Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 13 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 i GEMEINDEN ATT DER ISRAEL1T1SCIiEN RELiGiOMSGEMEINDE ZU LEIPZIG 27. März 193» ischen Ländern auswanderten, unterstützt worden. Von ihnen sind 1618 Personen deutsehe Staatsangehörige gewesen, 920 Ausländer und Staatenlose. Die an sie gezahlten Unterstützungen belaufen sich auf mehrere hunderttausend Mark. Weiterhin werden die Probleme der Rückwanderung geschildert. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge ist 1935 von 9998 Personen gegenüber 11236 im Vorjahre in Anspruch genommen worden. Von ihnen waren etwa 45(,'o Inländer, was auf die außerordentliche Bedeutung der jüdischen Binnenwanderung hinweist, wobei die eigentliche Rückwanderung von Juden in ihre Heimatlander immer noch als verhältnismäßig hoch bezeichnet wird. Seit dem 1. April 1933 bis zum 31. Dezember 1935 sind 9659 Personen auf Arbeiterzertifikaten nach Palästina gegangen, 827 Schüler und Studierende, sowie?185 Familieuauguhörige, insgesamt 126(1. Die Auswanderung nach anderen Ländern betrug in der gleichen Zeit 12515 Personen, von denen 8688 nach Europa und 3857 Dach Übersee gingen. Die Rückwanderung betrug i n gleichen Zeitraum insgesamt 39928 Personen, von denen 32420 Männer wareu. insgesamt sind also in den Jahren 1933 bis 1935 05144 Menschen zur Wanderung gebracht worden. Hierbei muß jedoch betont werden, daß in dieser Statistik nur die Fälle berücksichtigt sind, bei denen die Auswanderung unter Zuhilfenahme öffentlich-jüdischer Mittel erfolgte. Die Wohlfahrtspflege. In einem weiteren Abschnitt wird die Organisation und Durchführung der Wohlfahrtsarbeit, die in den Händen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland liegt* geschildert. Hierbei wird insbesondere auf die jüdische Wohlfahrtspflege in den Kleingemeinden eingegangen. Es wird hervorgehoben, in welch außerordentlichem Maß in diesen Gemeinden die Altersklassen zwischen 14 und 30 Jahren fehlen. Die Zahl der Schulkinder und vorschulpflichtigen Kinder sei sehr klein, die Abwanderung sei sehr groß. Die Aufwendungen, die die einzelnen Gemeinden pro Kopf der jüdischen Bevölkerung für die Wohlfahrtspflege machen, sind bemerkenswert. In Berlin sind es z. B. 28,69 RM. pro Kopf der jüdischen Bevölkerung, in Breslau 11,02 RM., in Hamburg 12,84 RM., in Mainz 19,63 RM., in zahlreichen Gemeinden beträgt der Anteil der Soziallasten ein Viertel bis ein Drittel G cm intetats In Berlin betrugen die Aufwendungen i. j. 1934 noch 22,84 RM. pro Kopf der jüdischen Bevölkerung gcgcnübei 28,69 RM. i. J. 1935, in Dresden 8,50 RM. gegenüber 13 RM., in Stettin 10,78 RM. gegenüber 11,55 RM. Es wird sodann auf die Sammelaktion für die „Blaue Beitragskarte" eingegangen, und die jüdische Winterhilfe in ihrer Organisation und in ihren Leistungen dargestellt. Die Kriegsopferfürsorge, die vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten wahrgenommen wird, hat im zweiten Halbjahr 1935 2782 Kriegsopfer betreut. Eine Darstellung der Fürsorge für die aus Rußland stammenden Juden beschließt diesen Abschnitt. Das {Odische Schulwerk, hinsehende Prflrternhg finden Eni« .wk'kjunt' des jüd'?e*5?n- Sc-hulvverkes «au «.ü«- ^roeietne. dle-durcli Iiangekündigte ejcaiaitung des jüdischen Schulwesens in Deutschland gestellt sind. Die Zahl der im schulpflichtigen Alter (6 bis 14 Jahre) befindlicher, jüdischen Kludci in Deutschland wird auf 44000 geschützt, von denen heute bereits rund 20000 vom jüdischen Schulwerk erfaßt sind, das sich im Verlaufe der letzten drei Jahre nahezu verdoppelt hat. Zurzeit sind 1057 Lehrer beschäftigt, unbeschäftigt sind ca. 150. Das Gelingen des gesamten jüdischen Schulwerkes hänge sowohl von den allgemeinen Erziehungsfähigkeiten der Lehrkräfte, als auch besonders von ihren jüdischen Kenntnissen ab. Für zahlreiche Lehrer werde eine zusätzliche Ausbildung erforderlich sein. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr die Ausgestaltung und Planung des auf die acht Jahrgänge der Volksschule aufgebauten neunten Schuljahres, von dem alle die erfaßt werden sollen, die nach dem Abgang von der Schule in der Regel mit 14l » Jahren noch nicht reif zu einer beruflichen Entscheidung oder Berufsausbildung sind, oder deren Unterbringung in Lehrstellen nicht möglich ist. Darüber hinaus sollen in diesem Schuljahr besondere erzieherische Funktionen und jüdische Bildungsaufgaben erfüllt werden. Weiterhin werden die Erwachsenenbildung und die sogenannten Kulturfakrten, i!i<- vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden veranstaltet werden, geschildert und ihre Bedeutung hervorgehoben. Die