Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGCMEINDE ZU LEIPZIG 3. Januar 1936 Beispiel hergestellt, durch welcnes Münk zugleich Weg und Weise diese* alten Lehren wie ihren Zweck illustriert: das Gleichnis vom Weltenbaum, welches er dem Sohar Chadasch entnimmt: Einst saß Rabbi Jochanan im Kreise seiner Schüler und redete zu ihnen von der Welt, von Gott und von der Thora. Und als sie ihn darum baten, ihr Wesen und ihi gegenseitiges Verhalten ihnen /u erläutern, da trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: „Ein König besaß einen Garten, in dem er einen Baum pflanzen wollte Da sah er im ganzen Garten umher, um zu erfahren, ob er dort einen Wasserquell hätte, der den Baum tränken würde. Er fand keinen. Da sagte er: Ich will nach Wasser graben und eine Quelle ans Licht bringen, damit der Baum bestehen kann. Er grub und brachte eine Quelle ans Licht, aus der fließendes Wasser sprudelte — und dann erst pflanzte er den Baum. Und der Baum bfo bestehen und trug Frucht — und seine Wurzeln wurden stark; «in man tränkte ihn ständig mit frischem Quellwasser, das man aus er Quelle geschöpft hatte. Einem von Gott gepflanzten Baume ist di^X/elt vergleichbar... Aber der Lebenssaft in diesem Baume rührt vonener Quelle her, die der Weltenkönig grub, noch ehe er den Baum panzte. Diese Quelle des Lebens ist — die Thora. ihre Lehren speien das Leben, wie das frische Wasser der Quelle den Baum hefruchjt. Sucht ihr das Leben?... So folget dem Afe. deu jesaja der Prophet über die Jahrhunderte an euch richtet;,,Wohlan, ihr Durstigen alle, gehet hin zum Quell des lebendigen ,'assers!" B. B. St. Jüdische Kulturarbeit in Frankfurt a. M. Der nachstehende Kulturbericht soll eine Reihe ähnlicher Berichte einleiten, die wir in unserem Gemeindeblatt über die Kulturarbeit in den verschiedenen jüdischen Zentren des Reiches zu veröffentlichen gedenken. Die Schriftleitung. In einer Gemeinde von der Größe und Tradition der Frankfurter wird jüdische Kulturarbeit naturgemäß schon seit langen Jahren durch viele in Struktur und Zielsetzung verschiedene Institutionen geleistet. Das Entstehen des Kulturbundes hat wohl in gewisser Hinsicht ihren Wirkungsbereich abgegrenzt, aber ihren Bestrebungen ist doch nirgends die organisatorische und ideelle Grundlage entzogen worden. Das Jüdische Lehrhaus, die von Franz. Rosenzweig. Martin Buber und Eduard StranR ins Leben gerufene Hochschule für jüdisches Wissen, besitzt auch in seinem diesjährigen Herbstlehrgang eine Fülle von Vorlesungen, die weit über den eigentlichen Aufgabenkreis hinausgehen; man behandelt neben religiösen, philosophischen, literarischen Themen auch soziologische, volkswirtschaftliche, künstlerische und praktische Fra- . , RiihnpnJictnnnr iliocor Sn!e! .....—r - - ~ ■ t> «.^ow. ' iJ 1 * des Rhein-Ruhr-Bezirks. Als einzige eigene zeit konnte der von Nicolai Eljaschoff sehr taletvolf hergerictitete Kleinkunstabend von dem Vorhandensein zahlreictr junger Bühnenbegabungen im Frankfurter Bezirk überzeugen. Eine wichtige Abzweigung in der Kunstpflege de Frankfurter jüdischen Gemeinde bilden die Veranstaltungen in der »rnold Lazarus- Halle". In ihr haben sich die Tonkünstler unter ßetnung des sozialen Moments für Ausführende und Hörerschaft nocbiine selbständige Einrichtung geschaffen, die