Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 5 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEJNDE ZU LEIPZIG 31. Januar 1936 Jüdische Auswanderungspolitik heute Die Arbeit des Hilfsvereins. Seit dem Sommer vorigen Jahres und besonders seit Erlaß der Nürnberger ücsct/e hat ein jüdischer Auswandernngsdrang eingesetzt, der an Stärke nur mit dem zu vergleichen ist, der der Panikstimmung des Frühjahres 1933 entsprang. Während aber damals Furcht und Schrecken vor dem Ungewissen Schicksal der Juden in Deutschland das vorherrschende Auswanderungsmotiv waren und Tausende von Juden ohne geeignete berufliche oder sprachliche Schulung, ohne Kenntnis der Verhältnisse im FinwandprnnfclanH einfach auf gut Glück hinauszogen, um zunächst in irgendeinem der Nachbarländer — wie Frankreich, Holland oder der Tschechoslowakei — abzuwarten, ist heute die Lage wesentlich anders. Jetzt muß und will der jüdische Auswanderer im allgemeinen die Heimat verlassen, nicht weil er Furcht hat, sondern weil er keine Erwerbsmöglichkeiten mehr vor sich sieht. Er geht nicht mit dem Willen hinaus, irgendwo aut die Möglichkeit einer Rückkehr zu warten, sondern mit dem festen Entschluß, womöglich eine neue Heimat zu finden. Deshalb will er sich auch vorher recht sorgfältig über seine Aussichten in den verschiedeneu Ein wander ungsländern unterrichten lassen und besitzt vielfach die Tatkraft, sprachlich und oft auch beruflich auf das Leben im neuen Lande sich vorzubereiten. Aus der chaotischen, fluchtartigen „Emigration" von 1933 ist eine allmähliche, in hohem Maße planmäßig gelenkte jüdische Auswanderung geworden. Freilich stößt Uas Bestreben, planmäßige jüdische Auswanderungspolitik in der Weise zu treiben, daß jeder Auswanderer möglichst dahin geleitet wird, wo er am ehesten Aussicht auf eine neue Existenz hat, auf ungeheure Schwierigkeiten. Eine der größten liegt in der beruflichen Struktur der deutschen Juden. Mag auch die Umschiehtungsbewegung deren Leitung in den Händen der Reichsvertretung liegt einen großen Teil der jüngeren und körperlich geeigneten Menschen zur Handarbeit umschulen, so bestellt doch die mungen ändert, d. h. meistens verschärft. All dies muß, ebenso wie die Wandlungen der Wirtschaftslage in sämtlichen überhaupt in Frage kommenden Einwanderungsländern — und die jüdische Auswanderung aus Deutschland hat sich bisher auf nicht weniger als 41 Länder verteilt! — fortlaufend verfoigt und den ratsuchenden Auswanderungswilligen sofort übermittelt werden, wenn nicht schwerster, oft unwiderbringlicher Schader. verschuldet werden soii. wenn doch die zahllosen Autoren, die heute ohne Kenntnis der hatten, auswanderungspolitischen Wirklichkeit, großartige Pläne zur Errettung der deutschen Juden durch Massenauswanderung entwerfen, einmal Einblick nehmen könnten in die tägliche Arbeit der Stelle, der die Leitung der gesamten jüdischen Auswanderung nach allen Ländern, außer Palästina, anvertraut ist, und die seit langem von der Reichsstelle für Wanderungswesen als gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Aus- und Durchwanderung anerkannt ist — das Zcntralbüro für jüdische Auswandcrungsangelegenheiten beim Hilfsverein der Juden in Deutschland. — Während sich im oberen Stockwerk von früh an die Zahl der Ratsuchenden so gewaltig staut, daß oft viele Dutzende von Menschen gleichzeitig warten, fertigt einer der leitenden Beamten des Hilfsvereins auf Grund einer unersetzbaren, mehr als dreißigjährigen Erfahrung, einen der Ratsuchenden nach dem anderen ab. Währenddessen wird in den benachbarten Büros und vor allem im unteren Stockwerk, wo der Leiter des Hilfsvereins, Dr. Wischnitzer, seines Amtes waltet, eine Fülle von Post, nicht nur aus allen Teilen des Reiches, sondern buchstäblich aus allen Ländern der Welt, beantwortet — Briefe aus Charbin und der Mandschurei, und Briefe aus Samoa in der Südsee, Briefe aus Haiti in Westindien, und immer wieder Stöße von Briefen aus Argentinien, Brasilien, Südafrika, den jetzigen Haupteinwanderungsländern für deutsche Juden. - Zeitungen und Zeitschriften in den verschiedensten Sprachen werden durchgesehen, exzerpiert, übersetzt: Ferngespräche aus der Provinz, aus dem Ausland werden gemeldet, Besucher aus England und Amerika