Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER ISRAELITISCH EN I C I D 7 I R AMTLICHES NACHRICHTENBLATT REL1GI0NS&EMEl NDE ZU LC I YL I U DER GEMEINDEVERWALTUNG rollung dieses Weltbildes scheint ihm nicht ein Rückfall in mittelalterlichen Mystizismus verbunden — nein, vielmehr: hier öffnet sich dem Suchenden ein Weg, der freilich trotz oder vielmehr wegen seiner irrationalen Haltung der Problematik des Daseins und der Wirklichkeit des Erlebten gerechter zu werden versieiu als manch ein wissenschaftlich wohlfundiertes System. — Wer vor kurzem etwa die Schrift des Kölner Naturwissenschaftlers Prof. Bruno K i s c h „Wege zum Glauben" las, in welcher der Unterschied zwischen ülauben und Wissen nicht als ein wesensbedingter, sondern nur als ein quantitativer erwiesen wurde, der wird sich diesen Munkschen Hinweisen nicht verschließen können. Von allen Seiten heran strömen sie, die durch den Rationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts Enttäuschten: es lohnt den Versuch, ob nicht diese unsere Väter begliikkende und ihre Seele ausfüllende Weisheit auch den Unsrigen Beglückung werden könne. Elie Münk geht nach dieser Einleitung unvermittelt dazu übev, das Weltbild der Kabbalah, wie es Mosche Kordovero sah, in seinen Grundzüg-sn wieder vor uns hinzustellen. Der Fnsr-haffung <ier Welt, die sich auf die Liebe Gottes gründet und als ein Akt göttlichen Verzichtes auf die Unendlichkeit seines Wesens erscheint, tritt die Erschaffung des Mönschen gegenüber — aus dem Ajin, dem Nichts, wird das Ana, das Ich, wie es mit einer altjüdischen Wortdeutung heißt, die zugleich zu den Grundbedingungen unseres menschlichen Seine bi^uaictfüori Die Ableitung der zehn Sefiroth, der „zehn SphärenkrCis^, die das All umschließen und erklären" (sefira Sphäre, KundV, Zahl) wird nicht nur gedanklich, sondern auch (S. 21) graphisch dargestellt und durch ein Soharzitat über die „Vier Weiten" ergänzt. Der Vielfalt der Welten wird dann .jjr Einheit Gottes gegenübergestellt; und wieder verdeutlicht (oder besser: vertiett) eine Stelle aus dem Sohar über den Zusammenhang des Er, Du, Ich diese Gedankengänge. Dem Glanz derGottcsiicrriichkeit in der Schechinah steht dann das Übei in der Welt und im Menschen selbst, der Kampf zwischen dem guten und dem bösen Trieb gegenüber — und die Überwindung des Übels eint Gott und Mensch, verwirklicht die Absicht Gottes in der Schöpfung durch sein Geschöpf. Werkzeug dieser Gottesabsicht unter den Menschen ist das Volk Gottes, Israel, erwählt um seiner Leiden willen /.ui Verherrlichung des „Namens"; ihm wieder ist als Werkzeug und Wegweiser auf diesem dornigen Wege die Thora gegeben mit ihren Mizwoth. — Es kann nicht die Absicht dieser kurzen Analyse sein, den Gedankengängen des Rabbi Mosche Kordovero in Münks Wiedergabc im einzelnen nachzugehen. Denn dies Buch wendet sich ja nicht an den Wissenden oder Urteilenden, sondern an den Glaubenden — und einem Menschen, dem der Zugang zu diesem Glaubensbcreich nicht verschlossen ist, dem wird wirklich, wie rs Llic Münk in seiner Einleitung ausspricht, die Fülle des hier Erschlossenen das ganze Leben der Seele beherrschen und ausfüllen — ja, mehr: ihm zu einem tief vertrauenden und gluckseligen Leben die Pfoiten auttun können. — Statt vieler Worte sei hier ein Das Licht der Ewigkeit. Lange Zeit galt den westlichen Juden die Kultur des Humanismus und der Aufklärung als Mittelpunkt unseres Wesens. Mit der Kriegserklärung 1914 hat diese Kultur als Grundlage unseres Lebens ihr Ende gefunden. Seitdem zeigten sich neue Kulturideale. die uns fremd und unzugänglich sind, um uns herum; und in unseren eigenen Reihen begann ein Suchen und Tasten nach unbekanntem Ziele. Als eine Heimkehr spürten viele unter uns dieses neue Suchen: Heimkehr, die sich bei einem großen Teile unserer Jugend mit der Heimkehr ins Land der Väter paart. Aber auch die Orthodoxie, die mit der Heimkehr ins altneue Land der Väter sich nicht begnügt, wenn sie nicht mit der Heimkehr zum jüdischen Erbgut unserer Gotteslehre vereinigt ist, schlägt heute wieder — wie einst Samson Raphaei Hirsch — einen neuen Weg ein, um auch den Suchenden unserer Tage den Zugang zu dem „Quell lebendigen Wassers", aus dem unsre Ahnen schöpften, zu ermöglicke:»-JWi? solchen Erwägungen getrieben, hat Rabbiner Dr. Elie Münk in Ansbach vor kurzem einer größeren Zahl von Lesern den ältesten Weg jüdischer Überlieferung, die Kabbalah, neu gewiesen. Als Frucht dieses Hinweises übersetzte er eines der bedeutendsten kabbalistischen Wcrke^-den „Pardess R i m o n i m" (Garten der Granatäpfel) von Rabbi Mosche Kordovero ins Deutsche (Hermon Verlag, Frankfurt a. M.). Rabbi Mosche Kordovero lebte im 16. Jahrhundert und starb 1570 in Safed: sein Werk verhält «ich zum Griaulwerke der Kabbalah, dem Sohar, etwa wie des Maimonides Mischneh Thora zum Talmud sich verhält. Wichtig ist dies Werk für eine solche gemeinverständliche Darstellung ganz besonders deshalb geworden, weil es eine systematische Darstellung der im Sohar selbst verstreuten Anschauungen und Lehren gibt. Es zeugt für die Gültigkeit dieser Beobachtung, daß ein neues Suchen uns heute zu den alten Quellen wieder hintreibt, daß zu gleicher Zeit von anderer Seite wieder zur Erforschung der kabbalistischen Qucfk-n hingelenkt wird. Gerhard Scholem, dessen Forschungen ja schon seit vielen Jahren diesem Gebiete galten, hat gerade jetzt unter dem Titel „Die Geheimnisse der Schöpfung" ein K-ipitel aus dem Sohar übersetzt und mit einer sehr aufschlußreichen Einleitung versehen (Schocken-Bücherei, Nr. 40; Berlin 1935). Von zwei Seiten her also können wir uns jetzt diesen geheimnisreichen Bezirken nähern. Scholem verfolgt mit seiner durchaus wortgetreuen Übersetzung eines der schwierigsten Kapitel aus dem Sohar und mit seiner Darlegung, die sich zunächst mit der Entstehungszeit des Sohar und mit der Persönlichkeit seines Verfassers beschäftigt, ehe sie zur Darlegung der Gott^rmschauung und der Lehre von den Sefirot schreitot, vorwiegend wissenschaftliche Zwecke. Ganz anders Münk. Hier will ein Rabbiner und Lehrer nicht historisch philologische Kritik treiben: nein — er will das Weltbild der Kabbalah wieder vor uns aufrichten, weil es ihm auch heute noch gültige Gotteslehre imd Weltanschauung zu enthalten scheint Mit der Ent- Sonntag, den 12. Januar 1936 Eintopfsammlung. Spendet reichlich!