Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 47 (24.11.1933)
- Date
- 1933-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 24. November 1933 (tischen Jugend gibt el aber noch eine große Zahl schulentlassener Jugendlicher, die nirgends organisiert und die nur von der Gemeinde aus zu erfassen sind. An sie besonders ergeht an dieser Stelle der Ruf, lieh in der kommenden Arbeit durch Besuch der Vorträge, durch Teilnahme an Kursen usw. zu beteiligen; und es ist auch daran gedacht worden, den Jugendlichen, die sich nicht den vorhandenen Bünden anschlichen wollen, Gelegenheit zu einer loseren Zusammenfassung zu geben, damit die Gemeinde und speziell ihr Jugendrestort auf diese Weise mit jedem ihrer Jugendmitgliedcr in direkte Verbindung treten kann. Was nun die sachliche Bildungsarbeit selbst anbetrifft, so sei zunächst betont und dankbar anerkannt, da Ii es in früheren Jahren keinesfalls an belehrender Tätigkeit in den einzelnen Vereinen und Bunden sowie seitens des Rabbinats gefehlt hat. Auf dieser Arbeit wird jeder Einzelne, der daran teilgenommen hat, mit großem Vorteil aufbauen können. Was uns bisher fehlte, war ein planvoller Aufbau, der einerseits die gesamte Gemeinde in dieser Bildungsarbeit einigen und andererseits das ganze Lehrgebäude wenigstens in den Umrissen zusammenfassen wollte. Der Plan, der der neuen Bildungsarbeit zugrundeliegt, soll also vor allem die wesentlichsten Grundlagen des jüdischen Wissens an den Hörer und Teilnehmer heranbringen. Er verzichtet aber von vornherein auf literarische Umwege über unterhaltsame und zu nichts verpflichtende Themen, die dem Neuling und „interessierten Laien" das Judentum schmackhaft machen wollen. Es wird gerade für die heutige Zeit als notwendig angesehen, zu den wirklichen Quellen zurückzukehren. Wenn auch der Übergang für manchen, der bisher keine Ahnung von jüdischen Dingen hatte, etwas schroff sein mag, so soll auch ihm diese tiefergehende Arbeit eine feste Grundlage für echtes Selbstbewußtsein geben. Die Arbeit wird sich daher zunächst mit vier großen Gruppen beschäftigen: 1. Bibel; 2. Talmud und andere nach biblische Quellen; 3. jüdische Geschichte; 4. Palästina. Über das Thema: „Bibel" ist eingangs schon einiges gesagt worden. Sie soll zunächst ohne Exegese an den Hörer herangebracht werden, selbstverständlich von Lehrkräften, die mit den Kommentaren vertraut sind. Späterer Arbeit bleibt dann eine Beschäftigung mit den Gebieten, die sich um die Bibel gruppieren, überlassen. — Nicht ohne Absicht ist geplant, den Aufbau der talmudischeu Schriften darzustellen, da gerade der Talmud in heutiger Zeit so oft genannt wird. Ohne daß der Charakter der Darstellung apologetisch, entschuldigend, sein soll, wird doch auf die vielfachen Angriffe, denen unser bedeutsamer Kodex ausgesetzt ist, einzugehen sein. Der Geschichtskurs, der zunächst beabsichtigt ist, soll nicht die unmögliche Aufgabe erfüllen, die gesamte jüdische Geschichte in einigen Abenden zu bringen. Ebensowenig soll er den oft ermüdenden Weg einschlagen, ein Eiuzelthema vollkommen auszuschöpfen. Sondern an jedem von etwa 6—8 Abenden soll ein Ausschnitt aus einer bestimmten Epoche eingehend und lebendig behandelt werden, so daß dadurch die Lust zur Weiterarbeit und zum Erkennen der Zusammenhange geweckt wird. Das Gebiet: „Palästina" soll in unsern Bildungszyklus einbegriffen werden, obwohl im Vordergrunde des Planes eigentlich die Rückkehr zu den geistigen Quellen unseres jüdischen Daseins steht. Doch ist das allgemeine Interesse an Palästina heute so bedeutsam, daß man daran nicht vorbeigehen kann; außerdem erhält ja die ernste Beschäftigung mit jüdischer Vergangenheit erst ihren tieferen Sinn durch die Hinwendung zu einer jüdischen Zukunft, für die der Aufbau Palästinas richtungsweisend ist. In diesem Sinne soll auch das Thema „Palästina" zeitlich erst am Schluß unseres Arbeitsplanes, nach Möglichkeil durch einen Palästinenser selbst, behandelt werden. Jedes der vier Hauptthemen wird von einem allgemeinen Gemeindeabend eingeleitet werden, der die Grundzüge der Arbeit klarlegen wird. Da» Hauptthema