Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 21 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I?' 12. Jahrgang - Nr. 21 Auflage 3600 Stack o 22. Mai 1036 mmm II^JMIJU yy^^z/i — DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU L E I PZI G AMTLICHES NACHR1CHTEMBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Gedenket der Lehre Moses, meines Knechtes! Zum Offenbarungsfeste.- Von Dr. S. Samuel. An zwei Höhepunkten des Jahres steht Mose, umstrahlt von überirdischem Glänze, und doch leibhaftig nah, vor unseren Augen: am Feste der Offenbarung und am Tage der Gesetzesfreude. Kein sabbatlicher Gottesdienst geht vorüber, ohne dali seiner mehrfach gedacht wird, bleibt es doch stets ein eindrucksvoller Moment, wo das Buch der Lehre emporgehoben und vor der Gemeinde entrollt wird, unter den Worten: und dies ist die Lehre, die Mose vorgelegt den Kindern Israel. Wie stark sogar der jüdische Alltag unter dem Einfluß dieses Grollen steht, mag nach Zeiten und Menschen ungemein verschieden sein; und doch ist er vorhanden. Kann da von einer Gefahr des Vergessen» oder auch nur der Unterschätzung die Rede sein? Und dennoch — schon beim Ausgang der Prophetie in den mächtigen Schlußworten Maleachis die Mahnung: Gedenket der Lehre Moses, meines Knechtes, dem i c h a m Horeb Satzungen und Rechte gebot für ganz Israel?! Fein sei es vun UUS, stiuiig WiSSeUSCliaitlichcr I üi'SCiiüiig Einhalt gebieten zu Wullen, die uns ein zutreffenderes, schärferes Bild vun einem Großen und seinem Werk zu erarbeiten verspricht, als es liebevolle, aber von Dichtung und Sage -verklärte Tradition zu bieten vermag. Moses Werk wie sein Leben ist nicht so leicht von dem mächtigen Beiwerk zu lösen und ans Licht zu stellen, daß auch nur bei den wichtigsten Zügen der letzte Zweifel verstummen müßte. Dennoch ist der Sturmlauf deutlich zum Stillstand gekommen, der zum Ziele hatte, die Thora ihres Vorrangs und die Lehre Moses der geschichtlichen Glaubwürdigkeit?u berauben. Literarische Kritik und vergleichende Religiuiisgcschichte, in denen uic Sclutil hui i->lei>;lüi und Israel nur ein Volk wie alle andern bedeuten, und seine Religion au fremden Maßstäben gemessen wurde, glaubten schon als unumstößliche Wahrheit verkünden zu können: Prophetie verdient der Zeit und dem Range nach der Thora vorangestellt zu werden! Kein Verständnis der Schrift ohne diese Verkehrung jahrtausciulalter Tradition! Was Synagoge und auch Kirche „Thora Moses" zu nennen pflegten, ist im großen und ganzen besonders in den gesetzlichen Teilen weit jüngeren Ursprungs, als seine Einkleidung erkennen läßt; Spiegelung viel späterer Zeiten und Sitten, Niederschlag einer Schultradition, nicht Geist und Wort eines Großen. Wer Israels Religion in ihren Anfängen und frühen Entwicklungsstaidieii verfolgen will, beginne etwa bei den schriftstcllernden Propheten, bei Arnos und Hosea; er suche Thora bei namenlosen Priestern aus den Tagen Hiskias oder Josias, und bekenne, daß vermutlich Esra der Schriftgelehrte die Thora Moses aus frommer Pietät mit einem Namen schmückte, dem die Wissenschaft nur Zweifel und Vorbehalte entgegenbringt. Es ist ziemlieh still geworden in den Reihen der Vorkämpfer dieser Forderungen. Die Mahnung: gedenket der Lehre Moses, hat wieder Gehör gefunden. Das neue Dogma: erst Prophetie, dann Thora, das weithin in die Kreise der Qebildeten auch unter uns Juden gedrungen war, ist ernstlich erschüttert. Iis scheitert an der Persönlichkeit Moses, der eine gewissenhaftere Forschung allmählich wieder gerecht wird. Gewiß war Mose eine einzigartige Erscheinung, wie die Thora selbst in ihren letzten Sätzen he/encrt' lind «irher hat pc epino R#deutt!