Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 36 (4.9.1936)
- Date
- 1936-09-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 4. September 1936 Sonne, in deren Mittelpunkt der v'ierbuchstabige Gottesname steht. Als textliche Kennzeichnung nichts als das Wort „Misrach". Die Beispiele, auf die wir hingewiesen haben, lassen zur Genüge die unendlich zahlreichen Wandlungsmögiiciikeiten des Misrach erkennen. In ihnen hat sich in der Tat in reichster Entfaltung das Spie! Her Phantasie auslebet! können, vielleicht noch mehr beim ausgeschnittenen oaer aus Geweben hergestellten konnte der zeich* nerisch gestaltete Misrach symbolhaften lühalt in vielfältiger Form darstellen. Ein solcher Druck vereinigt in sich eine ganze Fiiiie solcher Symbole: Mose und Aron, der eine mit den Gesetzestafeln, der andere mit dem siebenarmigen Leuchter, die Zeichen der zwölf Stämme, die Geräte des Tempels, beides durch eine Krone in seiner Hoheit hervorgehoben, rechts und links zwei Palmen mit je drei Medaillons, in denen Bilder aus der biblischen Geschichte gezeichnet sind: Wahrhaft eine reichhaltige Ausstattung einer solchen Misrach-Tafel. . .. Fs-ist unmöglich,; -uic -gdii/.e~rülic der" verschiedenartigen Mitte) anzuführen, die bei der Ausgestaltung des Misrach herangezogen wurden. Während für die Mehrzahl der für Kultzwecke verwendeten Geräte und Gegenstände Sammlungen vorliegen, die die Erforschung gefördert haben, fehlt solche Sammlung bis jetzt für den Misrach, und doch wäre sie lohnend, nicht allein um die fesselnde Vielgestaltigkeit sichtbar zu machen, sondern fast mehr noch, um dadurch die Entwicklungsgeschichte des Misrach zu verdeutlichen. Denn über die Entstehung und den Werdegang des Misrach liegen bisher SondcrforschUiigcn noch nicht vor. Allem Anschein nach hat der Brauch noch kein hohes Alter: es ist kein Beispiel bekannt geworden, das vnr dein 18. Jahrhundert entstanden ist. Zwei Quellen dürften bei der Ausbildung und der Ausbreitung des Misrach zusammengeflossen sein. Die durch den Chassidismus neu auflebende Beschäftigung mit der Kabbala hat nebe» anderen vielseitigen Verwendungen von Blättern mit hebräischen Schriftstellen auch solche entstehen lassen, die wohl in erster Reihe für Bethäuser, aber auch für Wohnungen zur Kennzeichnung dei Ostwand bestimmt waren. Der Vorbeter sollte, wenn er den Blick vom Gebetbuch erhob, vor sich ein Frinnerungszeiehen sehen, das ihn an seine besondere Pflicht, sich als Vertreter der Gemeinde vor Gott zu fühlen, gemahnen würde; und su entstanden Blatter von großem Ausmaß, auf Pergament oder auf starkes Papier geschrieben, die dann umrahmt am Tisch" de;. Vorbeters aufgestellt wurden. Sie zeigen eine gewisse Übereinstimmung in der Anlage. Weithin leuchtet der Gottesname, der vierbuchstabige, der häufig in kabbalistischer Manier mit den Buchstaben alei, daied, nun, jod zu einer neuen Bezeichnung verquickt wird; die siebenarmige Menorah wird durch mikrographische hebräische Schrift gestalte*, wobei meist Psalmen (beliebt ist z. B. Psalm 07) Verwendung finden. Daneben stehen kabbalistische Formeln, mit denen um Fernhaltuug von Unheil aller Art gebetet wird. Selten findet sich in diesen Blättern kunstvolle? Ornament. Sie werden im allgemeinen lediglich durch hebräische Schrift gestaltet, deren an sich ja so ornamentale Wirkung durch die Anordnung noch erhöht wird, bisweilen zu einer fast schon künstlerisch zu nennenden Kraft. Bei diesen kabbalistischen Blättern wird nun, gemäß ihrer Bestimmung, dem Sch'liach zibbur, dem Beauftragten der Gemeinde, Ha« Bewußtsein seiner heiligen Sendung immer wieder «.u »uükcu, das Gewicht darauf gelegt, auf die Allgegenwart Gottes hinzuweisen; darum der Psalmvers schiwißi (Psaim 16, 8), (in manchen Landschaften, z. B. Ungarn, werden deshalb diese Blätter geradezu als „Schiwißi"-Tafeln bezeichnet): darum auch die den Sprüchen der Väter entnommene Mahnung „Wisse, vor wem du stehst". Diese beiden Sätze werden dann charakteristisch für den Misrach. Für seine Entwicklung ist aber sicherlich noch ein anderes Vorbild maßgeblich geworden. Wir kennen eine Reihe von Tafeln, die zum Schmucke der Laubhütte bestimmt waren. In ihrem Mittelpunkt stehen die IhojsvQrschrtft „b.