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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-08-21 · 34 (21.8.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
34 (21.8.1936)
Date
1936-08-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 21. August 1936 Um in diesem Gericht zu bestehen, muß man auf alle Abwälzung der „Schuld", auf jedes Alibi verzichten. Was tun die Juden Deutschlands? „Kehren sie um? Oder begnügt sich ein jeder damit, sich und aller Welt zu beteuern, dafi er schuldlos sei? Ein teils leichtes, teils müßiges Beginnen, wenn mit SehuM" die JJC mciiii ist, üeren er von rtranRp.. >»»T?chtij1 v.i.J! Auw« ein iioiinungsloses, wenn es um die geht, die man von innen her kennt! Um die Lauheit des Judeseins, um die Lässigkeit des Gemeinschaftssinns, um die geschäftige Zweckbesessenheir, um die leere Lebensgier, um das unverbindliche Kluggeschwätz, um die ehrfurchtlose Selhstsicherheit, um die „Trägheit des Herzens!" Deutlicher kann die Kritik des Verhaltens der Juden Deutschlands in der Entscheidung nicht zusammengefaßt werden, deutlicher kann nicht zum Ausdruck kommen, dali Kritik nur ein Anfang, nur Sichtung der notwendigen Erkenntnis, des Tatbestände«! ist. Kritik ist nur der Anfang der Erkenntnis, aber was wäre schon mit der ganzen Erkenntnis getan, muß mau fragen, wenn mehr als zu erkennen und es zu sagen nicht gewährt ist. Aber es gibt Situationen, „in denen eine Erkenntnis die vorderste Tat ist. Man ist ja heute geneigt, den Einfluß der Erkenntnis auf das Geschehen zu überschätzen. Aber der Rückschwung des Rendels hebt vielleicht in diesem Augenblick an." Die Erkenntnis unseres Zustandes ist ein Anfang, die Erkenntnis der Lehre, also des Allgemeinen, des Noch-nicht-Unseren, der Jüdischkeit ist das Wesentliche. Die Lehre ist nicht anzusehen „ais eine Sammlung von Wißbarkeiten", sondern als „unsere Seins-Traditinn"^ webe: „das Tiadiciie das ganze lebendige jüdische Menschentum, das Tradierende der ganze lebendige jüdische Mensch'* ist, die gelebte und zu lebende Lehre, denn sie „besteht in dem verantwortenden Leben der Person oder sie besteht nicht". Praktisch gesprochen: das Lehrziel, der Sinn jüdischer Pädagogik in dieser (jeder) Zeit kann nur sein, „daß der jetzt heranwachsende Jude sich auf den l Jrbestap.d seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu aufbaue zu dem Menschen, der die Problematik der Gegenwart am exponiertesten Punkt bewältige". Wie das anzu- Kulturelle Fragen. Die Gemeinde Leipzig kann für sich in Anspruch nehmen, sofort nach der Umwälzung das kulturelle Bedürfnis, das in jüdischen Kreisen herrscht, erkannt und einen Ausschuß für jüdische Kunstpflege organisiert zu haben. Dieser Ausschuß stand damals vor einem vollkommenen Novum. Es mußte mit Energie die Pflege der Kulturwerte angepackt werden, dabei war es selbstverständlich, daß man im wesentlichen auf das zurückgreifen mußte, was der europäische Kulturkreis an künstlerischen Schöpfungen bot. Die eigene jüdische Note konnte nur in seltenen Fitten betont werden. Inzwischen sind drei Jalue ins Land gegangen. Sie brachten die Gründung des Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde und des Kulturbundes Leipzig mit sich. Manche beachtliche Darbietung wurde in diesen Jahren herausgestellt. Noch fehlt aber so etwas wie ein geistiges Antlitz, das den jüdischen Kulturbünden ihre eigene Prägung gibt. Diese Tatsache hat dazu geführt, daß in letzter Zeit in der großen jüdischen Presse eine starke Kritik an der Leitung des Reichsverbandes jüdisrher Kulturbünde rrf.-.lfrt isti eine Kritik, die in VMiIen Fällen berechtigt w.ir und den Mangel au muisiiiei Eigenwertigkeit del Kulturbundlcistungen hervorhob, die aber andererseits übersah, daß eine so tiefe politische, wirtschaftliche und kulturelle Krise, wie sie das Judentum in Deutschland zurzeit erlebt, notgedrungen nicht gleich immer die tchöpferischen Kräfte hervorbringen kann, die au sich durch das neu gewordene jüdische Eigenleben notwendig wären. Kritik wirkt oftmals schöpferisch und so auch in diesem Falle. Wenn man sich das neue Programm;m«ieht, das der Berliner Kultur* blind für die kommende Spielzeit aufgestellt hat, so wird man finden, daß nunmehr in stärkerem Maße Voraussetzungen gegeben sind, die den künstlerischen Veranstaltungen so etwas wie eine spezifisch jüdische Note geben. VVenn zwar auch das erste Stück, das einstudiert wird: Molnars „Große Liebe", außer der jüdischen Eigenschaft seines Autors keine jüdische Note zeigt, so deutet doch Perez' „Goldene Kette" auf das Spezifisch Jüdische hin. Ferner ist von Bedeutung die Eiustudierung von Leviks „Golem" und Bestritzkis „Sabbathai Z'wi" sowie ein Scholen! Alejchemsches Stück, für das