Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 50 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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..- Aufflage 4250 Stück (taemö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM&IN DE ZU I £<ID7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT lab I TMml \*7 D&R GEMEINDEVERWALTUNG« Scbriftleitung: Ocmeinderibbincr Ouitav Cohn Leipzig. Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe and mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 50. "Jahrgang 9 15. Dezember 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig OS, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. (07 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. 2. Gemeindeabend Der 2. Gemeindeabend findet am Mittwoch, den 20. Dezember 1933, abends 8V2 Uhr in der Gemeinde-Synagoge, Gottschedstraße, statt. Es spricht Herr Prof. Martin Bub er über das Thema: „Sind wir noch das Volk der Bibel?" Chorgesang und musikalische Darbietungen umrahmen den Vortrag. Wiederum erwartet die jüdische Gemeinde, daß alle Gemeindemitglieder, insbesondere die Jugend, sich an diesem Abend beteiligen. Die ersten 14 Reihen im Mittelschiff der Synagoge sind reserviert. Karten für diese Plätze sind zu einer RM. 1.— erhältlich im Gemeindeamt und in der Buchhandlung von M. W. Kaufmann. Zu allen anderen Plätzen ist der Eintritt unentgeltlich. Der Vorstand Leipzig, den II. Dezember 1933. der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Der Verein Ez-Chaim bittet uns, bekannt zu geben, daß am Sonntag, den 17. d. M. nachm. 4 Uhr, in seiner Synagoge Otto-Schill-Str. eine Chanukka-Feier stattfindet, zu der alle Gemeindemitglieder herzlichst eingeladen sind. Leipzig, den 12. Dezember 1933. dcr i8raeIitl8cnen ReHglSJ^Jemeind« zu Leipzig. Thomas Manns biblische Geschichten. Von Dr. Sally Rabinowitz. Wir müssen zurückgehen /um „Zauberberg", der vor 0 Jahren erschien und worin schon herrlich philosophiert wurde. Da erinnern wir uns eines Begriffes, mit dem dci Autui ItutvoUc Buhhtchafl Ii ich und über den er manch kluges und tiefes Wort sagte, den Begriff der „Zeit" nämlich. Wenn wir uns daran erinnern, können wir uns vorstellen, wie dem Autor zumute geworden sein mag, als er sieh das erste BiLelbuch vornahm, darin auf wenigen Druckbogen unvorstellbare Zeitspannen, die zurückreichen ins Tohu und B0I111, wo es am dunkelsten ist, zur üesehichte gehämmert werden, mit knappen lapidaren Worten und mit einer solchen Unbekümmcrthcit um die Fallgesetze der Zeit, daß schon frühzeitig fromme Erklärer besorgt vor der Vermessenheit warnten, den Geschichten der Thora den Rechenschieber der Jahreszahlen anzulegen. Wir können nachfühlen, was ihm die gefährlich lockenden ersten Worte der Schrift „Im Anfange" angetan haben mögen, wie er sich hineinbohrte in die Geschichte der Erzväter, und wir verstehen, warum er haltmachte, als er zu dem Abschnitte kam, den wir „Und es wohnte" nennen, zu den Kapiteln von Joseph und seinen Brüdern. Hier steht für den Historiker eine deutliche Caesur, hier beginnt der Schlußakt des Fünfbuches, welcher liinwegführt von den härenen Gezeiten priesterlicher Hirteusippen hinaus unter die Völker der Welt als auserwähltes Volk im Sinne der Verheißung. Hier an diesem Angelpunkte mag ihm die lockende Aufgabe erschienen sein, in breiter epischer Form einige wortkarge, aber Weltenbergende Kapitel der Bibel neu zu erzählen. Vorher aber wandte er sich noch einmal um und warf einen Blick zurück auf die durchlaufene Strecke, wie sie die Überlieferung erzählt, bis zu dem sphynx- haften „Im Anfange", und ein Licht ist ihm aufgegangen über die Windigkeit aller Geschichtsforschung, die bei ihren Versuchen, Vergangenes gegenwärtig zu machen, stets nur auf Zeitkulissen stößt, hinter welchen bei der Frage „und was war vorher?" sich ewig neue, immer dunkler werdende Kulissen vorschieben, bis sie, augenlos wie ein ürottenolm, hilflos in den Nächten des Mythos stecken bleibt. So beginnt das erste Buch dieses Epos in Prosa, der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. In dem Vorspiel, das bezeichnenderweise „Höllenfahrt" Überschrieben ist, setzt der Autor sich nochmals mit dem unbegreiflichen Phänomen der „Zeit" auseinander, und er besorgt es diesmal gründlich. Dann aber stürzt er sich in die Erzählung, wenn auch noch längst nicii. in die Josephs. Zwar finden wir im ersten Kapitel Joseph in mondheller Nacht vor den Oezelten zu Fußen Jaakobs bei einem „Schönen Gespr.ich", einer Plauderstunde von den Tagen der Vor/eit aber schon wird die Fülle des Stoffes erdrückend, die Frage, wer zunächst einmal Jaakob war, wird übermächtig, und so ist von Joseph in diesem ersten Bande ffirder nicht mehr die Rede: die Geschichten Jaakobs rollen sich, mit der Zeitlupe aufgenommen, ab, vom Segensbetrug und der Flucht vor Esau von den Dienstjahren bei Laban, von Lea und Rahe! und ihren Söhnen wie von den Söhnen der Kebse, und von Üina der Schwester, um deren Magdtum willen die Stadt Schekem in Blut ersoff. Jaakob an Raheis Bahre — hier endet das erste Buch. Abweichend von der Schrift werden die Geschichten aneinandergereiht, weit ausgesponneu und verbreitert durch gegenständliche Schilderungen, wie der Dichter sie in seiner Phantasie schaute, und durch zahllose Einzelheiten, Deutungen und Reflexionen, wie sie aufgezeichnet sind in der endlosen Reihe der Kommentatoren, der jüdischen wie der nichtjüdischen, von Raschi bis zur modernen Bibelkritik, die Sagen- und Legendenwelt der Midraschim nicht ausgenommen, in den Ergebnissen archäologischer Forsch Hilgen und den von diesen befruchteten Werken der Altertumswissenschaft. So ungeheuer ist der stoffliche Reichtum und so meisterhaft die reibungslos fliessende epische Verarbeitung, daß die Bewunderung für diese prachtvolle Erzählerkunst, die mit gelassener und zuchtvoller Hand den mächtigen Strom meistert, den Leser auf keiner Seite verläßt. Das hindert aber nicht, daß dieses Werk weit starker als die früheren des Autors das kritische Organ des Lesers reizt und ihm eine zwischen Bewunderung und Verwunderung schwankende Unruhe vermittelt, die dem ungehemmten Genuß etwas abträglich ist. Wir meinen damit die allerorts /Utagetretende Inkongruenz zwischen dem monumentalen epischen Vorwurf und der artistischen Faktur Wir sagten schon, wieviel an kommentatorischem und mythischem Ma- ') Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs. S. Fischer, Berlin. I \