Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 21 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ÜEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 22. Mai 193$ I Nahum Sokolow aestorben i Am Ai/rnd des 17. Mar ist irr forden der IZhrCüprßiid&il dar Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Nachricht vom Ableben des verdienten Führers hat in allen jüdischen Kreisen tiefe Bestürzung hervorgerufen. Mit NaliUUl Sokolow ist eine der Führcipersönlichkcitcii dahingegangen, die dem jüdischen Leben in dieser /.eit das Gepräge gegeben haben. Die Namen Wei/manii und Sokolow sind untrennbar miteinander und mit der Geschichte der Balfourdeklataüuii verknüpft, die eine neue Wendung jüdischen Schicksals herbeigeführt hat. in der jüdischkulturellen und hebräischen Erneuerungsbewegung war Sokolow eine treibende Kraft. . - •- Sokolow, der 18()1 in Wyszogrod bei Rock (Polen) geboren wurde, gehörte der Zionistisclien Organisation seit ihre» Anfängen an. 1905 wurde er Generalsekretär unter dem Präsidenten David Wolffsohn, 101*1 wurde er in das Engere Aktionskomitee gewählt. An den Vorarbeiten. zur Erlangung der lialfourdeklaration war er führend beteiligt. Mit zahlreichen Staatsmännern und Politikern hat er in zionistisch-diplomatischer Mission verhandelt Insbesondere ist es ihm gelungen, die Zustimmung der Regierungen Frankreichs und Italiens zur Balfourdcklaration zu erlangen. Auch die Resolution des amerikanischen Kongresses zugunsten der Schaffung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palästina Und die Symp ithieeik!ärungen vieler europäische! uro" stiSereurccsischer RcgicriiiiicQ Bim! das Cigebnis seiner politischen Arbeit. Seit 1020 war Sokolow Präsident der Zionistischen Executive, seit der Gründung der erweiterten Jewish Agehcy im Jahre 1020 auch Mitglied der Agcncy-Exccutive. Auf dem 1031 in Basel abgehaltenen 17. Zionistenkongreli wurde er an Stelle Dr. Wci/manns zum Präsidenten der Zionistischen Organisation und auf der anschließenden Tagung des l-ouncil der Jewish Agency zum Präsidenten der Jewish Agency gewählt. Dieses Amt behielt Sokolow bis zur Wiederüheruahme der Fuhrung durch Dr. Weizmann auf dem 10. Zionistenkongreli, der im August 1035 in Lii7?rn stattfand, bei. Seither war er Ehrenpräsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation (diese Würde wurde neu für ihn geschaffen), Präsident des Keren Hajcssod und Oberster Leiter der gesamten zionistischen Kulturarbeit. Nahum Sokolow war einer der bedeutendsten hebräischen und jiddischen Publizisten. Neben den beiderr jüdischen Sprachen beherrschte er auch Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch und Polnisch in Wort und Schrift. Als Redner bediente er sich aücr dieser Sprachen mit fast gleicher Meisterschaft, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts übernahm er die Leitung der „Hazefira". Die hebräische Journalistik erhielt hauptsächlich durch seine Arbeit europäisches Niveau. Eine Zeitlang war er auch Redakteur des früheren Zentralorgans der zionistischen Bewegung „Die Welt" und des hebräischen «ientralorgans „Haolam" Auch außerhalb des journalistischen Rahmens hat er eine umfassende literarische Tätigkeit entfaltet Seine auch in deutscher Sprache erschienene „Geschichte des Zionismus'' ist eines der grundlegenden Werke diese:; Gebiets. Viele Werke der euiupäischen Literatur sowie Herzls ..Altnenl.nul" wiirHn. von Sokoiow ms Hebräische übertragen. Neben seiner zionistischen Arbeit hat Sokolow auch in der Bewegung um die Sicherung von Minderheiteurechten für die Juden in einer Reihe von Staaten als Präsident des Coniite des Delegations Juives eine grolle Rolle gespielt. Außerdem hat er, der sich stets mit Stolz als polnischen Juden bezeichnete, auch an der Entwicklung landsntannschafthcner Vereinigungen polnischer Juden im Ausland teilgenommen. Er war Ehrenpräsident des Verbandes polnischer Juden im Ausland und stand mit au der Spitze der Hilfsaktion für die notleidenden Juden in Polen. Zeit umfangreichere Gesetzgebungen denkbar seien, hat die um Jahrhunderte ältere Stele des Königs llammurabi erwiesen. Daß aber sogar ein „altorientalischer Monotheismus" (z. B. im alten Babylonieu und Ägypten) weit verbreitet war. haben die Forscher selbst entdeckt, ohne die entscheidenden Unterschiede anzuerkennen: überall eine Sache der Spekulation, nur für die Wissenden berechnet, und den Polytheismus gern neben sieh duldend, meist eine astrale, pantheislische Naturmacht: in Israel VOU Anfang an von dem allen das Gegenteil. Vor allem aber zeichnete Moses Werk die Verknüpfung von Religiosität und Sittlichkeit aus. „Mosaische Schöpfung ist nicht Ethik, sondern