einheimischen Solisten ui! Ensemble eine würdige Aufführungtstätte für Musik und Literatur biett. A. H. Jüdische Zeitschau. Lord Reading gestorben. In seiner l ondoner \hhnung ist Lord Reading am 30. Dezember im 76. Lebensjahr gestor*n. Bereits im September d. J. war Lord Reading infolge einer Erkrankung an Herzasthma gezwungen, sich von jeder öffentlichen Tätigkeit zurückzuziehen. Am 10, Oktober beging er auf VC aliuci Calle, Deal, wo llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll letzt \ A leiter 1 leiten üede Wohnung 1 leizen lllllllllllllllllllllllllllliillllHlllllllllllllllllllIll llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII gen. Wieder mehr auf ihr ursprüngliches Aufgabengebiet zurückgekehrt ist die Gesellschaft für jüdische Volksbildung, die vor der Gründung des Kulturbundes Träger des künstlerischen Lebens war, iure Einzelvorträge stellen eine populäre Form des Lehrhauses dar. Der Aufbau des Kulturbundes hatte eine so großzügige Ausgestaltung der Kunstpfiege zur Folge, wie sie der Lei&tüiiKSfjIiifckeii der in Deutschland und speziell in Frankfurt ansässigen jüdischen Künstler und dem Kulturwillen der Gemeindemitglieder entspricht. Durch den Umstand, daß der frühere 1. Kapellmeister des Frankfurter Opernhauses, Hans Wilhelm Steinberg, die künstlerische Gesamtleitung übernahm, wurde die Musik in den Mittelpunkt Her Unternehmungen gestellt. Neuen Berlin ist Frankfurt die einzige Gemeinde, die ein Berufsorchester besitzt. Mit ein^r Körperschaft von etwa 35 festengagierten, zum großen Teil hochwertigen Kräften wird auch in dieser Saison ein anspruchsvolles, aus klassischer und moderner Musik gemischtes Programm bewältigt. Auf wc'c.ie hohe Stufe das Orchester unter Steinberg gebracht worden ist, zeigte am besten die Aufführung der 1. Symphonie von Gustav Mahler, in der zahlreiche Berufsmusikcr und tüchtige .Musikfreunde als Aushilfe herangezogen wurden. Das schwierige Raumproblem ist hier wie in anderen repräsentativen musikalischen Aufführungen durch die Benutzung der Westendsynagoge gelöst worden. Unter den Solisten der erster. Orchester und K&QlSiCrifittSikveransUltung&i) seien hervorgehoben: die Gcigci I laus Bassei mann und Boris Schwarz, die Pianistin Heida Hermanns und Emanuel Feuermann (Cello). Sein Ansehen befestigte der Jüdische Kammerchor (Leitung Nathan Ehren reich) durch ein Konzert mit Madrigalen klassischer deutscher Meister und zeitgenösischer jüdischer Tonselzer des Frankfurter Kreises. Rosy Geiger-Kullmann und Erich Itor Kahn. Eine Kantate mit Orchp«tpr vnn Herhprt Fromm „In Ewigkeit", nach Worten jeuluüa Halcvy.s, schafft eine fesselnde Verbindung zwischen ostjüdischen, orientalischen und westeuropäischen Ausdrucksformen. In einem Programm mit Werken Frankfurter Musiker, das Frank Rothschild mit dem Chor der Westendsyr.agoge bot, stellte der nachgelassene Psalm von Bernhard Sekles »An den Wassern Babylons", der das Bibelwort ausdrucksicher und beseelt in Klang umsetzt, eine schätzenswerte Bereicherung der noch Spärlichen jüdischen Kulturmusik dar. Die Bühnenkunst hat im Frankfuiter Kulturbund bisher noch nicht die feste Eingliederung wie die Musik gefunden. Es fehlt zunächst an einem den bautechnischen Anforderungen ganz entsprechenden Raum. Mit den notwendigen szenischen Einschränkungen