entweder „Towje" oder „Der Schatz" in Frage kommt. Nachdem der Kulturbund durch den Weggang von Dr. Fritz Jessner einen sehr erhebliehen Verlust erlitten hat, verdient es verzeichnet zu werden, daß ein so bedeutender Schauspieler M ic Fritz Wisten die Uberspielleitung übernommen hat. Jessners Inszenierungen, insbesondere die des „Jeremias", werden bei allen Kuiturbundbesuchern einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. fangen ist, geht aus Entwürfen und Programmen für eine „Schule für Judentumskunde", eine Lehrerbildungsanstalt hervor: In fünf Hauptabteilungen sollen Sprachkunde, BihelkunHe, Gemeinschaftskunde, (Jeschichte und Glaubenskunde, aber ..in allen AWefl«,tlgea SOS uichiä Gescnicntlielie< il« mir-geschichtHch und •■iJnl» Gegenwärtiges als nur-gegenwiirtig gelehrt werden". (Wie wenig das nur Programm ist, geht aus der Arbeit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung und des Frankfurter Lehrhauses hervor.) Das Wesen dieser Judentumskunde ist wieder nicht eine Häufung von Wissensstoff, sondern der „biblische Humanismus", nicht nur „Religion", sondern Glauben, Halt, Haltung, Bewährung als Gottes Mensch in Gottes Welt. Erst von solchem, durch kein historisches Geschehen erschütterlichen Standpunkt ist ein klares Verhältnis zur Umwelt, wird die sou:;t von Auchjuden betriebene und sinnlos gewordene, wenn nicht schon sinnlos gewesene Apologetik zu ermöglichen. Die Abgrenzung gegen das Christentum wird nicht umsonst in der gleichen schlichten Präzision formuliert, die jeder alrii'niische Volksmann gebraucht hättt: „Wir spüren die Unerlöstheit der Welt". Aus diesen paar Zitaten nach Bubers „Die Stunde und die Erkenntnis" geht bereits hervor, wie scharf, klar, tiefgründig und wie fordernd in diesen Reden und Aufsätzen aus den Jahren 1933—1935 unsere Situation erfaßt, unsere Aufgabe vor uns hingestellt, unsere Verantwortung aufgerufen ist. Wer je eine Zeile von Buber gelesen hat der ker.r.i den Kein auch dieses Buches und — wird es um so eindringlicher lesen und sich hineinleben: jede Zeile, jedes Wort geht jeden von uns an, immer geringer wird der Abstand zwischen dem Sprecher und den Angesprochenen, immer enger wird der Kreis um uns, und wir merken fast nicht, wie der Sprecher hinter seinem immer weiter werdenden, weil immer eindeutiger und strenger wachsenden Wort zurücktritt. Es ist das Woit der Stunde, es ist klar und vernehmlich wie nur je gesprochen, das übrige hängt von uns ab. Als Nachfolger des verdienstvollen Generalmusikdirektors Rosenstock, der das Kulturbundorchester auf eine beachtliche Höhe gebracht hat, wird nunmehr die musikalische Leitung der frühere Frankfurter Generalmusikdirektor Hans Wilhelm Steinberg übernehmen, dem ebenfalls ein ausgezeichneter Ruf vorausgeht. Berthold Sander will Chöre jüdischer Komponisten dirigieren sowie eine Oper einstudieren. Dr. Kurt Singer plant die Aufführung von Handels Oratorium „Israel in Ägypten", außerdem ist Paul Dessaus Oratorium „Hagadah" mit dem Text von Brod vorgesehen. Auch will man das hebräische Theater „H a b i in a" eine Zeitlang gastieren lassen. Das bisher vorliegende Programm des Jüdischen Kulturbundes Leipzig sieht einen Kammermusikabend des Mendelssohn- Trios vor, bei dem neben Brahms und Beethoven auch der jüdische Komponist Ernesto Bloch zu seinem Recht kommen wird. Danach bringt das Hamburger Kulturbund-Theater einen Lustspiel- Abend „ Tageszeiten der Liebe" von dem jüdischen Autor Nicodemi- Kalin. Eine besonders jüdische Note erhält das Programm durch den Vortrag des bekannten Kunstsrhriftste!?ei< Dr. MaxOS bor n „JudendarsteuUHg in der Kunst". Er folgt ein weiteres Qastspiel des iiamburgei Kulturbund-Theaters mit „Dame Kobold" von Calderon in der^Naeherzählung von Hugo v. Hofmannsthal. Hermann Schey und Erna Klein weiden dann im November mit einem Liederabend gastieren, bei dem wahrscheinlich u.?.. auch jüdische Lieder zu Gehör gebracht werde::. Beatrice Freudenthal-Waghalter wird im Oktober, bevor sie endgültig nach Amerika geht, das Leipziger jüdische Publikum zum letzten Male durch eineil Liederabend erfreuen, in dessen Zweiggottesdienst an den hohen Feiertagen. Die Gemeinde richtet in diesem Jahre den Zweiggottesdienst für Neujahr und Versöhuungstag, der im vorigen Jahre in der Turnhalle der Höheren israelitischen Schule stattgefunden hat, im Battenberg-Theater, Tauchaer Straße 32-34 (Kulturbund-Theater) ein. Die Vermietung der Platze erfolgt vom 24. August 1936 an werktäglich von 9—13 Uhr im Gemeindeamt, Walter- Blümel-Straße 10, I. Preise der Plätze von RM.1.50 — 5 — Leipzig, den 18. August 1936. Der Vorstand der israelitischen ReHgionRg»!neinde zu Leipzig.

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