Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 37/38 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968812-5985762--6069-4882231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 II. September 1936 Ein königlich Gebet. Zu Rausch haschnno 5697. Vo» ür. s. Samuel. Aus Jugendforen erinnern wir uns wohl clor anmutigen Erzählung der Schüft vüü Sa i u in os i'riu in u n d w eise m Urteil In Uibeon war's, kurz nach seiner Thronbesteigung, da er auf seinem Lager schlief, daß er den Ruf zu vernehmen glaubte: „Wünsche, was ich dir geben soll." In ein Qebet kleidete er seinen Wunsch: Lwiger, mein üott, du hast deinen Knecht zum Könige gemacht anstatt Davids, meines Vaters; doch ich bin jung und weiß nicht aus noch ein. So gib mir denn eine n v erst a n d i g e n Sinn, dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen dem Outen und Bösen; denn wie anders konnte ich sonst richten dieses dein iiiüchtigis Volk! lind die göttliche Stimme;__aiit\vyitj'.C »T.ü-.-<Ju--tun~ -sotenes' gc"hei'en',''und" weder um langes Leben, Reichtum und Line oilei Herrschaft über deine f einde, so gebe ich dir ein weises Herz, und auch jenes, was du nicht erbeten. Ein königlich Qebet, eine göttliche Verheißung. Hätte Salomo auch anders wünschen können? Wenn er wie ein Prinz im Märchen an magische Kräfte, statt an den wahrhaften Gott geglaubt hätte. Es war eine für seine Jugend erstaunliche W eisheit, daß er sich Weisheit, den Vorzug des Alterb, erbat. Freilich stand diese Jugend im Abendschatten der Lage Davids. Da hatte er erfahren, daß es auch ein frierendes Alter geben könne, und daß man urplötzlich sein reich», glänzendes Haus verlassen müsse, wenn mau zur Flucht gezwungen ist; und Herrschaft hatte sich oft ai* Dornenkrone erwiesen. Salomo ahnte etwas von der Hürde des königlichen Amtes, von der der grolie Dichter singt: „Der kann sich manchen W unsch gewähren, Der kalt sich selbsi und seinem W illen lebt; Allein, wer andre wohl zu leiten stiebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren." Die Probe freilich, ob er diese Fähigkeit besitzen würde, hat sein Leben nicht erbracht. Nach glänzenden Anfängen und manchen Höhepunkten ein fast unaufhaltsamer Abstieg. Ein Geschenk, wie die Weisheit, will gehütet und gepflegt werden; sie muß ihre besten Kräfte aus der Gottesfurcht schöpfen, sollen nicht Ehrsucht, Eitelkeit und Machtstreben die Oberhand gewinnen. Eine Bestätigung ilieses tragischen Versagens erblickten die Alten in dem Bekenntnisbuche Ko holet, hinter dem sie den gealterten König Salomo vermuteten. „Ich, Kohelet, war Konig über Israel iu Jerusalem": in diesem vielsagenden Blick auf ein einstmaliges, aber verscherztes Glück lag fü.' sie ein willkommner Anlaß zu eigner Erfindung, sinnreicher Ergänzung. Hm seinen Abfall zu strafen, so dichteten sie, durfte auf Gottes Geheiß der Dämon Asmodai des Königs (iestalt annehmen, ihn seines Ringes berauben und auf seinem Throne sitzend das Reich verwalten, indessen der echte Salomo verjagt und verhöhnt durch das Land ziehen und um Brot und Obdach betteln mußte, da ihn jeder für einen geistesverwirrten Narren hielt. Da lernte er denn die Eitelkeit der vergänglichen Güter kennen, aber auch den Wert des Maßes und dci ScIbMucscIiciduiig, und fand zuletzt die Lösung seines Bannes m dem schönen Worte: „Den Ewigen fürchte und seine Gebote bewahre; denn das ist der ganze Mensch." Die Welt ist einige Jahrtausende älter geworden; der weise und darum glückliche Salomo ist jung geblieben; auch sein königlich Gcbet veraltet nicht. ,,W ü nsc h e , w a s ich dir g e b e u s o 11!" das vernehmen wir alle an der Schwelle des neuen Jahres. Weit ge- Zur Haphtarah des 2. Tages Rosch Haschanah. Von Qemeinderabbiner Dr. David Ochs. Als das kostbarste Besitztum gilt dem jüdischen Volke auf seinem Weg durch die Geschichte sein heiliges BikIi, das Buch der Bücher, die Lehre der Thora, die Berichte und Reden der Propheten, die Gesänge der Psalmen und überhaupt alles, was im Kanon des T'nach gesammelt ist. Kein W'undcr, daß eine besondere religiöse Pflicht besteht, die die regelmäßige Verbindung der Glieder unseres Volkes zu seinem Heiligtum sicherstellen soll. Es ist die Pflicht des Lernens, die jedem einzelnen gegeben ist, keinen ausöffnet sind die Himmelspforten, wir dürfen nicht nur, wir sollen vor Gott aussprechen, was unser Herz bewegt, was wir von ihm erbitten. Aber wir sollen bedenken, daß auch im Gebet eine Prüfung liegt. Wir bedienen uns nicht geheimer Riten oder Zaubersprüche, wir reden wie!C!.