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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-08-21 · 34 (21.8.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
34 (21.8.1936)
Date
1936-08-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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\H I 12. Jahrgang - Nr. 34 Auflage 3500 Stack 21. August 1936 ■i^^^^^^^Ä^wiÄfWiiii tfeilir^w^i iitiiiin liM^SiP^^y^ll^^^iBM^ DER ISRAELITISCHEN I E I D7I ß AMTLICHES NACHRICHTENBLATT RELIGIONSGEMEINDE ZU LC Y L \ V DER GEMEINDEVERWALTUNG Die Stunde und die Erkenntnis. Zu Martin Bubers neuem Buch*). Von Leo Hirsch.! r» l!er cc!i3clic*^ S\%%>sücn d'*^ ^bs" *^*m 'M'** ^•u^*'*"^'*jijJ gekommen ist, hat Martin huber die schwerste, undankbarste, peinlichste Aufgabe: den moralischen Wirrwarr ZU klaren, Illusionen zu zertreten, das schier Unmögliche, die innere Überwindung der äußeren Schwierigkeiten immer von neuem, immer härtei und eindeutiger zu fordern, zur Erziehung zu der eigentlich jüdischen Haltung anzutreiben und selber und vorweg zu leisten, was der Masse nicht oder noch nicht gelingt. Je strenger, konsequenter und deutlicher seine Aufgabe wird, desto dumpfer und — wie Treibsand — scheinbar nachgiebiger, tatsächlich erstickender wird der Widerstand derer, denen seine Aufgabe gilt. Als Huber zuerst mit jüdisch politischen Aufsätzen hervortrat, war es leicht, Zionist zu sein, seinen Schekel zu zahlen, Vorträge über die Notwendigkeit einer jüdischen Heimstätte zu halten oder zu billigen, hebräische Vokabeln zu lernen und jüdische Geschichte zu lesen. Als er die chassidischen Röcher veröffentlichte, gehörte es zum guten Ton, diese fein ziselierten Geschichten aus einer zuvor unbekannten Welt gut und schön zu finden und in die respektvoll ungefähre Zustimmung einzureihen, die man neuerdings der Mystik, dem Pietismus, den indischen Vorstellungen erwies; wir Juden hatten nun auch unsere eigene exotische Romantik der Religiosität, und dir dieser Exotik war um so feiner, als inzwischen auch die allgemeine Vorliebe mit dem Glanz fernöstlicher Geister i und Dichtungen zu liebäugeln begann, Tagore den Nobelpreis bekam, Bethge und Klabund Li Tai Pe unidichteten und das „Teebuch" best Beller wurde. Die Drei Reden über das Judentum wirkten noch keineswegs befremdend, denn es war ein ebenso ästhetische« Vergnügen, sie zu lesen, zu disputieren und iiire Verbindlichkeil zu ignorieren, wie man Dostojewski, Tolstoj und Ibsen genoß. Mittlerweile wurde es doch immer schwerer, die Vogel-Straull-Politik gegen den jüdischen (icist oder neben ihm weiterzuführen, AAit diesem Geist ^ing es wie in einer besonderen Hamlet-Aufführung: mit einem behaglichen Gruseln, denn mau weiß doch, es ist alles nur Theater, sitzt man im Parkett und wartet, daß der Geist von Hamlets Vater auf die Bühne kommt, und plötzlich steht das Gespenst da, aber es ist gar kein Theatergespenst, die Grenze zwischen Parkett und Bühne existiert nicht mehr, man selbst ist Hamlet, der Geist ist Wirklichkeit, ei packt einen, daß es den Atem benimmt, er fordert von einem selbst, von seinem Sohn, von Hamlet, von dir und mir ganz bestimmte, ausgesprochene, schier unmögliche Dinge, um deren Durchführung man sich nicht mehr, sein Leben laug nie mehr wird herumdrücken können, es sei denn, man ist nicht dieses Königs Sohn, dieses Geistes Kind, I landet, man selbst. Es ist piüuliui alles t o d e i n s t g e w urutii, was Menschen wie Buber seit Jahr und Tag geschrieben Itaben, und was man mit ästhetischem