Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 29 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 17. Juli 1936 maßen gestartet, auch an der Aufbringung der Lasten für Neueinwanderer sieh zu beteiligen. Vor allem soll sich aber der Einwanderer, der aus Deutschland kommt, immer dessen bewußt sein, daß er, auch ohne wirtschaftliche Mittel, nicht nur als Nehmender kommt «rindern rlsR iioc oft besonders höh1' Bildungsniveau der Jud " aus Deutschland, ihre Kenntnisse und Erfahrungen und organisatorischen Fähigkeiteil, sie häufig zu einem bedeutenden Beitrag /um jüdischen (iemeinschaftsleben in den neuen Ländern berufen. Auf der anderen Seite darf freilich das Bewußtsein einer besonderen, wertvollen historischen Eigenart des Juden in Deutschland keinesfalls zu einer hochmütigen Zurückhaltung gegenüber den aus anderen Ländern, insbesondere aus Osteuropa stammenden Juden, fuhren, sondern der Jude in Deutschland muli sich bewußt sein, daß gerade in diesen Menschen die jüdische Substanz noch viel ungebrochener und lebendiger ist, als in den meistens so weitgehend assimilierten deutschen Juden, und daß in der Regel der Jude aus Deutschland von den ausländischen Juden mindestens ebenso viel zu lernen hat, wie er sie lehren kann. Wird diese Pflicht des Einwanderers gegen seine neue jüdische Gemeinschaft wirklich ernst genommen und erfüllt, so kann die Auswanderung aus Deutschland vielfach statt zum Verlust tausender von wertvollen Menschen, zu einer Stärkung und B e r e i c h e r u n g des j ü d i s e h e n »i e m e i n s c h a f t s - 1 e Ii e n 8 i n d e n Ei n w a n d e r u n g s 1 ä n d e r n führen. J. Drücken die beiden genannten Forderungen nur allgemeine Ansprüche der jüdischen Gemeinschaft an den ein/einen Juden aus, so will der HUf8verein endlich auch eine eigene. Forderung an die Menschen, die mit seiner Hilfe ausgewandert sind, erheben. Der Hilfsverein kann selbst nur helfen, wenn ihm immer wieder geholfen wird; und die wichtigsten Helfer sind die früheren Auswanderer mit ihren neu erworbenen Kenntnissen und Erfahrungen. Der Hilfsverein bittet deshalb hiermit auf das eindringlichste alle Auswanderer, besonders aber diejenigen, die in bisher weniger bekannte Länder gehen, ausführlich über ihre Erfahrungen und Eindrücke zu berichten, und zwar nicht nur in den eisten Wochen und Monaten ihrer Einwanderung — wo ihre Berichterstattung naturgemäß wenig Wert besitzt —, sondern vor allein auch nach längerer Ansässigkeit im Lande, wenn sie die Unterlagen zu einem begründeten Urteil gewonnen haben. Darüber hinaus ist es vor allem auch wichtig, daß sich der jüdische Einwanderer aus Deutschland möglichst bald, d. h. sogleich nachdem er selbst keiner Hilfe mehr bedarf, auch der Bildung von Einwanderer-Hilfskomitee« annimmt, oder den sich schon existierenden ehrenamtlich zur Verfügung stellt. Jedem einzigen Juden muß /um Bewußtsein k o m m e n, daß er h e I f e n m u ß, w i e i h in geholt e n w u r d e, und daß er sich nur SQ_als ein Glied der lebendigen Kette der jüdischen Gemeinschaft bewähren kann. Schöpferische Initiative. Neue Gründungen des Keren Hajessod in Palästina. Die Ereignisse in Palästina haben eine erstaunliche innere Stärke und U::abhär.