sind immerhin schon mehrere künstlerisch bewerkenswerte Theateraufführungen zustandegekommen. Dem „Jeremias" von Stefan Zweig, Mozarts „Entführung" und dem zweiten Akt aus dei „Fledermaus in der vorigen Saison folgte jetzt eine lebendige, durchgetormte Aufführung von Shakespeire „Komödie der Irrungen" mit dem trefthrhen Fnsemhle er die Zeit seiner Rekonvaleszenz verbrachte, in aller Stille die Feier seines 75. Geburtstages. Da ihm die Ärzte grölite Schonung aulerlegt hatten, konnte er keinerlei Gratulationsbesuche anläßlich seines Geburtstages empfangen. Der Marquis of Reading, der ursprünglich Rufus Daniel Isaacs hieß, war ciuci dei bedeutendsten Juristen Englands und hat als Politiker und Staatsmann eine Laufbahn von seltenem Glanz vollendet 1904 wurde er als liberaler Abgeordneter in das Parlament gewählt, 1910 wurde er Solicitor-Gcneral, 1910 bis 1913 war er (jeneralstaatsanwatt und erhielt 1912 als erster in dieser Eigenschaft einen Sitz im Kabinett. 19!3 bis 1921 bekleidete er das Amt des Lord-Ubeirichteis von England. 1911 erhielt er die Peerswürde mit dem Titel Lord Reading, 1910 den Titel eines Viscount, 192$, nach seiner Rückkehr aus Indien, wo er seit 1921 Vizekönig und Generalgouverneur war, wurde er zum Marquis ernannt. Als Vizekönig von Indien hat er unter außergewöhnlichen Schwierigkeiten den Reformplan für die Selbstverwaltung Indiens durchgeführt, der von seinem Vorgänger Lord Chelmsford und dein Staatssekretär für Indien Edwin S. Montagu, der ebenfalls Jude war, ausgearbeitet worden war. Im vergangenen Jahre wurde dein Marquis of Reading, der kurze Zeit auch das Portefeuille für auswärtige Angelegenheiten inrje hatte, die Würde eine:; „Lord-Hafenmciätciä dei tuuf Häfen" verliehen, während des Krieges war er als außerordentlicher englischer Botschafter in besonderer Mission nach den Vereinigten Staaten entsandt worden. Lord Reading entstammte einer alten sephardischen Familie. Seine Erziehung genoß er in Brüssel und Hannover und betätigte sich, nachdem er zwei Jahre lang als Schiffsjunge auf einen Handelsschiff Reisen durch die ganze Welt gemacht und hierauf udien an der Pariser Universität absolviert hatte, im Geschäft seines Vaters. Später w andte er sich dem Bankwesen zu. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien erhielt er eine untergeordnete Stellung im Londoner Polizeigericht, aus der er sich in gemeinsamer Arbeit mit dein Rechtsanwalt und Führer der Ulsterleute Carson bald zu einem der angesehendsten Juristen emporarbeitete. Im jüdischen öffentlichen Leben hat Lord Reading, der bei jeder Gelegenheit seine Zugehörigkeit zum Judentum, u, a. auch anläßlich seiner Ernennvrg 'lim Vizekönig von "Indien, mit Stolz hervorhob, ebenfalls eine bedeutende Rolle gespielt. Bis 1921 war er Vizepräsident der Anglo Jewish Association. Als 1917 die Nalfour-Deklaration erlassen wurde, begrüßte er diese Erklärung als ein ,,großes Licht in Israel". 1925 wurde er Vorsitzender des Direktoriums der PaicStine Electric Corporation. Die Jewish Agency hat er bei der englischen Regierung in ihren politischen Bemühungen zur Förderung des Jüdischen Nationalheims wiederholt tatkräftig unterstützt und ebenso beteiligt er sich an den Aktionen zur Sicherung und Wahrung der Rechtslage der Juden in verschiedenen Ländern.