sittliche Religion", sagt Paul Volz in seiner Studie „Mose" (Tübingen 1007). „Schon Mose mult derjenige gewesen sein, der die beiden Haupttriebe des israelitisch-jüdischen (ieistes, die intensive Religiosität und die sittliche Willenskraft verknüpfte. Wäre intensive Religiosität sich so lange (bis Arnos) selbst überlassen geblieben, so wäre die Religion Israels geil und unfruchtbar S"c~yoracii. Umgekehrt hätte die sittliche Forderung oliiic die religiöse IG au sicii nicht durchsetzen können. So kommen wir zu dem Schlüsse, daß M o s e der Ü r h eher jener bedeutungsvollen Verbindung war." Das ist auch bis heute das Urteil Israels gewesen, das in ihm noch heute, gehobenen Herzens ata Offenbarungsfeste, den Bringer der beiden Buudestafelu verehrt, der Gottes- und der Menschentafel. Und niemand mag uns verargen, wenn wir ihn uns vorstellen, wie ihn ein großer Sohn der Kirche, Michelangelo, geschaut und im Marmor verewigt hat; berührt von der prophetischen Mahnung: Gedenket der Lehre Moses meines Knechtes. Jüdische Zeitschau Zur Schowuaus-Aktion 56% des Keren Hatorah in Deutschland! Das Landesdirektorium des Keren Hatoraii wendet sich mit einem Aufruf an die Juden in Deutschland, dem wir folgendes entnehmen : Die Zeitlage hat einen Unibruch in der Erziehung herbeigeführt Während sich früher der Übergang von der Schule zum Beruf reibungslos vollzog und auch noch während der Berufsausbildung die Kinder einen seelischen Rückhalt am Elternhaus hatten, ist es gerade heute die Berufsfrage, die Eltern und Erziehern die größte Sorge bereitet. Vor uns steht die Aufgabe, die schulentlassene Jugend für ihren Beruf auszubilden, ihr, gerade im Hinblick auf rl|e Notwendigkeit der Auswanderung, das körperliche und seelische Rüstzeug für ihre Zukunft zu geben. Diese Aufgabe bekommt noch eine ganz besondere Note durch den Umstand, daß unsere Jugend das Elternhaus viel früher verlassen muß, als es sonst der Fall war. Aus diesen Erwägungen heraus entstand das Jugendheim des Keren Hatorah (Beth ClÜUUch schei Noar Agudathi) und seine Entwicklung hat dein Keren Hatorah gezeigt, daß er hier auf einem richtigen Wege ist. Mit 30 Knaben vor einem Jahr eröffnet, mußte es bereits zweimal erweitert werden und beherbergt nun fial 100 Knah^r. im Alter von 14—tu jähren, unser Heim will ihnen das Elternhaus ersetzen, überwacht und fördert ihre geistige und körperliche Entwicklung, und gibt ihnen neben der Berufsvorbildung einen Schatz jüdischen Wissens mit auf den Weg. Das monatliche Defizit, für das der Keren Hatorah IU sorgen hat, ist entsprechend gewachsen. Der größte Teil der Knaben kommt aus kleineren Ge: meindeh gerade dort aber haben die Väter ihre Existen/basis verloren und können keinen oder nur einen geringen Beitrag an das Heim leisten. Hier liegt eine Verpflichtung der jüdischen Gesamtheit vor, der sieh kein Jude in Deutschland einerlei welcher Richtung im Judentum er angehört — entziehen darf und entziehen wird. Keren Hatorah sorgt für Religionsunterricht in lehrcriosen derheindeu und ermöglicht der Jugend dieser Orte den Besuch seiner Hochschulen und die Teilnahme an Lehrkursen. Die Erfüllung dieser Aufgabe stellt von Tag zu Tag steigende Anforderungen an den Kereu Hatorah. Darum ist der Keren Hatorah auf tatkräftigste Hilfe aller luden angewiesen. Beschaffung von Lehr- und Lern buchern. Subventfonterung von Lehranstalten, Herausgabe guter jüdischer Literatur und Förderung derartiger Bestrebungen, all dieses sind Dinge, die zum Aufgabenkreis des Keren Hatorah in Deutschland gehören. Wir glauben, daß die schwere Zeit, die wir durchleben, uns hellhörig gemacht hat, wir sind überzeugt, daß der Keren Hatoraii, wenn er zum Schowuausfest seinen Ruf um Mitarbeit und Hilfe ertönen läßt, aufgeschlossene Herzen und hilfsbereite Hände finden wird. Spenden erbeten an: Landesdirektorium des Keren Hatorah in Deutschland. Postscheckkonto: Hamburg 247V3. Briefanschrift: Haniburg 13, Heinrich Barth-Str. 21 b. Pels. Die Kulturbundarbeit in Berlin. Der künstlerische Leiter des Berliner Jüdischen Kulturbundes, Indendanl Dr W\\rt Singer, teilt mit: kosenstock und Jessner verlassen Berlin und damit den Kulturbund, um ehrenvollen Berufungen ms Ausland Folge zu leisten. Die Arbeit dieser beiden Männer ist so stark und wesenhaft mit Leistung und Erfolg unseres Theaters verbunden, daß ich im einzelnen ihr Wirken hier nicht kennzeichnen muH. Wir begnügen uns mit dem Gencraldank und der Feststellung, dal! die Aufbauarbeit von Roseustoek. und Jessner nicht vergessen wird. Uuici Wunsch st, daß auch ihnen der Berliner Kulturbund eine erhebende, freund liehe und dauernde Erinnerung bleiben möge. So verabschieden