™:r!:c:t des jüdischen Jischuw crkcnr.cn lassen. Vor rtüriii konnten schon am Beginn des arabischen Streiks peturentungen über die Gefährdung der Lehensinittelzufuhr. der besonder« Tel Aviv ausgesetzt sein sollte, sehr schnell als grundlos zerstreut werden. Die jüdische Landwirtschaft erwies sieh als stark genug, auch den erhöhten Ansprüchen ausreichend nachzukommen. In dieser wiederum war es der nationale Sektor, der in hervorragendem Maße da/u beitrug, daß der Generalstreik der Araber sich zu einer wirklichen Gefährdung für die Existenz der 400000 Juden in Eiez Jisrael nicht auswaehsen konnte. Denn während früher privates Kapital, soweit es überhaupt in die Landwirtschaft ging, zu einem weit überwiegenden Anteil Anlage in der Orangenplautagenwirtschaft gefunden hatte, hat der Keren Hajessod rechtzeitig verstanden, daß in den von ihm auf dem Boden des Nationalfonds geschaffeneu Siedlungen die „gemischte" Wirtschaft betrieben werden müsse, tun nicht nur die Siedlungen selbst vor Konjunkturschwankungen zu sichern, sondern auch das gesamte Aufbauwerk in der Lebensmittelversorgung weitgehend unabhängig zu machen. Im letzten Jahr hat der Keren Hajessod, als das jüdische Volk ihm wieder allmählich anwachsende Mittel zur Verfügung stellte, eine Reihe neuer, produktiver Unternehmungen geschaffen, deren leberswichtige Bedeutung gerade jetzt deutlich wird. So hat die Jewish Agency mit einem Kapital von £ 50000.— die Gesellschaft für landwirtschaftliche Kolonisation, die von Dr. Arthur Kuppin, dem ersten Experten landwirtschaftlicher Kolonisation in Palästina, bereits auf dem XU. ZionistenkongreH 1921 gefordert und vom XIX. Kongreß beschlossen worden war, jetzt ins Lehen gerufen. Die neue Gesellschaft, deren (Irftndungsaktien der Kcrcn najcMod Zuschriften an die Schriftleitung. Bis auf weiteres sind alle zur Veröffentlichung im Gemeiiiüehiait bestimmten Berichte nnH N^rhrirhtcn ausschließlich an «las „Gemeindeamt der israelitischen Religionsgemeinde mit dem Zusatz „Ucmeindeblatt" zu richten. besitzt, soll durch Ausgabe von Obligationen privates Kapital mit den vom jüdischen Volk aufgebrachten nationalen Mittein zur Verstärkung der landwirtschaftlichen Siedlungstätigkeit vereinen und in Zukunft die, alleinige. Trägerin .der gesainten KotontsationssTheiten auf dem Lande werden. Die Arbeiten im Hulegebiet haben begonnen; in wenigen Jahren wird in dieser heute versumpften und fieberverseuchten, nach Trokkenlegunn besonders fruchtbaren Ebene neben dem Emek Jesreel und dem Emek Chefer (Wadi Chawarit) ein drittes Zentrum der jüdischen Landwirtschaft entstehen. Zur Durchführung der Meliorationsarbeiten und Vorbereitung der Besiedlung haben Keren Hajessod, Keren Kajeineth Lcjisrael und die Palestine Land Development Co. eine Gesellschaft mit £ 100000.— Kapital geschaffen, an der der Keren Hajessod mit einem Drittel dieses Betrages beteiligt ist. Auf Initiative der Jewish Agency wurde die Gesellschaft „Bäte Klar" (Dorfhäuser) gegründet, deren Aufgabe es ist, kleinen Kolonisten und Besitzern von Hilfswirtschaften in den Kolonien Anleihen zum Mau billiger Wohnungen zu gewähren. An der Aufbringung des Kapitals von Ii 35000,— ist neben der Gesellschaft Nir und einigen Mauken und Versicherungsgesellschaften auch der Keren Hajessod beteiligt. Die Gesellschaft hat bereits das gesamte Kapital auf zehn Jahre zu niedrigsten Zinsen auf die in Metracht kommenden Anwärter verteilt und wird in den nächsten Wochen mit dem Mau von 330 Häusern für Kleinbauern beginnen. Ferner hat der Keren Hajessod Aktien der vor einem Jahr von der Jewish Agency geschaffenen Gesellschaft zum Bau von Arbeiterwohnungen in den Kolonien im Gesamtbetrage von £ 7000.