Genuli nur eben las, beredete, gut oder Fremd, zu hoch *) Martin Buber: Die Stunde und die Erkenntnis. Reden und Aufsätze WH— lyJ5. Berlin 19iö tSchocken-Verlag). oder zu jüdisch fand und wovon mau sich weiter, über das Ästhetische hinaus, nicht verpflichtet fühlte, es ist so hart ernst geworden, daß das Ästhetische aufgehört hat. eine Kategorie zu sein, In dieser Zeit ist die Bibel bei Buber so ernst geworden, dab es uCiäügiüä im, »1) mau sie ungehobelt oder aiizu gehobelt, schön oder sonstwie findet, wenn man sie nur findet. Aber eben dies Findenmüssen, unsere jüdische Zwangslage ist so drückend, daß ihr bewußtester Fürsprecher, ihr moralischer Auswegweiser immer schärfer fordern, immer deutlicher die bedingungslose Erfüllung der immer schwierigeren Aufgabe verlangen muh. Folgt man ihm endlich? Man gibt ihm recht, man gibt ihm nach — wie Treibsand dem Voiansclireiieiulen nachgibt. Versinkt im Treibsand, wer vorwärts, wer herauskommen muß? Das Bewußtsein, was und wie Treibsand ist, kann nur durch Menschen erhalten geblieben sein, die darüber hinaus, die herausgekommen sind und immer von neuem durch Treibsand müssen. Es ist alsu, und das ist in unserer moralischen Treibsand-Situation das Lebenswichtigste, es ist keine Resignation, wenn Buber sagt: „Man versuche eben, was man zu versuchen hat, man sage, man wiederhole, man lehre, mehr ist nicht befohlen und nicht gewährt.'' Es ist keine Resignation, soweit es die Notwendigkeit betrifft, zu lehren, zu sprechen, zu wiederholen, aber der Erfolg dieser Aufgabe? Wem es obliegt, Menschen zu bilden, der kann nur mit Worten lehren, Worte sagen und wiederholen und zurückholen und neu sagen, das ist befohlen, aber mehr ist nicht gewährt? Das zu wissen ist Stolz, Demut, Bescheidung, man geht bis au die Grenze des Sagbaren, mehr ist nicht gewährt. Dem Sprecher seiner Menschengruppe, dem Deuter seiner Zeit, dem Mahner, Künder, Dichter, Übersetzer ist nichts als das Wort gegeben, der Rest, die Hauptsache ist das Tun — der Menschen, der Gruppe, der anderen. Das Bewußtsein dieses Risses zwischen Wort und Tun bedeutet Bahcrs: „Mehr Est nicht gewährt". Dieser Riß zwischen Wort und Inn, Dcist und Volk ist auch in dein einzelnen Qeistmen6chen unserer Zeit unverkennbar, ja sich den Zwiespalt des allgemeinen Zustandes selbst mitten hinein in seine eigene Person einzuverleiben, ihn mitten dmui sich selbst lundurchgehen zu lassen, ist unerläßlich, wenn man ihn überwinden will, und so nur: durch das Aussprechen des Tubaren wird das Tun Wort, dal Wort Tat, wird der Riß im Geiste Überwindbar. Aber doch wieder nur int Geiste; der Rest bleibt nun erst recht den andern, dem Volk, das auch von sich aus auf die Probe gestellt ist. Die Spannungen des Zeitalters „machen Versuche mit den Juden". Es ist, um die Probe /u bestehen, erforderlich: „eine neue Rangordnung der persön lich-existenziellen Werte, die ihn befähigt, der Situation und ihren Wechselfällen standzuhalten", allgemein gesprochen: die Erkenntnis, daß „über der Wahrung des Besitzes die Wahrung unseres eingeborenen Selbst'' steht: „Wenn wir unserer Berufung treu sind, kann uns nichts entrechten''. Das ist „das Erste", aber was soll man, praktisch gesprochen, tun, was ist den Kindern zu sagen? Man soll sie unsere Sprache und unsere Geschichte lehren, aber das ist wieder nur wenig, „mehr noch gilt, daß wir als Israel leben: Gemeinschaft üben und Unmittelbarkeit wahren''. Mau muß bei sieh selbst anfangen.

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