abgefertigt, — alles mit dem einen Ziel, zu helfen, Jeder Not Wehrt gemeinsame Hilfe! große Mehrheit derjenigen Äuawauuciungswiiiigen, die nicht nach Palästina gehen, aus Menschen, die kaufmännische oder gar intellektuelle Berufe haben. An dieesen beiden Kategorien aber besteht leider fast nirgends wirklicher Bedarf, im Gegenteil, der Überfluß an Akademikern ist heute ein Weliprobiem, das etwa in Fraukicich ebenso akut ist, wie in den meisten südamerikanischen Ländern, und das die jüdische Einwanderung um so mehr erschwert, als dci überall erstarkende Nationalismus gerade die akademischen Berufe vor „Überfremdung" durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen weiß. Auch kaufmännische Angestellte und selbständige Kaufleute sind im allgemeinen sehr schwer unterzubringen — zumal wenn sie über kein Kapita! verfugen —, was oei unseren Auswande- IIIIM'I L. r ii 11 it;-. mäßig leicht ist die Unterbringung aller Arten von Handwerkerberufen, von Hauspersonal, Landarbeitern und Landwirten, die aber bei der Berufsstruktur der deutschen Juden nur selten vertreten sind. Zu diesen großen, aus der anormalen, sozialen Schichtung der Juden in Deutschland entspringenden Schwierigkeiten der Auswanderung, kommen nun aber vor allem die tausendfachen und im einzelnen noch täglich wechselnden I leinmungen, die sich aus den Einwanderungsbeschränkungen der überseeischen Länder ergeben. Die Tendenz /u diesen Beschränkungen ist schon in der ganzen Nachkriegszeit, besonders in'olge der überaus einschneidenden und andere Staaten zur Nachahmung verlockenden amerikanischen Quoluigesetzen von 1921, 1Q24 und 1924 in der ganzen überseeischen Welt spürbar gewesen, hat aber erst durch die Weltwirtschaftskrise ihre volle Stärke erlangt. Kein Außenstehender macht sich einen Begriff davon, welche unsäglichen Mühen unter diesen Umständen selbst eine bescheidene auswanderungspolitische Leistung erfordert. Vergeht doch kaum eine Woche, ohne daß dieser oder jeuer überseeische Staat neue Einwanderungsbcstimniungen erläßt, oder noch häufiger durch seine Konsularbeamten die. Handhabung der geltenden Bestimdaß möglichst viele deutsche Juden im Auslande ein neues Leben aufbauen können. Und durch diese zähe, unermüdliche Kleinarbeit ist es immerhin gelungen, 30- bis 10000 Juden aus Deutschland in überseeischen i ••. i- - , ..j......l;..----- ,i_o „ u«..*.. N»kAM ••»M«4«.#»1t« ct;u-.Hii»l>i'. i_.iiiut-in su umci/.UOilügen, «.um Siv nCUTC SCiIOm nCXTlCUC SIüIZpUfiKCC für die weitere jüdische Auswanderung bilden und vielfach ihre Verwandten nachkommen lassen, — ein Resultat, das gewiß keinen Anlaß zur Selbstgefälligkeit, sondern nur einen Ansporn zu weiteren wanderungspolitischen Anstrengungen ist. Während sich die Schwierigkeiten für die Unterbringung unserer Menschen im Auslande durch die Verschärfung der deutschen Devisehiresetze steigern, ijiii es, himmci iiciit .Mü.»;;.;•!»..:.!,-.. fttmii&iug zu mschen, urr. trotsdctti zum ziici zu kommen: Studium verschiedenster TrariSiCiyiujcklc, Verhandlungen mit den Keichsbehörden, ständige Fühlungnahme mit den großen jüdischen Organisationen des Auslandes, häufig auch Verhandlungen mit ausländischen Regierungen, das ist das tägliche Brot der Mitarbeiter des Hilfsvereins. Dazu tritt in letzer Zeit infolge der gefährlichen Irreführung der jüdischen Öffentlichkeit durch wilde Projektemacher die gebieterische Pflicht, für Aufklärung zu sorgen und zwar nicht nur in Berlin, d. h. es müssen öffentliche Vortragsabende in den großen Gemeinden Deutschlands veranstaltet werden, zu denen der Hilfsverein seine leitenden Beamten entsendet. So steht der Hilfsverein der Juden in Deutschland heute vor einer Fülle von Aufgaben, die er durch Heranziehung aualifiziertcr neuer Kräfte und den Ausbau seines Apparate« vollauf zu bewältigen hofft. Aber mehr denn je bedarf er der verständnisvollen Förderung und der tätigen Anteilnahme der jüdischen Öffentlichkeit. Zunächst hat sich der Hilfsverein — übrigens die einzige zur Auswanderungsberatung amtlich zugelassene jüdische t Stelle — entschlossen, im ganzen Reiche Auswanderungsberatungsstellen einzurichten, üaüurch will sich der Hilfsverein einerseits von dem immer mehr anwachsenden und nicht mehr zu bewältigenden An-