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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-12-15 · 50 (15.12.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
50 (15.12.1933)
Date
1933-12-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 15. Dezember 1933 terial in den knappen biblischen Bericht hineingebaut worden ist. Vieles davon ist besonders dem mit jüdischen Schrifttum Vertrauten aus den Quellen bekannt; vieles davon aber erscheint ihm neu. Und so kunstvoll und kaum unterscheidbar ist all das mit den Gespinstfäden dichterischer Phantasie verwoben, daß man fast auf jeder Seite zu der Frage gedrängt wird: Wo hat er nun das schon wieder her? und daß der störende Eindruck eines ungeheuren Zettelkastens und eines mit Fleiß und Gründlichkeit emsig gedrückten, unverwüstlichen Hosenbodens dauernd sich in den Vordergrund drängt. Ahnlich verhält es sich mit der Wirkung der Sprache. Diese typische Mannsche Prosa, gedanklich /war stark belastet, aber selbst in den längsten Sätzen klar und edel, die mit einem im deutschen Schrifttum unerhört großen, meisterhaft beherrschten Wortschatz arbeitet, wirkt — bestimmt ungewollt — doch etwas manieriert, wenn sie mit leicht biblischer Färbung im Dialog den Lippen alttestamentlicher Gestalten entströmt. Wir wissen uns frei von der bodenbrüchigen Respektlosigkeit eines Kerr, wenn wir gestehen, daß wir Thomas Manns früheres Schaffen künstlerisch geschlossener empfanden und darum mehr lieben. Gerade deshalb aber dürfen wir den jaakobsroman bewundern, den wir mit einem kostbaren orientalischen Teppich vergleichen möchten, einem alten, farbensatten, edlen Stück, wie es in Bezalels Werkstätten gewoben worden sein mag, ihm gleich in seiner genialen Konzeption und in der sinnverwirrenden, sichtbarlich nachspürbaren Mühsal seines Gewirks. Und wenn man auch solchem aus Kunst und Kunstfertigkeit geborenen, darum zwiespältigen Werk etwas unsicher gegenübertreten müßte — gerade wir Juden sollten uns die Mühe nicht verdrießen lassen, es uns vorzunehmen. Denn es ist ein Stück Bczalel-Arbeit, das uns Einiges angeht. Unser Sozialamt. (Schluß). Für ältere Handels- und Gewerbetreibende stellte das Sozialamt teils in Form von Wirtschaftsbeihilfen, teils von Darlehen nach genauer Prüfung der einzelnen Fälle Mittel zur Verfügung, um bedrohte Existenzen aufrechtzuerhalten. Bei den naturgemäß begrenzten Mitteln war jeweils die sorgsamste Bearbeitung geboten, die dann nicht allein in der Gewährung eines Geldbetrages sich erschöpfte, sondern auch über die Ordnung der schwebenden Geschäftsangelegenheiten fachkundigen Rat erteilte. Die Aussichtslosigkeit, den wirtschaftlichen Kampf hier erfolgreich bestehen zu können, zwang viele Familien, die einst in besseren Zeiten vom Auslande nach Deutschland gekommen waren, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, nötigte viele andere Zuflucht in Ländern zu suchen, in denen ihnen bessere Möglichkeiten winkten, in ihren erlernten Berufen oder einem, zu dem sie sich befähigt fühlten, sich und ihre Familie eine Existenz zu sichern. Groß war die Zahl derer, die für solche Pläne Rat und Hilfe beim Sozialamt suchten. In der Mehrzahl der Fälle fehlten die Mittel zur Rückkehr in das Heimatsland wie zur Auswanderung, unu es mußten außerordentliche Anstrengungen gemacht werden, um diesen sehr beträchtlichen Anforderungen gerecht zu werden, und die Beträge für die Fahrtkosten, Beschaffung der Visa, häufig auch Transport des Hausrates gewähren zu können. Nicht weniger umfangreiche Arbeiten mußten im Interesse von Auswanderern geleistet werden. Einzige behördlich genehmigte jüdische Auswandererzentrale ist der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin, durch den alle Fragen jüdischer Auswanderer bearbeitet werden müssen. Das Sozialamt konnte bei Auswanderungsplänen auf grund des vorhandenen Informationsmaterials die erforderlichen Eingaben und Auskünfte erleichtern und durch hier angestellte Ermittlungen die Gesuche der Berliner Zentrale nahebringen. Hierbei ergab sich ein sehr ausgedehnter Briefwechsel mit den ausländischen Hilfskomitees wie mit hiesigen