jüdische Wirtschaftshilfe. Die von der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe bei der Reichsvertretung betreute Wirtschaftshitfearbeit Wird sodann nach ihren Autgaben, und insbesondere im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation der Juden in Deutschland, auf die Liquidation*- und Wanderungsbewegung dargestellt. Sämtliche Wirtschaftshilfsstellen im Reich wurden i. J. 1935 von 62000 Personen in Anspruch genommen. In diesem Zusammenhang wird die Kredithilfe durch Wirtschaftshilfskredite und Darlehen gewürdigt, die bei der Struktur der jüdischen Bevölkerung in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnen. Zusammengefaßt in der Zentralstelle für jüdische Darlehenskassen arbeiten gegenwärtig 60 Darlehenskassen, davon 36 Orts- und 24 Bezirks-Darlehenskassen. Ende des Vorjahres 'bestanden nur 15 Kassen, davon 28 Orts- und 17 Bez.irksdarlehensknssen. Das in Hwi Jüdischen Dsr'chCtUk^MUi zirkulierende Oesamtkapital beträgt gegenwärtig rund 1200000 RM., davon etwa ein Drittel Kredite der American Joint Reconstruction 1 oimuaiion. Die Gemeinden haben die Darlehenskassen mit Erfolg in die soziale Arbeit einsetzen können. Die Disziplin um! ZahlUBgS morai der Schuldner hat sich gebessert. Insgesamt sind in 2300 Fällen rund 880000 RM. ausgeliehen worden. Die Kredite betrugen im Gesamtdurchsehnitt 347 RM. Des weiteren wird auf die Probleme, die den jüdischen Arbeitsnachweisen gesteilt sind, eingegangen und eine umfassende Darstellung des jüdischen Arbcitsmarktes gegeben. Es werden die Hilfsmaßnahmen für besondere Berufsgruppen, wie Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Heilgehilfen, Apotheker, Hochschullehrer und Künstler erörtert und zahlreiches instruktives Material zu den in Betracht kommenden Fragen vermittelt. So hat z. B. eine Erhebung ergeben, daß die jüdischen Ärzte in noch höhe rem Maße überaltert sind, als die übrige jüdische Bevölkerung. Es sind von den in Berlin erfaßten 2145 Ärzten 35,90/o über 55 Jahre alt, während nur 0,9 O/o ein Alter bis 35 Jahre haben. Es ist anzunehmen, daß von den noch in Deutschland lebenden jüdischen Ärzten über die Hälfte das 50. Lebensjahr überschritten hat. Die Berufsumschichtiiitg. Bei der Darstellung der Berufsumschichtung wird insbesondere auf die Lage des Ausbildungswerkes und die Schwierigkeiten hingewiesen, die sich der Berufsausbildung entgegengestellt haben. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten ist ec gelungen, das Ausbildungswerk auf dem Stand des Jahres 1934 zu halten, bezeichnend ist es, daß sich früher eine große Anzahl älterer Personen einer Berufsumschichtung unterzogen hat, während 1935 im wesentlichen Personen im Alter von 18 bis 25 Jahren neu in Ausbildungsstärten untergebracht worden sind. Es wird betont, wie sehr zurzeit sämtliche Kollektivausbildungsstellen überfüllt sind. Am 1. Januar 1935 befanden sich 4005 Personen in der Berufsumsehichtung, am Schluß des Jahres 4768, von denen 3637 Personen im Inland und 1131 im Ausland waren. Der Anteil der Männer mit 70 v. H. überwiegt bei weitem den Anteil der Frauen unter den Berufsumschichtlcrn. Bevorzugt wird bei der Berufsumschichtung die Landwirtschaft und Gärtnerei. In ihr sind im ln- \jl>>.:\ 72*«) ricr männlichen, und ~%2 % üei weiblichen Uimichichtier iäiig, im Ausland 34 bzw. 54,4 o/o. Ein besonderes Kapitel ist dem Hausangestelltenproblem gewidmet, das in seinen versuchten I feungsmöglichkeften dargestellt wird. Schließlich wird die Erstausbildung für über Achtzehnjährige behandelt. Der Ausblick in die Zukunft. Der Arbeitsbericht des Zentralausschusses, der zu jedem ein/einen Kapitel und Abschritt genau detaillierte Angaben über die im Verlaufe des Jahres 1935 gedachten Aufwendungen für jeden einzelnen Arbeitsbereich des Hilfs- und Aufbauwerkes enthält, schließt mit einem Ausblick auf die gegenwärtige und zukünftige Leistungsfähigkeit und Leistung der Juden in Deutschland für Hilfe und Aufbau. Es wird festgestellt, daß sich die rückläufige Entwicklung in immer stärkerem Maße auf die wirtschaftliche Kraft der jüdischen Gemeinden, und insbesondere auf die Kleingemeinden auswirkt. Auch im kommenden Jahre müssen die äußersten Anstrengungen gemacht werden, um das Werk von Hilfe und Aufbau aufrechtzuerhalten. Vorbereitung und Durchführung der Wanderung, Bcrufsumschichtimg und Schuhwerk werden die Kernstücke produktiver Hilfeleistung sein Not und Maiige! in tausend Gestalten werden verstärkt ihre Stimme erheben und alles wird gemacht werden müssen, um unsere Gemeinschaft in ihrer wirtschaftlichen Kraft soweit /.u erhalten, daß sie allen Anforderungen gewachsen sein wird.