wird sich dann in einzelne Kurse aufspalten, die die verschiedenen Seiten des Gebiets behandeln sollen. An den Gemeindeabenden wird Gelegenheit sein, sich für die Teilnahme an den Einzelkursen einzutragen. ~" Auch hier muß zum Schluß noch einmal die bei uns so wichtige Frage der Disziplin aufgerollt werden. Es geht heute nicht mehr an, daß die große Mühe, die die Vorbereitung der Lehrkurse von den Dozenten und dem (lemeindevorstand erfordert, verpulvert wird, ohne daß eine genugende Teilnehmerzahl an allen Kursabenden vorhanden ist. Daher wird die Einzeichnung für einen Kursus als Verpflichtung angesehen werden müssen und schon heute sollen Jugendbönde und Erwachsene in ihrem eigenen Interesse gebeten werden, ihrerseits an einer strengen Durchführung dieser Disziplin mitzuwirken. Wir schließen unsere Artikelfolge, die in ganz kurzen Strichen das Bildungsprogi am m der kommenden Monate skizzieren wollte, mit der wiederholten Aufforderung an alle Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig: Keiner bleibe draußen, jeder benütze die Gelegenheit, die ihm geboten wird und arbeite mit an der Aufgabe, die wir uns gesetzt haben, das Judentum in uns wieder lebendig zu machen. Unsere Gemeinde. Mendelssohn-Trio. Dem Eroffnungskonzert im Städtischen Kaufhau-, das einen ungewöhnlich starken Erfolg hatte, läßt der Jüdische Äusschuf) lur Kunstpflege nunmehr am 28. November 1933 einen zweiten Konzertsbend folgen, der diesmal ausschließlich der Kammermusik gewidmet ist. Mit diesem Abend wird sich das Mendelssohn- Trio dem jüdischen Publikum Leipzigs vorstellen. Drei Künstler, deren jeder einen wtftgeschitzten Namen trägt, sichern einen ungewöhnlich hohen KunitgenuB. Am Flügel Hella Mandclbrot-Chitrik, die grundmusikalischc, wohltuend diskrete Kammcrmusikspiclerin; Konzertmeister Leo Schwarz, den Besuchern des Gewandhauses rühmlich bekannt, durch sein packendes Violiiispiel bei dem Üdischeu Konzerl des Frauenbundes noch heule in dankbarer Erinnerung, und Afrcm Kinkulkin, dem erst jungst eine begeisterte Zuhörerschar für seine vollendeten Vorträge auf dem Violoncello zujubelte. Drei auserlesene Trios stehen auf dem Programm und werden den ausgezeichneten Künstlern Gelegenheit geben, erneut Beweise ihres hervorragenden Könnens zu liefern. Sollte das Eröffnungskonzci i im wesentlichen die große Linie aufzeigen, die der Jüdische Ausschuß für Kunstpflege verfolgt, so soll dieser Kammermusikabend einen Beweis dafür liefern, daß das angestrebte Niveau bei den zu veranstalten den Kunstabenden gehalten wird. Die ungemein freudige Zustimmung, die der Veranstaltern bei diesen ihren Bestrebungen zum Ausdruck gebracht wurde, hat die Mitglieder des Ausschusses in der Übet /euguug bestärkt, daß sie auf dem richtigen Wege sind. Der bevorstehende Kammermusikabend, der so geschätzte Interpreten ernsti r Kunst auf das Podium bringt, dürfte daher auf das volle luteress aller Musikfreunde innerhalb unserer Gemeinde rechnen. Es steht zu erwarten, daß der Saal bei weitem nicht ausreichen dürfte, um allen denen, die diese Veranstaltung aufsuchen möchten, einen Platz zu sichern. Es ist daher vorgesehen, am darauffolgenden Abend, dem 29. November, ebenfalls im Grotiian-Steinweg-Saal, eim Wiederholung mit dem gleichen Programm und den gleichen Künst lern folgen zu lassen. Abschiedsvortrag von Frau Hadassah Chamizer. Frau Hadassali Chamizer, der die Leipziger jüdische Frauenwelt eine starke Belebung jüdischen Interesses zu verdanken hat, verläßt in Kürze Leipzig. Am Montag, d. 27. November, nachm. 16 Uhr, findet in den Räumen der Leipzig-Loge, Amdtstr. 