Konsulatsbehörden. Ein besonderer Zweig dieser Arbeit war die Förderung derer, die durch das Palästinaamt die erforderlichen Ausreisepapiere nach Palästina anstrebten. Vielfach gelang es durch Verhandlungen mit dem Palästinaamt Zuschüsse und Erleichterungen zu vermitteln. Unbemittelte Palästinawanderern wurden auch häufig die Reisekosten nach Triest bis zum Schiff zur Verfügung gestellt. Als ein besonderes Gebiet wurde durch das Sozialamt die Hilfstrbert für erwerbslos gewordene Kunst I er angeregt. Aus diesen Ar- Seiten ist der „Judische Ausschuß für Kunstpflege" (Vorsitzender: Geuicinderahhiner Cohn) hervorgegangen, der bei seinen Bestrebungen nicht allein dem kulturellen Bedürfnis der Gemeindemitglieder Rechnung tragen will, sondern auch die soziale Seite dieser Arbeit in besonderer Weise berücksichtigt. Diese Arbeiten sind noch in der Entwicklung. Es ist (unter Leitung des Herrn Kapellmeister Alfred Simon) ein Kammerorchester begründet und der noch in rühmlicher Erinnerung stehende Chorverein „Psalterion" ist (unter bewährter Leitung ßarnet Lichts) neu ins Leben gerufen worden. Beide Vereinigungen sollen in gleicher Weise der Pflege ernster Musik dienen wie auch der Betätigung jüdischer Musiker und Sänger neue Möglichkeiten sichern. Konzerte und Vorträge, die in regelmäßigen Abstanden folgen werden, sind dem gleichen Zwecke bestimmt. Auch die von der Konzertdirektion Arthur Ehrlich veranstalteten „Hunten Abende" sind aus ähnlichen Gedanken heraus durch das Sozialami angeregt worden. Infolge der Rührigkeit des Herrn Ehrlich uar nur geringe materielle Förderung notwendig, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Zu all dem tritt die Leistung des Sozialamts, die sich weniger / ahleiimaßig als durch einen Überblick über die verschiedenen Teilaufgaben darstellen läßt. Auch die Erfolge können weniger gezählt und gemessen, müssen mehr gewogen werden: unermeßlich ist die seelische Hilfe, die das Sozialamt leisten kann und leistet. In zahlreichen Fällen hat ein Rat, ein ermutigender Zuspruch, ein anregender Hinweis bei denen, die das Amt in Anspruch nahmen, einen Erfolg herbeigeführt, der vielleicht nicht in der unmittelbaren Auswirkung, wohl aber in dem seelischen Anstoß durch das Sozialamt herbeigeführt worden ist. Für diese Tatsachen sollte durch die Veröffentlichung dieses Berichtes Verständnis in den weitesten Kre^t n der Gemeinde geweckt werden. Das Sozialamt bedarf für seine Wirksamkeit der tatkräftigen Förderung seitens der Gemeinde, gewiß nicht in letzter Reihe in ideeller Hinsicht, vor allem aber in materieller Beziehung. Zur Durchführung der geschilderten Aufgaben sind schon erhebliche Mittel aufgewandt worden. Soll das Amt den gestellten Anforderungen nachkommen, so müssen ihm durch die Opferfreudigkeit derer, die noch in der Lage sind zu opfern, weitere erhebliche Mittel zufließen. üemeinderabbiner G. Cohn, stellv. Dezernent des Sozialamts. Reform der höheren jüd. Schulen. Vor kurzem traten, zum zweitenmal seit Beginn des laufenden Schuljahrs, die Leiter der anerkannten höheren jüdischen Lehranstalten in Berlin zu eingehenden Beratungen über die inneren und äußeren Angelegenheiten ihrer Schulen zusammen. Den Vorsitz der Tagung führte Herr Rabbiner und Schuldirektor Dr. Carlebach-Leipzig. Zunächst referierte Direktor Feuchtwanger-Breslau über die pädagogische Situation der Anstalten. Das Ergebnis der Aussprache wurde in folgenden Thesen zusammengefaßt, die einstimmig angenommen wurden: 1. Die Veränderungen in der Zusammensetzung der Schülerschaft, die neuen praktischen Berufsziele, die Entwurzelung der Jugend aus ihrer bisherigen geistigen Heimat und der mangelhafte jüdische Bildungsstand in allen jüdischen Lagern fordern eine Reform der jüdischen höheren Schulen. 2. Die Schule darf keine Berufsschule werden. Sie hat trotz aller Zeitereignisse im Sinne von Torah im Derech Erez religiöse, humanistische und realistische Bildungs- und Erziehungsgüter zu pflegen. Sie hat Palästina einen bevorzugten Platz einzuräumen. Sie hat aber zugleich die zunehmende Verflachung des jüdischen Bildlingsbetriebes, die alles, was nicht Palästinakunde oder Berufsausbildung heißt, verwirft, zu bekämpfen. 