„ivi zu ciueui gütigen Vater, der unsre gerechten \\ mische in den Schatz seiner Liebe aufnimmt. Stärket als je, ist in dem verflossenen Jahre uns zum Bewußtsein gekommen, daß unser Schicksal ein jüdisches ist. Wir stehen als jüdische Menschen vor Gott und dürfen uns auch iu unseren Wim sehen nicht unsres Adels begeben. Wir müssen da anfangen, WO König Salomo aufgehört oder versag, hat, wir brauchen Weisheit aus Gottesfurcht. Das bedeutet nicht, daß uns Leben, Wohlstand und Ihre gleichgültig sein müßten; sie sollen sich aber..nicht ypftlriBt'g**w-j- 6i«-«üs»eir~zilrüclltreten hinter einen verständigen Sinn, ein weises Heiz. Wir Miid ein altes Volk; wir gleichen einem aus seinem Reiche verbannten Fürsten; dem königlichen Lehen aber, dem Gottesbunde, der Uns auch in der Fremde verpflichtet, dürfen wir nicht untreu werden. Es gab da ein entschwundenes Jahrhundert; es Umfing uns mit so v iel Freundschaft und Freiheit, daß wir nahe daran waren, des Bundes zu vergessen und den Gütern irdischer Prägung und Wertung jeden Vorzug einzuräumen. Frühere Jahrhunderte hindurch waren sie uns allerdings verkümmert, verweigert oder geneidet worden. 1 s war begreiflich, daß über viele von uns etwas wie Leuenshunger, Miellen nach Reichtum, Macht und Einfluß kam. Mle diese haben wir in bitteren Erfahrungen und schmerzlichen Enttäuschungen wieder anders einsehätzen gelernt. Weniger Verstrikkung in die Weh des Scherns, engere Verknüpfung mit der Welt des ewigen Seins, wie sie im Judentum gefordert und erreicht wird, hatte uns glückseliger gemacht. Mit pochendem Herzen blicken wir an dieser Jahreswende zu den Brüdern im Lande der Väter hinüber. Auch dort gab es Gefahrenmomente, wo es schien, daß bei weitem nicht allen Exulanten der Sinn ihrer Alija zum Bewußtsein gekommen wäre. Sie wollten allzu früh und iu einem sehr irdischen Sinne „glücklich sein", (iottes Stimme sprach zu ihnen mächtig aus dem Feuer; für manche war es eine Läuterung; für alle eine Probe der Bewährung. Ehre denen, die ihr Leben eingesetzt und hingegeben haben für ein Land, das uns Juden und durch uns zwei andern großen Religionen heilig ist und heilig bleibt, wie sehr man es auch durch neues Blutvergießen freventlich entweiht hat. Doch ist nicht dort unser Glücksstern, der eben erst aufgegangen schien, wieder im Verblassen? M ar 11 n B u b e r hat darauf in seiner jüngsten Schrift: „D i e S t u n d e u n d die E r k e n n t n i s" die beste Antwort gegeben, indem er auf den alten Midrasch zu Abrahams Sternenschau hinwies: ..Geh' hinaus" — BUS «leiner Astrologie — es gibt keinen Schicksalsstern für Israel. Meinst du etwa, weil Jupiter im Westen steht? Ich wende ihn und setze ihn in den Osten! Und weiter: Wer unter dem Wandelstern ist, mag ihn furchten' Du, dei du dai'Übei bist, erhebe darüber das Haupt!" Und zi! dem treuen Psalmwort: „Siehe, es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels"' wußten die Alten zu sagen: Er selbst schläft nicht: er bäh aber auch wach seine Bote::, die Fürsprecher und Sachwalter seines Volkes und läßt es ihm nie au solchen fehlen! Iu diesem Vertrauen dürfen wir einander wünschen: l'schono taUWO tikkossewu! nimmt und auch zu jeder Zeit ihren Anspruch an den jüdischen Menschen stellt. Gleichsam ein Muck dieser Mizwah ist die regelmäßige Vorlesung von Thora — und Prophetenabschnitten in unseren Synagogen, die jeden, aber auch wirklich jeden au die ganze rhora und doch auch an wichtige und unendlich vielsagende Prophetenabschnitte heranführt. Leider sind die Zeiten vergangen, da man wenigstens von jedem, der am Gttesdienst teilnahm, erwarten konnte, daß er die Thora — und Prophetenverjesung verstand und iu der Lage war, ihren Sinn in sich aufzunehmen. Oar vielen wird dadurch gerade das, was im Mittelpunkt unserer'Gttesdienste stehen sollte, schwer und unverständlich, man w eiß nichts .damit anzulangen. Die folgenden Zeilen wollen versuchen, wenigstens für ein Stück der Prophetenvorlesung des Rotch-Haschanah-Festes, für den zweiten