*l!* d*B ffffTSfJff o ........— — ------ —-----"^bi — — —«• hier der unvergleichliche Prophet genannt wird, also später mit Recht der Vater der Propheten heißt. Und dennoch ist sein Werk eine Thora. Freilich eine Thora Gottes, d. i. eine solche, die er in geheimnisvollem Verkehr mit seinem Gotte empfing und seinem Volke brachte. Eine Trennung ist hier unmöglich; in ihm waren Prophetie und Thora eines. Ging aber von ihm alle Prophetie in Israel aus, wie der Strom von seiner Quelle, so ist auch im weiteren Verlaufe Prophetie nie ohne Thora zu denken, mochte letztere auch zu ihrer strengeren Anwendung in allen kultischen und rituellen Dingen den Priestern und Leviten anvertraut sein, indes Propheten immer nur auf besonderen Ruf Gottes, in wichtigen, besonders gefahrvollen Zeiten auftraten, Ihre Fackel einer am andern entzündend, ihr Licht aber allesamt dem mächtigsten Fackelträger Mose, unser m Meister, verdankend. In einer tief eindringenden Studie:.„Die Prophetie", herausgegeben von der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Krakau, hat Dr. Abraham Heschei (wie die Leser des Gemeindeblattes aus einer kurzen Anzeige bereits wissen)*) ihr Geheimnis zu lüften versucht. Wenigen ist es wie ihm gelungen, es zu erleuchten und dem Verständnis nahezubringen. Kern seiner Ausführungen ist, daß zwei Momente im prophetischen Ereignis sich begegnen: die Eingebung von Gott und das Erlebnis in der Menschenseele. Unerschütterlich fest steht die Tatsache, daß überall in der Welt der Religionen solche Berührung von Himmel und Erde, solch Verkehr von Gott und Mensch angestrebt und in mannigfachen Formen auch erreicht wiirrlr isrnHs Propheten stellen aber Blüte min Frucht dieser Erscheinung dar ..• n dei Oot Ifaschau wurde ihnen das Beste zutei 1", bemerkt Heschei und meint damit, daß es keine Religion höheren Ranges gegeben hätte, wenn Gott nicht ans seiner i ilierweltlirlit*eil hervorpetreten wSre - .......-.........~~ ' ~ - e, - " - * - " um von seinem Wesen und Willen dem empfangsbereiten, aufgeschlossenen Menschengeiste mitzuteilen, zu enthüllen, offenbar zu machen. Und in feiner Analyse dürfen wir Einblicke tun in die Wechselwirkung von Aufnahme des Göttlichen und Weitergabe an die Menschen, vorzüglich bei Arnos, Hosea, J e s a j a und J e r em i a. Auf Mose weist Heschels Buch nur andeutungsweise zurück; er ist ihm aber der im Hintergründe stehende Größere; und vor allem der Künder des Einig-Einzigen. Wir unsererseits lassen heute die Mahnung gelten: Gedenket der Lehre Moses meines Knechtes; in der tiefen Überzeugung, daß von ihm Idee und l ehre zugleich, Gedanke und Fassung, kurz prophetisches Gesetz den Anfang genommen, und daß die Synagoge Recht hat mit ihrem Wisse::: Mose ist mehr als irgendein noch so ildegewaltiger Prophet: er ist Religionsstifter, Gesetzgeber und priesterlicher Lehrer — alles in einer Person. Daß zu seiner *) Abraham nescnei, Die Prophetie. Krakau iviö (im Verlag der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In Deutschland zu beziehen durch den Erich Reiß Verlag, Beriin W 15).