3. Im einzelnen ergeben sich noch folgende Forderungen: a) Gemeinsame Behandlung der jüdischen und allgemeinen Geschichte; b) Ausbau der Erdkunde zu einer jüdischen Volks- und Palästinakunde; c) Behandlung jüdischer Stoffe auch im Deutschunterricht, ebenso in allen anderen Fächern; d) Unterricht in Papp-, Holz- und Metallarbeit. Praktische Übungen in den naturwissenschaftlichen Fächern; e) Ausreichende Stundenzahlen für das Hebräische. Aufspaltung in Sprach- und Lektüreunterricht. 4. Die Einrichtung weltanschaulich oder parteimäßig getrennter Oruppen im jüdischen Unterricht zerstört die erzieherische Wirksamkeit der Schule und drückt diese auf das Niveau einer Sammelschule für Nichtarier herab. 5. Im Hinblick auf das neue Schülermaterial erwachsen den jüdischen Schulen größere Erziehungsaufgaben als bisher. Sie müssen daher Aufgaben der Jugendbewegung und Jugendpflege mit übernehmen. Die Schule muß ein Haus der Jugend werden. (Schulgemeinde, Vorträge, künstlerische Darbietungen, Landheime, Lesezimmer, Klassenveranstaltungen, Elternabende.) (Die jugendpf legerische Arbeit der Lehrer darf nicht zusätzlich geleistet werden. Sie ist von der Pflichtstundenzahl in Abzug zu bringen.) 6. Für die kollegiale Zusammenarbeit innerhalb der einzelnen Schulen und der „Interessenvertretung" entstehen folgende Aufgaben: a) Ausbau der „Interessenvertretung" zu einer pädagogischen Arbeitsgemeinschaft mit einem pädagogischen Mitteilungsblatt, b) Schaffung von jüdischen Lesebogen zur Ergänzung der Lehrbücher in den allgemeinen Fächern; c) Einrichtung einer transportablen Sammlung jüdischer Lehrbücher, Jugendliteratur und Lehrmittel, die bei den Anstalten zirkuliert, d) jüdische Lehrerfortbildung innerhalb der einzelnen Kollegien." Anschließend berichtete Direktor Spier-Hamburg über die bisherige Tätigkeit im Erziehutigsausschuß der Rcichsvertretung. Es folgte ein Referat von Oberstudiendirektor Dr. Driesen-Frankfurt über die finanzielle Lage der Anstalten, die überaus schwierig ist und bisher trotz der durch die Reichsvertretung verteilten Subventionen nicht entscheidend gebessert werden konnte. Die vom Referenten ausgearbeiteten Leitsätze wurden der Reichsvertretung zur Stellungnahme übermittelt. In dem ersten dieser Leitsätze wird das Vertrauen zum Ausdruck gebracht, daß die Verteilung der der Rcichsvertretung zur Verfügung stehenden Gelder ohne Rücksicht und Einflußnahme auf die religiöse, jüdisch-politische oder pädagogische Richtung der einzelnen Schulen »rfolgen werde. Im Anschluß an Ausführungen von Direktor Klibansky-Köln wurden grundsätzliche Fragen des Verhältnisses der Schulen zur Rcichsvertretung geklärt. Studiendirektor Stoll- Würzburg berichtete über die zukünftige Gestaltung der jüdischen Lehrerbildung. Den Abschluß der Tagung bildete eine mehrstündige Aussprache der Konferenz mit den Schuldezernenten der Reichsvertretung, den Herren Professor Dr. Elbogen, Rabbiner Dr. Galliner, Amtsgerichtsrat Dr. Lilienthal und Studienrat Dr. Leschnitzer, in deren Verlauf namens der Reichsvertretung der größten Bewunderung und Anerkennung für die Leistungen der höheren jüdischen Lehranstalten, ihrer Unterhaltsträger und ihrer Lehrkörper, in Vergangenheit und Gegenwart vorbehaltslos Ausdruck gegeben wurde und die weitmöglichste Unterstützung für die Zukunft in Aussicht gestellt werden konnte. Alle Anfragen und Zuschriften für die „Interessenvertretung der höheren jüdischen Lehranstalten Deutschlands" sind an die Geschäftsstelle Köln, St. Apernstr. 29/31, zu richten. Aus aller Welt. Dr. Friedrich Brodnitz Vorsitzender des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände. Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände Deutschlands teilt mit: Der Führerrat des Rcichsausschusses der jüdischen Jugendverbände hat am 22. November Dr. Friedrich Brodnitz zum Vorsitzenden des Reichsausschusses gewährt. Dr. Friedrich Brodnitz, ist damit Nachfolger des verstorbenen Dr. Ludwig Tietz in der Leitung des Reichsausschusses geworden. (JTA.)

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