1, im Rahmen der Handarbeitsausstellung, die der Zeit entsprechend, wesentlich einfacher gehalten ist, ein Teenachmittag statt, der vom Jüdischen Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, Schwesternbund der Leipzig-Loge und Verband jüdischer Frauen für Palästinaarbeit veranstaltet wird. Frau Chamizer wird dort über das Thema „Wege der jüdischen Frau" referieren. Es wird erwartet, dali durch starke Beteiligung der Mitglieder der genannten Verbände der Dank für die Fülle empfangener Anregungen zum Ausdruck gebracht wird. Chanukka-Bitte. Der Vorstand des Israelitischen Wohltätigkeitsvereins wendet sich an seine Freunde mit nachstehender Bitte: An unsere getreuen Freunde, Wohltäter und Mitglieder richten wir — wie seither in den 33 Jahren seit Bestehen unserer Anstalten — die herzliche Bitte, uns zur Chanukka-Beschcnkung wiederum ihre gütige Hilfe gewähren zu wollen. Die Schwere der Zeit legt uns in erhöhtem Maße die Pflicht auf, für die Kinder der Armen und Bedürftigen, die im Kinderhort von uns betreut werden, zu sorgen, nicht minder für die betagten Insassen unseres Altersheims, und eine Chanukka-Bcschenkung, wie sie seit Jahren üblich war, auch in diesem Jahre vorzunehmen. Voll Zuversicht wenden wir uns an Sic alle: Versagen Sie uns Ihre Hilfe nicht und unterstützen Sie unser Liebeswerk. Gütige Spenden sind zu richten an die Inspektorin, Fräulein Grete Pokorny, Nordstraße 15, oder auf unser Postscheckkonto Nr. 97<H Leipzig zu überweisen. Nähkurse des Sozialamts. Die Nähkursc des Sozialamts beginnen ab 1. Dezember und werden teils von Frau Edith Frank, teils von einer Gewerbeoberlehrerin i. R. abgehalten. An den Nachmittagskursen, die Frau Edith Frank erteilt, werden Damen zur Anfertigung eigener Garderobe angeleitet. Einige Teilnehmerinnen können noch aufgenommen werden. Die Beteiligung kostet bei Teilnahme an zwei Unterrichtsnachmittagen in der Woche Mk. 5.— monatlich, bei einem Unterrichtsnachmittag Mk. 3. — monatlich. Es kommen in Betracht Montag und Mittwoch von 4—7 Uhr, oder Donnerstag von 4—7 Uhr und Sonnabend von 5*/«—V/t Uhr. Anmeldungen sind in Frau Erna Kölner, Geibelstr. 48, zu richten. Der Kinderhort bittet um Überlassung gebrauchter Schlittschuhe. Meldungen bitten wir an den Israelit. Wohltätigkeitsverein, Tel. 184 II*', zu richten. Leipziger Chaluzhelm. Das Leipziger Chaluzheim, das gerade in der jetzigen Zeit der Umschichtung so wichtige Heim, in dem 15 jüdische Handwerkslehrlinge untergebracht sind, braucht dringend Stuhl . kleine Tische, Kleiderschranke, Küchenschrank und eiserne Bettstellen. Jüdische Familien, die solche Gegenstände abgeben können, werden gebeten, sich telephonisch oder schriftlich an Frau Loebenstein, N2J, Erfurter Str. 6, Telefon 51592, zu wenden. Die Sachen werden abgeholt. Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In überaus eindrucksvoller Weise verlief die Mitgliederversammlung, zu der die Ortsgruppe Leipzig des C.V. eingeladen hatte. Der Saal des Jugendhauses war überfüllt. Diese starke Anteilnahme bewies das Interesse der weitesten Kreise an der Arbeit des C.V. Nach einer Eröffnungsansprache des Ortsgruppenvorsitzenden Stadtrat a. D. Julius Krause, in der er insbesondere der verdienstvollen Arbeit des dahingegangenen stellvertretenden Vorsitzenden des C.V. Dr. Ludwig Tietz, Berlin, gedachte, zu dessen Ehren sich die Anwesenden von ihren Plätzen erhoben, sprach der Syndikus des C.V. Dr. Hans Reich mann, Berlin. Der Redner beleuchtete eingehend die Tätigkeit des C.V. für die deutsche Judenheit, die vor die Frage, wie sich ihre Zukunftsmöglichkeit gestalte, gestellt sei. Man müsse der Wirklichkeit ins Gesicht sehen; es sei undenkbar, daß das Verlorene im Laufe weniger Wochen zurückgewonnen werden könne. Eins müsse aber betont werden, daß das deutsche Judentum seinen Weg in Ehren gehe und nicht immer wieder diffamiert werde, lir habe das Vertrauen zu den leitenden Staatsmännern, daß solche Diffamierung künftighin abgestellt werden wird. Der Referent nahm sodann zu den Fragen der Berufsumschichtuiig Stellung, wobei es nicht nur Aufgabe sei, sich innerhalb Deutschlands nach Betätigung um zusehen, sondern auch zu prüfen, ob neuer Lebensraum in anderen Ländern gegeben sei. Der C.V. habe sieh in ausgedehnter und großzügiger Weise an dem Hilfswerk beteiligt, das durch den Zentralausschuß für Hilf1' und Aufbau, au dessen Gründung der C.V. maßgebend mitgewirk1 habe, geschaffen sei. So nützlich es sei, auch nach Palästina jüdisch'1 Menschen zu bringen, so könne diese Umsiedlung doch keine Lösung der deutsch-jüdischen Frage darstellen. In he/ug auf wirtschaftlich*