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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-07-17 · 29 (17.7.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
29 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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12. Jahrgang - Nr. 29 Auflage 3 600 Stack t? Ü 17. Juli 1936 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG ÄMTLICHES NACHRICHTENBLATT DIR G EM El HMYERWAUUN^ Drei Pflichten des jüdischen Auswanderers. Der Jude, der heute aus Deutschland fortzieht, um im Ausland eine neue Heimat zu suchen, verläßt das Land, in dem oft seine Väter viele Generationen hindurch gelebt und sich heimisch gefühlt haben, im allgemeinen nicht aus eigenem Willen, üder auf Grund irgendeines individuellen Zufalles, sondern wegen seiner jüdischen Abstammung. Darüber hinaus aber ist in vielen Fällen seine Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft auch der Grund, der ihn zui Auswanderung erst befähigt; denn ohne die weitgehende Hilfe jüdischer Institutionen des In- und Auslandes würde ein großer T eil der Juden in Deutschland ihr Auswanderungsvorhaben nicht durchführen können. Innerhalb des Reiches steht unter den jüdischen Organisationen, denen die Betreuung der jüdischen Auswanderung obliegt, im Einvernehmen mit der zentralen jüdischen Instanz, der Reichsvcrtrctung, der Hilfsverein der Juden in Deutschland neben dem Palästina- Amt in erster Reihe. Viele Zehntausende — seit 1933 vielleicht 150000 Juden! — sind in den letzten Jahren vom Hilfsverein beraten, Tausende von ihm auch materiell unterstützt worden. Diese Sachlage gibt dem Hilfsverein heute das Recht, an Jeden auswandernden Juden, der sich seiner Verantwortung bewußt ist, drei Forderungen zu stellen, bei denen er sich mii allen maßgebenden übrigen jüdischen Instanzen durchaus im Einklang weiß. 1. Jeder jüdische Auswanderer hat die Pflicht, sich im Ausland so zu verhalten, daß er die Gesamtintercssen der j ü •.! i g c n c n \ u? w 5 n cl c r ti n g u > c h t S C h 5 d i g t, Sündern fördert Die denkbar schwerste Schädigung all der Zehntausende von Juden, die in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- und Osteuropas auf Auswanderungsmöglichkeiten harren, würde aber eine unangebrachte politische Ueiaiinung der Neueingewanderten in den überseeischen Ländern darstellen. Ist doch gerade in jenen Gebieten, in denen teilweise, wie etwa in Südafrika, schon durch das Vorhandensein von Millionen Farbigen, gewisse soziale Spannungsmomente gegeben sind, die Furcht vor der Einschleppung radikaler politischer Ideen verständlicherweise sehr stark, und es muß seitens der jüdischen Einwanderer alles vermieden werden, was auch nur den leisesten Argwohn in dieser Hinsicht erregen könnte. Wenn auch die Juden in Deutschland schon ihrer ganzen soziologischen Schichtung, ihrer Art und ihrer Lage nach sicherlich dem politischen Radikalismus fernstehen, so muß doch mit allem Nachdruck betont werden, daß auch die elementarste Rücksicht auf die Tausendc von künftigen Auswanderern jede Einmischung in die politische;; Verhältnisse des Linwanucrungslandes auf das strengste verbietet. Heute muß jeder Jude, der aus Deutschland auswandert, sich für das Schicksal der jüdischen Gesamtheit verantwortlich fühlen, und schon deshalb muß er sich in dem Lande, das ihm zur neuen Heimat werden soll, so bewähren. 'AI die Regierung des Siaaies ihn und seinesgleichen als erwünschte staatserhaltende Bürger betrachtet. Ehe er nicht in jahrelanger Ansässigkeit eine intime Kenntnis des Landes und seiner Bewohner erworben hat, ehe er nicht tiefinnerlich in der neuen Hpimnt verwurzelt ist, besitzt der Einwanderer auch nicht die Grundlage für eine politische Urteilsbildung und sollte sich darauf konzentrieren, durch seine wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen und seine untadelige Lebensführung erst einmal die sittlichen Voraussetzungen für eine Betätigung im öffentlichen Leben zu schaffen. Neben dieser äußersten Zurückhaltung in der politischen Betätigung und der gewissenhaften Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten ist ständiger Takt, ständige Rücksicht und Hochachtung auch gegenüber den Sitten und Gebräuchen im Einwanderungslande dringend zu empfehlen. Auf diese Art wird der Einwanderer nicht nur sich selbst nützen, sondern vor allem auch den Namen der jüdischen Gesamtheit zu Ehren bringen. 2. Nicht minder wichtig für die jüdische Gemeinschaft ist eine zweite Forderung. Die jüdische Auswanderung aus Deutschland hat sich bisher auf etwa 40 überseeische Länder verteilt, und es besteht die große Gefahr, dar} unsere Menschen bei dieser Zerstreuung in höchster Potenz der jüdischen Gemeinschaft vielfach verloiengehen. In den meisten Landern, in die Juden heute einwandern, bestehen aber schon jüdische Gemeinschaften, und es ist Sache des Einwanderers sich diesen Gemeinden möglichst bald anzuschließen und sie mit seiner Mitarbeit, seinen Kenntnissen und Erfahrungen zu stärken. Mit Recht ist es den jüdischen Auswanderern aus Deutsehland häufig verdacht worden, daß sie sich der jüdischen Gemeinden und sonstiger Organisationen erst erinnerten, wenn sie in Not geraten waren und Hilfe brauchten. Her }n.t* Deuts.:-.!.....:. de: i»s Flnwanderwigi Luide suiuri jüdischen Gemeinsinn und jüdisches Zusammengehörigkeitsbewußtsein zeigt, sich den Arbeiten der Gemeinden und der Wohlfahrtsorganisationen willig zur Verfügung stellt, wirbt zugleich Achtung und Sympathie für die andern, die nach ihm kommen wo! len, und legt lebendiges Zeugnis ab von der Verbundenheit unserer Menschen mit den Juden des Auslandes, denen wir heute so vieles zu verdanken haben. Angesichts der unermüdlichen Hilfe, die heute fast das gesamte ausländische Judentum für die Juden in Deutschland durch seine großen Organisationen leistet, angesichts der oft aufopferndsten Bemühungen vieler Tausender von einzelnen Juden zugunsten ihrer deutschen Glaubensbrüder, ist es die Pflicht jedes Einzelnen, der heute hinausgeht, auch seinerseits zur Stärkung der jüdischen Gemeinschaft beizutragen und, sobald es ihm seine materielle Lage auch nur einiger- Ausgabe der Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogenkarten findet vom 27. Juli bis!7. August d. j. Im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Str. 10, I, statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweitig vergeben. — Eine schriftliche Erinnerung erfolsft nicht Leipzig, den 14. Juli 1936. Der Vorstand Her Israelitischen Rdigionsgemeinde zu Leipzig.

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