'hsane taukef, in welchem Stücke auch die Anwendung der logenannten neapolitanischen Sexte von ausgezeichneter Wirkung ist.) Das stete Streben der verantwortlich Berufenen aber sollte sein: Immer hinzulernen, immer bemüht sein, Edelstes zu geben, immer arbeiten, dieses Edelste in möglichster Vollkommenheit einer gerade au den heiligsten Tagen des Jahres so willig aufgeschlossenen Gemeinde zu bieten. Jüdische Almanache und Kalender. Nach der Sommerpause beleben als erste Neuerscheinungen Almanache und Kalender für das neue Jahr den jüdischen Büchermarkt. I )er Almanach des Schockenverlages (Schocken Verlag Berlin jT.!>,&ü M) wisuiciui mm schon im vierten lalir. Ein kleini'< aber inhaitschweres bucli! Vielleiclit zu schwer, um weiteren Kreisen die Unterhaltung und Zerstreuung bieten zu können, die man von einem Almanach erwartet. Aber das ergibt sich wohl zwangsläufig aus dem Charakter der Produktion dieses Verlages, über die zu unterrichten die Hauptaufgabe eines solchen Almanachs ist. Einzelne Beiträge, wie die von Bttbcr und Rosenzweig stellen ziemlich hohe Anforderungen an den Leser. Leichter zugänglich und sehr interessant sind die geschichtlichen und volkskundlicheu Beiträge, z. B. die Skizze von J. F. Baer über „Die Vertreibung der Juden aus Spanien", von S. D. F. Goitein ..über die Herkunft der palästinensischen Araber" und von E. Brauer „Fellachen in Palästina". Wie leicht und lebendig uns Memoiren in frühere Zeiten einführen, zeigt der „Vor hundert Jahren" benannte, kurze Abschnitt aus den Erinnerungen eines böhmischen Talmudjüngers. Liest man diese Schilderung aus der kleinen, ganz gesetzest reuen böhmischen Gemeinde, so glaubt man, nicht hundert, sondern viele hundert Jahre seien inzwischen vergangen, und man möchte mehr von dieser uns fremden Welt hören. Fremd, ja vielleicht unbegreiflich wird sie vielen von uns erscheinen; was dieser Talmudismus aber für die Erhaltung des Judentums zu bedeuten hatte, das zeigt uns der aus Heinrich Graetz „Die Konstruktion der jüdischen Geschichte" entnommene, ungemein interessante Aufsatz „Über den Talmudismus". — Neben solchen Prosastücken stehen Midraschim, Sprüche der Väter und Proben moderner jüdischer Lyrik, Gedichte von Wolfskehl, Mombert und Strauß.!:: seiner Einfachheit rührend wirkt neben diesen kunstvollen Dichtungen das volkstümliche „Schön Nachtleinen", eins der jüdisch-deutschen, aus der religiös-sittlichen Bewegung des 10. 17. Jahrhunderts hervorgegangenen Lieder. Die beiden einzigen, sehr schönen Bildbeigaben des Almanachs, Zeugnisse der Ausgrabungen aus Nawc, lassen uns die im Schockenverlag vorbereitete Publikation „Denkmäler der jüdischen Antike" mit Spannung erwarten. Den Abschluß des Bändchens bilden Statistische Tabellen über die luden in der Welt Mitte 1030, über die Juden in Deutschland 1033 bis 1036. ihre Bevölkerungsentwicklung und Wanderung. Ein kleiner Taschenkalender liegt bei. Der Palästinakalender (Hrsg. von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Redaktion von Joachim Prinz, Verl. der Jüdischen Rundschau Berlin, 1.00 KM.) dient eindeutig der Propaganda für die zionistische Idee, für den Palästinaaufbau. Palästinensische Landschaft, Menschen, Tiere, Pflanzen werden in z. T. sehr guten Aufnahmen gezeigt. Neben den Aufnahmen aus dem Palästinafiim „Awodah" von liehnar Lerski sind die sehr scharfen Aufnahmen von Aennc Mosbachei besonders eindrucksvoll. Land und Leute muten froh und glücklich an, und es entsteht, wie das bei einer für Propagandazwecke gedachten Bildauswahl wolil immer ist, ein wahrscheinlich etwas idealisiertes Bild, bei dem die rauhe Wirklichkeit wohl zu kurz kommt. Gern hätte man noch mehr Bilder aus dem Arbeitsleben des neuen Palästina gesehen. Über die zionistische Bewegung, ihre Organisation, Leistungen und Aufgaben unterrichten die zwischen die Bildseiten eingestreuten Notizen. Der Kalender der Jüdischen Künstler;,ine 1936 37 (Hrsg. von der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Leitung Dr. Hermann Schildberger, Bild- und Textgestaltimg Professor Franz Landsberger-Dr. Max Osbom. Verlag Jastrow Berlin, 2,'jii KM.) isi gut gelungen. Anbei ordentlich vielseitig, gibt er einen Ausschnitt aus dem jüdischen Kunstschaffen auf dem Gebiet der Malerei, Zeichnung, Plastik und Architektur tftin«d< ._i.!:..tiiur wenui berücksichtigt. Naiv volkstümliche Erzeugnisse jüdischer Kunst wie die Wiliiaci-Simchat-1 ora-l ahncheii sind neben den Schöpfungen berühmter Meister wie I iebermann und Israels zu sehen. Wir freuen uns, außer diesen und anderen bekannten Namen wie Struck, Mcidner, Budko neuen, in weiteren Kreisen bisher weniger bekannten Namen ZU begegnen. Außerordentlich anziehend, jedes in seiner Art charakteristisch, sind die Beispiele, die von der Porträtkunst gegeben werden. Stellt man dem behaglich liebenswürdigen Bildnis der Frau Wohlfahrt aus der Biedermeierzeit das „Großreinemachen" betitelte Bild einer modernen, sich frei und kräftig regenden Frau von Fritz Salomonski gegenüber, so sprechen uns zwei ganz verschiedene Welten an, verschieden der Frauentyp, verschieden die Malweise. Unter den Laudschaftsbildern, die meist palästinensische Motive bringen, fällt die sehr stimmungsvolle „Landstraße in Galiläa." von Rubin auf; aus diesem Bild weht uns die Atmosphäre des heiligen Landes an. Neben solchen Bildern, die jüdische Menschen, jüdisches Land oder alttestamentliches Leben wiedergeben, stehen Bilder, die kein spezifisch jüdisches Thema haben, etwa der „Hinterhof" von E. Roaenthal, die I icrhildcr und anderes. Betrachtet man diese nichtjüdischen Bilder jüdischer Künstler, betrachtet man „Die Synagoge" des nichtjüdischen Malers Rembrandt, ein. Bild, das jüdisches W esen tief erfaßt, so drängt sich uns die heute viel erörterte Präge „Kunst und Rasse" auf, und wir fühlen, wie der Kalender uns nicht nur zum Schauen, sondern auch zum Nachdenken anregt. Der Kalender des Jüdischen Frauenbundes (Hrsg. von Lisbet Cassirer nnH Hanna»; Kflfminski, Geschäftsstelle des Jüdischen Frauen*