— erworben und der Gesellschalt darüber hinaus eine Anleihe von £ 10700.— und £ 1000.— für den Reservefonds gegeben. Die Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gestellt, billige Wohnungen für einzelne und in Kollektiven zusammengefaßte landwirtschaftliche Arbeiter in den Kolonien zu bauen und so eine der wichtigsten Vorbedingungen zur Bekämpfung der Landflucht und zur Festigung der jüdischen Arbeit in den Kolonien zu erfüllen. Die Gesellschaft hat bereits 13 zweistöckige Häuser in verschiedenen Kolonien und eine Anzahl von Häusern in den neuen Lagern der in den Kolonien arbeitenden Kwuzoth gebaut. Die Jewish Agency hat weiter in diesem Jahr drei Wassergesellschaften gegründet, die das Problem der Wasserbewirtschaftung in den landwirtschaftlichen Siedlungen des Keren Hajessod zu lösen haben. Hierfür hat der Keren Hajessod insgesamt C 13000.— bereitgestellt. Schließlich sind die Vorbereitungen zur Gründung der Agrarbank abgeschlossen, die an Kolonisten, die ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigen, Darlehen bis zu £ 1000.— bei niedrigem Zinsfuß für 10—12 Jahre ausgegeben wird. In die Gesellschaft werden der Keren Hajessod £ 5(HK).— und die Angln Palestine Bank, an deren Gründung der Keren Hajessod vor Jahren ebenfalls ausschlaggebend mitgewirkt hat, £ 25000,— investieren. Daß der italienisch-abessinische Konflikt im letzten Herbst zu einer fühlbaren Hemmung der bis dahin so schnellen wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas und einer nicht unbeträchtlichen Arbeitslosigkeit s:ü Laude geruht! hatte, ist bekannt. Hlei war ein schnelles hingreifen der nationalen Iiistanzen notwendig, um durch Ankurbelung der in Mitleidenschaft gezogenen Wirtschaftszweige die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und die Möglichkeit der Aufnahme neuer Einwanderung zu schaffen. Die jewish Agency hat daher im Verein mit der jüdischen Arbeiterschaft sehr bald die Gesellschaft „Bizzur" gegründet, zu der die Exekutive aus Mitteln des Keren Hajessod und die Histadruth Haowdim aus dem von ihren Mitgliedern aufgebrachten Fonds „Pidjon Awudah" je £ 13000.— beigesteuert haben. Das Gesamtkapital der Gesellschaft beträgt £ 50000,—; die restlichen Aktien im Betrage von £ 20000.— gelangten zum Verkauf. Die Anglo Palestine Bank hat sich zur Übernahme von weiteren Obligationen bereit erklärt; das der Gesellschaft zur Verfügung stehende Kapital soll auf diese Weisee bis au4 £ 150000,— gesteigert werden. „Bizzur" hat bereits im Frühjahr dieses Jahres die eisten öffentlichen Arbeiten — Anlage neuer Stadtviertel im Süden von Tel Aviv, Straßenbauten in und um Haifa, Chausseen auf dem Carmei und andere - finanziert und wird demnächst den Bau der außerordentlich wichtigen direkten Verbindung von Her/lia nach Tel Aviv in Angriff nehmen. Diese Arbeiten haben einstweilen 2(KM) Menschen Beschäftigung gegeben. Die Oe seilschalt ist durch Rückzahlung von Hypotheken, auf die Bauten und durch Wechsel der Einwohner der neuen Stadtviertel sichergestellt. Die Ereignisse in Palästina haben gelehrt, daß" der jüdische li&chuw auf eigenen 1 üben stehen kann. Sie haben die Aufbaubercitschaft de« jüdischen Volkes nicht geschwächt vielmehr verstärkt und vervielfacht. Jetzt wird es darauf ankommen, dieser Auf-