Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (6.3.1936)
- Date
- 1936-03-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 6. März 1936 Sutten Märchengestalt der jungen Königin zurück, wir schwelgen in der Herrlichkeit der Hocherhobenen — und dennoch ist es seine Weisheit, sein Wissen um das Schicksal Israels, in jedem einzelnen jüdischen Menschen, die zu Esther die strengen Worte spricht: „Glaube nicht in deinem Sinn, im Hause des Königs könntest du allein von allen Jchudim entkommen. Denn wenn du schweigst in solcher Zeit, wird den jehudim Hilfe und Rettunt? van anA^rm Orte her ersteh.-:;, »o-r uu und aein Vaterhaus, ihr werdet umkorpsicn. Wei weiß, ob du nicht für eine Zeit wie diese zur Königswürde gelangt bist." Jedesmal, wenn in der Megillah diese Steüe beginnt,;n iedem von hundert."« j^hr:--, jedem aieser hunderte von Augenblicken zwischen dem Tanis und dem Fest — sind diese 'würfe unter dem Gewicht der „Bürgschaft" gesprochen, die jeder Jude für den andern trägt. Sie gelten nicht der Königin Esther allein, gelter, auch nicht irgendeiner Frau allein, sie gehen den jüdischen Menschen überhaupt und in allen Zeiten an; in denen gehen sie ihn an, in denen er in einer falschen Sicherheit ruht und sich dem jüdischen Schicksal ent/.ogen zu haben glaubt, und in den Zeiten erst recht, in denen die Sorgen de» Tag umwölken. Denn: vielleicht bist du reich; Jude, oder angesehen, weil du ein Meister der Lehre oder der Rede bist, weil dir gegeben ist, als ein Künstler das Wort edel zu brauchen oder Kunstwerke bildend oder tönend zu schaffen, oder weil du ein stolzer Vater oder eine glückliche Mutter bist, oder vielleicht bist du jung und schön, erfolgreich in diesem oder jenem — Oder: vielleicht bist du arm, Jude, und in Sorgen um dein Brot, vielleicht hast du kein Heim mehr, wie es dich durch andere Jahre hindurch schützte und glücklich machte, oder du bist im Aufbruch ins Ungewisse, oder deine Kinder sind von dir in die Fremde gegangen, und das Herz ist dir schwer um sie — Die Esther-Rolle. Fritz Rosenthal (Ben-Chorin). Nimm die Bibel in die Hand and lese jenes Buch, das Oott den Herrn nicht nennt, Aber im Geschehen seine Größe iieimiicii und verhätu bekennt. Sieh, wie wunderbar zu Ringen Sich Begeben an Begeben schließt. Dann erkenn, daß hinter allen Dingen Eine Hand nur und ein 6. IL r t I! Wille ist. Und erkenne, daß wir preisgegeben Dem verborgnen Walten sind, Das Gesetz ist über alles Leben: Und dann sollst du deine Hände heben Demutsvoll und gläubig, wie ein Kind. — So wie die, die ER sich einst erkoren, Die so scheu und myrthengleich — Fast als hätte sich ein Stern verloren — Strahlte in dem dunklen Perserreich. Nimm die Bibel in die Hand und lese, Daß das Ziel oft tief verborgen liegt, Und erkenne, daß das Böse Eingesetzt ist, daß es uns erlöse, Aber niemals, daß es siegt! Aus „Das Mal der Sendung". Verlag B. Heller, München. <$urimfreude — Cintopfyaße! Gleichviel: Wer weiß, ob du nicht eben für eine Zeit wie diese »lies dies in deinem Leben siehst, die Dinge, die als Werte gelten, oder die andern, die du weit von dir wegtun möchtest Wer weiß, ob du nicht um eben dieser Zeit willen erhöht wurdest oder erniedrigt. Denn der Sinn deines Lebens, Jude, wenn du ein Jude wie die Väter bist, ist der, daß du nicht für dich allein stehen kannst. Du wirst dem Schicksal der Unsern nie entgehen, nicht weil du reich und angesehen bist und auch nicht, weil du arm und verboten lebst, nicht weil du stolz und froh sein darfst, und nicht weil dich Sorgen verhüllen. Vielleicht nur darum ist dir das zum persönlichen Schicksal geworden, damit du der Gemeinschaft tiefer verkettet sein sollst. Vielleicht hat dein eigenes Leben überhaupt erst seinen Sinn und Wert davon, daß du immer und überall gleichsam nur als ein Stellvertreter Her Juc'""*- iwil U ItM -braucht. - Iii „Ohwbc -mYhl, iafr du die« eulÄtehen kannst —" und in diesem „Vielleicht nur darum!" liegt die Größe unseres eigenen, kleinen Lebens, das über Selbstsucht, Ich-Überschätzung und alle Ängste, die davon kommen, hinauswächst in die Weite unseres geschichtlichen Weges und damit unserer Bestimmung, Gott zu antworten, wenn er uns anruft. Antworten kann aber nur, wer den Ruf gehört hat. Und wessen Ohren im Lärm seiner Geschäfte, Wünsche; Süchte stumpf geworden sind, der braucht den Schlag, der ihn wieder wach macht, damit er hören lerne. Zwischen dem Tanis und der frohen Feier steht das strenge stolze „Vielleicht nur darum!" Mordeehais Wort! und Esther ging und tat ihre Pflicht. Martha Wertheimer. Jüdische Zeitschau. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland vor neuen Aufgaben. Der Vorstand des Hilfsvereins der Juden in Deutsehland eriaßt folgenden Aufruf: Die Lage der Juden in Deutschland stellt der. Hilfsverein vor gewaltige Aufgaben. Viele Zehntausende, die heute eine neue Existenz in der Fremde suchen müssen, verlangen von ihm sachkundigen Rat und materielle Hilfe. Was tut der Hilfsverein, um solchen Anforderungen gerecht zu werden? Ein Netz von Korrespondenten in aller Welt unterrichtet ihn schnellstens über alle Wandlungen der Wirtschaftslage und der Einwanderungsbestimmungen. Durch Korrespondenz blätter macht er die Öffentlichkeit mit der neuesten Entwicklung vertraut. Durch Kundschreiben gibt er etwaige Existen/rnögliclikciieii bekannt. Um die Beratungstätigkeit zu verstärken, sind in letzter Zeit elf neue Zweigstellen im Reiche errichtet worden. Seit April 1933 sind etwa 140 000 Mensehen vom Hilfsverein beraten und vielfach ver möge seiner geldlichen Unterstützung zur Auswanderung gebracht worden. z.ur Vorbereitung d?l Auswanderer hat der Hilfsverein Sprachkurse und Vorträge über Landeskunde der Einwanderungsstaaten eingerichtet; er sorgt in der Presse für aufklärende Informationen und die Bekämpfung unverantwortlicher Projekte. Mehr denn je braucht deshalb heute der Hilfsverein, keiner Partei dienstbar, die moralische und materielle Unterstützung der gesamten Judetiheit Deutsehlands. Wer dem Hilfsverein schon angehört, bleib? ihm treu ::r.d erhob«* n«ch Kräften seine bisherigen Zuwendungen , "/:r atiXeits, steht. "♦r'-t-r^,v:"'L'V.! - .. . - —-• " ^r.elegeV.fSaic SciiüUi leisen" «»ei* "Välästiha". Die Faiesiine Stripping "Co. Ltd., Haifa, hat vor einiger Zeit ein Schülerpreisausschreiben veranstaltet, welches die besten Aufsätze von Schülern und Schulerinnen jüdischer Schulen über das Thema „Wie stelle ich mir Paliistina vor?" mit einer Freifahrt nach Palästina und lotägigem Aufenthalt dortselbst prämiierte. Mit dem Dampfer „Tel-Aviv" am 28. V. Mts. fuhren nun 19 Preisträger unter der Leitung von Herrn Prediger Alfred Gordon, Harburg-Wilhelmsburg, und Frau Magdalene Koppel, Hamburg, nach Palästina, um während der Dauer Huts dortigen Aufenthaltes selbst festzustellen, wieweit ihre Vorstellungen über dieses Land richtig waren. Vorgesehen ist ein Aufenthalt in verschiedenen Siedlungen sowie eine Rundfahrt durch Palästina, wobei der Besuch verschiedener sehenswerter Plätze berücksichtigt ist. Am 20. März wird die Rückreise mit dem gleichen Schiff ab Haifa wieder angetreten. Gründung einer Gesellschaft für den Schutz der Wissenschalt und des Studiums in London. In der Royal Society fand unter dem Vorsitz von Lord Rutherford eine Versammlung des akademischen Hilfsrates statt, bei der über die Entlassung jüdischer Gelehrter in Deutschland wegen ihrer Rassenzugehörigkeit berichtet wurde. Es wurde beschlossen, eine Gesellschaft für den Schutz der -Wissenschaft und des Studiums zu schaffen, die auf breiterer Basis die weiterhin notwendige Aiuett des akademischen Hilfsrates fortführen soll. Mit dem Ausdruck der Dankbarkeit nahm der Rat zur Kenntnis, daß Herr und Frau Simon Marks, Herr und Frau Israel M. Sieff, Herr und l rau Harry Saeher, Herr und Frau Norman Laski und Fräulein Mathilda Marks für eine Zeit von tun* Jahren zwei Forschungsstioendien in der Höhe von je 450 Pfund jiihrlich für aus Deutsch-