--Hütten sollt-in; wohucn .. und"öle Symbole des Lauhhüttenfestes, häufig auch Bilder der heiligen Stadt. Bisweilen erinnern sie sehr au Haussegen, wie sie auch in nichtjüdischen Häusern zu finden waren: durch Heranziehung hebräischer Texte und jüdischer Symbolik verlieh man ihnen eine jüdische Note, ohne doch ganz den Abstand vom Vorbild gewinnen zu können. Manche dieser Blätter könnten ohne Schwierigkeiten, mit einem deutschen Spruche versehen, als nichtjüdische Haussegen verwendet werden. Andere allerdings haben schon die jüdische Note so weit ausgeprägt (w'e etwa ein aus Italien stammendes Stück, üas die heilige Stadt, den Tempelberg, alles umrahmt von Weinranken, au denen schwere Trauben hängen, zeigt), daß sie den Zusammenhang mit solchen nichtjüdischen Vorbildern nur noch in dem ornamentalen Ziertai ei kennen iassen, der alles andere umgibt. Blätter dieser Art dürften dann Anlaß dazu gegeben haben, daß man den vorher beschriebenen kabbalistischen Misrach von seinem mystischen Beiwerk befreite und statt dessen künstlerisches Ornament zum vorherrschenden Bestandteil der Misrachtafeln werden ließ. Der in der vorigen Ausgabe des Gemeindeblattes wiedergegebene Misrach des Felix-Goldmann-Gedaehtnishundes knüpft, wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, an die alten Misrach-Vorbilder an. Auch bei ihm leuchten die üblichen hebräischen Sehriftzeichen entgegen, zwei Löwen halten über dem Worte „Misrach" und dem Satze „Von dieser Seite weht der Hauch des Lebens" die Krone, um anzudeuten, daß die Sonne Quell und Krone allen Lebens ist, die Sonne selber durch die Strahlen, die von der Krone ausgehen, angedeutet; auch hier das Weinrankcnornament mit Blättern und Früchten, dazwischen sitzend oder fliegend eine Anzahl von Vögeln. Wie die anderen jüdischen Kultgcgenstände, verdient auch der Misrach eine eindringende Erforschung. Solche Untersuchungen würden sicherlich auch da/u führen, daß diese Betätigung jüdischer Volkskunst neu auflebt und ihre Erzeugnisse wieder eine Stätte in jüdischen Häusern finden. 11* "i ■ <■> t» 7a:ici"h'jii yuuiO'.üc £-t"S " ••»?*••**■■' etnlgung. 0. öcjnEiiiue. Vvüü ciic ktiiuiiuussieiiuTig der Berliner Zionistischen Vereinigung, die den Namen Jemej Bialik (Biali-Tage) trägt, eröffnet werden. Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur hatten Gelegenheit, die Arbeiten an der Ausstellung in dem Ateiier zu besichtigen, das zur Fertigstellung der Ausstellungsobjekte dient. Die Ausstellung ist vor etwa einem Jahre von dem Hauptvorstandsmitglied der Berliner Zionistischen Vereinigung S. Tschertok geplant worden. Er hat auch alle vorbereitenden Arbeiten geleitet und insbesondere den Auf- und Ausbau der Ausstellung nach ihren Themen und ihrer Gestaltung bestimmt. Die Ausstellung will das Ringen innerhalb der jüdischen Geistigkeit der Gola und Palästinas um eine neue Einheit des jüdischen Kultursehaffeus zeigen und das Gefühl für die Kontinuität der jüdischen kulturellen Entwicklung wachrufen. Die Ausstellung wird 24 Themen behandeln und in mehrere Abteilungen gegliedert sein. Vieles Neue wird in neuartiger Derstellung zu sehen sein. Aus dem heutigen Kulturleben, insbesondere Palästinas, wird vieles gezeigt werden, was bisher in Deutschland nicht oder nicht in anschaulicher l orin bekannt gewesen ist. Der Palästinateil der Ausstellung ist in Palästina selber hergestellt worden. Sonderausstellungen der Schulabteilung der Reichsvertretung, des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde, der Lehrhäuser, der Presse, Bibliotheken, der hebräischen Bewegung in Deutschland, der bildenden Kunst und des Verlagswesens werden einen Begriff von den heutigen Arbeiten und Leistungen auf den einschlägigen Gebieten vermitteln. Die künstlerische Ausgestaltung des palästinensischen Teils Ui d>tn Oraphikcr Orte Ä'aUii»ch-TelA*iw, dir ues »latmtciis Hein? CottdvH >.<•!!! Berliner Kurturijund anvertraut Da? palästinensische Material isi größtenteils von dein Institut Dr. Mechner-Wallisch geliefert worden. Keine Kauflente nach Südafrika! Der Hilfsverein der Juden in Deutsehland gibt bekannt, daß ihm aus Südafrika wiederholt von maßgebender Seite ernste Warnungen vor der Einwanderung ungeeigneter Elemente zugegangen sind. Als ungeeignet sind in Südafrika sowohl Angehörige der meisten akademischen Berufe, wie vor allein auch kaufmännische Angestellte und unbemittelte Unternehmer zu betrachten, besonders, wenn diese auch nicht einmal des Englischen kundig sind. Die Beherrschung der englischen Sprache in Wort und Schrift ist das mindeste,'was von einem Kaufmann in Südafrika verlangt werden muß; in vielen Gegenden, vor allem auf dem Lande, wo noch am ehesten Existenzmöglichkeiten für Kauflente vorhanden sein dürften, ist auch die Kenntnis der Burensprache „Afrikans" notwendig. Im ganzen muß mit Nachdruck betont werden, daß der Handel in Südafrika bereits stark übersetzt ist, daß vor allem in Kapstadt und Johannesburg unter den eingewanderten Kaufleuten erhebliche Arbeitslosigkeit herrscht und nur ganz ungewöhnlich qualifizierte Kräfte überhaupt noch Aussicht haben, in der Wirtschaft unterzukommen. Ungleich besser sind die Aussichten . für Handwerker, soweit sie eine wirklich gründliche reguläre Ausbildung genossen haben; für kurz ausgebildete „Umschichtler" mit ungenügenden Fach kenntnissen ist in Südafrika — wo das Arbeitstempo1 und die Ansprüche an die Qualität der Leistung ungleich höher sind als etwa in Südamerika — kein Platz.